Schlagwort: Gebet

  • Mein Blaues Buch (5): Das Siebte-Schritt-Gebet

    Neben dem Dritte-Schritt-Gebet gibt es im Blauen Buch auch das Siebte-Schritt-Gebet. Diesem Gebet liegt die Erkenntnis zugrunde, dass ich viele Charakterfehler habe, die ich aus eigener Kraft einfach nicht loslassen kann. Diese Charakterfehler schieben sich zwischen mich, die anderen Menschen und Gott. Sie können dazu führen, dass ich die ganze Zeit nur mit ihnen, ihren Auswirkungen, ihrer Verheimlichung usw. beschäftigt bin.

    Ich möchte aber frei von meinen Charakterfehlern werden. Ich möchte hilfreich sein können und großzügig. Ich möchte mich Gott und anderen Menschen zuwenden können. Und das will auch Gott: Dass ich aus meiner Isolation herauskomme. (Wichtig: Wenn bei den Anonymen Alkoholikern oder Anonymen Sexaholikern von Gott die Rede ist, ist immer Gott, wie Du Gott verstehst, gemeint. Es ist jede Gottesvorstellung möglich, die für Dich Sinn ergibt. Oft sprechen wir auch einfach von der Höheren Macht.)

    Es folgt der Text des Siebte-Schritt-Gebets im Original, in der Übersetzung des Blauen Buches und in meiner eigenen Übersetzung:

    My Creator, I am now willing that You should have all of me,
    good and bad. I pray that You now remove from me every single defect of character which stands in the way of my usefulness to You and my fellows. Grant me strength, as I go out from here, to do Your bidding. Amen

    Alcoholics Anonymous, p. 76

    Mein Schöpfer, ich bin nun willig, mich Dir ganz auszuliefern mit allen meinen guten und schlechten Seiten. Ich bitte, die Charaktermängel jetzt von mir zu nehmen, die mich daran hindern, Dir und meinen Mitmenschen gegenüber nützlich zu sein. Gib mir Kraft, von jetzt an Deinen Willen auszuführen.
    Amen.

    Anonyme Alkoholiker, S. 87 f.

    Mein Schöpfer, Du sollst alles von mir haben, das Gute und das Schlechte – dazu bin ich bereit.

    Ich bitte Dich, dass Du jeden einzelnen Charakterfehler von mir nimmst, der mich daran hindert, Dir und meinen Weggefährten nützlich zu sein.

    Gib mir die Kraft, Deinen Willen zu tun, wenn ich diesen Ort verlasse. Amen

    Dies ist das einzige Gebet im Haupttext des Blauen Buches, das mit einem „Amen“ abschließt. Das ist deshalb der Fall, weil mit dem siebten Schritt der „innere Hausputz“, die innere Inventur, endet und es nach „Außen“ geht, zu den Mitmenschen und den Wiedergutmachungen an ihnen.

    ich spreche dieses Gebet morgens kurz vor dem Ende meines Morgenrituals und mache mir dabei deutlich: Gleich geht es nach „Draußen“, in die Begegnung, da brauche ich die Unterstützung meines Höheren Macht. Denn alleine würde ich von meinen Ängsten und Charakterfehlern übermannt. Aber verbunden mit der Höheren Macht werde ich frei. Ich kann ein Mensch unter Menschen sein, trocken vom Alkohol und trocken in der Sexsucht, auf dem Wg der Genesung.

  • Mein Blaues Buch (4): Das Dritte-Schritt-Gebet

    Das Dritte-Schritt-Gebet im Blauen Buch dient der Bekräftigung der Entscheidung, die ich im dritten Schritt treffe. Der dritte Schritt lautet:

    Made a decision to turn our will and our lives over to the care of God as we
    understood Him.

    Alcoholics Anonymous, Step 3

    Wir haben uns entschieden, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes, wie wir Ihn verstanden, anzuvertrauen.

    Anonyme Alkoholiker, Dritter Schritt (eigene Übersetzung)

    Mit dem Gebet des dritten Schritts bekräftige ich diese Entscheidung. (Wichtig: Wenn bei den Anonymen Alkoholikern oder Anonymen Sexaholikern von Gott die Rede ist, ist immer Gott, wie Du Gott verstehst, gemeint. Es ist jede Gottesvorstellung möglich, die für Dich Sinn ergibt.)

    Bei dem Dritte-Schritt-Gebet bin ich mit der deutschen Übersetzung im Blauen Buch nicht gut zurechtgekommen. Im Zentrum des englischen Originals steht die Bitte, vom Eigenwillen befreit zu werden, weil mich der Eigenwille immer wieder in Schwierigkeiten bringt: Es fällt mir schwer, das Leben zu seinen Bedingungen anzunehmen und zu akzeptieren. Ich will aus Angst mein Leben immer und immer wieder kontrollieren und steuern – aber es klappt nicht. Diese Versuche, zu kontrollieren, kosteten mich sehr viel Energie (sie tun es heute noch oft). Im Dritte-Schritt-Gebet bitte ich meine Höhere Macht darum, diesen Eigenwillen von mir zu nehmen (es folgen jetzt das englische Original, die Übersetzung aus dem deutschsprachigen Blauen Buch und meine Übersetzung, in der ich das Gebet verwende):

    God, I offer myself to Thee – to build with me and to do with me as Thou wilt. Relieve me of the bondage of self, that I may better do Thy will. Take away my
    difficulties, that victory over them may bear witness to those I would help of Thy
    Power, Thy Love, and Thy Way of life. May I do Thy will always!

    Alcoholics Anonymous, p. 63

    Gott, ich gebe mich in Deine Hand, richte mich
    auf und tu mit mir nach Deinem Willen. Erlöse mich
    von den Fesseln meines Ichs, damit ich Deinen Willen
    besser erfüllen kann. Nimm meine Schwierigkeiten
    hinweg, damit der Sieg über sie Zeugnis von Deiner
    Macht, Deiner Liebe, Deiner Führung ablegen möge
    vor den Menschen, denen ich helfen möchte. Möge ich
    immer Deinen Willen tun!

    Anonyme Alkoholiker, S. 73

    Gott, ich mache mich Dir verfüglich, dass Du mit mir schaffen und tun kannst nach Deinem Willen.

    Befreie mich von den Fesseln meines Eigenwillens, damit ich Deinen Willen
    besser erfüllen kann.

    Nimm meine Schwierigkeiten
    hinweg, damit der Sieg über sie Zeugnis von Deiner
    Macht, Deiner Liebe und der Art der Lebensführung ablegen möge, die mit Dir möglich ist – Zeugnis ablegen vor den Menschen, denen ich helfen möchte.

    Möge ich
    immer Deinen Willen tun!

    eigene Übersetzung

    Ich ergänze das Gebet außerdem um einen Satz, mit dem ich mir selbst die Angst vor Gott nehme. Denn ich weiß heute, dass ich aufgrund der Prägungen aus meiner Kindheit ein sehr negatives Bild von Gott verinnerlicht hatte. Er war eine unangenehme, unberechenbare Gestalt, die über alle Verfehlungen Buch führt, so dass man diesem Gott gegenüber nur verlieren konnte. Es war ein Gott, mit dem ich nichts zu tun haben wollte.

    Dieses alte Gottesbild musste ich zunächst loslassen, um mich überhaupt an einen Gott (Gott, wie ich Ihn verstehe) wenden zu können. Ich entschied mich, dass Gott für mich die Liebe ist. Er will nichts anderes als mein Wachstum und meine Genesung. Dies verdeutliche ich mir heute, indem ich in das Gebet ergänze:

    Gott, ich mache mich Dir verfüglich, dass du mit mir schaffen und tun kannst nach Deinem Willen – Gott, der Du die Liebe bist.

    Er ist die Liebe. Seinen Willen brauche ich nicht zu fürchten.

    Vielleicht kann ich irgendwann in innerer Freiheit mit dem Dichter Christian Morgenstern so sprechen:

    Du Weisheit meines höhern Ich,
    die über mir den Fittich spreitet
    und mich vom Anfang her geleitet,
    wie es am besten war für mich, -
    
    wenn Unmut oft mich anfocht: nun - 
    es war der Unmut eines Knaben!
    Des Mannes reife Blicke haben
    die Kraft voll Dank auf Dir zu ruhn.
    
    aus: Christian Morgenstern, Wir fanden einen Pfad 

  • Ich habe kein Problem mit Pornographie, Selbstbefriedigung, Prostituiertenbesuchen…

    Das wirklich große Geschenk der Anonymen Sexaholiker ist die Erkenntnis, dass mein Problem nicht mein sexuelles Ausagieren ist. Mein Problem ist Lüsternheit. Lüsternheit führt zu sexuellem Ausagieren. Wenn ich Lüsternheit trinke, muss ich sexuell ausagieren. Seiner Lüsternheit weiter zu folgen und gleichzeitig trocken sein zu wollen ist wie schwimmen gehen ohne nass werden zu wollen.

    Deshalb fühlt sich Trocken-werden ja zuerst wie Sterben-müssen an. Nicht, weil ich keinen Sex mehr habe, sondern weil ich von meinem Suchtstoff, der Lüsternheit, entziehen muss. Lüsternheit ist nicht körperlich, sie benutzt nur den Sexualtrieb. Was soll an Pornographie körperlich sein? Deshalb hat das Ausagieren in der Sucht so wenig mit echter Sexualität zu tun, sondern mit Bildern, Filmen, Jagen, dem „Kick“, der abhängigen Verbindung, mit Objekten und Ähnlichem.

    Ich habe mich immer verzweifelt gefragt, warum ich so ausagieren muss. „So bin ich doch gar nicht, das will ich doch eigentlich gar nicht. Wieso kann ich nicht einfach eine liebevolle Partnerschaft haben?“

    Heute weiß ich die Antwort: Weil Lüsternheit ein Medikament für Angst, Wut, Schmerz, Aufregung und Groll ist. Mehr Angst – mehr Lüsternheit – mehr Scham – noch mehr Lüsternheit. Das Medikament wirkte, zu dem hohen Preis, dass es mich zerstörte. Als ich dieses Medikament weg lassen wollte, war da der kleine Autorvonmeinwegausdersexsucht, der gar nicht wusste, wie man ohne dieses Medikament leben kann.

    Der erste Schritt war, zu erkennen:

    • Ich bin kein schlechter Mensch, der gut werden will, sondern ein kranker Mensch, der gesund werden will.

    der Zweite:

    • Mein Problem ist Lüsternheit, nicht Sex. Ich muss, entsprechend zum Alkohol beim Alkoholiker, das „erste Glas“ stehenlassen, das heißt, aus dem lüsternen Bild keinen Film und keine Geschichte machen, sondern: Es abgeben, loslassen, „kapitulieren“. Und weil ich das alleine wirklich nicht kann, weil meine eigene Kraft auf diesem Gebiet versagt, muss ich die Höheren Kräfte, die Himmlischen Kräfte, Gott, wie ich ihn verstehe  – nenn‘ es, wie Du willst, aber tue es! – um Hilfe bitten.

    Gott, was immer ich [hier einsetzen, was gerade triggert, z.b.:] an dem Po dieser Frau suche, bitte lass‘ es mich in Dir jetzt finden.

    Gott, was immer ich in diesem Bild von Geschlechtsverkehr gerade suche, bitte lass‘ es mich in Dir jetzt finden.

    Und das soll helfen? Es hilft! Es unterbricht den Sog. Ich bin nicht mehr allein. Die Höhere Kraft ist, bereit, mir zu helfen. Und was suche ich eigentlich gerade?

    Oder steige ich ins lüsterne Wasser? Natürlich diesmal kontrolliert; ohne nass zu werden?

     

     

  • Ich gebe mein Recht auf…

    Es gibt ja den schönen Spruch, dass das AS-Programm ein einfaches Programm für komplizierte Leute ist. Besonders in schwierigen Situation brauche ich griffige Slogans oder Sätze, die mir helfen, wieder „in die Spur“ zu kommen. Ein Beispiel:

    Ich fahre mit der Straßenbahn, eine Frau steigt ein. Ich sehe hin (hier beginnt das Problem: Warum eigentlich? Was ist das Motiv für den Blick?). Und da es für diesen Blick kein vernünftiges Motiv gab – war Lüsternheit das Motiv. In diesem Moment wird mir auch bewusst: Ich möchte nicht lüstern sein. Ich möchte in meinem Frieden bleiben. Aber der Sog hat schon begonnen. An so einer Stelle brauche ich ein einfach anzuwendendes und schnell wirkendes Mittel. Einen Spruch, ein Stoßgebet, zum Beispiel:

    Gott, bitte hilf mir! Ich gebe mein Recht auf, diese Frau lüstern zu begehren.

    Dann kann ich loslassen. Ich setzte gegen das „Ziehen“ der Lüsternheit keine Gegenkraft ein, sondern ich steige aus. (Notfalls auch aus der Straßenbahn:-) Nicht kämpfen! Die Lüsternheit würde gewinnen. Ich kann nur gewinnen, wenn ich gar nicht erst kämpfe, sondern loslasse, kapituliere.

    Gegen den Satz könnte man natürlich einwenden, dass ich doch gar kein Recht darauf habe, die Frau zu begehren. Aber der lüsterne Blick ist gerade ein Blick der Inbesitznahme. Als hätte ich dieses Recht. Der einfache Satz macht klar: Ich nehme dieses Recht, das ich sowieso nicht habe, auch nicht mehr in Anspruch. Es hat mir so viel Unglück gebracht, dieses „Recht“! Ich gebe es auf – der Frieden kehrt zurück.

    Heute habe ich in einem Gespräch bemerkt, dass der Satz in abgewandelter Form auch in anderen Situationen passt. Wenn ich zum Beispiel den inneren Druck habe, eine Situation kontrollieren zu wollen.

    Gott, ich gebe den Anspruch an mich auf, es kontrollieren zu wollen.

    Wichtig ist, dass es ein wirkliches Loslassen ist, nicht bloße Resignation. Denn, wie es einer meiner Lieblingsautoren, Hans Glaser, ausdrückt:

    Die Resignation ist die latente Begierde. Begierden werden sofort wieder aktuell, sobald eine entsprechende Situation eintritt. Man resigniert aus einer Unfreiheit. Verzicht aber ist ein Akt der Freiheit…

    Freiheit! Ich darf die Welt aus meiner lüsternen und ängstlichen Umklammerung entlassen. (Ich hatte sie sowieso nie im Griff! Völlige Selbstüberschätzung!) Ich darf wachsen und gesund werden. Einen Tag nach dem anderen.

     

  • Umgang mit Angst (2)

    In den vergangenen Wochen hatte ich öfters Angst im Job. Die letzte Situation: Mir war ein Gespräch mit unserer Chefin angekündigt worden. Es sollte um ihre Vorstellungen in Bezug auf eines meiner Projekte gehen. Das Problem: Ihre Vorstellungen, soweit ich sie kannte, sind fachlich zum Teil nicht vernünftig umsetzbar. Sie kann aber eines nicht haben: Widerspruch oder Kritik an ihren Vorstellungen. Ich wusste, dass ich meine Punkte aus fachlichen Gründen würde ansprechen müssen. Mich überkam immer wieder Angst, wenn ich an das angekündigte Gespräch dachte. Außerdem lösen diese Situationen meine aus der Kindheit stammende, tief verwurzelte Angst vor Autoritätspersonen aus.

    Als Werkzeug nutze ich zum einen die Stelle aus der Angstinventur, über die ich den ersten Teil dieses Beitrag geschrieben hatte. Und folgende weitere:

    Ich sprach das Gelassenheitsgebet. Mein erster Sponsor hatte mir empfohlen, das Gelassenheitsgebet wie ein Mantra zu wiederholen, wenn ich in Angst oder Aufregung gerate (zu dieser Empfehlung siehe hier).

    Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
    den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
    und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

    Dann fand ich bei unserem Gründer Bill W. einen weiteren „Mantra“-Text. Er schrieb: Wenn er unter starkem Druck steht und andere an dieser Anspannung beteiligt sind, wiederholt er immer wieder den Satz:

    Gott, gebe mir die Gelassenheit, ihre besten Seiten zu lieben und ihre schlechtesten nicht zu fürchten.

    Im Original: God grand me the serenity to love their best and never fear their worst.

    Ich probierte es aus. Ich sprach diesen Satz und stellte mir die Chefin lächelnd vor und dachte an ihre Stärken (ich gebe zu, dass mir das sehr schwer fällt und ich dabei so „tun muss, als ob“).

    Dann machte ich mir bewusst, dass es diese schlechten Seiten von ihr gibt (wie auch ich solche Seiten habe) und dass ich Angst vor diesen Eigenschaften bei ihr habe.

    Dann sagte ich mir, dass ich sie nicht zu fürchten brauche:

    • Ich darf ruhig und sachlich meine Position vertreten. Das ist meine Aufgabe.Wenn ich dem Weg folge, den ich im Programm kennengelernt habe, dann bin ich geschützt und geführt.
    • Meine Höhere Macht ist bei mir. Sollte es schwierig werden, kann ich mich sogar während des Gesprächs ihr zuwenden. Sogar während ich spreche, kann ich innerlich einen Hilferuf „nach oben“ senden und die Situation loslassen und Gott überlassen. Ich kann sie nicht ändern. Ich muss nichts mehr kontrollieren.
    • Ich vertraue darauf, dass Gott mir nie mehr auferlegt, als ich tragen kann. Ich werde durch die Situation durchgehen können. „Auch das geht vorüber.“
    • Ich spreche vor und nach dem Gespräch mit Programmfreunden und im Meeting von meiner Angst und kann sie so loslassen. Ich bin nicht mehr allein! Ich habe die Freunde und ich habe meine Höhere Macht!
    • Ich fragte meinen Sponsor um Rat, ob er Erfahrungen mit einer solchen Situation hat.
    • Ich besprach mit einen vertrauenswürdigen Kollegen die fachliche Seite.

    All dies verbinde ich mit dem Gebet von Bill W. Ich habe es morgens gesprochen und tagsüber zwischendurch wiederholt. So konnte ich die Angst soweit loslassen, dass es mir möglich war, in Erwartung des Gesprächs weiterzuarbeiten.

    Hinweis: Das Gebet stammt aus dem Text „What Is Acceptance?“, den Bill im März 1962 in der internationalen AA-Zeitschrift Grapevine veröffentlicht hat. Er ist auf dieser Seite abrufbar.

    Weitere Beiträge zu diesem Thema, siehe hier und hier.

  • Umgang mit Angst (1)

    Ich merke immer wieder, wie wichtig der Satz ist: Das AA-Programm ist ein spirituelles Tu-Programm.

    Handle, und die Gefühle werden folgen.

    Ich erlebe es gerade bei Angst. Früher wusste ich gar nicht, wie viel Angst ich hatte. Ich ging einmal zum Arzt und beschrieb ihm, dass es mir nicht gut ging. Ich hatte das Gefühl, nicht richtig Luft zu bekommen („als ob der Hemdkragen zu eng wäre“). Ich litt unter Schweißausbrüchen. „Ich fühle mich wie eine Heizung, die zu stark aufgedreht ist, wo das Ventil nicht funktioniert.“  Er sagte mir: „Das ist Angst.“ Ich: „Wie, Angst?“ „Ja, das sind Symptome von Angst.“ So begann ich, mich kennenzulernen. Angst war also mein ständiger Begleiter gewesen.

    Heute ist mir klar, dass bei mir eine  aus der Kindheit stammende, tiefe Lebens-Unsicherheit vorhanden ist, so dass ich bei als unsicher empfundenen Situationen und Übergängen (zum Beispiel von zu Hause zur Arbeit) schnell in Anspannung und Angst gerate.

    Das Blaue Buch hat im Abschnitt zur Angstinventur (Seite 79) eine praktische Empfehlung, wie Ängsten begegnet werden kann:

    Wir bitten Ihn (Gott, die Höheren Kräfte) unsere Angst von uns zu nehmen und richten unsere Aufmerksamkeit darauf, so zu sein, wie Er uns haben will. Plötzlich beginnen wir aus der Angst herauszuwachsen.

    Ich bete ganz bewusst darum, dass die Höheren Kräfte die Angst von mir nehmen. Dann frage ich mich, wie Gott mich in dieser Situation haben will? Und die entscheidende Frage ist: Was ist die nächste richtige Handlung? Als erstes entsteht ein Gefühl von Distanz zu dieser Emotion „Angst“. Durch das Handeln verändert sich dann die Situation noch einmal.

    Es gibt einen schönen Slogan dazu, wie Angst sich verändert:

    Mut ist Angst, die gebetet hat.

    Außerdem achte ich darauf, bei länger andauernden Problemen mit Programmfreunden, dem Sponsor und im Meeting über die Angst zu sprechen. Dann schrumpft sie. Es hilft mir, mich nicht mit meiner Angst zu identifizieren. Auch Angst ist nur ein Gefühl.

    Und Gefühle sind wie Wolken: Sie ziehen auf und sie ziehen auch wieder vorüber.

    Früher hatte mich die Angst. Heute habe ich Angst – und ich habe Werkzeuge, ihr zu begegnen.

    (Zum Thema Angst siehe auch diesen Beitrag.)

  • „Lass‘ den Stöpsel in der Flasche“ – Kurzanleitung zum Trockenwerden für Sex- und Pornosüchtige

    Meinen ersten Kontakt zu einer Zwölf-Schritte-Gruppe hatte ich über eine E-Mail-Liste der Anonymen Alkoholiker (AA). Dort gab eine AA-Oldtimerin zur Frage, „Wie beginnen?“, folgende Antwort.

    • Lass‘ den Stöpsel in der Flasche!
    • Bitte Deine Höhere Macht morgens um einen trockenen Tag und sage abends Danke dafür.
    • Gehe regelmäßig in die Meetings.
    • Fange sofort damit an!

    Lass‘ den Stöpsel in der Flasche.

    heißt für mich übersetzt für die Sexsucht: Halte Deinen Blick bei Dir, hole keine lüsternen Bilder in Dir hoch. Und spinne lüsterne Erinnerungsbilder nicht fort und mache aus einem Bild keinen Film!

    Halte Deinen Blick bei Dir.

    Denn Lüsternheit in sich „hineinzutrinken“ ist das Kennzeichen eines Sexsüchtigen; innerer Frieden wird nur dann nach einer gewissen Zeit eintreten, wenn ich den Drang, lüstern zu trinken, loslasse und mein vermeintliches Recht, umherzuschauen und lüsterne Bilder in mich aufzunehmen, aufgebe.

    Hole keine lüsternen Bilder in Dir hoch.

    Sie sind natürlich da und jederzeit abrufbar; ich habe Jahre damit verbracht, meiner Lüsternheit dienende Bilder zu suchen und in mich aufzunehmen. Ich kann sie jederzeit hochholen. Hier wird ein weiteres besonderes Merkmal der Sexsucht deutlich: Ich brauche kein materielles Suchtmittel; alles, was ich für meine Sucht brauche, ist in mir. Daher beginnt auch der fortschreitende Sieg über die Lüsternheit immer in mir. Die Lüsternheit ist in mir und nicht in dem Lustobjekt, das ich zu ihrer Stimulation nur benutze.

    Spinne lüsterne Erinnerungsbilder nicht fort und mache aus einem Bild keinen Film.

    Seitdem ich trocken bin, traktiert mich die Sucht immer mal wieder mit lüsternen Erinnerungsbildern: Pornographische Bilder, Erinnerungen an Sexualität, Erinnerungen an vouyeuristische Beobachtungen und vieles mehr. Um trocken zu bleiben ist es unerlässlich, diese Bilder loszulassen, vor ihnen bzw. sie zu kapitulieren. Hierfür nutze ich unter anderem Affirmationen und Gebete, zum Beispiel den Satz:

    Gott, was immer ich in dieser Erinnerung (diesem Bild/ diesem Gedanken) suche, bitte lass‘ es mich in dir jetzt finden.

    Dann überlege ich kurz: Was suche ich eigentlich gerade? Wie geht es mir? Habe ich die H.A.L.T.-Regel eingehalten? Wenn ich die Erinnerung dann immer noch nicht loslassen kann, rufe ich einen Programm-Freund an und teile die Erinnerung mit ihm. Das hat bei mir immer geholfen, spätestens nach dem zweiten oder dritten Telefonat.

    Und auch für die Sexsucht gilt:

    Gehe regelmäßig in die Meetings!

    Fange sofort damit an!

  • Sechs Empfehlungen für den Genesungsalltag (Teil 3)

    Mein erster Sponsor (bei den Anonymen Alkoholikern) gab mir sechs Empfehlungen, die meinem Alltag einen „Genesungsrahmen“ gaben. In diesem Beitrag stelle ich die Empfehlungen vier und fünf vor.

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  • Sechs Empfehlungen für den Genesungsalltag (Teil 1)

    Mein erster Sponsor bei den Anonymen Alkoholikern gab mir sechs Empfehlungen, die meinem Alltag einen „Genesungsrahmen“ gaben. Auch wenn ich mein „Tagesprogramm“ seitdem variiert habe, enthalten die Empfehlungen Kernpunkte, die für mich auch heute noch eine Rolle spielen.

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  • Lasse deine Verärgerung nicht zu einem Resentment werden

    Ein AA-Spruch lautet:

    Don’t let your anger turn into a resentment.

    Lasse deine Verärgerung nicht zu einem Resentment werden.

    Diese Wahl hatte ich früher gar nicht. Fast jeder etwas stärkere Ärger wurde auch zu Groll, zu einem Resentment.

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