Kategorie: Zwölf Schritte

  • Ein spirituelles Tu-Programm

    Im Blauen Buch heißt es, das Zwölf-Schitte-Programm ist ein spirituelles Tu-Programm, ein spirituelles Handlungsprogramm („a spirituell program of action“, Zitat siehe hier) Es kommt (allein) auf das Tun an. Das ist die Erfahrung hinter den Slogans:

    Du kannst dich nicht gesunddenken.

    Denn die Sucht und du, ihr benutzt das gleiche Gehirn. Wenn du einen IQ von 130 hast, dann hat auch deine Sucht einen IQ von 130.

    und

    Auf richtiges Handeln folgt richtiges Denken und richtiges Fühlen, nicht umgekehrt.

    und

    Tue das Richtige richtig, und das Richtige wird sich ergeben. (Schwer zu übersetzendes Original: Do the right things right and the right things will follow.)

    Es ist auch meine Erfahrung, dass sich erst durch das Tun etwas geändert hat. Schließlich wollte ich schon lange, dass sich etwas ändert. Ich habe mir auch immer wieder vorgestellt, wie gut es wäre, ein normales Leben zu führen, mit äußerer und innerer Ordnung, einer Partnerin, mit Selbstbewusstsein und ohne Scham. Aber es klappte nicht. Es schien unmöglich.

    Sobald ich in eine bestimmte Stimmung geriet (die Lüsternheit übernahm das Kommando), musste ich zum Beispiel zum Straßenstrich fahren. Ich verkaufte schließlich sogar mein Auto in der Hoffnung, die Gewohnheit dadurch brechen zu können. Ohne Erfolg. Ich ging stattdessen ins Laufhaus.

    Ich war wieder gescheitert mit einem Versuch, die Sucht zu kontrollieren.

    Bei AS ging es dann darum, erstmal trocken und dann auch nüchtern zu werden. Der Weg dorthin war das richtige Handeln. Eigentlich sind es nur zwei Dinge, die ich tun musste:

    • Regelmäßig in die Meetings gehen und die Schritte arbeiten.

    Dazu gehört als „Begleitprogramm“:

    • Regelmäßig den Sponsor anrufen.
    • Regelmäßiger Kontakt mit anderen AS-Freunden.

    Mit den vielen Werkzeuge, die ich bei AS bekommen habe, war es dann möglich, trocken zu bleiben. Ich konnte aus der Sklaverei der Sucht in ein nüchternes Leben zurückkehren. In meinem Fall kann ich sogar sagen, dass die vergangenen Jahre die erste Zeitspanne in meinem Leben war, in der ich ohne Suchtmittel Glück, Lebensfreude, Dankbarkeit und Freiheit empfinden konnte.

    Wer jetzt denkt:

    Ja, ich überlege auch, etwas gegen meine Sucht zu tun…

    für den habe ich eine Rätselgeschichte mit einer (einfachen) Lösung:

    Drei Menschen sind in einem Raum. Einer überlegt sich, hinauszugehen. Wieviele Menschen sind nun in dem Raum?

    Antwort: Drei. Sich etwas zu überlegen, heißt nicht, es auch zu tun.

    Wenn Sie sich also überlegen, etwas gegen Ihre Sucht zu tun, dann

    • suchen Sie eine AS-Telefonnummer oder einen AS-Email-Kontakt heraus (siehe hier oder hier),
    • nehmen Sie Kontakt auf, bleiben Sie am Ball, bis Sie in Ihrem ersten Meeting sitzen.
    • Wenn Sie anfangen zu grübeln, ob das wohl der richtige Weg ist, ob man nicht besser noch warten sollte, wie es da wohl sein wird…, dann denken Sie an den Slogan:

    Geh‘ mit den Füßen in die Meetings, der Kopf kommt nach.

    • Meetings haben, wie Menschen, eine „Tagesform“. Deshalb werfen Sie die Flinte nicht zu schnell ins Korn, wenn irgendetwas zunächst nicht passt.

      Probieren Sie das AS-Programm ernsthaft für sich aus.

      Probieren Sie verschiedene Meetings aus.

      Nutzen Sie Telefonmeetings.

      Gehen Sie zu überregionalen Treffen. Lernen Sie Andere kennen, die trocken und auf dem Weg der Genesung sind.

      Sie sind völlig frei, es jederzeit wieder zu lassen. Bei AS werden keine Mitgliederlisten geführt und es gibt auch keinerlei Verpflichtungen.
    • Das Allerwichtigste: Setzen Sie die Genesung an die erste Stelle – vor Ihren Job, Ihre Partnerschaft, Ihre Hobbys oder was Ihnen sonst noch wichtig ist. Denn in der Genesung können Sie all‘ das erhalten, im doppelten Sinne des Wortes. In der Sucht werden Sie es aber, soweit überhaupt (noch) vorhanden, verlieren. Für einen wirklichen Sexaholiker gibt es in der aktiven Sucht nur eine Richtung: Nach unten.

    Es gibt eine Lösung!

  • Corona-Krise (I)

    In den vergangenen zwei Tagen war ich bedrückt, kraftlos und hatte immer wieder Angst. Heute morgen wurde mir dann plötzlich klar, welche Besonderheit diese Corona-Krise für mich mit sich bringt. Worin ein Gesichtspunkt ihrer Ungeheuerlichkeit liegt.

    „Äußerlich“ sind Risiken dieser Krise überforderte Krankenhäuser und ein gewaltiger wirtschaftlicher Zusammenbruch. Auch die Sorge, dass Menschen krank werden könnten, mit denen ich verbunden bin, oder ich selber.

    Aber die besondere Schwierigkeit liegt noch auf einer anderen Ebene: Die geschilderten Gefahren lösen bei mir Angst aus. Es werden auch Ängste berührt, die in traumatischen Erfahrungen wurzeln. Was würde ich normalerweise in so einer Situation tun? Ich würde Meetings besuchen, den Gottesdienst, Vorträge, ich würde Gebet und Besinnung pflegen, mich mit meinem Sponsor und mit Freunden treffen, gemeinsam Essen und Kaffee trinken und wir würden gemeinsam Freude haben und Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen.

    Ich hätte also gegen diese aus meinen Tiefen aufsteigenden Ängste eigentlich Mittel, ich weiß, was zu tun ist, ich habe sie tausende Male angewendet – und jetzt, wo die Krise ungewöhnlich intensiv ist, tue nur Weniges davon – kann Vieles nicht tun. Die intensive persönliche Begegnung, zu zweit, in Gruppen, im Gottesdienst, eingeschränkt, verboten – durch Vorschriften und durch selbst auferlegte Distanz- und Rücksichtnahmegebote. Durch Vernunft.

    Das ist das Ungeheuerliche. Dass ich den aufsteigenden Ängsten nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln begegnen kann.

    Seitdem mir das klar ist, geht es mir wieder besser. Es ist der Kern dieser besonderen Situation, dass sie das Zwischenmenschliche schwächt. Sie greift unmittelbar die Institutionen der Freundschaft, Gemeinschaft und Begegnung an. Jetzt weiß ich, was für mich um so wichtiger ist:

    • Ich suche den Kontakt, isoliere mich nicht, spreche meine Angst aus, teile meine Schwäche und Erfahrung, Kraft und Hoffnung; in der Begegnung schrumpft die Angst bis zu dem Gefühl: Jetzt ist alles OK. Es helfen die Slogans:

    Gott legt niemandem mehr auf, als er tragen kann.

    Auch das geht vorüber.

    Loslassen und Gott überlassen.

    Gefühle sind wie Wolken: sie ziehen auf und sie ziehen wieder vorüber.

    Mut ist Angst, die gebetet hat.

    • Ich pflege meine Spiritualität: Gemeinsam mit meiner Frau und am Telefon mit anderen. Ich halte private Andacht während der Gottesdienstzeiten, mich gedanklich mit den Anderen verbindend, die das Gleiche tun.
    • Ich übe Dankbarkeit, schreibe Dankbarkeitslisten.
    • Ich prüfe, welche Formen von Dienst ich tun kann. Dienst hält trocken und bringt mich davon ab, die ganze Zeit um mich selbst zu kreisen.
    • Ich führe die Meetings per Telefon oder anders elektronisch fort, gehe in mehr Meetings, helfe dort mit.
    • Ich spreche regelmäßig mit meinem Sponsor.

    Angst macht krank. Sie ist der brüchige Faden, der das Gewebe meiner Existenz durchzogen hat. Sie ist die Triebfeder meiner Charakterfehler. Ich brauche Ent-Ängstigung.

    Ich kann die Angst nicht wegwünschen. Aber die beschriebenen Wege helfen mir, sie integrieren zu können. Sie ist ein Teil von mir – aber ich bin nicht sie. Ich kann aus ihr herauswachsen – das habe ich in den Jahren der Trockenheit im Zwölf-Schritte-Programm immer und immer wieder erfahren.

    Heute bin ich trocken und dankbar dafür, auf dem Weg zu sein. Was morgen ist, werde ich sehen. Ich bin so dankbar dafür, dass ich durch diese Situationen hindurch gehen kann, ohne lüstern zu trinken und ohne sexuell auszuagieren.

    Ich habe meine „Stimme“ wiedergefunden. Ich hoffe, auch in den nächsten Tagen hier schreiben zu können.

  • Beruf und Charakterfehler

    Manchmal denke ich, dass meine berufliche Tätigkeit nutzlos ist. Ich könnte sie auch lassen. Richte ich eigentlich mehr Nutzen oder Schaden an mit dem, was ich tue?

    Heute morgen wurde mir bewusst, dass dieser Gedanke, meine Berufstätigkeit sei nutzlos, ein Trick ist. Ein Trick meines selbstzentrierten Egos. Denn wenn meine berufliche Tätigkeit nutzlos ist – wenn ich diesen Gedanken unreflektiert zulasse – dann brauche ich mich in ihr und um sie nicht mehr zu bemühen. Dann kann ich mich ja auch gehen lassen, ja sogar meine Arbeit schlecht erledigen, denn – was soll daran erstrebenswert sein, eine nutzlose Arbeit gewissenhaft und gründlich zu erledigen?

    So wird der Gedanke, meine Arbeit sei nutzlos, zu einer „Pille“ gegen den Schmerz und das schlechte Gewissen, die durch meine Schwierigkeiten mit der Arbeit hervorgerufen werden. Die Folge: Noch mehr Schmerz und noch mehr schlechtes Gewissen, die wieder eine neue – stärkere – Betäubung brauchen.

    Ein Muster: Dinge abwerten, damit ich mich nicht mit ihnen – das heißt eigentlich, mit mir – auseinandersetzen muss, sondern meine Charakterfehler einfach ausleben kann.

    Hinter der Abwertung dessen, was ich tue, stecken Haltungen, Charakterzüge und Gewohnheiten, deren Überwindung wichtig ist für meine Lebensqualität.

    • Zum Beispiel Schwarz-Weiß- und Alles-oder-Nichts-Denken: Eine Arbeit ist entweder „super“, „sinnvoll“ und „nützlich“ oder „beknackt“, „sinnlos“ und „unnütz“. Aber welche Arbeit ist das schon? Wenn ich statt dessen einfach „tue“, dann stellt sich im Fluss der Arbeit Zufriedenheit ein:

    Dem richtigen Handeln folgen die richtigen Gefühle und Gedanken.

    • Ein anderer Charakterzug ist die Angst, Fehler zu machen: Bevor ich die Arbeit vielleicht nicht einhundert Prozent perfekt mache, bevor mir Fehler passieren, werte ich die Arbeit lieber ab und versuche erst gar nicht, sie so gut zu machen, wie ich es kann.

    Es gibt einen Spruch bei AA:

    Alkohol im Bauch und das AA-Programm im Kopf verträgt sich nicht.

    Auf die Sexsucht abgewandelt könnte der Slogan ungefähr lauten:

    Ich kann nicht gleichzeitig Lüsternheit und das AS-Programm in mir haben. Eines von beiden muss rausfliegen.

    Ich kann aber auch nicht gleichzeitig das AS-Programm und meine Charakterfehler leben. Entweder stockt meine  persönliche (spirituelle) Entwicklung und nimmt Schaden oder ich wende mich mit dem Programm meinen Charakerfehlern zu. Mit anderen Worten: Ich wende die Schritte auf das konkrete Problem an.

  • Salat mit Thunfisch und Charakterfehlern

    Dass immer wieder eine Rückkehr zur Inventur und zu den Schritten 6 und 7 erforderlich ist, hat mir folgende Situation gezeigt.

    Ich wartete zusammen mit drei anderen Personen darauf, in einem Imbiss bedient zu werden. Die Theke war lang und es gab mehrere wartende Grüppchen auf der einen und mehrere Mitarbeiter des Imbisses auf der anderen Seite der Theke. Ich sah, wie einer der Imbissmitarbeiter offenbar jemanden hinter mir Stehenden ansprach und nach der Bestellung fragte und ich wandte mich um. Schräg hinter mir stand eine Frau, die er angesprochen hatte. Sie streifte mich mit dem Blick und bestellte einen Salat mit Thunfisch, der in der Auslage stand.

    Da sprang „es“ in mir an. Ich sprach die Frau an, ob sie nicht wisse, dass wir drei vor ihr da gewesen und deshalb auch vor ihr dran seien. Die Frau sagte aufgeregt, aber der Imbissmitarbeiter habe sie doch angesprochen. Sie hätte doch nicht gewusst, dass wir vor ihr dran seien. Sie steigerte sich innerhalb weniger Augenblicke in eine große Aufregung, sagte schließlich zu dem Imbissmitarbeiter, sie wolle den Salat nicht mehr und verließ mit wehenden Rockschößen den Laden.

    Sehr schnell aufeinander folgten verschiedene Gefühle:

    Ich spürte ein Triumphgefühl. Ich hatte „gewonnen“. Und außerdem war ich doch sogar fast freundlich zu ihr gewesen, hatte sie nicht angegriffen, hatte ihr nur gesagt, wie die Situation war. Eigentlich hatte ich es sowieso nur wegen einer anderen wartenden Kundin getan, die schon länger wartete und sich dabei auf einen Rollator stützen musste.

    Dann empfand ich so etwas wie Mitleid mit der Frau. Sie hatte sich vielleicht auf das Essen gefreut, war genauso hungrig wie ich. Ich hatte zwar nichts falsch gemacht, sagte ich mir, aber ich würde für diese Frau beten.

    Dann erkannte ich mich in der Frau. Wie oft war ich wütend weggelaufen, wenn ich mich geärgert oder ungerecht behandelt fühlte, aus Restaurants oder Geschäften.

    Dann sah ich mich endlich selbst und die Wahrheit der Situation: Ich hatte gesehen, dass der Imbissmitarbeiter die Frau direkt nach ihrer Bestellung gefragt hat. Sie war etwas unsicher, hatte aber dann lediglich auf die Frage geantwortet. Sie hatte sich gar nicht vorgedrängelt. Wenn ich mich hätte beschweren wollen, hätte ich den Imbissmitarbeiter ansprechen müssen. Ich hatte ein anderes Motiv: Ich wollte jemanden – sie – belehren und zurechtweisen. Ich wollte den Triumph, im Recht zu sein und sie ins Unrecht zu setzen. Ich wollte jemanden bestrafen. D a s waren meine Motive. Und weil das Programm mir in den letzten Jahren zu mehr Ruhe und Selbstbewusstsein verholfen hat, konnte ich diese unfreundlichen Motive sogar noch hinter einer gewissen Nüchternheit verbergen und musste nicht keifen oder in einen Streit mit ihr einsteigen.

    Und dann noch etwas: Nachdem die Frau den Imbiss verlassen hatte, unterhielten sich die Angestellten und auch andere Gäste über den Vorfall. Jetzt war meine einzige Sorge, dass ich schlecht dastehen könnte. Hatten die anderen etwa meine wahren Motive erkannt? Dann würde ich ja schlecht dastehen. Das wollte ich auf keinen Fall. Oder dachten sie, die Frau hätte sich übertrieben und unmöglich verhalten. Dann wäre ja alles gut. Ich stünde „gut“ da.

    Als ich mich so sehen konnte, war die Selbsttäuschung endlich vorbei. Ich hatte einen Menschen verletzen wollen und dieses Ziel auch erreicht. Dabei war dieser Mensch sogar genau so, wie ich: ein kranker, verletzter, leicht kränkbarer Mensch. Anschließend wollte ich gut dastehen, der andere sollte schlecht dastehen.

    Mir wurde bewusst, dass dies kein Einzelfall war. Ich habe diesen „Rentner“ (oder Meister Pfriem, s.a. hier) in mir, der wie aus einem Fenster im Erdgeschoss alles beobachtet und die vorbeigehenden Passanten zurechtweist und sich so kleine Triumphgefühle verschafft. Das Buch „Anonyme Alkoholiker“ kennt dieses Verhalten, wenn es sagt, dass wir immer nach Anerkennung streben und dabei im Inneren wissen, das wir sie nicht verdienen. Und dann strengen wir uns noch mehr an, uns selbst und andere über unsere wahren Motive zu täuschen.

    Ich schrieb Inventur über die Situation und erzählte einem Programmfreund davon. Das Geschehen lehrte mich viel über mich selbst.

    Wenn ich wieder irgendwen auf etwas hinweisen möchte, kann ich mich hoffentlich vorher fragen:

    1. Ist es sachlich richtig, worauf ich ihn hinweisen will?
    2. Was sind meine Motive für den beabsichtigen Hinweis?
    3. Ist er wirklich notwendig?
    4. Kann ich den Hinweis in angemessener Weise und in einem demütigen Geist geben? Im Bewusstsein, dass der andere ein Mensch ist, wie ich?

    Wenn ich eine dieser Fragen mit „nein“ beantworten muss oder mir unklar über die Sachlage oder meine Motive bin – hoffentlich kann ich beim nächsten Mal „loslassen“ und schweigen statt „anzugreifen“.

    Eine Frage bleibt noch: Wie könnte meine Wiedergutmachung für die heutige Situation aussehen?

  • Es geht immer um Gott, uns selbst und andere Menschen

    Durch meinen Sponsor bin ich darauf aufmerksam geworden, dass die in der Überschrift genannten Drei – Gott, ich selbst und andere Menschen – im Zwölf-Schritte-Programm immer wieder eine große Rolle spielen. Sie sind in dieser Reihenfolge im fünften Schritt aufgezählt:

    Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu.

    Diese Dreiheit hat aber nicht nur grundlegende Bedeutung für den fünften Schritt, sondern sie ist für mein ganzes Leben fundamental:

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  • Nicht mit Socken ins Bett

    Bevor mein Genesungsweg begann, war meine Welt klein und eng. Ich hatte bis in die Details hinein die Angst, Fehler zu machen, da sich aus ihnen etwas Schlimmes entwickeln könnte. Ich könnte nass werden und mich erkälten, zu dünn angezogen sein und frieren, zu dick – und schwitzen, zu spät kommen, zu dick werden, krank werden, einen Unfall haben, eingeschlossen werden, ausgeschlossen werden, das Kleidungsstück könnte zerreißen oder schmutzig werden, der Knopf verloren gehen, mein Chef mich nicht mögen oder für unfähig halten, die Personalstelle mir auf die Schliche kommen, mich jemand in den Sexshop hinein- oder aus dem Sexkino herauskommen sehen, jemand mein Auto am Straßenstrich sehen…

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  • Charakterfehler

    An manchen Tagen lebe ich meine Charakterfehler einfach aus, ohne darüber nachzudenken. Die Folgen sind, je nach Charakterfehler, unterschiedlich. Es kann sogar sein, dass ich andere damit unterhalte, jedenfalls vordergründig. (mehr …)

  • Der Wunsch, die Lüsternheit aufzugeben

    Als ich zu AS kam, dachte ich, es würde jetzt darum gehen, mit meinen unerwünschten sexuellen Verhaltensweisen aufzuhören. Das ist auch ein Teil dessen, worum es geht. Die dritte Tradition zeigt aber, dass es eben nur ein Teil der Genesung ist. Sie lautet:

    Die einzige Voraussetzung für die AS-Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit der Lüsternheit aufzuhören und sexuell nüchtern zu werden.

    Zum einen geht es also schon um den Wunsch, sexuell nüchtern zu werden. Es gibt aber einen weiteren Wunsch, der in der zitierten Tradition sogar an erster Stelle steht: Den Wunsch, mit der Lüsternheit aufzuhören.

    Habe ich diese zwei Wünsche? (mehr …)

  • Was fordert die Sache? Zum Beispiel die Schritte 4, 10 und 5.

    Nicht aus Eitelkeit denken: der oder jener möchte man sein, sondern: was fordert die Sache?

    Hans Glaser

    Wenn sich mir ein lüsternes Bild immer wieder vor das innere Auge schiebt, dann möchten meine Bequemlichkeit oder meine Eitelkeit manchmal nicht das Erforderliche tun. „Es“ soll so vorübergehen. Ich spreche vielleicht ein kurzes Gebet: „Gott, bitte hilf mir.“ Wenn ich ehrlich wäre, müsste ich den Satz ergänzen: „Nimm es von mir, damit ich selber nichts tun muss. Ich will nicht sehen, was ich sehe. Ich will nicht so sein, wie ich gerade bin.“ Ich verleugne also meine Situation aus Bequemlichkeit und Eitelkeit. Ich möchte ein anderer sein, statt das von der Situation Geforderte zu tun.

    Dabei ist die Sache einfach. Wenn es um eine Erinnerung oder ein Bild geht, kann ich es entweder sofort loslassen – oder ich muss das Bild „ans Licht bringen“, also jemandem mitteilen.

    Jedes bewusste Wahrnehmen einer Schwierigkeit ist eine Form der Inventur, des vierten bzw. zehnten Schritts. Auch dieses Wahrnehmen eines lüsternen Bildes, das nicht weggehen will. Und jede Inventur, die dazu führen soll, dass ich loslassen kann, mündet in den fünften Schritt:

    Wir gestanden Gott, uns selbst und einem anderen Menschen die genaue Art unserer Fehler ein.

    Gott: „Gott bitte hilf mir. Ich kann dieses Bild nicht loslassen. Mit Deiner Hilfe kann ich es.“

    Uns selbst: Ich habe mich angeschaut und gesehen, ohne mich besser oder anders haben zu wollen. Ich habe an-erkannt, was ist. Ich habe Gott um Hilfe gebeten. Ich habe den Wunsch entwickelt, es loszulassen.

    Einem anderen Menschen: Ich greife zum Telefonhörer und teile einem Programm-Freund das Bild mit: „Mir steht immer wieder die Erinnerung vor Augen, wie ich [kurze, genaue Beschreibung, wie das Bild aussieht]. Ich lasse das jetzt los. Danke, dass ich es teilen konnte.“

    Für jedes lüsterne Bild, für jede Erinnerung, für jedes zwanghaft assoziierte Wort durchlaufe ich diesen Inventur-Prozess von Bestandsaufnahme (4. und 10. Schritt), Um-Hilfe-Bitten und Ans-Licht-Bringen (5. Schritt).

    Ich sehe, was ist. Ich tue, was die Sache fordert. Dann kann ich loslassen. Dann ist die Barriere wieder weg. „Ich“ bin wieder da in der Wirklichkeit, diesem großen Geschenk, das ich als Süchtiger so lange nicht annehmen konnte.

  • Vorschrift 62 – Nimm dich nicht so wichtig

    In „Zwölf Schritte und zwölf Traditionen“ gibt es die Geschichte der AA-Gruppe Middletown, die ein Riesen-Projekt für die Genesung von Alkoholikern aufzieht. Auf drei Etagen gibt es alles von einem Club über eine Krankenstation bis zu einer Bildungseinrichtung. Man wollte es besonders gut machen und groß aufziehen. Man schuf schließlich 61 Regeln, um einen sicheren und geordneten Ablauf zu gewährleisten.

    Das Projekt scheiterte, aber der Initiator des Ganzen biss sich nicht in Groll fest, sondern druckte eine kleine Karte, die er an das AA-Dienstbüro in New York schickte. Auf der einen Seite stand: „Middletown Gruppe Nr. 1 – Vorschrift 62“ und auf der Rückseite „Nimm dich doch nicht so verdammt wichtig!“ (Die vollständige Geschichte findet sich in: Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen, Die vierte Tradition, S. 141 ff.)

    Demütig über sich lachen können – und weiter voranschreiten. Hört sich gut an. Aber wie macht man das: Sich nicht so wichtig zu nehmen?

    Als ich zu AA kam und vom Alkohol trocken wurde, da verletzte mich der Slogan geradezu. Ich war in meiner Jugend sexuell missbraucht worden, ich war in meiner Kindheit Zeuge von Gewalt und Demütigung, ich wurde süchtig, und jetzt, endlich trocken, da sollte ich mich nicht so wichtig nehmen? Haben die sie noch alle? Die haben leicht reden, dachte ich.

    Tatsächlich – manche Slogans können verletzte Menschen verletzen, wenn sie nicht erklärt werden. Später hörte ich den Begriff „traumasensible Schrittearbeit“: Das bedeutet, Gespür dafür zu entwickeln, dass traumatisierte Menschen auf manche Dinge mit starken, negativen Gefühlen reagieren und Zeit, Rücksichtnahme und Mitgefühl benötigen.

    Dieses „mich zu wichtig nehmen“ hängt zusammen mit Angst, Kontrollwünschen, Selbstüberschätzung und unvernünftigen Forderungen an andere und an das Leben. Die von mir erlittenen Situationen haben sich tief eingeprägt, bis ins Leibliche. Ich lebte viele Jahe in ständiger Alarmbereitschaft. Ich hatte das Gefühl, immer mit dem Schlimmsten rechnen zu müssen. Da wollte ich auf der Hut sein. Meine Suchtmittel Alkohol und Lüsternheit „erlösten“ mich zeitweise aus diesem Spannungszustand oder verstärkten ihn umgekehrt so zu einem Kitzel, dass ich meine ständige Last nicht mehr spüren musste. Zu einem hohen Preis.

    Als ich dann trocken wurde, hatte ich diesen Fluchtweg nicht mehr. Ich war ständig mit mir selbst beschäftigt. Ich nahm mich also extrem wichtig und hatte keine Ahnung, wie ich mit dieser ständigen Anspannung klarkommen könnte.

    Hier kommen die Schritte ins Spiel. Um mich nicht so wichtig nehmen zu müssen, musste ich erst einmal lernen, dass ich loslassen kann. All die Angst, den Stress, die Forderungen, die Kontrollwünsche: Ich kann sie loslassen und sie Gott, wie ich Gott verstehe, überlassen.

    Damit begann ich in den Schritten 1 bis 3.

    Ich erkannte die Auswegslosigkeit meiner Situation und meine Machtlosigkeit, und erzählte alles einem Programmfreund (Schritt 1). Jetzt war ich seelisch so offen und „wund“, dass ich dringend die Hoffnung brauchte, dass es eine Lösung geben könnte: Gesundung und ein normales Leben ohne Alkohol und Lüsternheit. Diese Hoffnung bekam ich in den Meeting. Ich sah Freunde, die es mit dem Schritteprogramm geschafft hatten, sich ein nüchternes Leben aufzubauen (Schritt 2). Ich traf eine Entscheidung: Ich würde mich dieser Kraft, die das ermöglicht, anvertrauen. Ich würde ein neues Leben riskieren. Ich ließ meine Schutzschilde herunter (Schritt 3).

    Ich glaubte es noch nicht, aber ich hielt es auch nicht mehr für unmöglich: Könnte ich wirklich die Kontrolle aufgeben und loslassen? War für mich gesorgt? Wenn mich eine Höhere Macht, wie auch immer sie aussieht oder nicht aussieht, für wichtig hielt – so wichtig, dass sie mich trocken hielt – dann musste ich mich selber nicht mehr so wichtig nehmen. Ichatmete nach vielen Jahren die ersten Male bewusst durch. Ich gab Vorschussvertrauen und ließ los.

    So begann der Weg in eine neue Freiheit und zu einer neuen Lebensfreude. Seitdem ich mich freier fühle, bin ich auch frei, den Griff zu lockern, den ich früher auf alles legen musste. Und wenn es mal nicht klappt und schiefgeht, dann kann ich Inventur schreiben und anschließend auch über mich lachen. Ein nicht verletzendes, liebevolles Lachen. Ich muss mich nicht mehr so wichtig nehmen. Das Leben ist gar nicht so feindlich, wie es mir lange erschien. Ich sage ja zum Leben.