Schlagwort: Machtlosigkeit

  • Ich „habe“ nicht nur eine Sexsucht, sondern ich „bin“ Sexaholiker

    Was mich betrifft, so erscheint mir bisweilen die Formulierung „ich bin Angst“ zutreffender für meine innere Verfassung als „ich habe Angst“. – David K. Reynolds, Die stillen Therapien, Essen 1994, S. 23

    Bei den Anonymen Sexaholikern stellen sich viele zu Beginn eines Wortbeitrags im Meeting mit dem Satz vor: „Ich bin [Name], Sexaholiker“. Manche Neue lehnen das zunächst für sich ab. Sie sagen, dass sie es nicht gut finden, denn sie würden sich doch nicht über ihre Sucht definieren wollen! Es wäre doch gerade ihr Ziel, den Zwang loszuwerden!

    Als ich 2008 zuerst vom Alkohol trocken wurde, habe ich wahrscheinlich auch noch so etwas gesagt. Dann wurde ich davon trocken und habe kennengelernt, wie befreiend es ist, zu kapitulieren, das heißt: Loszulassen.

    Als ich dann aber 2012 zu den Anonymen Sexaholikern kam, konnte ich es sofort laut sagen. Es war eine Erlösung: Ja, ich bin Sexaholiker! Mein ganzes Wahrnehmen, Denken und Wollen ist von dieser Sucht beeinflusst, getrübt und oft sogar völlig von ihr bestimmt! Ich bin Sexaholiker und ich bin machtlos! Dieses Eingeständnis war die Befreiung. Denn damit war auch klar, dass ich tatsächlich krank war. Meine Persönlichkeit war beschädigt und beeinträchtigt und ich brauchte Hilfe, um wieder gesund zu werden.

    Der noch „nasse“ Sexaholiker kann aufgrund seiner Sucht nicht anders, als immer wieder den Wagen vor das Pferd zu spannen: Er nimmt Lüsternheit zu sich und versucht anschließend, die Art oder Menge dieser Giftzufuhr zu kontrollieren. Da er krank ist, lüsternheitskrank, funktioniert aber gerade das nicht. Dem Konsum von Lüsternheit folgt immer die „Sauftour“, mögen Vorsatz oder Notwendigkeit, diesmal nicht abzurutschen, noch so stark sein. Die Abfolge:

    Lüsternheits-Konsum, Gefühl der Erleichterung, Auftreten des süchtigen Verlangens, Durchgang durch die Stadien einer „Sauftour“ (süchtiger Konsum) und dann, nach der Sauftour: Scham und der Vorsatz, es beim nächsten Mal besser zu kontrollieren oder es ab jetzt ganz zu lassen,

    ist für den wirklich Süchtigen zwingend und unvermeidbar – bis zur Kapitulation, das ist das Eingeständnis der Niederlage:

    Ich bin Sexaholiker!

    Und es ist eine Befreiung und von da ab kann Genesung beginnen. Bei AS habe ich gelernt, dass es außer dem Ausagieren auf der einen und dem Unterdrücken der Gier auf der anderen Seite noch diese dritte Option gibt: Aufzuhören zu kämpfen und sich, mit Hilfe der höheren Kräfte, die ich trocken „anzapfen“ kann, von der Fixierung auf die Sucht abzuwenden und ein neues Leben ohne Suchtmittel zu beginnen.

    Das hört sich für diejenigen, die noch drinhängen, theoretisch an. Es ist wie mit allen Erfahrungen: Ich muss sie selber machen! Wer noch nie geschwommen ist, hat Angst vorm Wasser und weiß nicht, was für ein wunderbares Gefühl es ist, darin zu „schweben“ und davon getragen zu werden. Wenn es ihm einer erzählt, hilft das nicht: Er muss selber schwimmen lernen und es erleben!

    Ich versuche heute, mich diesem Fluss des Lebens anzuvertrauen. Ich brauche nicht mehr wegzulaufen. Ja, ich bin ein Sexaholiker! Aber dieser Defekt hat mich zu meinem heutigen Leben geführt in dem ich mich wohl fühle und das ich für keinen Rausch mehr eintauschen möchte!

    Als ich das Eingangszitat von Reynolds gelesen habe, hat es mich gefreut, dass dies ein Psychologe (in Bezug auf Angst) auch so erfahren hat. Und bei Reynolds bedeutet dies gerade nicht Passivität, ganz im Gegenteil.

    Nach dem befreienden Ausruf „Ich bin ein Sexaholiker“ kommt es darauf an, das zu tun, was getan werden muss!

    Changes beginn with action. – David K. Reynolds, Playing Ball on Running Water, 1984, S. 16

  • Corona-Krise (III)

    Ich habe mich heute (16.12.2020) entschieden, den ursprünglich unter diesem Titel veröffentlichten Beitrag überwiegend zu entfernen. Mir geht es auf dieser Seite um meine Erfahrungen mit der Genesung von der Sex- und Pornosucht. Die aktuellen Entwicklungen hätten es erfordert, den Text stetig weiter zu aktualisieren und umfassend auf Fakten und Auseinandersetzungen hinzuweisen. Das würde zu weit von dem eigentlichen Zweck dieser Seite wegführen.

    Ich werde lediglich den einleitenden Abschnitt des früheren Beitrags weiter veröffentlichen, in dem es um meine Entdeckung der traumatisierenden Wirkung der staatlichen Corona-Maßnahmen geht. Im Übrigen empfehle ich z.B. die Interviews von Frau Preradovic zur Corona-Krise oder die Artikel vom Multipolar-Magazin.

    Ursprünglicher Eingangs-Hinweis: Der folgende Beitrag zu einem kontroversen Thema gibt, wie jeder Text auf dieser Internetseite, ausschließlich meine persönliche Erfahrung und Meinung wieder. Ich spreche für keine der auf dieser Internetseite zitierten und verlinkten Zwölf-Schritte-Gruppen, die nach der zehnten Tradition ohnehin niemals Stellung nehmen würden zu Fragen außerhalb ihrer jeweiligen Gemeinschaft.

    Corona-Krise und Trauma

    In der vergangenen Woche ging mir endgültig ein Licht auf, dass schon vorher glimmte und flackerte. In einem Vortrag vor den Anwälten der Stiftung Corona-Ausschuss sagte der Psychotraumatologe und Therapeut Prof. Dr. Franz Ruppert (hier bzw. in dem Video unten ab 1:52:50), dass es drei Haupt-Traumatisierungspunkte gebe. Diese seien:

    • Ich bin nicht gewollt. Ich soll gar nicht da sein.
    • Mir wird die Liebe nicht entgegengebracht, die ich brauche und die ich empfangen möchte – und die ich auch anderen geben möchte, und drittens,
    • ich bin nicht geschützt.

    https://odysee.com/@percep7ioneer-corona-ausschuss:d/Corona-Ausschuss-Sitzung-15–Prof.-Franz-Ruppert,-Psychotraumatologe—Angsterzeugung,-Folgen,-Systemfrage-und-Auswege-(Aufkl%C3%A4rung,-Solidarit%C3%A4t,-Schutz,-Selbstkompetenz):c

    (Link aktualisiert am 30. Juni 2022)

    Diesen letzten Punkt: „Ich bin nicht geschützt,“ den habe ich bei mir als Grundgefühl wiedererkannt. Anfangs wurde dieses tiefe traumatische Grundgefühl bei mir ausgelöst durch die Angst, dass meine Frau oder ich an Covid-19 erkranken könnten. Meine damaligen Gedanken zu „Corona“ hatte ich hier und hier aufgeschrieben.

    Heute wird es ausgelöst durch das Gefühl von Schutzlosigkeit vor staatlicher Willkür und Überreaktion, (…)

  • Von Grollpillen und Angstinjektionen

    Mitte April stand in meinem Tagesplan:

    Mein Wunsch für diese Woche:
    Dass ich die Grollpille nicht noch einmal nehmen muss.

    (An dem Tag hatte ich eine starke Dosis und einen ebenso starken Kater davon.)

    Was ist diese Grollpille?

    Das läuft so ab: Ich denke an etwas, was mich ärgert, ängstigt oder sonst wie aufregt (z.B. an den Bezirkspolizisten, der den Radfahrern auflauert, die langsam über Bürgersteig und Zebrastreifen fahren). So ein Grollgedanke reicht manchmal schon, um eine erste Injektion, einen „Schuss“ des Grolls in meinen Körper und in meine Gefühlswelt zu setzen.

    Was sind das eigentlich für Gedanken? Ich habe den Eindruck, meine Krankheit erzeugt sie. Je mehr Positivität, Dankbarkeit und Freude ich in mir habe, um so seltener passiert das. Aber auch dann kommt es vor. Dieser „erste“ Grollgedanke ist Teil meiner Krankheit. Ich akzeptiere, dass er da ist.

    Aber jetzt ist der entscheidende Moment, ein Wendepunkt: Greife ich den Gedanken auf und spinne ihn weiter, oder kapituliere ich ihn, lasse ihn los? In der Vergangenheit habe ich solche Gedanken oft aufgegriffen und einen Film daraus gemacht.

    Ich male mir dann z.B. aus, wie ich Beteiligter der Szene bin oder wie ich mich einmische. Die Phantasie kann viele Richtungen nehmen, bis hin zu einem gewalttätigen Verhalten meinerseits oder einem anderen, aufregenden, aufpeitschenden, „grandiosen“ Ende.

    Wenn ich die Gedanken so zum Film mache, dann tritt die Wirkung der Grollpille oder Grollinjektion vollständig ein. Dazu ist meistens noch eine Angstpille sowie ein zusätzliches Aufputschmittel gekommen, und dieser Phantasie-Giftcocktail hat mich durchgeschüttelt und hinterlässt, wie jede süchtig konsumierte Droge, einen Kater.

    Und ich weiß, dass ich diese Grollanfälle nicht verharmlosen darf. Sie führen über kurz oder lang in körperliche Schwierigkeiten (Verspannungen, Rückenschmerzen, Herzklabaster, Schlaganfall) und auch zum Rückfall in die Sucht. Dazu gibt es zwei sehr passende Slogans der Anonymen Alkoholiker:

    Stinking thinking leads to drinking (kaum übersetzbar, vielleicht: Fangen die Gedanken an zu stinken, führt das irgendwann zum Trinken).

    Poor me, poor me, pour me a drink. – Ich Armer, ich Armer, schenk‘ mir einen ein.

    Was versuche ich zu tun, wenn ein Grollgedanke auftaucht?

    Dem ersten Gedanken als solchem bin ich tatsächlich oft gegenüber machtlos. Da kommt beispielsweise der Gedanke an den Polizisten.

    Jetzt ist der wichtigste Moment da! Ein Wendepunkt, nicht weiter diese Richtung einzuschlagen. Ich muss den Gedanken loslassen! Wie ich das erste lüsterne Bild loslassen! Nicht „trinken“, nicht die Droge einnehmen!

    Mir helfen Gebete oder Affirmationen. Die zwei wichtigsten Sätze bei Grollgedanken sind derzeit für mich:

    Gott, bitte hilf mir!

    Gott, was immer ich in diesem Grollgedanken suche, bitte lass‘ es mich in Dir jetzt finden!

    Und dann stelle ich mir auch tatsächlich die Frage: Was suche ich eigentlich gerade in Wirklichkeit? Eine Fluchtmöglichkeit vor Stress, unangenehmen Entscheidungen, dem Alltag? Habe ich die HALT-Regel eingehalten? Bei wiederkehrenden Gedanken ist auch eine Inventur wichtig.

    Vielleicht stelle ich fest, dass ich die Grollpille bevorzugt in ganz bestimmten Angst- oder Unsicherheitssituationen als Fluchtmittel einnehme. Oder wenn ich Hunger habe. Oder Durst. Oder das ich mein Verhältnis zu einer Person oder Situation klären muss.

    In den vergangenen Tagen habe ich oft auf meinen Wochenwunsch geschaut, die Grollpille nicht nehmen zu müssen. Und ich habe Grollgedanken tatsächlich oft kapitulieren, also loslassen können, wenn er auftauchte.

    Manchmal kapituliere ich nicht. – Ich bin unaufmerksam. Es geht mir nicht gut. Ich möchte diese Fluchtpille nehmen. – Wenn das passiert, gehe ich anschließend rücksichtsvoll mit mir um. Ich tröste mich (nur keine Selbstverurteilung, die macht es nur schlimmer!). Ich versuche herauszufinden, was los ist (Inventur, Gespräch mit dem Sponsor oder Freunden). Und ich hoffe und bete, beim nächsten Mal von meiner Höheren Kraft die Kraft zu bekommen, loszulassen.

    Damit ich glücklich, voller Lebensfreude und frei leben kann.

    Wer möchte wirklich ein Leben im „Trockenrausch“ führen, wenn er oder sie stattdessen die volle Freiheit eines Lebens in Kapitulation haben kann.

    „Halbe Sachen nützten uns gar nichts.

    Die Genesung schreitet fort, Seite 31

  • Ich bin frei, weil ich machtlos bin

    In Bezug auf mein sexuelles Ausagieren habe ich meine Machtlosigkeit erfahren. Ich wollte nicht wieder x Stunden Pornografie konsumieren. Ich wollte nicht wieder zu diesem erbärmlichen Straßenstrich fahren. Aber ich konnte nicht anders. Ich hatte sogar mein Auto verkauft, in der Hoffnung, es lassen zu können. Dann ging ich eben zu Fuß ins Laufhaus. Ich konnte es nicht lassen.

    Erst bei AS begriff ich, dass die Sexualität gar nicht das Problem ist. Was ist z.B. an dem Konsum von Bildern oder am Im-Kreis-Fahren am Straßenstrich schon „sexuell“? Oder am voyeuristischen Schauen? Die Lüsternheit ist das Problem, dieses süchtige innere Ziehen und Zerren und Pushen. Die Sexualität kann dann im Paket dessen, was die Lüsternheit auslöst, Folge sein – oder auch nicht.

    Dann, endlich „trocken“, wurde es wieder schwierig mit der Machtlosigkeit. Es widerstrebt mir manchmal, zu sagen, ich sei machtlos. Denn: Bin ich nicht trocken? Wieso soll ich denn machtlos sein? OK, ich bete, die Höheren Kräfte helfen mir dabei. Aber bin nicht ich es, der etwas tut?

    Ja, ich tue was. Aber ich kann wirklich nichts daran kontrollieren, was aus dem, was ich tue, wird.

    Am deutlichsten wird die Machtlosigkeit wieder am Beispiel Lüsternheit. Sobald ich wieder Lüsternheit zu mir nehme, zum Beispiel einer Frau auf den Po schaue oder ein in meinem Kopf aufkommendes Bild zum Film mache, gerate ich in Not. Die Allergie, die körperliche Überempfindlichkeit droht, ausgelöst zu werden. Hilferufend wende ich mich an meine Höhere Macht. – Noch einmal gut gegangen. (Oder auch nicht, ich kann es nicht kontrollieren. Lüsternheit „trinken“ bedeutet, sein Schicksal zu versuchen.) (Zu den zwei Elementen der Sucht, die das Blaue Buch als „Obsession/ Besessenheit“ und „Allergy/ Allergie“ bezeichnet, habe ich hier etwas geschrieben).

    Tatsächlich bin ich sogar in jeder Hinsicht machtlos. In Bezug auf alles, wo mein Ego und meine Forderungen ins Spiel kommen. Ich kann nichts wirklich Wesentliches selbst bestimmen. Ich hatte z.B. für die vergangene Zeit und die Kar- und Ostertage so viel geplant. Und bin jetzt wegen der Corona-Krise zu Hause. Alle diese Planungen erschienen selbstverständlich. Und haben sich doch in Luft aufgelöst.

    Und erst Recht bin ich machtlos in Bezug auf alle existenziellen Fragen: Geburt (wo auf der Welt, bei welche Eltern, in welchen Verhältnissen), Gesundheit, Tod, weltpolitische Entwicklungen: machtlos, machtlos, machtlos.

    Natürlich kann ich versuchen, meinen Teil beizutragen und zum Beispiel Gifte vermeiden und nicht zu ungesund leben. Mich fortbilden. Mich um meine Verantwortlichkeiten kümmern. Aber das Ergebnis kann ich nicht kontrollieren.

    Vielleicht ist das Machtlosigkeit in einem Satz:

    Ich kann meine Fußarbeit machen, aber das Ergebnis nicht kontrollieren. Und zwar kein Ergebnis, in Bezug auf gar nichts.

    Meine Schwierigkeit, meine Machtlosigkeit immer wieder anzuerkennen – und die Freiheit zu genießen, die darin liegt! – rührt auch von meinem Aufwachsen her. Die Erfahrung des  Verlassen-Werdens, die Gewaltzeugenschaft: Ich war ständig auf der Hut und in Anspannung. Machtlosigkeit war real und doch etwas schwer Auszuhaltendes. Das wollte ich nie wieder. Statt dessen versuchte ich, zu kontrollieren. Ich soll also etwas – die Machtlosigkeit – anerkennen, das mir so viel Leid gebracht hat. Schwer!

    Und noch ein Gesichtspunkt: Meine Religion bringt mich nah an Gott. Ich bin nach Seinem Bilde, Ihm gleich, geschaffen, heißt es. Das verführt zu Größenwahn. Aber ich bin eben doch nicht Gott. Es geht mehr um die tiefe Bejahung einer Möglichkeit, nicht um die Beschreibung von etwas, was schon da ist. Es ist die Möglichkeit, überhaupt erst einmal Mensch zu werden. Dazu gehört, meine Machtlosigkeit anzuerkennen, mein Ego immer wieder loszulassen – und frei zu sein!

    Die Freiheit zu lieben, die mir die Machtlosigkeit gibt. Denn: Weil ich machtlos bin, muss ich nichts mehr kontrollieren! Ich darf leben, im Hier und Jetzt. Ich bin nur für meine Straßenseite verantwortlich, dafür, sie sauber zu halten. Sonst für nichts!

    Gott will uns glücklich, voller Lebensfreude und frei haben, heißt es im Blauen Buch. Der Weg dahin ist die Machtlosigkeit. Immer nur für Heute!

  • Corona-Krise (II)

    Viele meiner aktuellen Gefühlszustände fand ich gestern in einem Zeitungsartikel der Neuen Zürcher Zeitung beschrieben, in dem es um die Folgen einer Quarantäne für die Psyche der Menschen ging (hier).

    Auch ich habe, stärker als sonst, Schlafstörungen, esse mehr als sonst, bin nervös und oft unwillkürlich traurig. Und das, obwohl die Quarantäne hier im Vergleich zu der in China gar nicht so streng ist. Ich vermute, dass bereits die jetzige Situation sehr tief in mir eingeprägte (traumatische) Ängste aufruft.

    In dem Artikel wird eine Beratungsstelle aus Peking zitiert, die über die Hilfesuchenden sagt:

    Sie können aus ihren bisherigen Lebenserfahrungen keine Rückschlüsse auf die neue Herausforderung ziehen (…)

    Doch„, dachte ich plötzlich bei der Lektüre, „das kann ich. Ich war der Lüsternheit gegenüber völlig machtlos. In anderen Bereichen konnte ich mit dem Willen etwas erreichen. In Bezug auf Lüsternheit konnte ich es nicht.“ Ich wollte zum Beispiel nur kurz Pornografie gucken („heute nur 10 Minuten“). Und verlor mich für Stunden darin. Ja: Ich weiß, wie es ist sich absolut machtlos zu fühlen. Ich kann aus meinen Erfahrungen Rückschlüsse auf die jetzige Situation ziehen!

    So ist es. Ich bin einfach nur wieder machtlos. Die Dinge laufen anders, als ich sie mir vorgestellt habe. Das kenne ich doch. Ich habe alle Werkzeuge des Programms, um mit dieser Machtlosigkeit umzugehen. Für mich ist die Grundsituation nicht ungewohnt. Nur diese spezielle Ausprägung davon. Und da ich nicht nur sex-, sondern auch angstsüchtig bin, geht die Spannungskurve zusätzlich hoch.

    Nein, ich möchte es loslassen.

    Loslassen und Gott überlassen.

    Und was kann ich dazu beitragen? Das Loslassen-Können ist ein Geschenk der Höheren Kräfte. Die sind aber darauf angewiesen, dass ich meine Fußarbeit mache.

    Viele Werkzeuge hatte ich im ersten Corona-Beitrag schon aufgezählt (hier).

    Ganz besonders wichtig sind für mich die Meetings. Viele Gruppen führe ihre Meetings als Telefonmeetings fort. Ein Rettungsanker! Wer noch nie in einem Meeting war oder derzeit keinen Zugang hat, kann sich über das Kontaktformular bei mir melden (hier), ich helfe gerne, den Kontakt herzustellen.

    Wie oft bin ich in Krisen in der Sucht versunken. Wenn Du Hilfe möchtest: Auch in dieser Zeit sind die Anonymen Sexaholiker und die anderen Zwölf-Schritte-Gruppen erreichbar! Es gibt eine Lösung! Es ist wirklich wahr:

    Wer aufhören möchte, findet Wege – wer trinken möchte, Gründe.

    Es lohnt sich so sehr, den Weg der Genesung zu gehen!

     

  • Charakterfehler

    An manchen Tagen lebe ich meine Charakterfehler einfach aus, ohne darüber nachzudenken. Die Folgen sind, je nach Charakterfehler, unterschiedlich. Es kann sogar sein, dass ich andere damit unterhalte, jedenfalls vordergründig. (mehr …)

  • Kapitulieren bedeutet, zu opfern (I)

    In unserer Literatur wird oft vom Kapitulieren gesprochen. „Ich kapituliere vor der Lüsternheit.“

    Ich verwende diesen Begriff selten und spreche eher von „loslassen“. Auch im Blauen Buch heißt es:

    Kapitulieren bedeutet loslassen.

    Surrender means letting go.

    Und das, was ich loslasse, kann ich den Höheren Kräften übergeben.

    Let God, let go.

    Loslassen und Gott überlassen.

    Loslassen ist eine bis ins körperliche gehende innere Handlung. Ein lüsternes Bild kommt auf. Ich sehe zum Beispiel eine Frau und habe direkt anschließend ein Bild vor Augen, wie sie nackt aussehen könnte. Früher hätte ich in einer solchen Situation zwei nur Handlungsmöglichkeiten gehabt. „Wegdrücken“ oder „nachgeben“. Und wenn auch zunächst das Wegdrücken klappte. Die Lüsternheit sammelte sich und sammelte sich an – bis ich nachgab. Die Fähigkeit zum Aufschub und zur Kontrolle des „Wie, wo und wann“ des Nachgebens nahm in der Suchtentwicklung ab.

    Bei AS habe ich eine dritte Handlungsmöglichkeit kennengelernt: Eben jenes Loslassen. Das Bild kommt auf. Ich bemerke es und drücke es nicht weg, sondern „lasse es los“, „gebe es weg“, weg an die Höheren Kräfte, die die Last der drohenden süchtigen Reaktion von mir nehmen. Wenn ich ohne Absicht ein Bild aufnehme oder es in mir entsteht, dann reicht oft eine kurze Affirmation oder ein kurzes Gebet zum Loslassen. Habe ich das Bild bewusst hervorgerufen, gar einen Kurzfilm daraus gemacht, oder habe ich mich lüstern umgeschaut und ein Bild aufgenommen, dann reicht dieses bloße „für-mich“ Loslassen nicht mehr aus. Die Lüsternheit wird wach und es droht größte Gefahr! Dann rufe ich einen Programmfreund an und erzähle ihm, was mit mir los ist. Und dann kann ich (hoffentlich noch) loslassen.

    Gestern wurde mir bewusst, dass dieses Loslassen eine Form von Opfer ist. Früher waren diese Bilder, im Kopf, auf Papier oder auf dem Bildschirm, meine Heiligtümer. So wie auch meine Überzeugungen oder Gewohnheiten „Heiligtümer“ waren, an denen ich mich krampfhaft festhielt.

    Wenn ich nun einen Gedanken, ein Bild, eine Gewohnheit, ein (Vor-) Urteil in Richtung der Höheren Macht aufgebe, opfere ich sie. An der Stelle bleibt zunächst eine Lücke, ein Loch, ein unbesetzter Platz. Und an diesen Platz, in diesen Schmerz hinein, können sich die helfenden Mächte entfalten und Kraft, Trost und Inspiration spenden. Das ist Gnade: Wenn ich den heilenden Kräften für einen Moment die Tür öffnen kann, dass sie an den Ort treten können, an dem sonst immer irgendwann die Sucht den Kampf gewann. Einen Kampf, den ich alleine niemals gewinnen könnte. Aber ich muss heute nicht mehr allein sein. Ich muss nicht mehr vor dem Schmerz in die Sucht fliehen. Ich kann trocken bleiben und leben, einen Tag nach dem anderen!

  • Scham, Rabbi Sussja und Ich-Werdung

    Als ich mit meinem Sponsor darüber sprach, dass manche AS-Freunde ihre Scham und ihre Minderwertigkeitsgefühle nicht loslassen können, sagte er:

    Weil wir die Scham lieben. Sie ist wie eine negative Schutzhülle oder Decke für uns. Wenn ich mich schäme, dann isoliere ich mich wie früher. So muss ich nichts ändern. Ich bin eben einfach eine furchtbare Person. Wenn ich sage: „Gott hasst mich,“ dann brauche ich mich nicht zu ändern.

    Diese Situation kann gerade auch nach dem ersten Schritt eintreten. Wenn ich mir im ersten Schritt die Geschichte meiner Sexsucht anschaue, dann treten meine Mängel und meine Machtlosigkeit voll zutage. Da kann der Impuls kommen: Nur weg von hier!

    Schlüpfe ich dann unter diese negative, vertraute Decke, unter der ich so viele Jahre zitterte, und suche wieder die giftige Wärme und Betäubung der Sucht?

    Mein Sponsor empfahl für die Arbeit im zweiten Schritt, mir und dem Sponsee Folgendes klarzumachen; es ganz tief in mein Inneres aufzunehmen. Ich kann mir sagen:

    Gottes Perspektive ist: „Ich weiß, was Du getan hast. Ich weiß, dass Du eine Suchterkrankung hast und machtlos bist – derzeit. Aber ich liebe Dich trotzdem. Ich liebe Dich und ich möchte, dass Du glücklich, voller Lebensfreude und frei sein kannst.“

    Gott sieht das Gesamtbild. Auch die Sucht. Und auch das Potential. Und auch die Möglichkeit der Genesung. Damit ich mich zu dem hin entwickeln kann, als der ich gedacht bin. Dann bleibe ich nicht, wie ich bin. Ich handle. Ich gehe weiter auf dem Weg der Genesung.

    In der Sammlung von Chassidischen Geschichten von Martin Buber gibt es eine Geschichte, die ich oft erzähle. Sie sagt alles das oben Geschriebene in wenigen Worten:

    Vor dem Ende sprach Rabbi Sussja: In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Sussja, warum bist du nicht Mose gewesen? Man wird mich auch nicht fragen: Warum bist du nicht David gewesen? In der kommenden Welt wird man mich fragen: Sussja, warum bist du nicht Sussja gewesen?

    Das AS-Programm ist für mich ein Programm zur Ich-Werdung. Ich darf und muss mich sehen, wie ich war und wie ich gerade bin. Aber dann muss ich nicht wieder unter die dunkle Decke kriechen. Ich bin geliebt und soll glücklich, voller Lebensfreude und frei leben.

    In einem Abschnitt des Blauen Buches wird über den Anonymen Alkoholiker Nummer drei geschrieben (er trägt diese ungewöhnliche Bezeichnung, weil er auch Bill hieß, wie der Gründer der AA). Nachdem er durch die Begegnung mit Bill und Dr. Bob und deren Genesungsgeschichte trocken geworden war, führte er einen Wahlkampf, verlor die Wahl aber knapp. Anschließend heißt es im Text (page 158):

    But he had found God – and in finding God had found himself.

    Aber er hatte Gott gefunden. Und indem er Gott fand, fand er auch zu sich selbst.

    Er ist also Bill geworden. Wer willst Du werden?

  • Der Suchtstoff des Sexsüchtigen: Lüsternheit, nicht Sexualität

    Was ist das Problem des Alkoholikers? Die Flasche oder ihr Inhalt? Was ist das Problem des Sexaholikers? Die Sexualität oder die Lüsternheit?

    Die Sexualität ist nur die äußerliche Einkleidung und das Transportmittel der Lüsternheit.

    Sexualität ohne Lüsternheit bedeutet liebevolle Verbindung und gibt Erfüllung und Entspannung. Ist in der Sexualität die Lüsternheit aktiv, kann die Sexualität nie erfüllen oder genügen, denn Lüsternheit ist unersättlich. Es kann auch keine wirkliche Verbindung mit dem anderen Menschen geben, denn Sexualität wie der andere Mensch sind nur Mittel für den „großen Kick“. Das süchtige Verlangen kennt keine Befriedigung, sondern nur Rausch, Betäubung und Kater.

    Lüsternheit muss mit Sexualität und Körperlichkeit sogar gar nichts zu tun haben. Ein Beispiel ist der Fetisch. Was ist z.B. an der Fixierung auf z.B. einzelne Körperteile sexuell? Auch Pornografie ist völlig unkörperlich. Eine Illusion im Kopf. Totale Benutzung ohne Begegnung in Isolation. Das ist doch keine Sexualität.

    Der Sexaholiker ist nicht machtlos in Bezug auf Sexualität, sondern in Bezug auf Lüsternheit. Sie muss zum Stillstand gebracht werden. Solange er versucht, die Sexualität zu kontrollieren, ist er auf das Gefäß fixiert. Den Inhalt hat er da schon längst getrunken.

  • Die Sprache des Herzens

    Mitte 2012 wandte ich mich hilfesuchend an einen AA-Freund von dem ich wusste, dass er auch bei AS war. Während eines langen Spaziergangs erzählte ich ihm, wie es um mich stand. Ich erzählte ihm gerade auch die Dinge, für die ich mich schämte und zwar alles. Damals hätte ich es nicht so nennen können, aber heute weiß ich, dass ich damals bei ihm einen „ersten Schritt“ gemacht habe.

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