Kategorie: Buch „Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen“

  • Bei den Anonymen Sexaholikern willkommen und zu Hause

    Neue können natürlich am Anfang nicht wissen, ob die Anonymen Sexaholiker (AS} das Richtige für sie sind. Ich kann nur jedem Mut machen: Wenn Du den Wunsch hast, mit dem sexuellen Ausagieren welcher Art auch immer aufzuhören, dann bist Du bei AS richtig. Teste AS! Probier‘ die Meetings und das Programm mit einem Sponsor wirklich aus. Am Ende bist Du es, der entscheidet, ob Du AS-Mitglied bist oder nicht.

    Auch wenn viele deutsche Gruppen, um die Anonymität der Mitglieder zu schützen, Vorgespräche mit Neuen führen und spezielle Meetings für die Neuen machen, entscheidet der Neue selber, ob er zu AS gehört.

    Du gehörst zu AS, wenn du es sagst.

    Ein AA-Oldtimer (so nennt man langjährig trockene Mitglieder der Anonymen Alkoholiker) erzählte einmal in einem Meeting, dass dieser Satz für ihn ganz wichtig ist. Er reise viel, und manchmal, wenn er in neue Gruppen gehe, fühle er sich zunächst abgetrennt oder isoliert. In der Gruppe herrscht vielleicht eine andere Stimmung, als in seiner Stammgruppe, oder es gibt einen anderen Meetingablauf etc. Dann, sagte er, lässt er nicht dieses Gefühl aufkommen: „Ich gehöre nicht dazu!“ denn dieses Gefühl würde ihn isolieren und damit anfällig machen für einen Rückfall. Sondern er sagt sich diesen Satz:

    Ich gehöre zu AA, weil ich es sage.

    Ich mache es in AS genauso, wenn ich Gefahr laufe, in mein altes Gefühl des Abgetrenntseins abzurutschen.

    Später entdeckte ich dann, dass dies auch ein zentraler Satz aus unserem Grundtext Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen ist (ich habe die deutsche Übersetzung im Vergleich zur deutschen Buchausgabe etwas verändert und außerdem an die Stelle von Anonyme Alkoholiker (AA) die Anonymen Sexaholiker (AS) und an die Stelle von Alkohol die Lüsternheit gesetzt – englischer Originaltext s.u.):

    Denn die Anonymen Sexaholiker sagen zu jedem, der ein schwerwiegendes Problem mit Lüsternheit hat: „Du bist Mitglied der AS, wenn Du dich dafür entscheidest. Über deine Aufnahme in die Gemeinschaft bestimmst du allein; niemand kann sie dir versagen. Ganz gleich, wer du bist, wie tief du gesunken bist, wie schwierig deine seelische Verfassung ist, selbst wenn du Straftaten begangen hast, wir können dir AS nicht verwehren. Wir wollen dir AS nicht verwehren. Wir haben überhaupt keine Angst, dass du uns schaden könntest, wie verdreht oder aggressiv du auch sein magst. Uns geht es nur darum, dass du dieselbe großartige Chance zur Nüchternheit bekommst, die wir hatten. Darum bist du in dem Moment AS-Mitglied, in dem du es selbst sagst.“

    (Originaltext: For A.A. is really saying to every serious drinker, “You are an A.A. member if you say so. You can declare yourself in; nobody can keep you out. No matter who you are, no matter how low you’ve gone, no matter how grave your emotional complications—even your crimes—we still can’t deny you A.A. We don’t want to keep you out. We aren’t a bit afraid you’ll harm us, never mind how twisted or violent you may be. We just want to be sure that you get the same great chance for sobriety that we’ve had. So you’re an A.A. member the minute you declare yourself.”)

    Twelve Steps and Twelve Traditions, Tradition Three, p. 139; Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen, Die Dritte Tradition, Seite 133 (teilweise eigene Übersetzung)

    Die langen Jahren des Lebens im Abgetrenntsein sind vorbei. Ich bin bei AS zu Hause. Und ich darf hier zu Hause sein, weil ich es möchte.

  • Der weiße Teufel und das „Du darfst“

    Die Sucht hatte mich in die Isolation getrieben. Aber auch in der Trockenheit geriet ich in Isolation: Durch meine Besserwisser- und Rechthaberei, verbunden mit einer tiefen Angst davor, Fehler zu machen. Diese tiefe, aus der Kindheit stammende Angst ist letztlich die Triebkraft vieler anderer Charakterfehler.

    Menschen, die in dieser Mischung aus „Ohne mich läuft’s nicht“ und „Ich weiß am besten, wie es richtig ist“ leben, werden im Buch Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen Blutende Diakone genannt und bei den Gebrüdern Grimm treten sie zum Beispiel als Meister Pfriem in Erscheinung.

    Mein Sponsor fragte mich einmal, ob ich als Blutender Diakon enden wolle, oder ob ich nicht lieber ein AS-Oldtimer werden möchte: glücklich, voller Lebensfreude und frei?

    Der Blutende Diakon überschätzt sich, seine Rolle und Bedeutung völlig und ist gefangen im Schwarz-Weiß-Denken. Etwas könnte falsch laufen.

    Ich musste das Schwarz-Weiß-Denken zunächst mit in die Genesung nehmen. Jetzt war ich zwar trocken – aber es gab wieder nur richtig und falsch, jetzt bezogen auf das Programm und die Meetings. Jetzt war eben wieder allein das richtig, was ich tat, dachte und glaubte. Alle, die nicht genauso dachten oder das Programm genauso arbeiteten, wie ich, lagen falsch.

    Und so kann es mir passieren, dass ich zum Blutenden Diakon mutiere. Ein trockener Sexsüchtiger, aus dem das neu gewonnene Leben wieder ausblutet.

    Das Kernproblem am Schwarz-Weiß-Denken ist, dass es dualistisch ist. Dass es nur zwei Seiten kennt: Es gibt nur Gut oder Böse, Richtig oder Falsch gibt. Wenn also „mein“ Suchtweg falsch war, dann muss doch „mein“ Genesungsweg richtig sein! Wenn meine Einstellungen wahr sind, dann müssen doch davon abweichende Einstellungen Anderer falsch sein.

    Es ist aber ein Irrtum des Schwarz-Weiß-Denkens, dass der Teufel schwarz und Gott deshalb weiß ist. Beide, schwarz und weiß, können Teufel sein. Den einen, den Schwarzen, erkennt man nur besser.

    Der andere ist die Besserwisser- und Rechthaberei, die erhaben daherkommen und dahereden kann – aber eben auch nur wieder ein Teufel ist. Erkennen kann man diesen Teufel an seinem besessenen Charakter und seinem Absolutheitsanspruch. Selbst wenn er fromm, genesen und freundlich tut: Er trägt eine Maske und hinter der Maske sind Angst, Verbohrtheit, Härte und Herrschsucht.

    Das kenne ich alles von mir.

    Die helfenden Mächte sind nicht schwarz oder weiß im obigen Sinne: Sie sind großherzig, klar und liebevoll. Sie bergen Lebensfreude und Freiheit in sich. Leben! Freies Atmen.

    Ich glaube deshalb auch an kein Du-Musst mehr. Was war ich immer unfrei! Ich glaube heute an das große „Du darfst“.

    (überarbeitet am 28.11.2019)

  • Bedrückt

    Zur Zeit bin ich abends nach der Arbeit oft bedrückt. Ich merke es auch daran, dass sich dann meine Suchtmittel Lüsternheit und Essen „melden“.

    Das Thema „Arbeit“ beschäftigt mich schon lange. Ich kann einerseits sehr schnell und gut arbeiten. Andererseits schiebe ich Arbeit aber auch oft viel zu lange auf. Dazu tragen mein Perfektionismus und mein Schwarz-Weiß-Denken bei. Meine Angst sagt mir: „Wenn du nichts tust, kannst du auch nichts falsch machen.“ Ich lasse die Arbeit erst einmal liegen, solange es irgend geht. Manchmal auch länger.

    In solchen schwierigen Phasen hilft mir eine Textstelle aus dem Buch „Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen“:

    Schauen wir noch einmal auf die Fehler, die wir aufzugeben noch nicht bereit sind. In diesen Bereichen müssen wir vielleicht unseren Anspruch an uns selbst senken und uns sagen: „Dies kann ich noch nicht aufgeben – im Moment.“ Doch sollten wir niemals sagen: „Dies werde ich niemals aufgeben.“

    – frei übersetzt. Im Original heißt es:

    Looking again at those defects we are still unwilling to give up, we ought to erase the hard-and-fast lines that we have drawn. Perhaps we shall be obliged in some cases still to say, “This I cannot give up yet…,” but we should not say to ourselves, “This I will never give up.“ (p. 68 f.)

    Ja, manchmal kann ich einen Fehler nicht aufgeben – noch nicht. Dann geht es einfach nicht besser. Ich bin dann gnädig mit mir. Ich mache mir Mut. Ich achte aber darauf, nicht in eine „Es hat ja sowieso alles keinen Sinn“ – Stimmung zu verfallen. Statt dessen sage ich mir: „Heute hat es nicht gut geklappt. Das ist nicht mehr zu ändern. Morgen ist ein neuer Tag. Morgen kannst du es neu versuchen.“

    Diese Mischung aus Loslassen, vertrauensvollem Blick in die Zukunft und einem freundlichen Umgang mit mir selbst hilft mir. Selbstverurteilung und Druck würden nur die Ausweichverhalten „Lüsternheit“ und „Essen“ hervorrufen. Nein, es ist alles gut. Ich bin trocken. Ich telefoniere gleich mit einem Sponsee. Und morgen ist ein neuer Tag mit neuen Möglichkeiten.

  • Vorschrift 62 – Nimm dich nicht so wichtig

    In „Zwölf Schritte und zwölf Traditionen“ gibt es die Geschichte der AA-Gruppe Middletown, die ein Riesen-Projekt für die Genesung von Alkoholikern aufzieht. Auf drei Etagen gibt es alles von einem Club über eine Krankenstation bis zu einer Bildungseinrichtung. Man wollte es besonders gut machen und groß aufziehen. Man schuf schließlich 61 Regeln, um einen sicheren und geordneten Ablauf zu gewährleisten.

    Das Projekt scheiterte, aber der Initiator des Ganzen biss sich nicht in Groll fest, sondern druckte eine kleine Karte, die er an das AA-Dienstbüro in New York schickte. Auf der einen Seite stand: „Middletown Gruppe Nr. 1 – Vorschrift 62“ und auf der Rückseite „Nimm dich doch nicht so verdammt wichtig!“ (Die vollständige Geschichte findet sich in: Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen, Die vierte Tradition, S. 141 ff.)

    Demütig über sich lachen können – und weiter voranschreiten. Hört sich gut an. Aber wie macht man das: Sich nicht so wichtig zu nehmen?

    Als ich zu AA kam und vom Alkohol trocken wurde, da verletzte mich der Slogan geradezu. Ich war in meiner Jugend sexuell missbraucht worden, ich war in meiner Kindheit Zeuge von Gewalt und Demütigung, ich wurde süchtig, und jetzt, endlich trocken, da sollte ich mich nicht so wichtig nehmen? Haben die sie noch alle? Die haben leicht reden, dachte ich.

    Tatsächlich – manche Slogans können verletzte Menschen verletzen, wenn sie nicht erklärt werden. Später hörte ich den Begriff „traumasensible Schrittearbeit“: Das bedeutet, Gespür dafür zu entwickeln, dass traumatisierte Menschen auf manche Dinge mit starken, negativen Gefühlen reagieren und Zeit, Rücksichtnahme und Mitgefühl benötigen.

    Dieses „mich zu wichtig nehmen“ hängt zusammen mit Angst, Kontrollwünschen, Selbstüberschätzung und unvernünftigen Forderungen an andere und an das Leben. Die von mir erlittenen Situationen haben sich tief eingeprägt, bis ins Leibliche. Ich lebte viele Jahe in ständiger Alarmbereitschaft. Ich hatte das Gefühl, immer mit dem Schlimmsten rechnen zu müssen. Da wollte ich auf der Hut sein. Meine Suchtmittel Alkohol und Lüsternheit „erlösten“ mich zeitweise aus diesem Spannungszustand oder verstärkten ihn umgekehrt so zu einem Kitzel, dass ich meine ständige Last nicht mehr spüren musste. Zu einem hohen Preis.

    Als ich dann trocken wurde, hatte ich diesen Fluchtweg nicht mehr. Ich war ständig mit mir selbst beschäftigt. Ich nahm mich also extrem wichtig und hatte keine Ahnung, wie ich mit dieser ständigen Anspannung klarkommen könnte.

    Hier kommen die Schritte ins Spiel. Um mich nicht so wichtig nehmen zu müssen, musste ich erst einmal lernen, dass ich loslassen kann. All die Angst, den Stress, die Forderungen, die Kontrollwünsche: Ich kann sie loslassen und sie Gott, wie ich Gott verstehe, überlassen.

    Damit begann ich in den Schritten 1 bis 3.

    Ich erkannte die Auswegslosigkeit meiner Situation und meine Machtlosigkeit, und erzählte alles einem Programmfreund (Schritt 1). Jetzt war ich seelisch so offen und „wund“, dass ich dringend die Hoffnung brauchte, dass es eine Lösung geben könnte: Gesundung und ein normales Leben ohne Alkohol und Lüsternheit. Diese Hoffnung bekam ich in den Meeting. Ich sah Freunde, die es mit dem Schritteprogramm geschafft hatten, sich ein nüchternes Leben aufzubauen (Schritt 2). Ich traf eine Entscheidung: Ich würde mich dieser Kraft, die das ermöglicht, anvertrauen. Ich würde ein neues Leben riskieren. Ich ließ meine Schutzschilde herunter (Schritt 3).

    Ich glaubte es noch nicht, aber ich hielt es auch nicht mehr für unmöglich: Könnte ich wirklich die Kontrolle aufgeben und loslassen? War für mich gesorgt? Wenn mich eine Höhere Macht, wie auch immer sie aussieht oder nicht aussieht, für wichtig hielt – so wichtig, dass sie mich trocken hielt – dann musste ich mich selber nicht mehr so wichtig nehmen. Ichatmete nach vielen Jahren die ersten Male bewusst durch. Ich gab Vorschussvertrauen und ließ los.

    So begann der Weg in eine neue Freiheit und zu einer neuen Lebensfreude. Seitdem ich mich freier fühle, bin ich auch frei, den Griff zu lockern, den ich früher auf alles legen musste. Und wenn es mal nicht klappt und schiefgeht, dann kann ich Inventur schreiben und anschließend auch über mich lachen. Ein nicht verletzendes, liebevolles Lachen. Ich muss mich nicht mehr so wichtig nehmen. Das Leben ist gar nicht so feindlich, wie es mir lange erschien. Ich sage ja zum Leben.

  • Über Sponsorschaft und Clowns im gleichen Bus

    Während in dem 1939 veröffentlichten Blauen Buch das Wort Sponsor noch nicht auftaucht, wird es in dem 1953 erschienen Buch Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen schon wie selbstverständlich verwendet. Tatsächlich hatte die Anonymen Alkoholiker zwischenzeitlich die Wirksamkeit der Sponsorschaft entdeckt, wenn es darum ging, Neuen den Start in die Trockenheit zu erleichtern und ihnen zu einer Verankerung im Zwölf-Schritte-Programm zu verhelfen.

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  • Der erste Schritt: das Eingeständnis einer Niederlage

    Der erste Schritt bedeutet das Eingeständnis einer Niederlage.

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  • Nur für Heute

    Es gibt schwierige Tage. Tage, an denen ich mich überfordert fühle und mir alles schwer und bedrückend erscheint. Zu Beginn der Trockenheit war dies häufiger so. Damals half mir ein Satz meines Sponsors:

    An manchen Tagen ist es deine einzige Aufgabe, abends trocken ins Bett zu kommen.

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  • How-To…? Basis-Texte und Werkzeuge, besonders für Neue (4): Die Grundtexte

    Die Grundtexte der Anonymen Sexaholiker sind

    • das Buch „Anonyme Alkoholiker“ (Grundtext auch für Sexsüchtige! Online abrufbar hier auf deutsch und hier im Original),
    • „Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen“ (hier auf Englisch abrufbar)
    • und das Buch „Anonyme Sexaholiker“ (zu bekommen in den Meetings und hier auf Englisch als elektronisches Buch).

    Weitere Informationen über diese Bücher gibt es hier in der Rubrik „Links“.

    Wieso die Texte, die für Alkoholiker geschrieben wurden, auch Sexsüchtigen helfen, habe ich hier, hier, hier, und hier beschrieben.

  • Sechs Empfehlungen für den Genesungsalltag (Teil 2)

    Mein erster Sponsor bei den Anonymen Alkholikern gab mir sechs Empfehlungen, die meinem Alltag einen „Genesungsrahmen“ gaben. In diesem Beitrag setze ich die Vorstellung fort.

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  • Erste Tradition: Einmütigkeit

    Mich hat schon oft die Frage beschäftigt, was eigentlich „Einigkeit/ unity“ in der ersten Tradition bedeutet.

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