Schlagwort: Angst

  • Wie ich gestern die Regierung und meinen Chef auswechselte und eine Prämie für meine Arbeit erhielt

    Nichts von alledem hatte ich getan. Ich erhielt auch keine Prämie. Ich stellte stattdessen fest, dass ich auf der Arbeit eine Aufgabe vergessen hatte, die ich schon vor einer Woche hätte lösen sollen.

    Aber ich hatte das alles doch getan. In meinem Kopf. In meinem Kopf hatte ich angeklagt, bloßgestellt und ausgewechselt und dann auch noch meine Arbeit erledigt – die aber in Wahrheit in Stapeln auf dem Schreibtisch lag.

    Wie es in unserer Literatur immer und immer wieder gesagt wird: Der Sexaholiker lebt die meiste Zeit in seinem Kopf und nicht in der Wirklichkeit. Er lebt in seiner Phantasie und in seinen Tagträumen.

    Gestern Abend wurde mir dann meine Situation bewusst und mir fiel ein Satz meines Sponsors dazu ein:

    Je mehr ich im Denken und in meinem Kopf bin, um so weniger bin ich in meiner Gelassenheit.

    Und ich ließ los. Ich betete: „Gott, bitte hilf mir, dass ich all diese Gedanken loslassen kann.“ Es ist mit solchen Phantasien nicht anders, als mit der Lüsternheit. Um von ihnen frei zu werden, muss ich sie jedes Mal loslassen, wenn sie aufkommen.

    Ich weiß, dass mein Wohlbefinden davon abhängt, dass ich im Heute bleibe. Im Jetzt. Das Allermeiste im Leben muss nicht extra „gedacht“ werden. Denken ist sinnvoll, wenn ich eine Aufgabe löse, einen Text schreibe oder etwas plane. Sobald das Denken aber eine innere Inszenierung wird, ohne Bezug zur Wirklichkeit, desto schlechter geht es mir.

    Als Kind waren reale Erlebnisse für mich so bedrohlich und aussichtslos, dass ich eine Tür hinaus brauchte in eine Innenwelt, in die ich fliehen konnte. In dieser Innenwelt brauchte ich nichts zu befürchten. Außen konnte mir keiner helfen.

    Diese Fluchtwelt wurde dann gepolstert mit Alkohol, Lüsternheit und mit Phantasien. Hin und wieder schaute ich mir die wirkliche Welt an (das funktionierte nur sehr schlecht, denn Angst, Sucht und Lüsternheit beschädigen die Wahrnehmungsfähigkeit; schließlich zerstören sie sie). Aber durch meine Angst und das ständige Gefühl des Bedrohtseins konnte ich es in dieser Wirklichkeit nicht aushalten.

    Das Problem der Genesung von der Sucht liegt nicht im Entzug. Der kann hart sein, geht aber vorbei. Das Problem liegt darin, nüchtern lebensfähig zu werden. Dies ist ein spirituelles Problem, wenn man mit den Anonymen Sexaholikern unter „spirituell“ das versteht, was den innersten Kern meiner Persönlichkeit ausmacht. Dieser innere Kern sollte ein Ort der Klarheit, Wachheit und Liebe sein. Bei mir war er ein Gefängnis aus Angst, Anspannung und Sorge – und weil so niemand leben kann, habe ich mir meine Suchtmittel als Schmerzstiller besorgt.

    Ich habe bei den Anonymen Alkoholiker einen Spruch gehört, der die Situation gut beschreibt:

    Die gute Nachricht ist: Wenn du mit dem Trinken aufhörst, kommen die Gefühle wieder. Die schlechte ist: Alle Gefühle kommen wieder.

    Daher berührt die Genesung den Kern meiner Persönlichkeit. Der muss sich wandeln. Das Zwölf-Schritte-Programm ist das Mittel hierfür. Ich werde nur glücklich und zufrieden leben können, wenn ich in der Wirklichkeit bleiben kann. Es gibt Wege zum Umgang mit dem unvermeidbaren Schmerz. Und wenn der Schmerz weicht, dann sind da: Klarheit, Weite, Luft zum Atmen – und Freude.

  • Aufhören, zu kämpfen: Die eigenen Grenzen friedlich und klar benennen

    Anfang der Woche hatte ich einen Wutanfall. Anschließend habe ich mich dafür geschämt und mich gefragt, warum ich diese Wut nicht kontrollieren kann.

    Vor dem Wutausbruch ging es darum, dass man vielleicht beruflich etwas von mir verlangen würde, was ich nicht liefern kann und möchte. Es war also Angst im Spiel. Diese tiefe Angst: Jemand will etwas von mir, ich möchte es nicht, bin der Person aber ausgeliefert und ihr gegenüber machtlos. Dazu die Angst, schlecht dazustehen, Erwartungen nicht zu erfüllen, die Angst, dass man mich für schwach und dumm halten könnte.

    Wenn ich mir das anschaue, kann ich es sehen: In diesem Gefühl, jemandem machtlos ausgeliefert zu sein, lebte ich sowohl in der Gewaltzeit in der Grundschule, als auch bei dem sexuellen Übergriff. Damals konnte ich mich nicht wehren. Heute neige ich dazu, in solchen emotionalen Situationen Rot zu sehen. Ich bin in einer Kindheits- und Jugend-Angst-Reaktion gefangen.

    Ein Gespräch mit meinem Sponsor brachte mir einen Realitätscheck im Hinblick auf die Situation, die die Reaktion ausgelöst hat:

    Zum einen bin ich gar nicht in dem Umfang verantwortlich, in dem ich mich in der Verantwortung fühle (wenn ich mich für Situationen verantwortlich fühle, hängt das auch mit meinem Kontrollieren-Wollen zusammen: Bin ich dafür verantwortlich, kann ich es auch kontrollieren. Besser ich mache es, als ein anderer, den ich nicht kontrollieren kann. Ein anderer Aspekt ist das „Gefallen-“ und „Gemocht-Werden-Wollen“.)

    Zum anderen fand ich in dem Gespräch mit meinem Sponsor heraus, dass es auch in dieser Situation mehr als eine Option gibt. Es dauerte über eine Stunde, bis ich durch seine freundlichen hartnäckigen Fragen eine Handlungsoption fand, etwas, was ich tun kann.

    Der Schlüsselsatz von ihm war:

    Mein Gefühl sagt mir, dass Grenzen etwas Festes sind, an das ich anstoße. Und dass ich sie verteidigen oder überwinden muss. Dann gerate ich in Spannung und kämpfe. Manchmal reicht es aber einfach aus, dem anderen eine Grenze zu benennen.

    Das brachte mich zur Lösung. Ich kann erst einmal meine Grenze benennen und zum Beispiel sagen: „Das kann ich leider nicht tun, weil…“

    Damit kann ich in meinem Verantwortungsbereich und auf meiner Straßenseite bleiben ohne „in den Krieg ziehen“ zu müssen.

    Schließlich hatte sogar mein direkter Vorgesetzter schon gesagt, dass er das Geforderte für falsch hält. Über diese Tatsache sagte ich zu meinem Sponsor: „Ich willl mich doch nicht hinter meinem Chef verstecken.“

    Er sagte: „Wieso wäre das ein Verstecken? Er ist dein Chef!“

    Da wurde mir etwas bewusst. Ja – ich bin nicht für alles verantwortlich. Ich muss nicht mehr alles kontrollieren (auch nicht meinen Vorgesetzten). Ich darf mich um mich und um meine Grenzen kümmern, statt mich mit den Anderen und ihren Angelegenheiten zu beschäftigen.

    So werde ich es machen. Vielleicht kann ich mir, wenn sich das nächste innere „Rot“ ankündigt, mir selbst Mut machen: Ich kann heute Grenzen benennen.

    Und die Höhere Macht, Gott, wie ich Ihn verstehe, wird bei mir sein. Ich brauche nicht mehr zu kämpfen.

  • Corona-Krise (III)

    Ich habe mich heute (16.12.2020) entschieden, den ursprünglich unter diesem Titel veröffentlichten Beitrag überwiegend zu entfernen. Mir geht es auf dieser Seite um meine Erfahrungen mit der Genesung von der Sex- und Pornosucht. Die aktuellen Entwicklungen hätten es erfordert, den Text stetig weiter zu aktualisieren und umfassend auf Fakten und Auseinandersetzungen hinzuweisen. Das würde zu weit von dem eigentlichen Zweck dieser Seite wegführen.

    Ich werde lediglich den einleitenden Abschnitt des früheren Beitrags weiter veröffentlichen, in dem es um meine Entdeckung der traumatisierenden Wirkung der staatlichen Corona-Maßnahmen geht. Im Übrigen empfehle ich z.B. die Interviews von Frau Preradovic zur Corona-Krise oder die Artikel vom Multipolar-Magazin.

    Ursprünglicher Eingangs-Hinweis: Der folgende Beitrag zu einem kontroversen Thema gibt, wie jeder Text auf dieser Internetseite, ausschließlich meine persönliche Erfahrung und Meinung wieder. Ich spreche für keine der auf dieser Internetseite zitierten und verlinkten Zwölf-Schritte-Gruppen, die nach der zehnten Tradition ohnehin niemals Stellung nehmen würden zu Fragen außerhalb ihrer jeweiligen Gemeinschaft.

    Corona-Krise und Trauma

    In der vergangenen Woche ging mir endgültig ein Licht auf, dass schon vorher glimmte und flackerte. In einem Vortrag vor den Anwälten der Stiftung Corona-Ausschuss sagte der Psychotraumatologe und Therapeut Prof. Dr. Franz Ruppert (hier bzw. in dem Video unten ab 1:52:50), dass es drei Haupt-Traumatisierungspunkte gebe. Diese seien:

    • Ich bin nicht gewollt. Ich soll gar nicht da sein.
    • Mir wird die Liebe nicht entgegengebracht, die ich brauche und die ich empfangen möchte – und die ich auch anderen geben möchte, und drittens,
    • ich bin nicht geschützt.

    https://odysee.com/@percep7ioneer-corona-ausschuss:d/Corona-Ausschuss-Sitzung-15–Prof.-Franz-Ruppert,-Psychotraumatologe—Angsterzeugung,-Folgen,-Systemfrage-und-Auswege-(Aufkl%C3%A4rung,-Solidarit%C3%A4t,-Schutz,-Selbstkompetenz):c

    (Link aktualisiert am 30. Juni 2022)

    Diesen letzten Punkt: „Ich bin nicht geschützt,“ den habe ich bei mir als Grundgefühl wiedererkannt. Anfangs wurde dieses tiefe traumatische Grundgefühl bei mir ausgelöst durch die Angst, dass meine Frau oder ich an Covid-19 erkranken könnten. Meine damaligen Gedanken zu „Corona“ hatte ich hier und hier aufgeschrieben.

    Heute wird es ausgelöst durch das Gefühl von Schutzlosigkeit vor staatlicher Willkür und Überreaktion, (…)

  • Corona-Krise (II)

    Viele meiner aktuellen Gefühlszustände fand ich gestern in einem Zeitungsartikel der Neuen Zürcher Zeitung beschrieben, in dem es um die Folgen einer Quarantäne für die Psyche der Menschen ging (hier).

    Auch ich habe, stärker als sonst, Schlafstörungen, esse mehr als sonst, bin nervös und oft unwillkürlich traurig. Und das, obwohl die Quarantäne hier im Vergleich zu der in China gar nicht so streng ist. Ich vermute, dass bereits die jetzige Situation sehr tief in mir eingeprägte (traumatische) Ängste aufruft.

    In dem Artikel wird eine Beratungsstelle aus Peking zitiert, die über die Hilfesuchenden sagt:

    Sie können aus ihren bisherigen Lebenserfahrungen keine Rückschlüsse auf die neue Herausforderung ziehen (…)

    Doch„, dachte ich plötzlich bei der Lektüre, „das kann ich. Ich war der Lüsternheit gegenüber völlig machtlos. In anderen Bereichen konnte ich mit dem Willen etwas erreichen. In Bezug auf Lüsternheit konnte ich es nicht.“ Ich wollte zum Beispiel nur kurz Pornografie gucken („heute nur 10 Minuten“). Und verlor mich für Stunden darin. Ja: Ich weiß, wie es ist sich absolut machtlos zu fühlen. Ich kann aus meinen Erfahrungen Rückschlüsse auf die jetzige Situation ziehen!

    So ist es. Ich bin einfach nur wieder machtlos. Die Dinge laufen anders, als ich sie mir vorgestellt habe. Das kenne ich doch. Ich habe alle Werkzeuge des Programms, um mit dieser Machtlosigkeit umzugehen. Für mich ist die Grundsituation nicht ungewohnt. Nur diese spezielle Ausprägung davon. Und da ich nicht nur sex-, sondern auch angstsüchtig bin, geht die Spannungskurve zusätzlich hoch.

    Nein, ich möchte es loslassen.

    Loslassen und Gott überlassen.

    Und was kann ich dazu beitragen? Das Loslassen-Können ist ein Geschenk der Höheren Kräfte. Die sind aber darauf angewiesen, dass ich meine Fußarbeit mache.

    Viele Werkzeuge hatte ich im ersten Corona-Beitrag schon aufgezählt (hier).

    Ganz besonders wichtig sind für mich die Meetings. Viele Gruppen führe ihre Meetings als Telefonmeetings fort. Ein Rettungsanker! Wer noch nie in einem Meeting war oder derzeit keinen Zugang hat, kann sich über das Kontaktformular bei mir melden (hier), ich helfe gerne, den Kontakt herzustellen.

    Wie oft bin ich in Krisen in der Sucht versunken. Wenn Du Hilfe möchtest: Auch in dieser Zeit sind die Anonymen Sexaholiker und die anderen Zwölf-Schritte-Gruppen erreichbar! Es gibt eine Lösung! Es ist wirklich wahr:

    Wer aufhören möchte, findet Wege – wer trinken möchte, Gründe.

    Es lohnt sich so sehr, den Weg der Genesung zu gehen!

     

  • Corona-Krise (I)

    In den vergangenen zwei Tagen war ich bedrückt, kraftlos und hatte immer wieder Angst. Heute morgen wurde mir dann plötzlich klar, welche Besonderheit diese Corona-Krise für mich mit sich bringt. Worin ein Gesichtspunkt ihrer Ungeheuerlichkeit liegt.

    „Äußerlich“ sind Risiken dieser Krise überforderte Krankenhäuser und ein gewaltiger wirtschaftlicher Zusammenbruch. Auch die Sorge, dass Menschen krank werden könnten, mit denen ich verbunden bin, oder ich selber.

    Aber die besondere Schwierigkeit liegt noch auf einer anderen Ebene: Die geschilderten Gefahren lösen bei mir Angst aus. Es werden auch Ängste berührt, die in traumatischen Erfahrungen wurzeln. Was würde ich normalerweise in so einer Situation tun? Ich würde Meetings besuchen, den Gottesdienst, Vorträge, ich würde Gebet und Besinnung pflegen, mich mit meinem Sponsor und mit Freunden treffen, gemeinsam Essen und Kaffee trinken und wir würden gemeinsam Freude haben und Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen.

    Ich hätte also gegen diese aus meinen Tiefen aufsteigenden Ängste eigentlich Mittel, ich weiß, was zu tun ist, ich habe sie tausende Male angewendet – und jetzt, wo die Krise ungewöhnlich intensiv ist, tue nur Weniges davon – kann Vieles nicht tun. Die intensive persönliche Begegnung, zu zweit, in Gruppen, im Gottesdienst, eingeschränkt, verboten – durch Vorschriften und durch selbst auferlegte Distanz- und Rücksichtnahmegebote. Durch Vernunft.

    Das ist das Ungeheuerliche. Dass ich den aufsteigenden Ängsten nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln begegnen kann.

    Seitdem mir das klar ist, geht es mir wieder besser. Es ist der Kern dieser besonderen Situation, dass sie das Zwischenmenschliche schwächt. Sie greift unmittelbar die Institutionen der Freundschaft, Gemeinschaft und Begegnung an. Jetzt weiß ich, was für mich um so wichtiger ist:

    • Ich suche den Kontakt, isoliere mich nicht, spreche meine Angst aus, teile meine Schwäche und Erfahrung, Kraft und Hoffnung; in der Begegnung schrumpft die Angst bis zu dem Gefühl: Jetzt ist alles OK. Es helfen die Slogans:

    Gott legt niemandem mehr auf, als er tragen kann.

    Auch das geht vorüber.

    Loslassen und Gott überlassen.

    Gefühle sind wie Wolken: sie ziehen auf und sie ziehen wieder vorüber.

    Mut ist Angst, die gebetet hat.

    • Ich pflege meine Spiritualität: Gemeinsam mit meiner Frau und am Telefon mit anderen. Ich halte private Andacht während der Gottesdienstzeiten, mich gedanklich mit den Anderen verbindend, die das Gleiche tun.
    • Ich übe Dankbarkeit, schreibe Dankbarkeitslisten.
    • Ich prüfe, welche Formen von Dienst ich tun kann. Dienst hält trocken und bringt mich davon ab, die ganze Zeit um mich selbst zu kreisen.
    • Ich führe die Meetings per Telefon oder anders elektronisch fort, gehe in mehr Meetings, helfe dort mit.
    • Ich spreche regelmäßig mit meinem Sponsor.

    Angst macht krank. Sie ist der brüchige Faden, der das Gewebe meiner Existenz durchzogen hat. Sie ist die Triebfeder meiner Charakterfehler. Ich brauche Ent-Ängstigung.

    Ich kann die Angst nicht wegwünschen. Aber die beschriebenen Wege helfen mir, sie integrieren zu können. Sie ist ein Teil von mir – aber ich bin nicht sie. Ich kann aus ihr herauswachsen – das habe ich in den Jahren der Trockenheit im Zwölf-Schritte-Programm immer und immer wieder erfahren.

    Heute bin ich trocken und dankbar dafür, auf dem Weg zu sein. Was morgen ist, werde ich sehen. Ich bin so dankbar dafür, dass ich durch diese Situationen hindurch gehen kann, ohne lüstern zu trinken und ohne sexuell auszuagieren.

    Ich habe meine „Stimme“ wiedergefunden. Ich hoffe, auch in den nächsten Tagen hier schreiben zu können.

  • Nicht mit Socken ins Bett

    Bevor mein Genesungsweg begann, war meine Welt klein und eng. Ich hatte bis in die Details hinein die Angst, Fehler zu machen, da sich aus ihnen etwas Schlimmes entwickeln könnte. Ich könnte nass werden und mich erkälten, zu dünn angezogen sein und frieren, zu dick – und schwitzen, zu spät kommen, zu dick werden, krank werden, einen Unfall haben, eingeschlossen werden, ausgeschlossen werden, das Kleidungsstück könnte zerreißen oder schmutzig werden, der Knopf verloren gehen, mein Chef mich nicht mögen oder für unfähig halten, die Personalstelle mir auf die Schliche kommen, mich jemand in den Sexshop hinein- oder aus dem Sexkino herauskommen sehen, jemand mein Auto am Straßenstrich sehen…

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  • Wie ein Freund mir einmal nachts seine Zeit schenkte

     

    Für S.

    Zu Beginn meiner Trockenheit war ich sehr verletzlich, ängstlich und geriet schnell in innere Not. Ein Programmfreund hatte mich in London zu meinem Hotel gebracht und sich verabschiedet. Ich ging zu meinem Zimmer, bekam aber mit der Karte die Tür nicht auf. Ich geriet in Panik. Wie sollte ich in das Zimmer kommen? Wie mit meinem schlechten Englisch das Problem erklären? Heute weiß ich gar nicht mehr, worin das Problem bestand. Aber ich erinnere mich noch an die Angst und innere Not.

    Zum Glück traute ich mich, um Hilfe zu bitten. Ich griff zum Mobiltelefon und rief den Freund an. Der war schon fast zu Hause. Ich wusste, dass er am nächsten Morgen etwas vorhatte. Aber er sah meine Not und sagte mir, er käme zurück, um mir zu helfen.

    Ich weiß die Details nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass er die Situation für mich klärte, und so gelangte ich in mein Zimmer. Er wartete, bis alles in Ordnung war und ich mich beruhigt hatte, verabschiedete sich freundlich und ging. Ich fühlte mich „gerettet“.

    Es gibt in der Bergpredigt eine Stelle, wo es sinngemäß heißt: Wenn einer dich nötigt eine halbe Meile mit ihm zu gehen, dann gehe eine ganze Meile mit ihm. Und wenn er deinen halben Mantel fordert, dann gib ihm den ganzen.

    Genau das hatte mein Freund gemacht. Ich forderte etwas von ihm und es war eine Zumutung. Aber statt zu versuchen, mir am Telefon zu helfen, aber mich notfalls auch abzuweisen („Ich muss morgen früh ‚raus. Das schaffst du schon.“), was völlig nachvollziehbar gewesen wäre, ging er die ganze Meile mit mir. Er schenkte mir den ganzen Mantel, er regelte die Situation für mich, obwohl es ihn wertvolle Schlafenszeit kostete.

    Er hatte meine Not gesehen und mir geholfen. So wie er mir auch zu einem Sponsor verholfen und mir später noch oft Mut gemacht hat.

    An diese Geschichte musste ich denken, als ich vor Kurzem einen Neuen vertrösten wollte, dass ich höchstens ein Mal die Woche Zeit zum telefonieren hätte. Dann erinnerte ich mich daran, wie oft andere mir ihre Zeit geschenkt haben. Und es hilft doch mir, wenn ich Neuen helfen kann. Es ist ein Geschenk, helfen zu dürfen.

    Der Mantel, den ich weggebe, wärmt anschließend uns beide. Und die gemeinsam gegangene Meile ist ein Stück auf dem Weg meiner eigenen Genesung, den ich gemeinsam mit einem anderen Menschen gehen darf.

  • Vorschrift 62 – Nimm dich nicht so wichtig

    In „Zwölf Schritte und zwölf Traditionen“ gibt es die Geschichte der AA-Gruppe Middletown, die ein Riesen-Projekt für die Genesung von Alkoholikern aufzieht. Auf drei Etagen gibt es alles von einem Club über eine Krankenstation bis zu einer Bildungseinrichtung. Man wollte es besonders gut machen und groß aufziehen. Man schuf schließlich 61 Regeln, um einen sicheren und geordneten Ablauf zu gewährleisten.

    Das Projekt scheiterte, aber der Initiator des Ganzen biss sich nicht in Groll fest, sondern druckte eine kleine Karte, die er an das AA-Dienstbüro in New York schickte. Auf der einen Seite stand: „Middletown Gruppe Nr. 1 – Vorschrift 62“ und auf der Rückseite „Nimm dich doch nicht so verdammt wichtig!“ (Die vollständige Geschichte findet sich in: Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen, Die vierte Tradition, S. 141 ff.)

    Demütig über sich lachen können – und weiter voranschreiten. Hört sich gut an. Aber wie macht man das: Sich nicht so wichtig zu nehmen?

    Als ich zu AA kam und vom Alkohol trocken wurde, da verletzte mich der Slogan geradezu. Ich war in meiner Jugend sexuell missbraucht worden, ich war in meiner Kindheit Zeuge von Gewalt und Demütigung, ich wurde süchtig, und jetzt, endlich trocken, da sollte ich mich nicht so wichtig nehmen? Haben die sie noch alle? Die haben leicht reden, dachte ich.

    Tatsächlich – manche Slogans können verletzte Menschen verletzen, wenn sie nicht erklärt werden. Später hörte ich den Begriff „traumasensible Schrittearbeit“: Das bedeutet, Gespür dafür zu entwickeln, dass traumatisierte Menschen auf manche Dinge mit starken, negativen Gefühlen reagieren und Zeit, Rücksichtnahme und Mitgefühl benötigen.

    Dieses „mich zu wichtig nehmen“ hängt zusammen mit Angst, Kontrollwünschen, Selbstüberschätzung und unvernünftigen Forderungen an andere und an das Leben. Die von mir erlittenen Situationen haben sich tief eingeprägt, bis ins Leibliche. Ich lebte viele Jahe in ständiger Alarmbereitschaft. Ich hatte das Gefühl, immer mit dem Schlimmsten rechnen zu müssen. Da wollte ich auf der Hut sein. Meine Suchtmittel Alkohol und Lüsternheit „erlösten“ mich zeitweise aus diesem Spannungszustand oder verstärkten ihn umgekehrt so zu einem Kitzel, dass ich meine ständige Last nicht mehr spüren musste. Zu einem hohen Preis.

    Als ich dann trocken wurde, hatte ich diesen Fluchtweg nicht mehr. Ich war ständig mit mir selbst beschäftigt. Ich nahm mich also extrem wichtig und hatte keine Ahnung, wie ich mit dieser ständigen Anspannung klarkommen könnte.

    Hier kommen die Schritte ins Spiel. Um mich nicht so wichtig nehmen zu müssen, musste ich erst einmal lernen, dass ich loslassen kann. All die Angst, den Stress, die Forderungen, die Kontrollwünsche: Ich kann sie loslassen und sie Gott, wie ich Gott verstehe, überlassen.

    Damit begann ich in den Schritten 1 bis 3.

    Ich erkannte die Auswegslosigkeit meiner Situation und meine Machtlosigkeit, und erzählte alles einem Programmfreund (Schritt 1). Jetzt war ich seelisch so offen und „wund“, dass ich dringend die Hoffnung brauchte, dass es eine Lösung geben könnte: Gesundung und ein normales Leben ohne Alkohol und Lüsternheit. Diese Hoffnung bekam ich in den Meeting. Ich sah Freunde, die es mit dem Schritteprogramm geschafft hatten, sich ein nüchternes Leben aufzubauen (Schritt 2). Ich traf eine Entscheidung: Ich würde mich dieser Kraft, die das ermöglicht, anvertrauen. Ich würde ein neues Leben riskieren. Ich ließ meine Schutzschilde herunter (Schritt 3).

    Ich glaubte es noch nicht, aber ich hielt es auch nicht mehr für unmöglich: Könnte ich wirklich die Kontrolle aufgeben und loslassen? War für mich gesorgt? Wenn mich eine Höhere Macht, wie auch immer sie aussieht oder nicht aussieht, für wichtig hielt – so wichtig, dass sie mich trocken hielt – dann musste ich mich selber nicht mehr so wichtig nehmen. Ichatmete nach vielen Jahren die ersten Male bewusst durch. Ich gab Vorschussvertrauen und ließ los.

    So begann der Weg in eine neue Freiheit und zu einer neuen Lebensfreude. Seitdem ich mich freier fühle, bin ich auch frei, den Griff zu lockern, den ich früher auf alles legen musste. Und wenn es mal nicht klappt und schiefgeht, dann kann ich Inventur schreiben und anschließend auch über mich lachen. Ein nicht verletzendes, liebevolles Lachen. Ich muss mich nicht mehr so wichtig nehmen. Das Leben ist gar nicht so feindlich, wie es mir lange erschien. Ich sage ja zum Leben.

  • Umgang mit Angst (2)

    In den vergangenen Wochen hatte ich öfters Angst im Job. Die letzte Situation: Mir war ein Gespräch mit unserer Chefin angekündigt worden. Es sollte um ihre Vorstellungen in Bezug auf eines meiner Projekte gehen. Das Problem: Ihre Vorstellungen, soweit ich sie kannte, sind fachlich zum Teil nicht vernünftig umsetzbar. Sie kann aber eines nicht haben: Widerspruch oder Kritik an ihren Vorstellungen. Ich wusste, dass ich meine Punkte aus fachlichen Gründen würde ansprechen müssen. Mich überkam immer wieder Angst, wenn ich an das angekündigte Gespräch dachte. Außerdem lösen diese Situationen meine aus der Kindheit stammende, tief verwurzelte Angst vor Autoritätspersonen aus.

    Als Werkzeug nutze ich zum einen die Stelle aus der Angstinventur, über die ich den ersten Teil dieses Beitrag geschrieben hatte. Und folgende weitere:

    Ich sprach das Gelassenheitsgebet. Mein erster Sponsor hatte mir empfohlen, das Gelassenheitsgebet wie ein Mantra zu wiederholen, wenn ich in Angst oder Aufregung gerate (zu dieser Empfehlung siehe hier).

    Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
    den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
    und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

    Dann fand ich bei unserem Gründer Bill W. einen weiteren „Mantra“-Text. Er schrieb: Wenn er unter starkem Druck steht und andere an dieser Anspannung beteiligt sind, wiederholt er immer wieder den Satz:

    Gott, gebe mir die Gelassenheit, ihre besten Seiten zu lieben und ihre schlechtesten nicht zu fürchten.

    Im Original: God grand me the serenity to love their best and never fear their worst.

    Ich probierte es aus. Ich sprach diesen Satz und stellte mir die Chefin lächelnd vor und dachte an ihre Stärken (ich gebe zu, dass mir das sehr schwer fällt und ich dabei so „tun muss, als ob“).

    Dann machte ich mir bewusst, dass es diese schlechten Seiten von ihr gibt (wie auch ich solche Seiten habe) und dass ich Angst vor diesen Eigenschaften bei ihr habe.

    Dann sagte ich mir, dass ich sie nicht zu fürchten brauche:

    • Ich darf ruhig und sachlich meine Position vertreten. Das ist meine Aufgabe.Wenn ich dem Weg folge, den ich im Programm kennengelernt habe, dann bin ich geschützt und geführt.
    • Meine Höhere Macht ist bei mir. Sollte es schwierig werden, kann ich mich sogar während des Gesprächs ihr zuwenden. Sogar während ich spreche, kann ich innerlich einen Hilferuf „nach oben“ senden und die Situation loslassen und Gott überlassen. Ich kann sie nicht ändern. Ich muss nichts mehr kontrollieren.
    • Ich vertraue darauf, dass Gott mir nie mehr auferlegt, als ich tragen kann. Ich werde durch die Situation durchgehen können. „Auch das geht vorüber.“
    • Ich spreche vor und nach dem Gespräch mit Programmfreunden und im Meeting von meiner Angst und kann sie so loslassen. Ich bin nicht mehr allein! Ich habe die Freunde und ich habe meine Höhere Macht!
    • Ich fragte meinen Sponsor um Rat, ob er Erfahrungen mit einer solchen Situation hat.
    • Ich besprach mit einen vertrauenswürdigen Kollegen die fachliche Seite.

    All dies verbinde ich mit dem Gebet von Bill W. Ich habe es morgens gesprochen und tagsüber zwischendurch wiederholt. So konnte ich die Angst soweit loslassen, dass es mir möglich war, in Erwartung des Gesprächs weiterzuarbeiten.

    Hinweis: Das Gebet stammt aus dem Text „What Is Acceptance?“, den Bill im März 1962 in der internationalen AA-Zeitschrift Grapevine veröffentlicht hat. Er ist auf dieser Seite abrufbar.

    Weitere Beiträge zu diesem Thema, siehe hier und hier.

  • Umgang mit Angst (1)

    Ich merke immer wieder, wie wichtig der Satz ist: Das AA-Programm ist ein spirituelles Tu-Programm.

    Handle, und die Gefühle werden folgen.

    Ich erlebe es gerade bei Angst. Früher wusste ich gar nicht, wie viel Angst ich hatte. Ich ging einmal zum Arzt und beschrieb ihm, dass es mir nicht gut ging. Ich hatte das Gefühl, nicht richtig Luft zu bekommen („als ob der Hemdkragen zu eng wäre“). Ich litt unter Schweißausbrüchen. „Ich fühle mich wie eine Heizung, die zu stark aufgedreht ist, wo das Ventil nicht funktioniert.“  Er sagte mir: „Das ist Angst.“ Ich: „Wie, Angst?“ „Ja, das sind Symptome von Angst.“ So begann ich, mich kennenzulernen. Angst war also mein ständiger Begleiter gewesen.

    Heute ist mir klar, dass bei mir eine  aus der Kindheit stammende, tiefe Lebens-Unsicherheit vorhanden ist, so dass ich bei als unsicher empfundenen Situationen und Übergängen (zum Beispiel von zu Hause zur Arbeit) schnell in Anspannung und Angst gerate.

    Das Blaue Buch hat im Abschnitt zur Angstinventur (Seite 79) eine praktische Empfehlung, wie Ängsten begegnet werden kann:

    Wir bitten Ihn (Gott, die Höheren Kräfte) unsere Angst von uns zu nehmen und richten unsere Aufmerksamkeit darauf, so zu sein, wie Er uns haben will. Plötzlich beginnen wir aus der Angst herauszuwachsen.

    Ich bete ganz bewusst darum, dass die Höheren Kräfte die Angst von mir nehmen. Dann frage ich mich, wie Gott mich in dieser Situation haben will? Und die entscheidende Frage ist: Was ist die nächste richtige Handlung? Als erstes entsteht ein Gefühl von Distanz zu dieser Emotion „Angst“. Durch das Handeln verändert sich dann die Situation noch einmal.

    Es gibt einen schönen Slogan dazu, wie Angst sich verändert:

    Mut ist Angst, die gebetet hat.

    Außerdem achte ich darauf, bei länger andauernden Problemen mit Programmfreunden, dem Sponsor und im Meeting über die Angst zu sprechen. Dann schrumpft sie. Es hilft mir, mich nicht mit meiner Angst zu identifizieren. Auch Angst ist nur ein Gefühl.

    Und Gefühle sind wie Wolken: Sie ziehen auf und sie ziehen auch wieder vorüber.

    Früher hatte mich die Angst. Heute habe ich Angst – und ich habe Werkzeuge, ihr zu begegnen.

    (Zum Thema Angst siehe auch diesen Beitrag.)