Schlagwort: glücklich voller Lebensfreude und frei

  • Wie ich gestern die Regierung und meinen Chef auswechselte und eine Prämie für meine Arbeit erhielt

    Nichts von alledem hatte ich getan. Ich erhielt auch keine Prämie. Ich stellte stattdessen fest, dass ich auf der Arbeit eine Aufgabe vergessen hatte, die ich schon vor einer Woche hätte lösen sollen.

    Aber ich hatte das alles doch getan. In meinem Kopf. In meinem Kopf hatte ich angeklagt, bloßgestellt und ausgewechselt und dann auch noch meine Arbeit erledigt – die aber in Wahrheit in Stapeln auf dem Schreibtisch lag.

    Wie es in unserer Literatur immer und immer wieder gesagt wird: Der Sexaholiker lebt die meiste Zeit in seinem Kopf und nicht in der Wirklichkeit. Er lebt in seiner Phantasie und in seinen Tagträumen.

    Gestern Abend wurde mir dann meine Situation bewusst und mir fiel ein Satz meines Sponsors dazu ein:

    Je mehr ich im Denken und in meinem Kopf bin, um so weniger bin ich in meiner Gelassenheit.

    Und ich ließ los. Ich betete: „Gott, bitte hilf mir, dass ich all diese Gedanken loslassen kann.“ Es ist mit solchen Phantasien nicht anders, als mit der Lüsternheit. Um von ihnen frei zu werden, muss ich sie jedes Mal loslassen, wenn sie aufkommen.

    Ich weiß, dass mein Wohlbefinden davon abhängt, dass ich im Heute bleibe. Im Jetzt. Das Allermeiste im Leben muss nicht extra „gedacht“ werden. Denken ist sinnvoll, wenn ich eine Aufgabe löse, einen Text schreibe oder etwas plane. Sobald das Denken aber eine innere Inszenierung wird, ohne Bezug zur Wirklichkeit, desto schlechter geht es mir.

    Als Kind waren reale Erlebnisse für mich so bedrohlich und aussichtslos, dass ich eine Tür hinaus brauchte in eine Innenwelt, in die ich fliehen konnte. In dieser Innenwelt brauchte ich nichts zu befürchten. Außen konnte mir keiner helfen.

    Diese Fluchtwelt wurde dann gepolstert mit Alkohol, Lüsternheit und mit Phantasien. Hin und wieder schaute ich mir die wirkliche Welt an (das funktionierte nur sehr schlecht, denn Angst, Sucht und Lüsternheit beschädigen die Wahrnehmungsfähigkeit; schließlich zerstören sie sie). Aber durch meine Angst und das ständige Gefühl des Bedrohtseins konnte ich es in dieser Wirklichkeit nicht aushalten.

    Das Problem der Genesung von der Sucht liegt nicht im Entzug. Der kann hart sein, geht aber vorbei. Das Problem liegt darin, nüchtern lebensfähig zu werden. Dies ist ein spirituelles Problem, wenn man mit den Anonymen Sexaholikern unter „spirituell“ das versteht, was den innersten Kern meiner Persönlichkeit ausmacht. Dieser innere Kern sollte ein Ort der Klarheit, Wachheit und Liebe sein. Bei mir war er ein Gefängnis aus Angst, Anspannung und Sorge – und weil so niemand leben kann, habe ich mir meine Suchtmittel als Schmerzstiller besorgt.

    Ich habe bei den Anonymen Alkoholiker einen Spruch gehört, der die Situation gut beschreibt:

    Die gute Nachricht ist: Wenn du mit dem Trinken aufhörst, kommen die Gefühle wieder. Die schlechte ist: Alle Gefühle kommen wieder.

    Daher berührt die Genesung den Kern meiner Persönlichkeit. Der muss sich wandeln. Das Zwölf-Schritte-Programm ist das Mittel hierfür. Ich werde nur glücklich und zufrieden leben können, wenn ich in der Wirklichkeit bleiben kann. Es gibt Wege zum Umgang mit dem unvermeidbaren Schmerz. Und wenn der Schmerz weicht, dann sind da: Klarheit, Weite, Luft zum Atmen – und Freude.

  • „Und wenn die Liebe einfach die Freude am anderen wäre?“

    Vor rund 30 Jahren entdeckte ich zum ersten Mal den Schriftsteller Peter Handke. Seine Sprache hatte eine magische, beruhigende Wirkung auf mich, die ich spürte, als ich den Anfang der Erzählung „Versuch über die Jukebox“ las. (Von einer Freundin erlebte ich dann eine Reaktion, die mir half, zu begreifen, dass Literaturgeschmack etwas sehr Persönliches ist. Begeistert schenkte ich ihr dieses Buch. Wenig später sagte sie mir: „Mir hat in meinem ganzen Leben noch nie jemand ein so langweiliges Buch geschenkt.“)

    Vor Kurzem begann ich, in Handkes Journal „Gestern unterwegs, Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990“ zu lesen. Neben dem besonderen Rhythmus der Sprache und Handkes Fähigkeit einer genauen Beschreibung dessen, was er sieht, war ich verblüfft, in vielen der Aufzeichnungen Beobachtungen und Erfahrungen zu finden, wie ich sie aus meiner Biographie und dem Zwölf-Schritte-Programm kenne.

    Es ist merkwürdig, man kann nicht sagen, Handke „erklärt“ etwas; aber das, was er schreibt, klärt oft in einem oder wenigen Sätzen etwas auf. Die Aufzeichnungen lösen bei mir den Impuls aus, über sie zu schreiben.

    Da ist zum Beispiel der Satz, der in der Überschrift zitiert wird.

    Und wenn die Liebe einfach die Freude am anderen wäre?

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 427

    Im Buch „Anonyme Alkoholiker“ ist verschiedentlich von der Liebe die Rede, zum Beispiel:

    Unsere Parole heißt jetzt Liebe und Toleranz.

    Seite 98 (zum zehnten Schritt)

    Was heißt denn Liebe? Wann liebe ich die Freunde im Meeting? Was bedeutet, meine Frau zu lieben?

    Da sprach mich der Satz von Handke direkt an. Ich schaue meine Frau an, ich sehe, mit zugewandtem Blick, die Freunde im Meeting: Und ich habe Freude an ihnen. Freude ist ein Kernbegriff der Genesung.

    Wir sind uns sicher, dass Gott möchte, dass wir glücklich, voller Lebensfreude und frei sind.

    Alcoholics Anoymous, p. 133 („We are sure Gods wants us to be happy, joyous, and free.“)

    Noch zu einigen weiteren Zitate aus „Gestern unterwegs“:

    Zu den paar Erleuchtungen, die ich gehabt habe, gehört, neben der Langsamkeit und dem „Zeit genug!“, auch das: „Einen jeden mit seiner Sache, in seinem Raum, vor seinem Hintergrund (siehe Nova in „Über die Dörfer“) sehen“ (1. April, Ronda)

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 385

    Ich kenne den Kontext des Zitates nicht. „Über die Dörfer“ habe ich nicht gelesen. Was ich aber kenne, ist die größer werdende Scheu, irgendein Urteil über jemanden anders zu sprechen, sein Verhalten zu bewerten – denn dieses „mit seiner Sache, in seinem Raum, vor seinem Hintergrund“ beschreibt, dass das Lebensgefühl und die Wahrnehmung des Anderen ganz verschieden von meinen sein können (können sie überhaupt „nicht verschieden“ sein?). Wenn der Andere mir etwas beschreibt – weiß ich dann wirklich, welche inneren Bilder und welche Gefühle dem Beschriebenen zugrunde liegen? Wie diese, die er in Worte fasst, in seiner Wahrnehmung sind?

    Deshalb ist die Achtung vor dem Anderen so wichtig, denn sonst sehe ich in ihm nicht ihn, sondern alleine mich („Wir sehen die Menschen nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.“ Anthony de Mello). So wichtig die wechselseitige Identifikation für den gemeinsamen Genesungsweg ist, so sehr bleibt der andere ein eigener Kosmos.


    Den meisten scheint die Unreinheit ihres Blicks nichts auszumachen. Sie starren, stieren, äugen, glotzen, fixieren, messen, urteilen weiter. Wird mein Blick hingegen unrein – nimmt er nicht einfach selbstlos teil -, wird er fahrig, voll schlechten Gewissens, schuldbewusst

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 396

    Der unreine Blick, das ist der lüsterne Blick. Das ist aber nicht nur der auf sexuell aufladbare Körperbereiche gerichtete Blick. Es ist jeder Blick, der das Erblickte zum eigenen Benutzen hereinholt. Um es zu „verwenden“: Für Erregung oder Aufregung, für Be- und Verurteilung, für ein Sich-Überheben.

    In einem Gesprächsband mit Ivan Illich las ich, dass die mittelalterlichen Mönche die „Augenzucht“ gekannt hätten (ich hoffe, ich gebe das hier aus der Erinnerung richtig wieder). Diese „Augenzucht“ betrifft nicht nur den ein Objekt hereinholenden Blick selbst, sondern auch den Beweggrund, aus dem das Hereingeholte hereingeholt wurde.


    Schönheit als das Begleitende, der Schimmer, der Wahrheitsfindung

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 398

    Manchmal ist im Meeting dieses Schimmern spürbar. Dieser Schimmer, die Schönheit, wenn sie im Meeting spürbar werden, dann ist die Gruppe auf dem Weg der Wahrheit. Die Wahrheit ist etwas Ästhetisches. Kann Schönheit in diesem Sinne ein Prüfstein für das Vorhandensein von Wahrheit sein?


    Wenn ich strahle, strahlt es (7. Mai, Paris)

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 401

    Als ich 2008 zu den Anonymen Alkoholikern kam, erlebte ich im Meeting Menschen, die strahlten. Es war ein Leuchten, hinein in meine Seele. Es wurde in mir heller, wenn sie sprachen (auch wenn einer der Oldtimer oft das Gleiche sagte; ich freute mich auf dieses Gleiche, das mir Hoffnung gab und den Wunsch, trocken ein neues Leben beginnen zu können).

    Ich darf selber strahlen! Wir können einander Sterne, Sonnen, Wärme- und Lichtkörper sein!

    Übrigens schirmen Masken auch dieses Strahlen ab!


    Im Glück, im rechten (ja), geschieht zugleich der Aufruf zur Erinnerung an dieses Glück, und an den Ort dieses (jenes) Glücks. Und die rechte (ja) Liebe geht zusammen mit der Gewißheit der Unverlierbarkeit (auch wenn der Verlust kommen wird)

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 404

    In mir gibt es immer noch oft den Aufruf zur Erinnerung an das Unglück, den Schmerz, die Bedrücktheit – das alte, vertraute Heim. „Ich verdiene es nicht, glücklich zu sein! Das Schöne ist nur für die anderen da.“

    Ich musste lernen (und lerne immer noch), mich an meine neue Freiheit und mein neues Glück zu erinnern, die ich in der Trockenheit schon erlebt habe.

    Da ist Glück! Erinnere dich daran, dass es dieses Glück gibt, wenn dir die Dämonen etwas anderes erzählen. Und wenn sie sagen: „Das währt nur kurz. Du wirst schon sehen!“ dann halte ihnen diese Gewissheit der Unverlierbarkeit entgegen. Die Himmlischen Mächte (Higher Power) sind nur allzu bereit, dir zu helfen und beizustehen.


    „Oder kommt es zurück, das Ideal, / Lieber zu zögern als recht zu haben?“ (Hermann Lenz)

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 406

    Wie oft führt dieser Impuls „Ich habe recht“ dazu, dass ich losschieße? Zum Beispiel im Arbeitsmeeting meiner AS-Gruppe, in einem Gespräch oder einer Diskussion? Dann verschließt sich etwas in mir. Und ich verschließe mich vor der Begegnung, dem Dialog.

    Was ist das Zögern? Es ist der Freiraum, in dem die helfenden Kräfte eingreifen, sich manifestieren können. Etwas anders drückt es ein Slogan der Anonymen Alkoholiker aus:

    Willst Du genesen oder willst du recht haben?


    Schwermut heißt: ohne Gegenüber

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 415

    Wenn die Schwermut auf mir lastet, bin ich bedrückt. Bleiplatten liegen auf mir. Ich isoliere mich. Kann ich mich dann doch jemandem – einem Menschen, einem Himmelswesen – gegenüber öffnen, ändert sich alles. Genesen bedeutet auch, nicht mehr ohne Gegenüber zu sein. Ein ähnlicher AA-Slogan:

    Ich muss nichts mehr alleine tun.


    „Lerne zu tanzen; sonst wissen im Himmel die Engel nichts mit dir anzufangen“ (Augustinus)

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 411

    Das ist das Schlusswort für diesen Blogbeitrag. Zu diesem Buch „Gestern unterwegs“ möchte ich, ebenfalls mit Augustinus, sagen:

    Nimm und lies, nimm und lies!

  • Ich bin frei, weil ich machtlos bin

    In Bezug auf mein sexuelles Ausagieren habe ich meine Machtlosigkeit erfahren. Ich wollte nicht wieder x Stunden Pornografie konsumieren. Ich wollte nicht wieder zu diesem erbärmlichen Straßenstrich fahren. Aber ich konnte nicht anders. Ich hatte sogar mein Auto verkauft, in der Hoffnung, es lassen zu können. Dann ging ich eben zu Fuß ins Laufhaus. Ich konnte es nicht lassen.

    Erst bei AS begriff ich, dass die Sexualität gar nicht das Problem ist. Was ist z.B. an dem Konsum von Bildern oder am Im-Kreis-Fahren am Straßenstrich schon „sexuell“? Oder am voyeuristischen Schauen? Die Lüsternheit ist das Problem, dieses süchtige innere Ziehen und Zerren und Pushen. Die Sexualität kann dann im Paket dessen, was die Lüsternheit auslöst, Folge sein – oder auch nicht.

    Dann, endlich „trocken“, wurde es wieder schwierig mit der Machtlosigkeit. Es widerstrebt mir manchmal, zu sagen, ich sei machtlos. Denn: Bin ich nicht trocken? Wieso soll ich denn machtlos sein? OK, ich bete, die Höheren Kräfte helfen mir dabei. Aber bin nicht ich es, der etwas tut?

    Ja, ich tue was. Aber ich kann wirklich nichts daran kontrollieren, was aus dem, was ich tue, wird.

    Am deutlichsten wird die Machtlosigkeit wieder am Beispiel Lüsternheit. Sobald ich wieder Lüsternheit zu mir nehme, zum Beispiel einer Frau auf den Po schaue oder ein in meinem Kopf aufkommendes Bild zum Film mache, gerate ich in Not. Die Allergie, die körperliche Überempfindlichkeit droht, ausgelöst zu werden. Hilferufend wende ich mich an meine Höhere Macht. – Noch einmal gut gegangen. (Oder auch nicht, ich kann es nicht kontrollieren. Lüsternheit „trinken“ bedeutet, sein Schicksal zu versuchen.) (Zu den zwei Elementen der Sucht, die das Blaue Buch als „Obsession/ Besessenheit“ und „Allergy/ Allergie“ bezeichnet, habe ich hier etwas geschrieben).

    Tatsächlich bin ich sogar in jeder Hinsicht machtlos. In Bezug auf alles, wo mein Ego und meine Forderungen ins Spiel kommen. Ich kann nichts wirklich Wesentliches selbst bestimmen. Ich hatte z.B. für die vergangene Zeit und die Kar- und Ostertage so viel geplant. Und bin jetzt wegen der Corona-Krise zu Hause. Alle diese Planungen erschienen selbstverständlich. Und haben sich doch in Luft aufgelöst.

    Und erst Recht bin ich machtlos in Bezug auf alle existenziellen Fragen: Geburt (wo auf der Welt, bei welche Eltern, in welchen Verhältnissen), Gesundheit, Tod, weltpolitische Entwicklungen: machtlos, machtlos, machtlos.

    Natürlich kann ich versuchen, meinen Teil beizutragen und zum Beispiel Gifte vermeiden und nicht zu ungesund leben. Mich fortbilden. Mich um meine Verantwortlichkeiten kümmern. Aber das Ergebnis kann ich nicht kontrollieren.

    Vielleicht ist das Machtlosigkeit in einem Satz:

    Ich kann meine Fußarbeit machen, aber das Ergebnis nicht kontrollieren. Und zwar kein Ergebnis, in Bezug auf gar nichts.

    Meine Schwierigkeit, meine Machtlosigkeit immer wieder anzuerkennen – und die Freiheit zu genießen, die darin liegt! – rührt auch von meinem Aufwachsen her. Die Erfahrung des  Verlassen-Werdens, die Gewaltzeugenschaft: Ich war ständig auf der Hut und in Anspannung. Machtlosigkeit war real und doch etwas schwer Auszuhaltendes. Das wollte ich nie wieder. Statt dessen versuchte ich, zu kontrollieren. Ich soll also etwas – die Machtlosigkeit – anerkennen, das mir so viel Leid gebracht hat. Schwer!

    Und noch ein Gesichtspunkt: Meine Religion bringt mich nah an Gott. Ich bin nach Seinem Bilde, Ihm gleich, geschaffen, heißt es. Das verführt zu Größenwahn. Aber ich bin eben doch nicht Gott. Es geht mehr um die tiefe Bejahung einer Möglichkeit, nicht um die Beschreibung von etwas, was schon da ist. Es ist die Möglichkeit, überhaupt erst einmal Mensch zu werden. Dazu gehört, meine Machtlosigkeit anzuerkennen, mein Ego immer wieder loszulassen – und frei zu sein!

    Die Freiheit zu lieben, die mir die Machtlosigkeit gibt. Denn: Weil ich machtlos bin, muss ich nichts mehr kontrollieren! Ich darf leben, im Hier und Jetzt. Ich bin nur für meine Straßenseite verantwortlich, dafür, sie sauber zu halten. Sonst für nichts!

    Gott will uns glücklich, voller Lebensfreude und frei haben, heißt es im Blauen Buch. Der Weg dahin ist die Machtlosigkeit. Immer nur für Heute!

  • Der weiße Teufel und das „Du darfst“

    Die Sucht hatte mich in die Isolation getrieben. Aber auch in der Trockenheit geriet ich in Isolation: Durch meine Besserwisser- und Rechthaberei, verbunden mit einer tiefen Angst davor, Fehler zu machen. Diese tiefe, aus der Kindheit stammende Angst ist letztlich die Triebkraft vieler anderer Charakterfehler.

    Menschen, die in dieser Mischung aus „Ohne mich läuft’s nicht“ und „Ich weiß am besten, wie es richtig ist“ leben, werden im Buch Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen Blutende Diakone genannt und bei den Gebrüdern Grimm treten sie zum Beispiel als Meister Pfriem in Erscheinung.

    Mein Sponsor fragte mich einmal, ob ich als Blutender Diakon enden wolle, oder ob ich nicht lieber ein AS-Oldtimer werden möchte: glücklich, voller Lebensfreude und frei?

    Der Blutende Diakon überschätzt sich, seine Rolle und Bedeutung völlig und ist gefangen im Schwarz-Weiß-Denken. Etwas könnte falsch laufen.

    Ich musste das Schwarz-Weiß-Denken zunächst mit in die Genesung nehmen. Jetzt war ich zwar trocken – aber es gab wieder nur richtig und falsch, jetzt bezogen auf das Programm und die Meetings. Jetzt war eben wieder allein das richtig, was ich tat, dachte und glaubte. Alle, die nicht genauso dachten oder das Programm genauso arbeiteten, wie ich, lagen falsch.

    Und so kann es mir passieren, dass ich zum Blutenden Diakon mutiere. Ein trockener Sexsüchtiger, aus dem das neu gewonnene Leben wieder ausblutet.

    Das Kernproblem am Schwarz-Weiß-Denken ist, dass es dualistisch ist. Dass es nur zwei Seiten kennt: Es gibt nur Gut oder Böse, Richtig oder Falsch gibt. Wenn also „mein“ Suchtweg falsch war, dann muss doch „mein“ Genesungsweg richtig sein! Wenn meine Einstellungen wahr sind, dann müssen doch davon abweichende Einstellungen Anderer falsch sein.

    Es ist aber ein Irrtum des Schwarz-Weiß-Denkens, dass der Teufel schwarz und Gott deshalb weiß ist. Beide, schwarz und weiß, können Teufel sein. Den einen, den Schwarzen, erkennt man nur besser.

    Der andere ist die Besserwisser- und Rechthaberei, die erhaben daherkommen und dahereden kann – aber eben auch nur wieder ein Teufel ist. Erkennen kann man diesen Teufel an seinem besessenen Charakter und seinem Absolutheitsanspruch. Selbst wenn er fromm, genesen und freundlich tut: Er trägt eine Maske und hinter der Maske sind Angst, Verbohrtheit, Härte und Herrschsucht.

    Das kenne ich alles von mir.

    Die helfenden Mächte sind nicht schwarz oder weiß im obigen Sinne: Sie sind großherzig, klar und liebevoll. Sie bergen Lebensfreude und Freiheit in sich. Leben! Freies Atmen.

    Ich glaube deshalb auch an kein Du-Musst mehr. Was war ich immer unfrei! Ich glaube heute an das große „Du darfst“.

    (überarbeitet am 28.11.2019)

  • Charakterfehler

    An manchen Tagen lebe ich meine Charakterfehler einfach aus, ohne darüber nachzudenken. Die Folgen sind, je nach Charakterfehler, unterschiedlich. Es kann sogar sein, dass ich andere damit unterhalte, jedenfalls vordergründig. (mehr …)

  • Wenn die Dinge nicht so laufen, wie du sie dir vorstellst…

    Wenn die Dinge nicht so laufen, wie du sie dir vorstellst, dann stell‘ sie dir anders vor.

    Dieser Spruch ähnelt der Geschichte von Anthony de Mello „Was an einem kalten Tag zu tun ist“ (siehe den Beitrag hier).

    Ich bilde mir eine Vorstellung darüber, was ich gerne möchte. Zum Beispiel möchte ich gebratene Nudeln beim Vietnamesen essen. Da ich breite Nudeln gerne mag, bestelle ich mir diese (das Unheil nimmt seinen Lauf. Anders als bei den „Gebratenen Nudeln“ fehlt bei den breiten Nudeln das Wort „gebraten“ auf der Speisekarte. Aber der vom Eigenwillen getrübte Blick hat schon die notwendige Nüchternheit verloren). (mehr …)

  • Nicht im „Ich darf nicht“, sondern im „Ich kann jetzt“ leben

    Nicht im „Ich darf nicht“ leben, sondern das „Ich kann jetzt“ genießen und ausprobieren. Wachstumsschmerzen sind dabei normal. Ich habe sie oft.

    Dass ich nicht „kontrolliert“ lüstern sein kann, hat zur Folge, dass ich Lüsternheit meiden und aufkommende Lüsternheit „loslassen“ muss. Wenn ich meinen inneren Frieden und vor allem auch meine Trockenheit behalten möchte. Das ist kein „Ich darf nicht“. Ich „dürfte“ ja, z.B. nächte- und tagelang Pornografie gucken. Aber ich kann es nicht mehr. Es würde mich töten. Weil ich es nicht mehr vertrage und nicht mehr aufhören könnte.

    Ich „kann jetzt“: Das fängt mit dem viel klarer Denken können an. Ich kann nach so vielen Jahren in der Verleugnung jetzt mir selbst gegenüber ehrlich sein. Mir nichts mehr vormachen (jedenfalls nicht mehr so lange.) Ich kann meine Frau lieben, immer nur für heute (ich tue alles nur für heute. Immer einen Tag nach dem anderen.) Ich kann neue Wege ausprobieren. Ich kann bewusst aus innerer Enge und Angst heraustreten und über mich sprechen. Ich kann um Hilfe bitten. Ich kann Freundschaften haben (und hoffentlich auch halten).

    Ich möchte mich noch viel öfter fragen: Was wünsche ich mir heute? Was kann, was möchte, was sollte ich in dieser neuen Freiheit jetzt wagen? Was kann ich tun, um ich selbst zu werden? Damit ich am Ende ein tiefes Ja zu meinem Leben sagen kann. Und heute Nacht, bevor ich einschlafe, sage ich dieses Ja. Und ich sage: Danke.

  • „Trocken“ oder „weiter in Genesung“?

    Würden Sie sich nun als „trocken“ oder „weiter in Genesung“ bezeichnen?

    wurde ich gefragt. Die Antwort ist: Als beides.

    Trocken sein bedeutet für mich, dass ich keinen Sex mit mir selbst oder mit anderen habe, außer mit meiner Frau. Das ist für einen Sexsüchtigen viel und ist zugleich doch nur etwas „Technisches“. Dazu gibt es zwei schöne Slogans:

    Trockenheit ist nicht alles, aber ohne Trockenheit ist alles nichts.

    Und der Zweite:

    Sober is not well.

    Trocken sein bedeutet nicht, dass ich genesen bin (oder auch: dass es mir deshalb schon gut geht).

    Hier greift der zweite Teil der Frage ein. Ich bin weiter in Genesung.

    Genesung ist ein Prozess, kein Ereignis.

    Ich bin weiter auf dem Weg, damit ich immer gesünder werde und es mir immer besser geht.

    Ein Freund von den Anonymen Alkoholikern, der mit Ende 20 zwischen zwei Delirien zwei Jahre auf der Straße gelebt  hat und mittlerweile über 40 Jahre trocken ist, sagt immer:

    Mein Wohlbefinden hängt heute nicht mehr davon ab, ob meine Lebensumstände gerade besser oder schlechter sind.

    Sober and well, unabhängig davon, wie die äußeren Lebensumstände gerade sind. Da möchte ich auch hin.

     

  • Freiheit

    Freiheit ist zur Zeit mein Lieblingswort. Ich war in meinem Leben so oft unfrei und fühlte mich so oft ausgeliefert. Noch bevor meine bewusste Erinnerung einsetzt, begann es damit, dass ich als Kleinkind ohne meine Eltern im Krankenhaus war. „Besuchen Sie ihn nicht, dann fällt ihm die Trennung leichter,“ hatte die Ärztin meinen Eltern emp- (wohl eher be-) fohlen. Wie dumm, grausam und herzlos. So ließen meine Eltern ihr zweieinhalbjähriges Kind allein im Krankenhaus. Schwersten Herzens. Aber die Ärztin hatte es gesagt.

    Dann, ab dem siebten Lebensjahr, vier lange Jahre Gewaltzeugenschaft und Demütigung in der Grundschule. Unfreiheit, Enge, Anspannung und Angst. Ich wurde „versponnen“. Innerer Rückzug. Es war Selbstschutz.

    Dann etwas Freiheit, der Wechsel ins Gymnasium. Dann: Ein Mann benutzt den Fünfzehjährigen für seine Lüsternheit. Mein Nein zählt nicht. Verzweiflung, Schmerz. Meine Rettung: Alkohol. Betäubung.

    Dann die Lüsternheit. Aufregung. Erregung. Betäubung.

    Mehr als zwei Jahrzehnte in der Sucht gefangen. So viele Jahre Unfreiheit, Enge.

    Dann, Anfang 2008, begann die Reise in die Freiheit. Die neue Freiheit: Freiheit von der Sucht. Freiheit, zu leben. So lange hatte ich Sehnsucht danach. Jetzt gab es erstmals einen im wörtlichen Sinne vielversprechenden Weg.

    Aus der Freiheit vom Alkohol und vom Ausagieren der Sexsucht folgte nach und nach die Freiheit „zu“. Freiheit zur Partnerschaft und sogar  zur Ehe. Freiheit zu Vertrauen, dazu, mich zu öffnen. Freiheit, anderen Menschen offen begegnen zu können.

    „Wir werden eine neue Freiheit und ein neues Glück kennenlernen,“ heißt es in den Versprechen aus dem Blauen Buch. Ich habe die Freiheitsluft schon atmen dürfen. Ich möchte mehr davon!

  • Scham, Rabbi Sussja und Ich-Werdung

    Als ich mit meinem Sponsor darüber sprach, dass manche AS-Freunde ihre Scham und ihre Minderwertigkeitsgefühle nicht loslassen können, sagte er:

    Weil wir die Scham lieben. Sie ist wie eine negative Schutzhülle oder Decke für uns. Wenn ich mich schäme, dann isoliere ich mich wie früher. So muss ich nichts ändern. Ich bin eben einfach eine furchtbare Person. Wenn ich sage: „Gott hasst mich,“ dann brauche ich mich nicht zu ändern.

    Diese Situation kann gerade auch nach dem ersten Schritt eintreten. Wenn ich mir im ersten Schritt die Geschichte meiner Sexsucht anschaue, dann treten meine Mängel und meine Machtlosigkeit voll zutage. Da kann der Impuls kommen: Nur weg von hier!

    Schlüpfe ich dann unter diese negative, vertraute Decke, unter der ich so viele Jahre zitterte, und suche wieder die giftige Wärme und Betäubung der Sucht?

    Mein Sponsor empfahl für die Arbeit im zweiten Schritt, mir und dem Sponsee Folgendes klarzumachen; es ganz tief in mein Inneres aufzunehmen. Ich kann mir sagen:

    Gottes Perspektive ist: „Ich weiß, was Du getan hast. Ich weiß, dass Du eine Suchterkrankung hast und machtlos bist – derzeit. Aber ich liebe Dich trotzdem. Ich liebe Dich und ich möchte, dass Du glücklich, voller Lebensfreude und frei sein kannst.“

    Gott sieht das Gesamtbild. Auch die Sucht. Und auch das Potential. Und auch die Möglichkeit der Genesung. Damit ich mich zu dem hin entwickeln kann, als der ich gedacht bin. Dann bleibe ich nicht, wie ich bin. Ich handle. Ich gehe weiter auf dem Weg der Genesung.

    In der Sammlung von Chassidischen Geschichten von Martin Buber gibt es eine Geschichte, die ich oft erzähle. Sie sagt alles das oben Geschriebene in wenigen Worten:

    Vor dem Ende sprach Rabbi Sussja: In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Sussja, warum bist du nicht Mose gewesen? Man wird mich auch nicht fragen: Warum bist du nicht David gewesen? In der kommenden Welt wird man mich fragen: Sussja, warum bist du nicht Sussja gewesen?

    Das AS-Programm ist für mich ein Programm zur Ich-Werdung. Ich darf und muss mich sehen, wie ich war und wie ich gerade bin. Aber dann muss ich nicht wieder unter die dunkle Decke kriechen. Ich bin geliebt und soll glücklich, voller Lebensfreude und frei leben.

    In einem Abschnitt des Blauen Buches wird über den Anonymen Alkoholiker Nummer drei geschrieben (er trägt diese ungewöhnliche Bezeichnung, weil er auch Bill hieß, wie der Gründer der AA). Nachdem er durch die Begegnung mit Bill und Dr. Bob und deren Genesungsgeschichte trocken geworden war, führte er einen Wahlkampf, verlor die Wahl aber knapp. Anschließend heißt es im Text (page 158):

    But he had found God – and in finding God had found himself.

    Aber er hatte Gott gefunden. Und indem er Gott fand, fand er auch zu sich selbst.

    Er ist also Bill geworden. Wer willst Du werden?