Schlagwort: Lüsternheit

  • Suchtstoff, Suchtprozeß und die besten Jahre

    Als ein Freund beschrieb, wie er in den Rückfall gegangen ist, wurde mir wieder deutlich, was es bedeutet, dass Lüsternheit nicht körperlich ist und noch nicht einmal ein starkes sexuelles Verlangen (so steht es im Buch „Anonyme Sexaholiker“). Der Weg zum sexuellen Ausagieren beginnt früh:

    Lüsternheit ist ein Prozess. Es ist zum Beispiel dieses Zum-Handy-Greifen und Versinken in irgendwelchen Abfolgen von Nachrichten, Bildern, Filmchen und Musik. Es ist das voyeuristische Zuschauen, das Sich-Heineinziehen-Lassen, das Immer-Mehr und Nie-Wieder-Aufhören wollen. Nur immer mehr und mehr!!! Nie wieder zurück müssen in das normale Leben da Draußen, das doch nichts zu bieten zu haben scheint angesichts dieses ziehenden Strudels. Und dann, manchmal schon als Startpunkt, manchmal erst nach Stunden, wird noch die Zutat „sexuelle Darstellung“ hinzugefügt, was zum endgültigen Wegdriften, Hineinfallen, Sich-Aufgeben und -Auflösen führt. Lüsternheit ist so die ultimative Zutat, die den Kontrollverlust herbeiführt. Der Körper mag als materieller Träger oder Werkzeug der Lüsternheit mit in den Suchtprozess gebracht werden, es kann aber auch bei Bildern bleiben.

    Deshalb ist es für den Sexsüchtigen so risikoreich, sich in diese Prozesse zu begeben. Der Prozess ist potentieller Bestandteil des Suchtkreislaufs – das Sexuelle „nur“ eine Zutat, bei der ich aber oft schon nicht mehr die Wahl habe, sie doch noch wegzulassen.

    Und anschließend das Elend des Wiederauftauchen-Müssens, die Scham, der Schmerz, der Kater, die Verzweiflung, vielleicht auch schon die Selbstrechtfertigung und die Verharmlosung – irgendwer muss doch „Schuld“ sein! Es kann doch nicht an mir liegen.

    Im Buch „Anonyme Alkoholiker“ gibt es einen Satz, der ein Versprechen ist. Er lautet:

    Die besten Jahre liegen noch vor Ihnen.

    Als ich noch im Sumpf der Sucht steckte, konnte ich das nicht glauben. Aber ich erinnere mich noch: Als ich zuerst zu AA und dann zu AS kam, da erlebte ich die Leute, die das hatten, was ich auch wollte: Ein richtiges, nüchternes Leben, mit einem Partner und mit einem Alltag, den sie so gestalteten, wie sie ihn selber gestalten wollten (und nicht, wie es die Sucht vorgab). Und ich glaubte und wünschte und hoffte – so ein Leben wollte ich auch. Ich würde es bekommen! Die besten Jahre liegen noch vor mir! Mit dieser Hoffnung und diesem Glauben hatte ich zugleich den zweiten Schritt vollzogen, ohne dass es mir bewusst war. (Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht oder Kraft, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.)

    Heute habe ich dieses Leben, was ich mir gewünscht habe. Es ist voller Überraschungen. Ein Abenteuer, und wie bei jedem richtigen Abenteuer, auch manchmal schwierig oder ängstigend. Aber es ist genau so gut, wie es ist! Und die Entwicklung ist ja noch nicht zu Ende: Wieder liegen die besten Jahre vor mir – und ich freue mich darüber!

  • Ich „habe“ nicht nur eine Sexsucht, sondern ich „bin“ Sexaholiker

    Was mich betrifft, so erscheint mir bisweilen die Formulierung „ich bin Angst“ zutreffender für meine innere Verfassung als „ich habe Angst“. – David K. Reynolds, Die stillen Therapien, Essen 1994, S. 23

    Bei den Anonymen Sexaholikern stellen sich viele zu Beginn eines Wortbeitrags im Meeting mit dem Satz vor: „Ich bin [Name], Sexaholiker“. Manche Neue lehnen das zunächst für sich ab. Sie sagen, dass sie es nicht gut finden, denn sie würden sich doch nicht über ihre Sucht definieren wollen! Es wäre doch gerade ihr Ziel, den Zwang loszuwerden!

    Als ich 2008 zuerst vom Alkohol trocken wurde, habe ich wahrscheinlich auch noch so etwas gesagt. Dann wurde ich davon trocken und habe kennengelernt, wie befreiend es ist, zu kapitulieren, das heißt: Loszulassen.

    Als ich dann aber 2012 zu den Anonymen Sexaholikern kam, konnte ich es sofort laut sagen. Es war eine Erlösung: Ja, ich bin Sexaholiker! Mein ganzes Wahrnehmen, Denken und Wollen ist von dieser Sucht beeinflusst, getrübt und oft sogar völlig von ihr bestimmt! Ich bin Sexaholiker und ich bin machtlos! Dieses Eingeständnis war die Befreiung. Denn damit war auch klar, dass ich tatsächlich krank war. Meine Persönlichkeit war beschädigt und beeinträchtigt und ich brauchte Hilfe, um wieder gesund zu werden.

    Der noch „nasse“ Sexaholiker kann aufgrund seiner Sucht nicht anders, als immer wieder den Wagen vor das Pferd zu spannen: Er nimmt Lüsternheit zu sich und versucht anschließend, die Art oder Menge dieser Giftzufuhr zu kontrollieren. Da er krank ist, lüsternheitskrank, funktioniert aber gerade das nicht. Dem Konsum von Lüsternheit folgt immer die „Sauftour“, mögen Vorsatz oder Notwendigkeit, diesmal nicht abzurutschen, noch so stark sein. Die Abfolge:

    Lüsternheits-Konsum, Gefühl der Erleichterung, Auftreten des süchtigen Verlangens, Durchgang durch die Stadien einer „Sauftour“ (süchtiger Konsum) und dann, nach der Sauftour: Scham und der Vorsatz, es beim nächsten Mal besser zu kontrollieren oder es ab jetzt ganz zu lassen,

    ist für den wirklich Süchtigen zwingend und unvermeidbar – bis zur Kapitulation, das ist das Eingeständnis der Niederlage:

    Ich bin Sexaholiker!

    Und es ist eine Befreiung und von da ab kann Genesung beginnen. Bei AS habe ich gelernt, dass es außer dem Ausagieren auf der einen und dem Unterdrücken der Gier auf der anderen Seite noch diese dritte Option gibt: Aufzuhören zu kämpfen und sich, mit Hilfe der höheren Kräfte, die ich trocken „anzapfen“ kann, von der Fixierung auf die Sucht abzuwenden und ein neues Leben ohne Suchtmittel zu beginnen.

    Das hört sich für diejenigen, die noch drinhängen, theoretisch an. Es ist wie mit allen Erfahrungen: Ich muss sie selber machen! Wer noch nie geschwommen ist, hat Angst vorm Wasser und weiß nicht, was für ein wunderbares Gefühl es ist, darin zu „schweben“ und davon getragen zu werden. Wenn es ihm einer erzählt, hilft das nicht: Er muss selber schwimmen lernen und es erleben!

    Ich versuche heute, mich diesem Fluss des Lebens anzuvertrauen. Ich brauche nicht mehr wegzulaufen. Ja, ich bin ein Sexaholiker! Aber dieser Defekt hat mich zu meinem heutigen Leben geführt in dem ich mich wohl fühle und das ich für keinen Rausch mehr eintauschen möchte!

    Als ich das Eingangszitat von Reynolds gelesen habe, hat es mich gefreut, dass dies ein Psychologe (in Bezug auf Angst) auch so erfahren hat. Und bei Reynolds bedeutet dies gerade nicht Passivität, ganz im Gegenteil.

    Nach dem befreienden Ausruf „Ich bin ein Sexaholiker“ kommt es darauf an, das zu tun, was getan werden muss!

    Changes beginn with action. – David K. Reynolds, Playing Ball on Running Water, 1984, S. 16

  • Rückfallprophylaxe (II): Was ist das „erste Glas“ des Sexsüchtigen und wie „lässt man es stehen“?

    Dieser Blogbeitrag baut auf dem vorherigen Beitrag auf, in dem das „süchtige Verlangen“ und der „Suchtkreislauf“ beschrieben werden.

    (Ein erster Beitrag über Rückfallprophylaxe/ Rückfallvorbeugung ist hier zu finden.)

    Die Grundlage der Anonymen Sexaholiker war die Entdeckung, dass das Genesungsprogramm der Anonymen Alkoholiker auch bei Sexsucht wirkt. Ersetzt man im Buch „Anonyme Alkoholiker“ das Wort Alkohol durch Lüsternheit (oder in manchen Fälle durch Sexualität oder sexuelles Ausagieren) dann kann sich der Sexaholiker mit den dort geschilderten Erfahrungen der Alkoholiker identifizieren. Und so, wie die Suchterfahrung die gleiche ist, ist auch der gleiche Genesungsweg möglich!

    Da die Texte der Anonymen Alkoholiker auch die Grundtexte von AS sind, stammen auch viele bei AS gebräuchliche Formulierungen aus dem Bereich des Alkoholismus; so auch das Schlagwort vom „ersten Glas“.

    Das erste Glas stehenzulassen, ist unerlässlich dafür, nüchtern zu bleiben. Denn der Konsum des ersten Glases Alkohol löst den körperlichen Zwang aus, weiterzutrinken. Die Anonymen Alkoholiker bezeichnen dieses Zwang als süchtiges Verlangen (craving), und dieses süchtige Verlangen führt wegen des vom Alkoholiker erlittenen Kontrollverlustes vom „ersten Glas“ zwangsläufig zur Sauftour.

    Deshalb muss ich, um nicht wieder trinken zu müssen, dieses erste Glas stehen lassen. Und um das erste Glas stehen lassen zu können, muss ich das verdrehte Denken loswerden, das mich immer wieder dazu bringt, das erste Glas zu trinken, obwohl ich schon tausendmal die Erfahrung gemacht habe, dass ich nach dem ersten Glas nicht mehr kontrolliert trinken kann, sondern „saufen“ muss.

    Denn das ist der Suchtkreislauf, der auf Dauer nur durch eine grundlegende Veränderung der eigenen Persönlichkeit zum Stillstand gebracht werden kann:

    Verdrehtes Denken – erstes Glas – süchtiges Verlangen – Sauftour – Reue, Verzweiflung, Schwur: „Nie wieder“ – verdrehtes Denken – erstes Glas …

    Was ist denn das „erste Glas“ des Sexsüchtigen? Und wie kann er es stehenlassen?

    Beim Alkohol ist einfach: Das erste Glas zu trinken bedeutet, eine Flüssigkeit zu sich zu nehmen, die Alkohol enthält.

    Und was ist es beim Sexaholiker, das dieser zu sich nimmt, das das verheerende süchtige Verlangen auslöst?

    • Der Stoff heißt Lüsternheit. Der Süchtige produziert ihn selbst, innerlich.
    • Lüsternheit kann einen körperlichen Auslöser oder Anknüpfungspunkt (den Anblick einer Person, eines Objektes, Parfümgeruch etc.) haben. Letztlich ist Lüsternheit aber nicht an einen „Stoff“ (Körper) gebunden. Sie ist eine „Kopfsache“.
    • Deshalb kann ich als Sexaholiker trinken, ohne dass irgendetwas Äußerliches passiert. Das Trinken des ersten Glases findet in mir statt, in meiner Seele: insbesondere als Phantasie, als innerer Film im Kopfkino.

    Ein Beispiel:

    Ich bin besonders in Gefahr, innere Bilder zu „trinken“ in der Zeit vor dem Einschlafen und nach dem Erwachen. In diesen Zeiten kann Folgendes geschehen: Ich denke zum Beispiel an eine Frau. Wie sie aussieht. Eigentlich sieht sie ja nett aus. Und sie zieht sich auch gut an. Schon läuft der Film. Und er kann eine Sequenz später eine Sexszene oder eine Eheschließung beinhalten, eine romantische Verwicklung oder schlicht pornographische Bilder.

    Deshalb ist einer der ersten und wichtigsten Grundsätze der Genesung von der Sexsucht:

    Wenn ein Bild in Dir aufsteigt, mache aus ihm keinen Film!

    Denn: Wer sich als Sexaholiker ein „inneres Kino“ als „Entspannungsmittel“ etc. leistet, ist auf dem Weg in den Rückfall ! Bei solchen Phantasien handelt es sich um einen klassischen Versuch, kontrolliert zu trinken.

    Aber als Sexaholiker habe ich gerade diese Fähigkeit, kontrolliert lüstern zu sein, verloren (siehe den vorangegangenen Blogbeitrag). Natürlich können z.B. während des Einschlafens ungewollt Bilder auftreten. Mir hilft in solchen Situationen ein Gebet, das sie überlagert und verdrängt, und dazu führt, dass ich nicht in sie „einsteigen“ muss. Sollten sie belastend in Erinnerung bleiben, teile ich sie explizit mit einem Programm-Freund (was das bedeutet, siehe unten).

    Weiter in der Aufzählung, was beim Sexaholiker „erste Gläser“ sein können:

    • Ich kann mir auch äußere Objekte durch einen Blick heranholen („lüstern trinken“), um in mir den Kick auszulösen, der der Wirkung des ersten Glases beim Alkohol entspricht! Für einen solchen Blick, z.B. auf eine Frau, genügt die Zeitspanne eines Wimpernschlages!

      In der AS-Literatur wird dieser Blick mit einer Spinne verglichen, die aus ihrer Lauerposition hervorschnellen kann, um sich ihre Beute zu sichern. Der Sexaholiker lässt seinen süchtigen Blick hervorschnellen und holt sich das lüsterne Beutebild in sein Inneres.

      Es ist in vielen Fälle eine Lüge, wenn ich als Sexsüchtiger sage, ich habe „versehentlich“ etwas gesehen. Das Sehen ist eine Aktion, eine Handlung. Versehentlich aufgenommene Bilder sind kein Problem, wenn sie nicht festgehalten werden.

    Ein Beispiel:

    Ich sehe aus dem Augenwinkel eine Frau im Bus an mir vorbeigehen, die ein Kleid trägt, das einen Brustausschnitt haben könnte. Es reicht ein einziger Beute-Blick auf diesen Ausschnitt, um mir ein Bild für mein inneres, lüsternes Fotoalbum zu verschaffen. Meine innere Kellerbar. Ich erlebe es sogar, dass ich erst dem Blick widerstehe, aber dann in die sich öffnende Bustür schaue, in deren Glas sich die Vorderseite der Person spiegelt. So tückisch und gierig ist die Sucht.

    Deshalb sind weitere, zentrale Elemente der Genesung:

    • Höre auf, lüstern zu blicken!
    • Wenn Du versehentlich ein Bild aufnimmst, lasse es sofort wieder los.
    • Wenn Du es nicht sofort loslassen kannst (z.B. weil Du es nicht versehentlich, sondern willentlich aufgenommen hast), teile das Bild explizit mit Freunden im Programm.

    Zu den Punkten 2 und 3:

    • Wenn Du versehentlich ein Bild aufnimmst, lasse es sofort wieder los.

    Manchmal blicke ich beim Autofahren auf eine Radfahrerin, wenn ich einen Schulterblick mache. Oder kreuzende Fußgängerinnen sind leicht bekleidet. Ganz überwiegend kann ich diese Bilder sofort loslassen (kapitulieren). Ich sage leise:

    Gott, was immer ich [spezifische Bezeichnung des Gesehenen, z.B. „an dem Po dieser Radfahrerin“] suche, bitte lass‘ es mich in Dir jetzt finden.

    Denn was könnte mir ein Festhalten dieses Bildes geben? Aufregung, Betäubung, einen Kick? Zu welchem Preis? Das, was ich in meinem Leben wirklich suche: Geborgenheit, Sicherheit, Angenommen-Sein – das kann mir dieses Bild nicht geben. Ich lasse es los! Ich wende mich der Kraftquelle zu, die mich emotional-geistig mit dem versorgen kann, was ich wirklich suche.

    • Wenn Du es nicht sofort loslassen kannst (z.B. weil Du es nicht versehentlich, sondern willentlich aufgenommen hast), teile das Bild explizit mit Freunden im Programm.

    Bilder, die ich mir wie eine Spinne ihre Beute eingefangen habe, kann ich anschließend in der Regel nicht einfach loslassen. Diese Bilder sind wie eine kleine Menge Alkohol in meinem Organismus, die, wenn ich nichts unternehme, bereits nach „mehr“ ruft. Ohne eine Handlung der Genesung werde ich irgendwann das nächste Bild hinzufügen. Und das nächste. Und dann folgt irgendwann zwangsläufig die Sauftour. Ich habe keine Möglichkeit, diesen Punkt vorher sicher zu erkennen und zu vermeiden. (Könnte ich dies, hätte ich ja doch die Kontrolle. Ich wäre kein Sexaholiker.)

    Um solche Bilder loslassen zu können, muss ich sie ans Licht bringen. Dies geschieht, indem ich das Bild explizit mit einem Programmfreund teile. Dazu genügen (bei mir) wenige Sätze, z.B.:

    Ich möchte gerne etwas explizit teilen. [„Gerne“, sagt der Freund.] Ich habe heute einer Radfahrerin, die einen Rock trug, auf den Po geschaut und ihre braunen Beine gesehen. Ich lasse das jetzt los. Danke, dass ich das Bild teilen durfte. [Freund: „Danke für dein Teilen.“]

    Dieses spezifische oder explizite Teilen (siehe dazu hier und hier) ist für mich a) unerlässlich und b) bewirkt zuverlässig das Wunder, loslassen zu können.

    Ein Schlüsselerlebnis war für mich der Besuch einer Aufführung, bei der ich vorher nicht an die Möglichkeit gedacht hatte, dass die Darstellerinnen extrem triggernd für mich angezogen sein könnten. Zum Glück fand ich die Kraft, die Vorstellung sofort zu verlassen (das AS-Programm wirkte also zum Glück schon). Der Eindruck war aber so stark, dass ich das Gesehene nicht loslassen konnte. Ich griff zum Mobiltelefon und sprach dem ersten Freund das Erlebte auf den AB. – Ich konnte es nicht loslassen. Ich sprach dem nächsten Freund auf den AB – und konnte es immer noch nicht loslassen. Den dritten Freund erreichte ich persönlich. Als ich ihm alles schilderte, fiel die Last von mir ab. Wieder frei geworden. Wieder ein Genesungsgeschenk.

    Wichtig: Ich brauche für meine Genesung von der Sexsucht Meetings der Anonymen Sexaholiker, einen Sponsor und das Zwölf-Schritte-Programm. In diesem Rahmen wirkt das oben Geschilderte. Meine vorangegangenen Versuche, nur auf der Grundlage meiner eigenen Kraft das erste Glas stehen zu lassen, waren immer gescheitert.

    Meine Überempfindlichkeit erlebe ich heute nicht mehr nur als anstrengend, sondern auch als großes Geschenk: Das Geschenk der Bewusstheit und des Wachseins. Das Ende des Selbstbetruges und der Unehrlichkeit. Mein Leben lang habe ich danach gesucht. Die Sucht, Ausdruck größter Unfreiheit, wird so zum Anstoß und zum Ermöglicher der Freiheit!

  • Ich bin frei, weil ich machtlos bin

    In Bezug auf mein sexuelles Ausagieren habe ich meine Machtlosigkeit erfahren. Ich wollte nicht wieder x Stunden Pornografie konsumieren. Ich wollte nicht wieder zu diesem erbärmlichen Straßenstrich fahren. Aber ich konnte nicht anders. Ich hatte sogar mein Auto verkauft, in der Hoffnung, es lassen zu können. Dann ging ich eben zu Fuß ins Laufhaus. Ich konnte es nicht lassen.

    Erst bei AS begriff ich, dass die Sexualität gar nicht das Problem ist. Was ist z.B. an dem Konsum von Bildern oder am Im-Kreis-Fahren am Straßenstrich schon „sexuell“? Oder am voyeuristischen Schauen? Die Lüsternheit ist das Problem, dieses süchtige innere Ziehen und Zerren und Pushen. Die Sexualität kann dann im Paket dessen, was die Lüsternheit auslöst, Folge sein – oder auch nicht.

    Dann, endlich „trocken“, wurde es wieder schwierig mit der Machtlosigkeit. Es widerstrebt mir manchmal, zu sagen, ich sei machtlos. Denn: Bin ich nicht trocken? Wieso soll ich denn machtlos sein? OK, ich bete, die Höheren Kräfte helfen mir dabei. Aber bin nicht ich es, der etwas tut?

    Ja, ich tue was. Aber ich kann wirklich nichts daran kontrollieren, was aus dem, was ich tue, wird.

    Am deutlichsten wird die Machtlosigkeit wieder am Beispiel Lüsternheit. Sobald ich wieder Lüsternheit zu mir nehme, zum Beispiel einer Frau auf den Po schaue oder ein in meinem Kopf aufkommendes Bild zum Film mache, gerate ich in Not. Die Allergie, die körperliche Überempfindlichkeit droht, ausgelöst zu werden. Hilferufend wende ich mich an meine Höhere Macht. – Noch einmal gut gegangen. (Oder auch nicht, ich kann es nicht kontrollieren. Lüsternheit „trinken“ bedeutet, sein Schicksal zu versuchen.) (Zu den zwei Elementen der Sucht, die das Blaue Buch als „Obsession/ Besessenheit“ und „Allergy/ Allergie“ bezeichnet, habe ich hier etwas geschrieben).

    Tatsächlich bin ich sogar in jeder Hinsicht machtlos. In Bezug auf alles, wo mein Ego und meine Forderungen ins Spiel kommen. Ich kann nichts wirklich Wesentliches selbst bestimmen. Ich hatte z.B. für die vergangene Zeit und die Kar- und Ostertage so viel geplant. Und bin jetzt wegen der Corona-Krise zu Hause. Alle diese Planungen erschienen selbstverständlich. Und haben sich doch in Luft aufgelöst.

    Und erst Recht bin ich machtlos in Bezug auf alle existenziellen Fragen: Geburt (wo auf der Welt, bei welche Eltern, in welchen Verhältnissen), Gesundheit, Tod, weltpolitische Entwicklungen: machtlos, machtlos, machtlos.

    Natürlich kann ich versuchen, meinen Teil beizutragen und zum Beispiel Gifte vermeiden und nicht zu ungesund leben. Mich fortbilden. Mich um meine Verantwortlichkeiten kümmern. Aber das Ergebnis kann ich nicht kontrollieren.

    Vielleicht ist das Machtlosigkeit in einem Satz:

    Ich kann meine Fußarbeit machen, aber das Ergebnis nicht kontrollieren. Und zwar kein Ergebnis, in Bezug auf gar nichts.

    Meine Schwierigkeit, meine Machtlosigkeit immer wieder anzuerkennen – und die Freiheit zu genießen, die darin liegt! – rührt auch von meinem Aufwachsen her. Die Erfahrung des  Verlassen-Werdens, die Gewaltzeugenschaft: Ich war ständig auf der Hut und in Anspannung. Machtlosigkeit war real und doch etwas schwer Auszuhaltendes. Das wollte ich nie wieder. Statt dessen versuchte ich, zu kontrollieren. Ich soll also etwas – die Machtlosigkeit – anerkennen, das mir so viel Leid gebracht hat. Schwer!

    Und noch ein Gesichtspunkt: Meine Religion bringt mich nah an Gott. Ich bin nach Seinem Bilde, Ihm gleich, geschaffen, heißt es. Das verführt zu Größenwahn. Aber ich bin eben doch nicht Gott. Es geht mehr um die tiefe Bejahung einer Möglichkeit, nicht um die Beschreibung von etwas, was schon da ist. Es ist die Möglichkeit, überhaupt erst einmal Mensch zu werden. Dazu gehört, meine Machtlosigkeit anzuerkennen, mein Ego immer wieder loszulassen – und frei zu sein!

    Die Freiheit zu lieben, die mir die Machtlosigkeit gibt. Denn: Weil ich machtlos bin, muss ich nichts mehr kontrollieren! Ich darf leben, im Hier und Jetzt. Ich bin nur für meine Straßenseite verantwortlich, dafür, sie sauber zu halten. Sonst für nichts!

    Gott will uns glücklich, voller Lebensfreude und frei haben, heißt es im Blauen Buch. Der Weg dahin ist die Machtlosigkeit. Immer nur für Heute!

  • Corona-Krise (I)

    In den vergangenen zwei Tagen war ich bedrückt, kraftlos und hatte immer wieder Angst. Heute morgen wurde mir dann plötzlich klar, welche Besonderheit diese Corona-Krise für mich mit sich bringt. Worin ein Gesichtspunkt ihrer Ungeheuerlichkeit liegt.

    „Äußerlich“ sind Risiken dieser Krise überforderte Krankenhäuser und ein gewaltiger wirtschaftlicher Zusammenbruch. Auch die Sorge, dass Menschen krank werden könnten, mit denen ich verbunden bin, oder ich selber.

    Aber die besondere Schwierigkeit liegt noch auf einer anderen Ebene: Die geschilderten Gefahren lösen bei mir Angst aus. Es werden auch Ängste berührt, die in traumatischen Erfahrungen wurzeln. Was würde ich normalerweise in so einer Situation tun? Ich würde Meetings besuchen, den Gottesdienst, Vorträge, ich würde Gebet und Besinnung pflegen, mich mit meinem Sponsor und mit Freunden treffen, gemeinsam Essen und Kaffee trinken und wir würden gemeinsam Freude haben und Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen.

    Ich hätte also gegen diese aus meinen Tiefen aufsteigenden Ängste eigentlich Mittel, ich weiß, was zu tun ist, ich habe sie tausende Male angewendet – und jetzt, wo die Krise ungewöhnlich intensiv ist, tue nur Weniges davon – kann Vieles nicht tun. Die intensive persönliche Begegnung, zu zweit, in Gruppen, im Gottesdienst, eingeschränkt, verboten – durch Vorschriften und durch selbst auferlegte Distanz- und Rücksichtnahmegebote. Durch Vernunft.

    Das ist das Ungeheuerliche. Dass ich den aufsteigenden Ängsten nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln begegnen kann.

    Seitdem mir das klar ist, geht es mir wieder besser. Es ist der Kern dieser besonderen Situation, dass sie das Zwischenmenschliche schwächt. Sie greift unmittelbar die Institutionen der Freundschaft, Gemeinschaft und Begegnung an. Jetzt weiß ich, was für mich um so wichtiger ist:

    • Ich suche den Kontakt, isoliere mich nicht, spreche meine Angst aus, teile meine Schwäche und Erfahrung, Kraft und Hoffnung; in der Begegnung schrumpft die Angst bis zu dem Gefühl: Jetzt ist alles OK. Es helfen die Slogans:

    Gott legt niemandem mehr auf, als er tragen kann.

    Auch das geht vorüber.

    Loslassen und Gott überlassen.

    Gefühle sind wie Wolken: sie ziehen auf und sie ziehen wieder vorüber.

    Mut ist Angst, die gebetet hat.

    • Ich pflege meine Spiritualität: Gemeinsam mit meiner Frau und am Telefon mit anderen. Ich halte private Andacht während der Gottesdienstzeiten, mich gedanklich mit den Anderen verbindend, die das Gleiche tun.
    • Ich übe Dankbarkeit, schreibe Dankbarkeitslisten.
    • Ich prüfe, welche Formen von Dienst ich tun kann. Dienst hält trocken und bringt mich davon ab, die ganze Zeit um mich selbst zu kreisen.
    • Ich führe die Meetings per Telefon oder anders elektronisch fort, gehe in mehr Meetings, helfe dort mit.
    • Ich spreche regelmäßig mit meinem Sponsor.

    Angst macht krank. Sie ist der brüchige Faden, der das Gewebe meiner Existenz durchzogen hat. Sie ist die Triebfeder meiner Charakterfehler. Ich brauche Ent-Ängstigung.

    Ich kann die Angst nicht wegwünschen. Aber die beschriebenen Wege helfen mir, sie integrieren zu können. Sie ist ein Teil von mir – aber ich bin nicht sie. Ich kann aus ihr herauswachsen – das habe ich in den Jahren der Trockenheit im Zwölf-Schritte-Programm immer und immer wieder erfahren.

    Heute bin ich trocken und dankbar dafür, auf dem Weg zu sein. Was morgen ist, werde ich sehen. Ich bin so dankbar dafür, dass ich durch diese Situationen hindurch gehen kann, ohne lüstern zu trinken und ohne sexuell auszuagieren.

    Ich habe meine „Stimme“ wiedergefunden. Ich hoffe, auch in den nächsten Tagen hier schreiben zu können.

  • Ich habe kein Problem mit Pornographie, Selbstbefriedigung, Prostituiertenbesuchen…

    Das wirklich große Geschenk der Anonymen Sexaholiker ist die Erkenntnis, dass mein Problem nicht mein sexuelles Ausagieren ist. Mein Problem ist Lüsternheit. Lüsternheit führt zu sexuellem Ausagieren. Wenn ich Lüsternheit trinke, muss ich sexuell ausagieren. Seiner Lüsternheit weiter zu folgen und gleichzeitig trocken sein zu wollen ist wie schwimmen gehen ohne nass werden zu wollen.

    Deshalb fühlt sich Trocken-werden ja zuerst wie Sterben-müssen an. Nicht, weil ich keinen Sex mehr habe, sondern weil ich von meinem Suchtstoff, der Lüsternheit, entziehen muss. Lüsternheit ist nicht körperlich, sie benutzt nur den Sexualtrieb. Was soll an Pornographie körperlich sein? Deshalb hat das Ausagieren in der Sucht so wenig mit echter Sexualität zu tun, sondern mit Bildern, Filmen, Jagen, dem „Kick“, der abhängigen Verbindung, mit Objekten und Ähnlichem.

    Ich habe mich immer verzweifelt gefragt, warum ich so ausagieren muss. „So bin ich doch gar nicht, das will ich doch eigentlich gar nicht. Wieso kann ich nicht einfach eine liebevolle Partnerschaft haben?“

    Heute weiß ich die Antwort: Weil Lüsternheit ein Medikament für Angst, Wut, Schmerz, Aufregung und Groll ist. Mehr Angst – mehr Lüsternheit – mehr Scham – noch mehr Lüsternheit. Das Medikament wirkte, zu dem hohen Preis, dass es mich zerstörte. Als ich dieses Medikament weg lassen wollte, war da der kleine Autorvonmeinwegausdersexsucht, der gar nicht wusste, wie man ohne dieses Medikament leben kann.

    Der erste Schritt war, zu erkennen:

    • Ich bin kein schlechter Mensch, der gut werden will, sondern ein kranker Mensch, der gesund werden will.

    der Zweite:

    • Mein Problem ist Lüsternheit, nicht Sex. Ich muss, entsprechend zum Alkohol beim Alkoholiker, das „erste Glas“ stehenlassen, das heißt, aus dem lüsternen Bild keinen Film und keine Geschichte machen, sondern: Es abgeben, loslassen, „kapitulieren“. Und weil ich das alleine wirklich nicht kann, weil meine eigene Kraft auf diesem Gebiet versagt, muss ich die Höheren Kräfte, die Himmlischen Kräfte, Gott, wie ich ihn verstehe  – nenn‘ es, wie Du willst, aber tue es! – um Hilfe bitten.

    Gott, was immer ich [hier einsetzen, was gerade triggert, z.b.:] an dem Po dieser Frau suche, bitte lass‘ es mich in Dir jetzt finden.

    Gott, was immer ich in diesem Bild von Geschlechtsverkehr gerade suche, bitte lass‘ es mich in Dir jetzt finden.

    Und das soll helfen? Es hilft! Es unterbricht den Sog. Ich bin nicht mehr allein. Die Höhere Kraft ist, bereit, mir zu helfen. Und was suche ich eigentlich gerade?

    Oder steige ich ins lüsterne Wasser? Natürlich diesmal kontrolliert; ohne nass zu werden?

     

     

  • Weihnachten: Vom Sex-Livechat zu einem neuen Leben

    Ich habe in mir Erinnerungsbilder und Sequenzen, die für mich gefährlich sind. Sie steigen verstärkt in der Vorweihnachtszeit in mir auf.

    Weihnachten war für mich das Fest mehrtägigen Alkohol-Trinkens und mehrtägiger Lüsternheit. Ich erinnere mich an einen Heiligabend, an dem ich mich darauf freute, in meine Wohnung zurückzukommen, um einen Sex-Livechat im Internet aufsuchen zu können. Diese Möglichkeit hatte ich gerade neu entdeckt. Da waren dann in wenigen Minuten zig Euro verbraucht. Damit war damals eine weitere Grenze, die ich mir gesetzt hatte („Niemals Geld dafür im Internet ausgeben“), überschritten. Und hinter einmal überschrittene Grenzen kam ich nie wieder dauerhaft zurück.

    Es ist eine Spezialität der Sexsucht, dass gerade auch Handlungen und Bilder, die man bei klarem Verstand und Herzen niemals aufsuchen würde, in der Sucht selbst besonders „anziehend“ sind. das Buch „Anonyme Sexaholiker“ beschreibt dies mit den Worten:

    Wir waren süchtig nach Arglist, Kitzel und Verbotenem.

    Und dieser Sog des Arglistigen, Kitzels und Verbotenen wird sofort wieder aktiv, wenn ich mich den alten Erinnerungsbildern überlasse. Deshalb gilt bei der Sex- und Pornografie-Sucht uneingeschränkt das, was auch für die Alkoholsucht gilt:

    Ich werde vom ersten Glas betrunken, nicht erst vom letzten.

    Und diese ersten Gläser sind in mir! Ich muss nicht erst zum Kiosk oder zur Tankstelle gehen, um mir meinen „Stoff“ zu besorgen, sondern der Stoff ist in mir.

    In dem Buch „Anonyme Alkoholiker“ wird die körperliche Seite der Sucht so beschrieben, dass das erste Glas Alkohol ein körperlich eingeprägtes, süchtiges Verlangen auslöst, das dazu führt, dass ich mich anschließend weiter betrinken muss – auch wenn ich vorher noch so sehr vorgehabt habe, mein Trinken zu kontrollieren. Das ist die entsetzliche Talfahrt auch des Sexaholikers: Es reicht, an den Bildern und Filmsequenzen in mir zu „nippen“; der Sog würde mich innerhalb kürzester Zeit wieder dazu bringen, mich mit Lüsternheit zu besaufen. Und weil Lüsternheit auf nichts Rücksicht nimmt und nur ein Ziel – noch mehr Lüsternheit – kennt, vergiftet sich der Sexsüchtige innerlich mehr und mehr bei äußerlich vielleicht noch völlig intakter Hülle und Fassade.

    Ich habe mir damals immer eingeredet, es gäbe ja auch noch viele Bereiche in meinem Leben, die nicht von der Sucht eingenommen seien. Dabei konnte ich zum Schluss in keine Straßenbahn mehr einsteigen, ohne sofort alles danach abzuchecken, ob es irgendwo etwas geben könnte, was meine Lüsternheit füttert.


    Ich schreibe, weil Schreiben für mich Leben bedeutet. Meine Geschichten sind für mich wie ein schützendes Amulett. Sie stellen einen Genesungsraum her, in dem ich ohne Suchtmittel Leben kann.

    Eigentlich ist der Gegner übermächtig, die schützenden Wälle sind längst geschliffen, der Gegner reitet wie in einer Sage in die gefallene Burg ein: Ein übermächtig wirkender, dunkler Ritter auf einem gewaltigen Pferd. Eigentlich wäre ich verloren, bestenfalls noch Sklave. Aber keine Hoffnung.

    Aber trotzdem hat diese unbesiegbare Macht keine Gewalt mehr über mich. Ich darf leben! Das ist nichts selbst Erwirktes – es ist ein tägliches Geschenk der Schutzmächte, die wirken können, wenn ich vom Kampf und den magischen Zeichen der Gegenmächte zurücktrete, loslasse.

    Da sind vielleicht die Bilder, die Sequenzen, der Sog. Ich muss ihnen aber nicht mehr folgen. Ich darf trocken sein, frei.

    Das beschreibt eine Zeile des 23. Psalms, in der es heißt:

    Im Angesicht meiner Feinde deckst du den Tisch vor mich hin

    Ist das nicht ein großartiges (Weihnachts-) Geschenk? Ich muss nicht mehr weglaufen, nicht mehr kämpfen. Der Tisch für das Festmahl des Lebens ist gedeckt. Im Angesicht meiner Feinde! Das heißt: Die Sucht ist da. Aber sie hat in der Schutzzone der Höheren Kräfte keine Macht. Ich muss vor nichts mehr erschrecken und brauche mich vor nichts mehr ängstigen. Nur Loslassen und Gott überlassen.


    Der 23. Psalm

    Der Herr ist mein Hirte,
    Es wird mir nichts mangeln.
    Auf frischem Grün lässt er mich ruhn.
    Zum Lebensstrom führt er mich hin.
    Meine Seele läßt er genesen.
    Den Weg der Wahrhaftigkeit läßt er mich wandeln,
    In seines Wesens waltender Kraft.

    Und ob ich auch ginge
    im Abgrund der finsteren Todesschatten,
    Fürchte ich nimmer des Bösen Gefahr.
    Denn du bist bei mir,
    dein Stecken und Stab sind mir Stütze und Trost.

    Im Angesicht meiner Feinde deckst du den Tisch vor mich hin.
    Mein Haupt salbst du mit Öl.
    Meinen Becher schenkest Du mir voll.

    Ja, schenkende Güte, sie trägt mich all mein Leben.
    Und im Hause des Herrn,
    Der das Ich in mir spricht,
    Will auf immer ich ruhn.

    (nach der Übersetzung von Hermann Beckh)

  • Der Wunsch, die Lüsternheit aufzugeben

    Als ich zu AS kam, dachte ich, es würde jetzt darum gehen, mit meinen unerwünschten sexuellen Verhaltensweisen aufzuhören. Das ist auch ein Teil dessen, worum es geht. Die dritte Tradition zeigt aber, dass es eben nur ein Teil der Genesung ist. Sie lautet:

    Die einzige Voraussetzung für die AS-Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit der Lüsternheit aufzuhören und sexuell nüchtern zu werden.

    Zum einen geht es also schon um den Wunsch, sexuell nüchtern zu werden. Es gibt aber einen weiteren Wunsch, der in der zitierten Tradition sogar an erster Stelle steht: Den Wunsch, mit der Lüsternheit aufzuhören.

    Habe ich diese zwei Wünsche? (mehr …)

  • Was fordert die Sache? Zum Beispiel die Schritte 4, 10 und 5.

    Nicht aus Eitelkeit denken: der oder jener möchte man sein, sondern: was fordert die Sache?

    Hans Glaser

    Wenn sich mir ein lüsternes Bild immer wieder vor das innere Auge schiebt, dann möchten meine Bequemlichkeit oder meine Eitelkeit manchmal nicht das Erforderliche tun. „Es“ soll so vorübergehen. Ich spreche vielleicht ein kurzes Gebet: „Gott, bitte hilf mir.“ Wenn ich ehrlich wäre, müsste ich den Satz ergänzen: „Nimm es von mir, damit ich selber nichts tun muss. Ich will nicht sehen, was ich sehe. Ich will nicht so sein, wie ich gerade bin.“ Ich verleugne also meine Situation aus Bequemlichkeit und Eitelkeit. Ich möchte ein anderer sein, statt das von der Situation Geforderte zu tun.

    Dabei ist die Sache einfach. Wenn es um eine Erinnerung oder ein Bild geht, kann ich es entweder sofort loslassen – oder ich muss das Bild „ans Licht bringen“, also jemandem mitteilen.

    Jedes bewusste Wahrnehmen einer Schwierigkeit ist eine Form der Inventur, des vierten bzw. zehnten Schritts. Auch dieses Wahrnehmen eines lüsternen Bildes, das nicht weggehen will. Und jede Inventur, die dazu führen soll, dass ich loslassen kann, mündet in den fünften Schritt:

    Wir gestanden Gott, uns selbst und einem anderen Menschen die genaue Art unserer Fehler ein.

    Gott: „Gott bitte hilf mir. Ich kann dieses Bild nicht loslassen. Mit Deiner Hilfe kann ich es.“

    Uns selbst: Ich habe mich angeschaut und gesehen, ohne mich besser oder anders haben zu wollen. Ich habe an-erkannt, was ist. Ich habe Gott um Hilfe gebeten. Ich habe den Wunsch entwickelt, es loszulassen.

    Einem anderen Menschen: Ich greife zum Telefonhörer und teile einem Programm-Freund das Bild mit: „Mir steht immer wieder die Erinnerung vor Augen, wie ich [kurze, genaue Beschreibung, wie das Bild aussieht]. Ich lasse das jetzt los. Danke, dass ich es teilen konnte.“

    Für jedes lüsterne Bild, für jede Erinnerung, für jedes zwanghaft assoziierte Wort durchlaufe ich diesen Inventur-Prozess von Bestandsaufnahme (4. und 10. Schritt), Um-Hilfe-Bitten und Ans-Licht-Bringen (5. Schritt).

    Ich sehe, was ist. Ich tue, was die Sache fordert. Dann kann ich loslassen. Dann ist die Barriere wieder weg. „Ich“ bin wieder da in der Wirklichkeit, diesem großen Geschenk, das ich als Süchtiger so lange nicht annehmen konnte.

  • Im Meeting – Unter Freunden

    In den letzten Tagen konnte ich viel Zeit mit AS-Freunden verbringen und Meetings in einer anderen Stadt besuchen.

    Ich kannte fast jeden der anwesenden Freunde und habe mich mit ihnen so verbunden gefühlt! Und ich habe auch wieder gemerkt, wie wichtig es für mich ist, in Begegnung und Austausch zu sein.

    Denn Sexsucht ist eine „Vergessens-Krankheit“: Ich vergesse immer wieder, wie leidvoll und mächtig diese Sucht war und brauche die Anderen, damit sie mich daran erinnern. Und mir wird im Meeting wieder klar, was ich eigentlich immer präsent haben müsste: Die Sucht ist nicht weg. Sie ist in einer Art „Schlafzustand“. Sie ist jederzeit „bereit“, wieder in Aktion zu treten. Obwohl ich das eigentlich weiß, denn ich habe ja regelmäßig Schwierigkeiten mit Lüsternheit, will es mich die Sucht vergessen machen. Im Meeting komme ich der Lüsternheit in meinem Leben auf die Spur und ihre Macht wird gebrochen durch ehrliches Sprechen darüber.

    In den Meetings werde ich aber nicht nur an die Macht der Sucht erinnert, sondern auch daran, dass Genesung möglich ist! Ich brauche regelmäßig  die Erinnerung an die Genesung und an das Genesungsprogramm. Vor allem erlebe ich, welche Freude es bedeutet, trocken zu sein. Wenn ich die Geschichten der anderen höre, dann ordnet und belebt sich etwas in mir. Ein Freund beschrieb es einmal so: Er fühle sich nach einem Meeting wie innerlich frisch geduscht!

    Gestern im Meeting, habe ich nacheinander mehrere Gefühlszustände durchlebt: Mir ist wieder die ungeheure Macht der Sucht deutlich geworden, und wie sehr ich darin gehangen habe. Ich war von den Haarspitzen bis zu den Zehen ein Lüsternheitssüchtiger, ein „Lüsterheitsjunkie“. Immer auf der Suche nach dem nächsten, noch besseren, noch stärkeren, erlösenden“ Kick. Diese Süchtigkeit ist eine so tiefe Gewohnheit und es sind so starke Muster,  dass es sehr unwahrscheinlich erscheint, da herauskommen zu können. Und im Meeting erlebe ich immer wieder: Es geht doch! Dieses Wunder ist möglich! Und die Leute, die wirklich trocken und auf dem Weg der Genesung sind, sind meine Freunde und Vorbilder, meine „Erinnerer“ und „Aufwecker“: Das nüchterne Leben ist so schön und es lohnt sich, trocken und nüchtern zu sein. Einen Tag nach dem anderen dieses Wunder geschenkt zu bekommen!