Kategorie: Schritte 1, 2 und 3

  • Suchtstoff, Suchtprozeß und die besten Jahre

    Als ein Freund beschrieb, wie er in den Rückfall gegangen ist, wurde mir wieder deutlich, was es bedeutet, dass Lüsternheit nicht körperlich ist und noch nicht einmal ein starkes sexuelles Verlangen (so steht es im Buch „Anonyme Sexaholiker“). Der Weg zum sexuellen Ausagieren beginnt früh:

    Lüsternheit ist ein Prozess. Es ist zum Beispiel dieses Zum-Handy-Greifen und Versinken in irgendwelchen Abfolgen von Nachrichten, Bildern, Filmchen und Musik. Es ist das voyeuristische Zuschauen, das Sich-Heineinziehen-Lassen, das Immer-Mehr und Nie-Wieder-Aufhören wollen. Nur immer mehr und mehr!!! Nie wieder zurück müssen in das normale Leben da Draußen, das doch nichts zu bieten zu haben scheint angesichts dieses ziehenden Strudels. Und dann, manchmal schon als Startpunkt, manchmal erst nach Stunden, wird noch die Zutat „sexuelle Darstellung“ hinzugefügt, was zum endgültigen Wegdriften, Hineinfallen, Sich-Aufgeben und -Auflösen führt. Lüsternheit ist so die ultimative Zutat, die den Kontrollverlust herbeiführt. Der Körper mag als materieller Träger oder Werkzeug der Lüsternheit mit in den Suchtprozess gebracht werden, es kann aber auch bei Bildern bleiben.

    Deshalb ist es für den Sexsüchtigen so risikoreich, sich in diese Prozesse zu begeben. Der Prozess ist potentieller Bestandteil des Suchtkreislaufs – das Sexuelle „nur“ eine Zutat, bei der ich aber oft schon nicht mehr die Wahl habe, sie doch noch wegzulassen.

    Und anschließend das Elend des Wiederauftauchen-Müssens, die Scham, der Schmerz, der Kater, die Verzweiflung, vielleicht auch schon die Selbstrechtfertigung und die Verharmlosung – irgendwer muss doch „Schuld“ sein! Es kann doch nicht an mir liegen.

    Im Buch „Anonyme Alkoholiker“ gibt es einen Satz, der ein Versprechen ist. Er lautet:

    Die besten Jahre liegen noch vor Ihnen.

    Als ich noch im Sumpf der Sucht steckte, konnte ich das nicht glauben. Aber ich erinnere mich noch: Als ich zuerst zu AA und dann zu AS kam, da erlebte ich die Leute, die das hatten, was ich auch wollte: Ein richtiges, nüchternes Leben, mit einem Partner und mit einem Alltag, den sie so gestalteten, wie sie ihn selber gestalten wollten (und nicht, wie es die Sucht vorgab). Und ich glaubte und wünschte und hoffte – so ein Leben wollte ich auch. Ich würde es bekommen! Die besten Jahre liegen noch vor mir! Mit dieser Hoffnung und diesem Glauben hatte ich zugleich den zweiten Schritt vollzogen, ohne dass es mir bewusst war. (Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht oder Kraft, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.)

    Heute habe ich dieses Leben, was ich mir gewünscht habe. Es ist voller Überraschungen. Ein Abenteuer, und wie bei jedem richtigen Abenteuer, auch manchmal schwierig oder ängstigend. Aber es ist genau so gut, wie es ist! Und die Entwicklung ist ja noch nicht zu Ende: Wieder liegen die besten Jahre vor mir – und ich freue mich darüber!

  • Mein Blaues Buch (4): Das Dritte-Schritt-Gebet

    Das Dritte-Schritt-Gebet im Blauen Buch dient der Bekräftigung der Entscheidung, die ich im dritten Schritt treffe. Der dritte Schritt lautet:

    Made a decision to turn our will and our lives over to the care of God as we
    understood Him.

    Alcoholics Anonymous, Step 3

    Wir haben uns entschieden, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes, wie wir Ihn verstanden, anzuvertrauen.

    Anonyme Alkoholiker, Dritter Schritt (eigene Übersetzung)

    Mit dem Gebet des dritten Schritts bekräftige ich diese Entscheidung. (Wichtig: Wenn bei den Anonymen Alkoholikern oder Anonymen Sexaholikern von Gott die Rede ist, ist immer Gott, wie Du Gott verstehst, gemeint. Es ist jede Gottesvorstellung möglich, die für Dich Sinn ergibt.)

    Bei dem Dritte-Schritt-Gebet bin ich mit der deutschen Übersetzung im Blauen Buch nicht gut zurechtgekommen. Im Zentrum des englischen Originals steht die Bitte, vom Eigenwillen befreit zu werden, weil mich der Eigenwille immer wieder in Schwierigkeiten bringt: Es fällt mir schwer, das Leben zu seinen Bedingungen anzunehmen und zu akzeptieren. Ich will aus Angst mein Leben immer und immer wieder kontrollieren und steuern – aber es klappt nicht. Diese Versuche, zu kontrollieren, kosteten mich sehr viel Energie (sie tun es heute noch oft). Im Dritte-Schritt-Gebet bitte ich meine Höhere Macht darum, diesen Eigenwillen von mir zu nehmen (es folgen jetzt das englische Original, die Übersetzung aus dem deutschsprachigen Blauen Buch und meine Übersetzung, in der ich das Gebet verwende):

    God, I offer myself to Thee – to build with me and to do with me as Thou wilt. Relieve me of the bondage of self, that I may better do Thy will. Take away my
    difficulties, that victory over them may bear witness to those I would help of Thy
    Power, Thy Love, and Thy Way of life. May I do Thy will always!

    Alcoholics Anonymous, p. 63

    Gott, ich gebe mich in Deine Hand, richte mich
    auf und tu mit mir nach Deinem Willen. Erlöse mich
    von den Fesseln meines Ichs, damit ich Deinen Willen
    besser erfüllen kann. Nimm meine Schwierigkeiten
    hinweg, damit der Sieg über sie Zeugnis von Deiner
    Macht, Deiner Liebe, Deiner Führung ablegen möge
    vor den Menschen, denen ich helfen möchte. Möge ich
    immer Deinen Willen tun!

    Anonyme Alkoholiker, S. 73

    Gott, ich mache mich Dir verfüglich, dass Du mit mir schaffen und tun kannst nach Deinem Willen.

    Befreie mich von den Fesseln meines Eigenwillens, damit ich Deinen Willen
    besser erfüllen kann.

    Nimm meine Schwierigkeiten
    hinweg, damit der Sieg über sie Zeugnis von Deiner
    Macht, Deiner Liebe und der Art der Lebensführung ablegen möge, die mit Dir möglich ist – Zeugnis ablegen vor den Menschen, denen ich helfen möchte.

    Möge ich
    immer Deinen Willen tun!

    eigene Übersetzung

    Ich ergänze das Gebet außerdem um einen Satz, mit dem ich mir selbst die Angst vor Gott nehme. Denn ich weiß heute, dass ich aufgrund der Prägungen aus meiner Kindheit ein sehr negatives Bild von Gott verinnerlicht hatte. Er war eine unangenehme, unberechenbare Gestalt, die über alle Verfehlungen Buch führt, so dass man diesem Gott gegenüber nur verlieren konnte. Es war ein Gott, mit dem ich nichts zu tun haben wollte.

    Dieses alte Gottesbild musste ich zunächst loslassen, um mich überhaupt an einen Gott (Gott, wie ich Ihn verstehe) wenden zu können. Ich entschied mich, dass Gott für mich die Liebe ist. Er will nichts anderes als mein Wachstum und meine Genesung. Dies verdeutliche ich mir heute, indem ich in das Gebet ergänze:

    Gott, ich mache mich Dir verfüglich, dass du mit mir schaffen und tun kannst nach Deinem Willen – Gott, der Du die Liebe bist.

    Er ist die Liebe. Seinen Willen brauche ich nicht zu fürchten.

    Vielleicht kann ich irgendwann in innerer Freiheit mit dem Dichter Christian Morgenstern so sprechen:

    Du Weisheit meines höhern Ich,
    die über mir den Fittich spreitet
    und mich vom Anfang her geleitet,
    wie es am besten war für mich, -
    
    wenn Unmut oft mich anfocht: nun - 
    es war der Unmut eines Knaben!
    Des Mannes reife Blicke haben
    die Kraft voll Dank auf Dir zu ruhn.
    
    aus: Christian Morgenstern, Wir fanden einen Pfad 

  • Es geht immer um Gott, uns selbst und andere Menschen

    Durch meinen Sponsor bin ich darauf aufmerksam geworden, dass die in der Überschrift genannten Drei – Gott, ich selbst und andere Menschen – im Zwölf-Schritte-Programm immer wieder eine große Rolle spielen. Sie sind in dieser Reihenfolge im fünften Schritt aufgezählt:

    Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu.

    Diese Dreiheit hat aber nicht nur grundlegende Bedeutung für den fünften Schritt, sondern sie ist für mein ganzes Leben fundamental:

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  • Die eigene Vorstellung von Gott

    My friend suggested what then seemed a novel idea. He said,
    “Why don’t you choose your own conception of God?’’

    Mein Freund machte einen Vorschlag, der mir damals als ein neuer Gedanke erschien. Er sagte: „Warum suchst du dir nicht deinen eigenen Begriff von Gott?“

    Anonyme Alkoholiker,
    Bill’s Story/ Bills Geschichte, p. 12/ S. 14

    In meiner Sexsucht war ich so machtlos, dass ich aus eigener Kraft nicht aufhören konnte. Ich brauchte eine Kraft, größer als ich selbst, um auch nur daran denken zu können, ein Leben ohne Lüsternheit und sexuelles Ausagieren zu führen.

    Es erschien mir aber ausgeschlossen, dass diese Kraft etwas mit „Gott“ zu tun haben könnte. Gott war entweder nicht existent, oder er war jedenfalls für mich nicht erreichbar. Mit dieser Überzeugung kam ich 2008 ins Zwölf-Schritte-Programm. (mehr …)

  • How-To…? Schrittearbeit: Schritt 2

    In der How-to-Beitragsreihe veröffentliche ich Anleitungen, Checklisten und Notizen zu meiner Arbeit im Zwölf-Schritte-Programm (zu dieser Reihe siehe die Einführung). Es sind oft nur Skizzen und es ist keine offizielle AS-Literatur.

    (Hier klicken für einen wichtigen Hinweis für Leser, die an AS interessiert sind, aber noch in keinem Meeting waren oder keinen Sponsor haben: Ein Hinweis an Neue)

    Skizzen und Notizen zu Schritt 2

    In Schritt 1 hatte ich gesehen, dass ich in Bezug auf meine Sucht keine Wahl mehr hatte. Das war niederschmetternd. Ich geriet immer und immer wieder in den Suchtkreislauf hinein. Wenn das das letzte Wort gewesen wäre, ich weiß nicht, wie es hätte weitergehen können.

    Aber es war nicht das letzte Wort. Ich sah es bei anderen, dass sie wieder eine Wahl bekommen hatten. Nicht die Wahl, die Lüsternheit oder das sexuelle Ausagieren wieder kontrollieren zu können. Sondern die Wahlmöglichkeit, die Lüsternheit loslassen zu können.

    Schritt 2 lautet:

    Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wieder geben kann.

    Etwas anders übersetzt: Wir bekamen einen Funken Hoffnung, dass es eine Kraft geben könnte, an die wir uns anschließen können, und die uns davor bewahren kann, wieder in den Wahnsinn der Sucht zurück zu müssen.

    Ich musst nicht wieder süchtig sexuell ausagieren. Das ist die Hoffnung im zweiten Schritt. Später wird auch die Erfahrung dazukommen, dass die Höheren Kräfte mir nicht nur in Bezug auf Lüsternheit, sondern auch in allen anderen Situationen helfen, in denen mein Kopf „verrückt spielt“.

    Damit Sponsees in den zweiten Schritt hineinkommen, bitte ich sie, folgende Texte zu lesen:

     

    • Das Kapitel „Wir Agnostiker“ im Buch „Anonyme Alkoholiker“ (Blaues Buch)
    • Die Kapitel zum zweiten Schritt in „Anonyme Sexaholiker“ und in „Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen“
    • Die Versprechen (im Blauen Buch im neunten Schritt auf Seite 96: „Wenn wir in diesem Abschnitt unserer Entwicklung sehr gewissenhaft sind, …“)

     

    Dann bitte ich sie, das Folgende zu tun/ folgende Fragen zu beantworten:

    • Liste sorgfältig und genau auf, wie du werden (dich verändern) möchtest. Praktiziere in der kommenden Woche auch im Alltag durchgehend Selbstliebe.
    • Liste auf, welche Verrücktheiten du aus deinem Leben heraushaben möchtest und welche Formen geistiger Gesundheit du hineinbekommen möchtest (jeweils 10 Gesichtspunkte)
    • Liste die Besessenheiten auf, die du heute hast (soweit nicht schon im Schritt 1 erfolgt)
    • Kannst du dich an eine Zeit oder Situation erinnern, in der eine Kraft oder Macht, größer als du selbst, etwas für dich getan hat, was du nicht für dich selbst tun konntest? Schreibe ein oder zwei dieser Situationen auf. Sei dabei präzise. Wenn möglich, schreibe etwas auf, was Bezug zu deiner Sexsucht hat.
    • Vervollständige diesen Satz, so oft und vielfältig du kannst:
      – Ich bin dankbar für/ dass … (Liste mindestens 10 Punkte auf)

    Mit diesen Fragen können Sponsor und Sponsee ins Gespräch kommen. Bisher konnte ich jedem Sponsee versichern, dass seine aufgeschriebene Sehnsucht danach, sich zu verändern und gesund zu werden, in Erfüllung gehen kann.

    (Zuletzt geändert: 24.07.2019)

  • Der erste Schritt: das Eingeständnis einer Niederlage

    Der erste Schritt bedeutet das Eingeständnis einer Niederlage.

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  • Nur Selbstbefriedigung?

    Im Jahr 2008 kam ich zum ersten Mal zu AS. Ich ging ungefähr ein Vierteljahr lang regelmäßig in die Meetings. Unmittelbarer Anlass war die Erfahrung des Kontrollverlustes über meinen Pornografiekonsum.

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  • Nur für Heute

    Es gibt schwierige Tage. Tage, an denen ich mich überfordert fühle und mir alles schwer und bedrückend erscheint. Zu Beginn der Trockenheit war dies häufiger so. Damals half mir ein Satz meines Sponsors:

    An manchen Tagen ist es deine einzige Aufgabe, abends trocken ins Bett zu kommen.

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  • How-To…? Schrittearbeit: Schritt 1, als Sponsor mit Neuen und in der Trockenheit

    1) Ein Hinweis an Neue

    Ein Hinweis an Leser, die an AS interessiert sind, aber noch in keinem Meeting waren oder keinen Sponsor haben:

    Versuchen Sie die Schrittearbeit nicht auf eigene Faust. Ich hatte das zunächst gemacht und bei mir hat es nicht funktioniert. Sie könnten überwältigt werden von Scham, Trauer, Selbsthass und Selbstmitleid. Das würde Sie nur tiefer in die Sucht treiben. Wenn Sie diese Internetseite anspricht, dann nehmen Sie Kontakt zu den Anonymen Sexaholikern auf und gehen Sie in ein Meeting. Sie können dies absolut anonym tun und sind in den geschlossenen Meetings sicher und geschützt. Dort können Sie von den Geschichten der anderen lernen und, wenn Sie möchten, selber mit Unterstützung eines Sponsors die Schritte arbeiten.

    Ein Sponsor ist ein trockener Sexsüchtiger, der bereits eine gewisse Gesundung erfahren hat und der Sie mit seiner Erfahrung dabei unterstützt, selber auf den Weg der Genesung zu kommen – und dort auch zu bleiben! Sponsorschaft kostet nichts und ist stets und zu jeder Zeit freiwillig. Der Sponsor unterstützt andere Betroffene, weil es ihm selber dabei hilft, trocken zu bleiben.

    2) Schritt 1 als Sponsor mit Neuen

    Wenn ein Newcomer mit der Schrittearbeit beginnt, gebe ich ihm zunächst einige Basis-Texte und erläutere ihm die Werkzeuge, die für Neue besonders wichtig sind (siehe die Howto-Rubrik „Basis-Texte und Werkzeuge, besonders für Neue“).

    Dann empfehle ich ihm Folgendes:

    Lies folgende Texte:

    • Aus dem Buch „Anonyme Alkoholiker“ die Vorworte, „Aus der Sicht des Arztes“ und die Kapitel 1 bis 4
    • Aus dem Buch „Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen“ den Vorspann und Schritt 1
    • Aus dem Buch „Anonyme Sexaholiker“ in Teil II den Abschnitt „Überwindung von Lüsternheit und Versuchung“; später dann Teil I „Das Problem“
    • Außerdem gebe ich dem Sponsee den Text des AS-Flyers zur Inventur im ersten Schritt.

    Nachdem der Neue mindestens vier Wochen trocken geblieben ist, bitte ich ihn, Fragen zu beantworten, die ihm helfen, die Aussichtslosigkeit seiner Situation zu erkennen. Oft glaubt ein Newcomer noch, seine Sucht „eigentlich“ kontrollieren zu können. Solange das so ist, wird er in der Regel nicht die erforderliche Bereitschaft aufbringen, die Trockenheit an die erste Stelle zu setzen. Nur dann kann er aber trocken bleiben.

    Arbeitsblatt:

    Für die Erste-Schritt-Inventur verwende ich auch folgenden Text/ folgendes Arbeitsblatt (Quelle für die folgenden Absätze bis zu der gestrichelten Linie: „AS, Sponsorschaft-per-Post-Programm für Strafgefangene“, von mir modifiziert):

    Schritt 1 lautet:

    Wir gaben zu, dass wir der Lüsternheit gegenüber machtlos waren – und unser Leben nicht mehr meistern konnten.

    In diesem Schritt werde ich mir ohne jeden Zweifel absolut klar darüber, dass ich ein Sexaholiker bin (der Lüsternheit gegenüber machtlos), und dass mein Leben ein totales Durcheinander ist (nicht mehr zu meistern). Ich werde erkennen, dass ich viel zu viel Zeit damit verbringe, über Sex nachzudenken (Besessenheit), und dass ich nicht mehr dazu in der Lage bin, mein sexuelles Verhalten zu kontrollieren (Zwang). Ich werde die wesentlichen Punkte meiner Geschichte in zwei Teilen aufschreiben:

    a) Ich bin der Lüsternheit gegenüber machtlos. (Hierzu gehören beispielsweise: früheste Erfahrungen, Selbstbefriedigung, Magazine, Filme, Fetische, Sexshops, Telefonsex, Online-Kontakte, Beziehungen zu Frauen, Männern etc.)

    – bitte aufschreiben –

    b) Mein Leben ist nicht mehr zu meistern. (Hierzu gehören beispielsweise: Auswirkungen auf Eltern, Ehepartner, Kinder, Ehescheidung, Freunde, Finanzen, Arbeit, Verhaftungen, Vorstrafen etc.)

    – bitte aufschreiben –

    (Ende des Arbeitsblatts)

    ——————————–

    Manchen Neuen erscheint es zunächst unvorstellbar, diese Dinge einem anderen Menschen anzuvertrauen. Ich kann nur Mut dazu machen. Die eigene Geschichte zu erzählen ist der erste Schritt dazu, dass sie Vergangenheit werden kann. Es ist vor allem auch der wichtige erste Schritt dahin, die Scham loszulassen und sich auf den Genesungsweg zu begeben (zum zentralen Thema „Scham“ siehe diese Blogbeiträge).

    Es gibt auch noch andere hilfreiche Fragen. Außerdem hat AS das Schrittearbeitsbuch „Step into Action – Die Zwölf Schritte in der täglichen Praxis“, mit dem viele AS-Freunde die Schritte arbeiten. Es enthält Erfahrungen, Ideen, Fragen zum Nachdenken und Vorschläge zur Umsetzung der Schritte.

    3) Schritt 1 in der Trockenheit

    Wie mit allen Schritte, war ich auch mit Schritt 1 nicht „fertig“, nachdem ich ihn einmal gearbeitet hatte. Schritt 12 spricht davon, dass wir versuchen, die zwölf Schritte in allen unseren Angelegenheiten anzuwenden. Das heißt, ich arbeite sie einmal gründlich durch. Danach gehen sie in den „Dauerbetrieb“.

    Nach einer gewissen Zeit der Trockenheit kann Leichtsinn aufkommen. Vielleicht schleicht sich die (Wahn-) Vorstellung ein, die Lüsternheit doch ein bisschen kontrollieren zu können. Hier mal lüstern hinschauen. Da mal eine Phantasie zulassen. Dort darüber sinnieren, dass xy ja wirklich gut aussieht…

    Diese Versuche, kontrolliert zu trinken, enden bei wirklich Süchtigen im Rückfall, denn ich bleibe der Lüsternheit gegenüber machtlos, auch wenn ich mir vielleicht eine Zeitlang etwas anderes vormachen kann. Deshalb gibt es keinen anderen Weg, als den Schritt 1 täglich „neu zu gehen“. Ein Werkzeug hierzu kann eine tägliche Erneuerung oder ein Programm-Telefonat sein.

    Eine weitere Möglichkeit ist ein jährlicher Durchgang durch das Programm. So kann ich im Januar die Texte oben zum ersten Schritt erneut lesen und mich dabei fragen:

    • Wo stehe ich in Bezug auf den ersten Schritt?
    • Habe ich Geheimnisse in Bezug auf Lüsternheit? Bewege ich mich vielleicht schon auf der Grenze zum Rückfall und mache mir und anderen etwas vor?
      – Konkret: Was sind meine „versteckten Flaschen“? Wann „trinke“ ich heimlich? Zum Beispiel: Schaue ich im Internet auf triggernde Bilder? Wann? Auf welche? Schaue ich abends in das erleuchtete Schlafzimmer der Nachbarn? „Trinke“ ich Arbeitskolleginnen „in mich hinein“ bei Besprechungen oder beim Mittagessen? Werfe ich als Autofahrer lüsterne Blicke auf Andere?
      – Schreibe alles ehrlich auf und teile es mit Deinem Sponsor.
    • Was tue ich, wenn ich „lüstern getrunken“ habe? Teile ich darüber? Lasse ich es anschließend los? Oder lege ich mir ein heimliches inneres Fotoalbum oder eine innere Videothek an?
    • Habe ich weiter den Wunsch, trocken und nüchtern zu bleiben? Gibt es etwas, was ich dafür tun muss, z.B.
      – eine aktuelle Erste-Schritt-Inventur teilen,
      – öfter ins Meeting gehen,
      – regelmäßiger Kontakt zu meinem Sponsor haben,
      – selber sponsoren,
      – mich mehr bei AS einbringen („Dienst hält trocken“).

    Es geht nicht um gute Vorsätze, sondern um Handlungen der Genesung! Tue das Richtige, die richtigen Gedanken und Gefühle folgen dem richtigen Handeln!

    Ich musste mich im Laufe meiner Trockenheit auch immer mal wieder neu auf das Programm ausrichten. Tatsächlich kann ich mich heute zwar noch gut an den „Kick“ erinnern, den das lüsterne Ausagieren brachte, aber viel weniger an den Schmerz und das Leid. Deshalb ist es so wichtig für mich, die Erinnerung wach zu halten und auch den ersten Schritt lebendig zu halten!

  • Die Sprache des Herzens

    Mitte 2012 wandte ich mich hilfesuchend an einen AA-Freund von dem ich wusste, dass er auch bei AS war. Während eines langen Spaziergangs erzählte ich ihm, wie es um mich stand. Ich erzählte ihm gerade auch die Dinge, für die ich mich schämte und zwar alles. Damals hätte ich es nicht so nennen können, aber heute weiß ich, dass ich damals bei ihm einen „ersten Schritt“ gemacht habe.

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