Schlagwort: Höhere Kraft oder Macht

  • Ich „habe“ nicht nur eine Sexsucht, sondern ich „bin“ Sexaholiker

    Was mich betrifft, so erscheint mir bisweilen die Formulierung „ich bin Angst“ zutreffender für meine innere Verfassung als „ich habe Angst“. – David K. Reynolds, Die stillen Therapien, Essen 1994, S. 23

    Bei den Anonymen Sexaholikern stellen sich viele zu Beginn eines Wortbeitrags im Meeting mit dem Satz vor: „Ich bin [Name], Sexaholiker“. Manche Neue lehnen das zunächst für sich ab. Sie sagen, dass sie es nicht gut finden, denn sie würden sich doch nicht über ihre Sucht definieren wollen! Es wäre doch gerade ihr Ziel, den Zwang loszuwerden!

    Als ich 2008 zuerst vom Alkohol trocken wurde, habe ich wahrscheinlich auch noch so etwas gesagt. Dann wurde ich davon trocken und habe kennengelernt, wie befreiend es ist, zu kapitulieren, das heißt: Loszulassen.

    Als ich dann aber 2012 zu den Anonymen Sexaholikern kam, konnte ich es sofort laut sagen. Es war eine Erlösung: Ja, ich bin Sexaholiker! Mein ganzes Wahrnehmen, Denken und Wollen ist von dieser Sucht beeinflusst, getrübt und oft sogar völlig von ihr bestimmt! Ich bin Sexaholiker und ich bin machtlos! Dieses Eingeständnis war die Befreiung. Denn damit war auch klar, dass ich tatsächlich krank war. Meine Persönlichkeit war beschädigt und beeinträchtigt und ich brauchte Hilfe, um wieder gesund zu werden.

    Der noch „nasse“ Sexaholiker kann aufgrund seiner Sucht nicht anders, als immer wieder den Wagen vor das Pferd zu spannen: Er nimmt Lüsternheit zu sich und versucht anschließend, die Art oder Menge dieser Giftzufuhr zu kontrollieren. Da er krank ist, lüsternheitskrank, funktioniert aber gerade das nicht. Dem Konsum von Lüsternheit folgt immer die „Sauftour“, mögen Vorsatz oder Notwendigkeit, diesmal nicht abzurutschen, noch so stark sein. Die Abfolge:

    Lüsternheits-Konsum, Gefühl der Erleichterung, Auftreten des süchtigen Verlangens, Durchgang durch die Stadien einer „Sauftour“ (süchtiger Konsum) und dann, nach der Sauftour: Scham und der Vorsatz, es beim nächsten Mal besser zu kontrollieren oder es ab jetzt ganz zu lassen,

    ist für den wirklich Süchtigen zwingend und unvermeidbar – bis zur Kapitulation, das ist das Eingeständnis der Niederlage:

    Ich bin Sexaholiker!

    Und es ist eine Befreiung und von da ab kann Genesung beginnen. Bei AS habe ich gelernt, dass es außer dem Ausagieren auf der einen und dem Unterdrücken der Gier auf der anderen Seite noch diese dritte Option gibt: Aufzuhören zu kämpfen und sich, mit Hilfe der höheren Kräfte, die ich trocken „anzapfen“ kann, von der Fixierung auf die Sucht abzuwenden und ein neues Leben ohne Suchtmittel zu beginnen.

    Das hört sich für diejenigen, die noch drinhängen, theoretisch an. Es ist wie mit allen Erfahrungen: Ich muss sie selber machen! Wer noch nie geschwommen ist, hat Angst vorm Wasser und weiß nicht, was für ein wunderbares Gefühl es ist, darin zu „schweben“ und davon getragen zu werden. Wenn es ihm einer erzählt, hilft das nicht: Er muss selber schwimmen lernen und es erleben!

    Ich versuche heute, mich diesem Fluss des Lebens anzuvertrauen. Ich brauche nicht mehr wegzulaufen. Ja, ich bin ein Sexaholiker! Aber dieser Defekt hat mich zu meinem heutigen Leben geführt in dem ich mich wohl fühle und das ich für keinen Rausch mehr eintauschen möchte!

    Als ich das Eingangszitat von Reynolds gelesen habe, hat es mich gefreut, dass dies ein Psychologe (in Bezug auf Angst) auch so erfahren hat. Und bei Reynolds bedeutet dies gerade nicht Passivität, ganz im Gegenteil.

    Nach dem befreienden Ausruf „Ich bin ein Sexaholiker“ kommt es darauf an, das zu tun, was getan werden muss!

    Changes beginn with action. – David K. Reynolds, Playing Ball on Running Water, 1984, S. 16

  • Das Zwölf-Schritte-Programm nutzen, auch wenn „Gott tot“ ist

    Gestern las ich in einem autobiographischen Roman, wie der Ich-Erzähler im Zweiten Weltkrieg Zeuge von furchtbarer Gewalt wird und für sich zu dem Schluss kommt, dass Gott tot ist – dass er mit den gequälten und getöteten Menschen getötet worden sei.

    Das hat mich daran erinnert, wie schwer ich es zu Beginn meines Genesungsweges mit jeder Erwähnung von „Gott“ in der Literatur der Anonymen Alkoholiker (AA) hatte. Ich ging damals davon aus, dass es für mich keinen Zugang zu einem „Gott“ geben könne. Und nun wurde ich mit diesem Begriff konfrontiert!

    Zum Glück heißt es an den entscheidenden Stellen: Gott wie wir ihn verstehen. So wusste ich, dass mir bei AA nichts aufgezwungen wird.

    Aber selbst mit „Gott wie ich ihn verstehe“ hatte ich es zu Beginn schwer. Ich konnte mich dem Thema vor allem über die anderen beiden Begriffe nähern, die bei uns verwendet werden:

    • die höhere Macht oder höhere Kraft („higher power“) und
    • eine Kraft/ Macht, größer als wir selbst („a Power greater than ourselves“ – Schritt 2/ Step 2).

    Denn mir war klar, dass ich in Bezug auf meine Sucht (den Alkohol, die Lüsternheit) absolut machtlos war. Ich hatte nicht die Kraft, die ich brauchte, um dem Ausagieren widerstehen zu können. Ich brauchte eine helfende Kraft; eine Kraft, die größer war, als ich selbst. Den Begriff „Gott“ brauchte ich hierfür zum Glück nicht.

    Zunächst entschied ich mich, meine AA-Gruppe als diese Kraft anzusehen. Denn nachdem ich im Januar 2008 mein erstes Meeting besucht hatte, musste ich keinen Alkohol mehr trinken. Und Mitte 2012 kamen dann die Anonymen Sexaholiker (AS) und die Trockenheit in der Sexsucht dazu.

    Heute habe ich mein Verständnis von Gott – wie ich ihn verstehe (oder nicht verstehe) gefunden. Und es ist wandlungsfähig, so wie ich wandlungsfähig geworden bin. Ja, es gibt auch Zweifel. Aber ich habe meine Wege, mit ihnen umzugehen.

    Ich bin vor allem ein Fan vom Blauen Buch und, mit kleinen Abstrichen, auch von Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass es manchmal auch an der Übersetzung liegt, wenn ich mit einer Textstelle nicht klarkomme oder wenn sie mir unlogisch erscheint.

    So habe ich mir die Gebete neu übersetzt und zum Teil ergänzt, wie ich es in früheren Blogbeiträgen beschrieben habe (hier zum Dritte-Schritt-Gebet und hier zum Siebte-Schritt-Gebet). Und statt „Gott“ kann man auch an jeder Stelle höhere Macht, höhere Kraft, himmlische Kräfte oder Anderes einsetzen (ein Programm-Freund spricht z.B. immer von seiner „Buddha-Natur“).

    Ich möchte jedem, der Hilfe sucht, Mut machen, es mit dem Zwölf-Schritte-Programm auch dann zu versuchen, wenn Gott für ihn ein Problem oder „tot“ ist. Denn die helfenden Kräfte helfen auch, wenn man sie nicht „Gott“ nennt. Und im Laufe der Zeit kann jeder für sich entscheiden, wie er Gott versteht, wenn von „Gott, wie wir ihn verstehen“ die Rede ist. So habe ich meinen Start ins trockene Leben und schließlich sogar Gott wie ich ihn verstehe gefunden.

  • Wie riecht Freiheit?

    Als ich heute morgen die kühle Winterluft roch, stiegen Erinnerungen auf. In meiner Kindheit und Jugend hatten wir große Eichen hinter dem Haus, überhaupt gab es im Umfeld viel Bäume und Wald, und ich habe die Gerüche noch in der Nase von Erde, Winterluft und Tannen. Ich glaube, ich hatte schon als Kind eine große Sehnsucht nach Freiheit, aber es waren schon damals sehr viele Hindernisse in meinem Leben, die ich oft nicht überwinden konnte.

    Der Versuch, mich bewusst ins Leben zu stellen, endete mit den sexuellen Übergriffen, die ich erleiden musste. Sie ließen den inneren Schmerz so stark in den Vordergrund treten, dass ich zu einem starken Schmerzmittel griff. Ich begann zu trinken. Der Alkohol brachte Betäubung, Rausch und Hochgefühle.

    Manche möchten den Begriff „Sucht“ romantisch mit „Suche“ in Verbindung bringen. Das Wort bedeutet aber ursprünglich „Krankheit“, was die verwandte Form „Siechen“ deutlich macht. Der Süchtige glaubt sich auf der Suche, ist aber in Wirklichkeit schwer krank und lebt im Siechtum, in einer Scheinwelt.

    Nun bin ich fünfzehn Jahren trockenvom Alkohol und zehneinhalb Jahren trocken in der Sexsucht. Manchmal fühle ich mich so klein und ungeborgen wie in der Kindheit. Und gerade zur Zeit lösen Gerüche und andere Sinneseindrücke immer wieder Erinnerungen an Kindheits- und Jugenderlebnisse aus und manchmal fühle ich dann die Sehnsucht, die Bedürfnisse und Wünsche von damals. Und jetzt, jetzt! – ist es möglich! Ich muss nicht mehr den Abzweig zu den großen „Tröstern“ Alkohol und Lüsternheit nehmen, sondern kann mich wirklich auf die Suche nach meinem Weg machen. Was möchte ich tun? Was ist mir wichtig? Wie möchte ich wirksam sein? Welche Vorurteile muss ich über Bord werfen und was neu ausprobieren, um auf diesem Weg der Freiheit weiter fortzuschreiten? Und deshalb darf alles das sein, alle die Gerüche, die Orte und Erinnerungen, die Hoffnungen, das Mitgefühl mit allem Lebendigen – ich werde durch den Schmerz hindurchgehen und auf der anderen Seite des Schmerzes wird immer ein Tröster, die „Higher Power“ sein und mich bereits erwarten.

  • „Gott hält dir keinen Parkplatz in der Altstadt frei“

    Ein „AA-Oldtimer“ sagte manchmal im Meeting: „Gott hält dir keinen Parkplatz in der Altstadt frei“ – vielleicht, weil es ihn nervte, wenn ein Teilnehmer „Gott“ zu seiner Wünscherfüllungsmaschine machen wollte oder als Ausrede dafür benutzte, dass er sich nicht um das kümmerte, wofür er selber verantwortlich ist („Heute bin ich nicht zum Vorstellungsgespräch gegangen. Aber Gott wird mir schon einen Job besorgen.“). Andererseits erlebe ich es aber, dass das Schicksal wirklich oft verblüffende Hilfen und Lösungen für meine Sorgen und Probleme bereithält – immer dann, wenn ich mich geduldig und tastend auf das zarte Wechselspiel einlasse – das Wechselspiel zwischen dem, was ich selber tue (und manchmal auch tun muss) und dem, was von „oben“ daraus gemacht oder hinzugegeben wird.

    Vor allem ist das, was ich in dieser lauschenden, tastenden Haltung bekomme, oft noch besser als das, was ich mir gewünscht habe. Alles, was wirklich wichtig in meinem Leben ist: zum Beispiel meine Frau, die Zwölf-Schritte-Gruppen, meine Spiritualität und meine Kirche, unsere Wohnung, der Arzt, der mir so viel weiter geholfen hat, die Menschen, die mir Wege gewiesen haben, mein Beruf…, alles das, wofür ich dankbar bin, ist auf „indirektem Wege“ zu mir gekommen. In keinem dieser aufgezählten Beispiele habe ich den „Erfolg“ direkt angesteuert. Ich war einfach offen, habe Menschen angesprochen und ihnen zugehört, war im entscheidenden Moment mutig (oder habe mir helfen lassen, wenn mir selbst der Mut fehlte) – und dann kam es zu diesem Wechselspiel aus Aktivität, Warten, Lauschen und Zuhören, und am Ende stand – das Geschenk, die Segnung, die dann zugleich wieder Beginn eines neuen Weges ist.

    Dabei ist jedes Geschenk ausnahmslos auch mit Schmerz verbunden, das muss so sein. So werde ich von jedem geliebten Menschen irgendwann getrennt; wenn ich das Geschenk des Alters bekomme, muss ich wahrscheinlich zugleich dem eigenen körperlichen Verfall erleben und annehmen; die Welt verändert ich und es vergehen Dinge, die mir wichtig sind oder sie werden mir genommen. Und wieder: Offenbleiben, wünschen, ohne dass Forderungen aus dem Wünschen werden, etwas wagen, Begegnung zulassen… – das Schicksal, die helfenden Kräfte sind da.

    Das ist Leben! Meine Sucht war eine Schmerzbehandlung! Ich hatte so Sehnsucht nach dem Leben, aber weil ich dem Leben nur mit Anspannung und Angst begegnen konnte, und vor allem Schlimmes erwartete, blieb der Lebenshunger ungestillt. Stattdessen wurde meine Welt immer enger und enger, ich versuchte, das Leben durch Striktheit, Verurteilungen und Forderungen „lebbarer“, erträglicher zu machen. Das klappte natürlich nicht. Es wurde immer unerträglicher und ich brauchte noch mehr „Schmerz- und Schlafmittel“, um es aushalten zu können.

    Was klappt denn? Nun: Gebet – Dankbarkeit – eine liebevolle Haltung – Nachsicht und Freundlichkeit gegenüber sich selbst und anderen – um Hilfe bitten und Hilfe schenken – und auf das Anklopfen dessen hören, was bereit ist, einzutreten. Das Eintretende lieben und, wo das nicht geht, es zumindest annehmen und darauf vertrauen: Gott legt niemandem mehr auf, als er tragen kann und: Die Hilfe und die Helfer sehen vielleicht anders aus, als ich es im Eigenwillen und in der Enge meiner Vorstellungen erwarte oder fordere.

    Ich darf mir alles wünschen, das Beste und Schönste, ich darf alle Vorurteile über Bord werfen, ich darf mich freuen – es gibt meinen Weg, ich gestalte ihn mit und er wird mich führen.

    Ich habe die Gedichtszeilen von Christian Morgenstern schon an anderer Stelle zitiert, aber sie heben meinen Blick und meinen Mut, wenn beides gesunken ist. Und sie erinnern mich an meine eigene Erfahrung, dass, seitdem ich auf dem Weg der Genesung bin, dieser Weg mich tatsächlich aufs Beste geführt hat:

    Nachts im Wald

    Bist du nie des nachts durch Wald gegangen,
    wo du deinen eignen Fuß nicht sahst?
    Doch ein Wissen überwand dein Bangen:
    Dich führt der Weg.

    Hält dich Leid und Trübsal nie umfangen,
    dass du zitterst, welchem Ziel du nahst?
    Doch ein Wissen übermannt dein Bangen:
    Dich führt dein Weg.

    Christian Morgenstern

  • Der Kern des AS-Programms

    Was ist denn der Kern des AS-Programms?

    Der Kern des AS-Programms ist die Erfahrung, dass es eine Wahl gibt, eine „dritte Option“: Früher hatte ich nur zwei Möglichkeiten: Entweder habe ich ausagiert oder ich habe den inneren Sog zum Ausagieren mit Kraft unterdrückt. Das ging aber nicht lange gut und dann musste ich wieder ausagieren. So lief es immer und immer wieder.

    Heute habe ich eine dritte Handlungsmöglichkeit: das Loslassen, das Kapitulieren. Wenn die Lüsternheit kommt, wenn ich getriggert werde, kann ich loslassen.

    Und das gilt nicht nur für Lüsternheit. Früher hatte ich auch sonst oft keine Wahl: Gab es einen „Reiz“ (z.B. es geschah auf der Arbeit etwas Unangenehmes), „musste“ ich reagieren: Sei es mit Groll oder Angst, sei es mit Flucht, Angriff oder Lähmung. Ich konnte gar nicht anders. Ich war hin- und hergerissen von Emotionen und hatte nur wenige Reaktionsmöglichkeiten zur Verfügung. Heute habe ich eine Wahl. Zum Beispiel auch die Möglichkeit, mir Hilfe zu holen.

    Und wie schaffe ich das: Loszulassen? Ich kriege es nicht hin.

    Alleine schaffe ich es auch nicht. Aber mit Hilfe der Höheren Macht gelingt es.

    Was ist denn diese Höhere Macht?

    Die Höhere Macht oder Kraft ist die Kraft, aus der ich trocken leben kann. Obwohl ich der Lüsternheit gegenüber machtlos bin, bin ich trotzdem trocken. Um das zu erreichen, brauchte ich eine Kraft, größer als ich selbst.

    Und wie soll ich mir diese Höhere Kraft vorstellen?

    Mache Dir Dein eigenes Bild von ihr! Sie kann alles sein, was für Dich Sinn ergibt und Dir die notwendige Kraft vermittelt. Für viele von uns ist es (ein) Gott.

    Ich habe nichts am Hut mit Gott.

    Anfangs hatte ich auch große Schwierigkeiten damit, dass das Wort „Gott“ im Programm vorkommt. Dann habe ich den Hinweis bekommen, dass ich hier nichts glauben oder von anderen übernehmen muss. Wenn von Gott die Rede ist, dann geht es um Gott, wie Du Ihn verstehst.

    Und wie hast Du Deine Höhere Macht gefunden?

    Um Gott oder die Höhere Kraft zu finden, dafür gibt es die zwölf Schritte. Durch sie bin ich aus der Abtrennung herausgekommen. Ich war abgetrennt von den Anderen, von Gott und von mir. Durch die Schritte bin ich aus dieser fürchterlichen Isolation herausgekommen.

    Und wie mache ich das mit den Schritten? Wie fange ich an?

    Bei mir ist es so: Ich gehe mehrmals die Woche ins Meeting. Gerade am Anfang sprach die Höhere Kraft vor allem durch andere Menschen zu mir, die auf dem Genesungsweg schon weiter sind. Heute spüre ich sie oft auch schon in mir selbst.

    Dann habe ich einen Sponsor. Er hilft mir bei der Schrittearbeit und vor allem tut er eines: Er sagt mir, was er bei mir sieht. So werde ich auf meine Fehler aufmerksam, für die ich noch – oder wieder – blind bin. Er gibt mir einfach von dem ab, was er selbst auf dem Weg der Genesung gefunden hat.

    Das Dritte ist der regelmäßige Kontakt zu Programm-Freunden.

    Das Vierte, das mir hilft ist Dienst: Auch ich gebe das, was ich entdeckt habe und was bei mir funktioniert, an andere weiter.

    Und das Fünfte ist unsere Literatur. Mir hilft es sehr, in der Literatur zu lesen. Vor allem in den drei Grundtexten.

    Insgesamt gilt: Das AS-Programm ist ein Tu-Programm! Die Kraft kommt zur Tat!

    Und was soll ich jetzt tun?

    Willst Du es mit AS versuchen? Dann nimm‘ Kontakt mit einer Gruppe auf. Und lasse all‘ Deine Sorgen und Dein Kopfkino los. Es gibt einen schönen Slogan dazu: Geh‘ mit den Füßen ins Meeting, der Kopf kommt nach.

    Ich kann nur jedem Mut machen, in die Meetings zu gehen und mit einem Sponsor die zwölf Schritte zu arbeiten. Es lohnt sich so sehr!

  • Ein spirituelles Tu-Programm

    Im Blauen Buch heißt es, das Zwölf-Schitte-Programm ist ein spirituelles Tu-Programm, ein spirituelles Handlungsprogramm („a spirituell program of action“, Zitat siehe hier) Es kommt (allein) auf das Tun an. Das ist die Erfahrung hinter den Slogans:

    Du kannst dich nicht gesunddenken.

    Denn die Sucht und du, ihr benutzt das gleiche Gehirn. Wenn du einen IQ von 130 hast, dann hat auch deine Sucht einen IQ von 130.

    und

    Auf richtiges Handeln folgt richtiges Denken und richtiges Fühlen, nicht umgekehrt.

    und

    Tue das Richtige richtig, und das Richtige wird sich ergeben. (Schwer zu übersetzendes Original: Do the right things right and the right things will follow.)

    Es ist auch meine Erfahrung, dass sich erst durch das Tun etwas geändert hat. Schließlich wollte ich schon lange, dass sich etwas ändert. Ich habe mir auch immer wieder vorgestellt, wie gut es wäre, ein normales Leben zu führen, mit äußerer und innerer Ordnung, einer Partnerin, mit Selbstbewusstsein und ohne Scham. Aber es klappte nicht. Es schien unmöglich.

    Sobald ich in eine bestimmte Stimmung geriet (die Lüsternheit übernahm das Kommando), musste ich zum Beispiel zum Straßenstrich fahren. Ich verkaufte schließlich sogar mein Auto in der Hoffnung, die Gewohnheit dadurch brechen zu können. Ohne Erfolg. Ich ging stattdessen ins Laufhaus.

    Ich war wieder gescheitert mit einem Versuch, die Sucht zu kontrollieren.

    Bei AS ging es dann darum, erstmal trocken und dann auch nüchtern zu werden. Der Weg dorthin war das richtige Handeln. Eigentlich sind es nur zwei Dinge, die ich tun musste:

    • Regelmäßig in die Meetings gehen und die Schritte arbeiten.

    Dazu gehört als „Begleitprogramm“:

    • Regelmäßig den Sponsor anrufen.
    • Regelmäßiger Kontakt mit anderen AS-Freunden.

    Mit den vielen Werkzeuge, die ich bei AS bekommen habe, war es dann möglich, trocken zu bleiben. Ich konnte aus der Sklaverei der Sucht in ein nüchternes Leben zurückkehren. In meinem Fall kann ich sogar sagen, dass die vergangenen Jahre die erste Zeitspanne in meinem Leben war, in der ich ohne Suchtmittel Glück, Lebensfreude, Dankbarkeit und Freiheit empfinden konnte.

    Wer jetzt denkt:

    Ja, ich überlege auch, etwas gegen meine Sucht zu tun…

    für den habe ich eine Rätselgeschichte mit einer (einfachen) Lösung:

    Drei Menschen sind in einem Raum. Einer überlegt sich, hinauszugehen. Wieviele Menschen sind nun in dem Raum?

    Antwort: Drei. Sich etwas zu überlegen, heißt nicht, es auch zu tun.

    Wenn Sie sich also überlegen, etwas gegen Ihre Sucht zu tun, dann

    • suchen Sie eine AS-Telefonnummer oder einen AS-Email-Kontakt heraus (siehe hier oder hier),
    • nehmen Sie Kontakt auf, bleiben Sie am Ball, bis Sie in Ihrem ersten Meeting sitzen.
    • Wenn Sie anfangen zu grübeln, ob das wohl der richtige Weg ist, ob man nicht besser noch warten sollte, wie es da wohl sein wird…, dann denken Sie an den Slogan:

    Geh‘ mit den Füßen in die Meetings, der Kopf kommt nach.

    • Meetings haben, wie Menschen, eine „Tagesform“. Deshalb werfen Sie die Flinte nicht zu schnell ins Korn, wenn irgendetwas zunächst nicht passt.

      Probieren Sie das AS-Programm ernsthaft für sich aus.

      Probieren Sie verschiedene Meetings aus.

      Nutzen Sie Telefonmeetings.

      Gehen Sie zu überregionalen Treffen. Lernen Sie Andere kennen, die trocken und auf dem Weg der Genesung sind.

      Sie sind völlig frei, es jederzeit wieder zu lassen. Bei AS werden keine Mitgliederlisten geführt und es gibt auch keinerlei Verpflichtungen.
    • Das Allerwichtigste: Setzen Sie die Genesung an die erste Stelle – vor Ihren Job, Ihre Partnerschaft, Ihre Hobbys oder was Ihnen sonst noch wichtig ist. Denn in der Genesung können Sie all‘ das erhalten, im doppelten Sinne des Wortes. In der Sucht werden Sie es aber, soweit überhaupt (noch) vorhanden, verlieren. Für einen wirklichen Sexaholiker gibt es in der aktiven Sucht nur eine Richtung: Nach unten.

    Es gibt eine Lösung!

  • Mein Karsamstag – befreit aus der Sexsucht-Hölle (zum Bild „Christus in der Vorhölle“ von Albrecht Dürer)

    Vor einigen Jahren eröffnete ich einem Priester meine Pornosucht – vermutlich tat ich es nicht vollständig, denn ich war damals noch nicht bei AS und die Scham dürfte mich von völliger Ehrlichkeit abgehalten haben. Die Scham, dieser Feind Nummer 1 des Sexsüchtigen. Er empfahl mir, gegen die pornografischen Bilder hilfreiche andere Bilder zu setzen. Konkret empfahl er mir die Bilder von Albrecht Dürer.

    Ich entdeckte daraufhin zum Beispiel die Holzschnitte der Kleinen Passion. Sie halfen mir zwar nicht, mit der Sexsucht aufzuhören. Das schaffte erst AS. Aber dennoch faszinierten sie mich. Ich entdeckte damals meine neue Vorstellung von Gott – dem die Menschen so wichtig sind, dass er selber als Gottessohn Menschensohn wurde.

    Der Holzschnitt „Christus in der Vorhölle“ (1509 – 1511) greift ein Geschehen auf, das äußerst geheimnisvoll für uns heute ist (wer nicht glaubt, dass es so ein Geschehen gab, den Bitte ich um Toleranz dafür, dass ich das hier so beschreibe): die sogenannte Höllenfahrt Christi. Nach dem Todeseintritt des Christus Jesus geschah demnach nicht einfach nichts bis zur Auferstehung. Christus wandte sich im Tode vielmehr den verstorbenen Seelen zu!

    Und ohne, dass ich näher gewusst hätte, was dort eigentlich abgebildet ist, sah ich – meine eigene Befreiung! Ich war so viele Jahre in dieser Lüsternheitshölle, deren Feuer ich selber immer wieder und immer stärker anfachen musste. Und dann – tat sich die Tür auf! Und es gab eine helfende Hand, die mich herauszog, herausführte, herausgeleitete.

    Da mochten die Teufel noch so sehr toben!

    Hier ist das Bild Dürers:

    Holzschnitt Dürers aus der Kleinen Passion

    Dieses liebevolle, starke sich Hinunterbeugen des Heilands zu dem bärtigen Mann unten rechts, der noch gar nicht richtig weiß, wie ihm geschieht, aber sich ergreifen lässt. Ängstlich und ergriffen hält er die rechte Hand vor seine Brust. Aber die Linke lockert er so weit, dass er sich ergreifen lassen kann. Und dann geht es ans Licht! Zurück in das für den Süchtigen so ungewohnte Leben. Aber geleitet von dieser Hand – es wird gehen!

    Wie auch immer Du für Dich Deine Höhere Kraft nennst – die Höheren Kräfte wollen uns helfen. Sie wollen unsere Genesung, unser Wachstum – dass wir (wieder) Mensch werden!

    Ich hoffe, nie wieder in meine Hölle zurück zu müssen. Aber ich brauche immer nur einen Tag nach dem anderen, immer nur „für heute“ trocken zu bleiben.

    Dieses Gotteswesen hat sich, selbst im Tode, noch um andere gekümmert. In der Stille des Karsamstags. Und der Ostersonntag war die Besiegelung, dass „Auferstehung“ in die Welt der Menschen eingetreten ist und jederzeit stattfinden kann!

    Nachtrag: Nachdem ich den Beitrag mit einigen Stunden Abstand noch einmal gelesen habe, möchte ich ihn ergänzen. Auch jenseits der Lüsternheit fühle ich mich manchmal im Dunklen. In solchen Situationen gibt mir dieses Bild Hoffnung. Gott, wie ich ihn verstehe, interessiert sich für mich und möchte mir heraushelfen. Das Auftauchen aus solchen Situationen, die ich früher nicht ohne Suchtmittel ertragen konnte – das ist Auferstehung.

  • Ich bin frei, weil ich machtlos bin

    In Bezug auf mein sexuelles Ausagieren habe ich meine Machtlosigkeit erfahren. Ich wollte nicht wieder x Stunden Pornografie konsumieren. Ich wollte nicht wieder zu diesem erbärmlichen Straßenstrich fahren. Aber ich konnte nicht anders. Ich hatte sogar mein Auto verkauft, in der Hoffnung, es lassen zu können. Dann ging ich eben zu Fuß ins Laufhaus. Ich konnte es nicht lassen.

    Erst bei AS begriff ich, dass die Sexualität gar nicht das Problem ist. Was ist z.B. an dem Konsum von Bildern oder am Im-Kreis-Fahren am Straßenstrich schon „sexuell“? Oder am voyeuristischen Schauen? Die Lüsternheit ist das Problem, dieses süchtige innere Ziehen und Zerren und Pushen. Die Sexualität kann dann im Paket dessen, was die Lüsternheit auslöst, Folge sein – oder auch nicht.

    Dann, endlich „trocken“, wurde es wieder schwierig mit der Machtlosigkeit. Es widerstrebt mir manchmal, zu sagen, ich sei machtlos. Denn: Bin ich nicht trocken? Wieso soll ich denn machtlos sein? OK, ich bete, die Höheren Kräfte helfen mir dabei. Aber bin nicht ich es, der etwas tut?

    Ja, ich tue was. Aber ich kann wirklich nichts daran kontrollieren, was aus dem, was ich tue, wird.

    Am deutlichsten wird die Machtlosigkeit wieder am Beispiel Lüsternheit. Sobald ich wieder Lüsternheit zu mir nehme, zum Beispiel einer Frau auf den Po schaue oder ein in meinem Kopf aufkommendes Bild zum Film mache, gerate ich in Not. Die Allergie, die körperliche Überempfindlichkeit droht, ausgelöst zu werden. Hilferufend wende ich mich an meine Höhere Macht. – Noch einmal gut gegangen. (Oder auch nicht, ich kann es nicht kontrollieren. Lüsternheit „trinken“ bedeutet, sein Schicksal zu versuchen.) (Zu den zwei Elementen der Sucht, die das Blaue Buch als „Obsession/ Besessenheit“ und „Allergy/ Allergie“ bezeichnet, habe ich hier etwas geschrieben).

    Tatsächlich bin ich sogar in jeder Hinsicht machtlos. In Bezug auf alles, wo mein Ego und meine Forderungen ins Spiel kommen. Ich kann nichts wirklich Wesentliches selbst bestimmen. Ich hatte z.B. für die vergangene Zeit und die Kar- und Ostertage so viel geplant. Und bin jetzt wegen der Corona-Krise zu Hause. Alle diese Planungen erschienen selbstverständlich. Und haben sich doch in Luft aufgelöst.

    Und erst Recht bin ich machtlos in Bezug auf alle existenziellen Fragen: Geburt (wo auf der Welt, bei welche Eltern, in welchen Verhältnissen), Gesundheit, Tod, weltpolitische Entwicklungen: machtlos, machtlos, machtlos.

    Natürlich kann ich versuchen, meinen Teil beizutragen und zum Beispiel Gifte vermeiden und nicht zu ungesund leben. Mich fortbilden. Mich um meine Verantwortlichkeiten kümmern. Aber das Ergebnis kann ich nicht kontrollieren.

    Vielleicht ist das Machtlosigkeit in einem Satz:

    Ich kann meine Fußarbeit machen, aber das Ergebnis nicht kontrollieren. Und zwar kein Ergebnis, in Bezug auf gar nichts.

    Meine Schwierigkeit, meine Machtlosigkeit immer wieder anzuerkennen – und die Freiheit zu genießen, die darin liegt! – rührt auch von meinem Aufwachsen her. Die Erfahrung des  Verlassen-Werdens, die Gewaltzeugenschaft: Ich war ständig auf der Hut und in Anspannung. Machtlosigkeit war real und doch etwas schwer Auszuhaltendes. Das wollte ich nie wieder. Statt dessen versuchte ich, zu kontrollieren. Ich soll also etwas – die Machtlosigkeit – anerkennen, das mir so viel Leid gebracht hat. Schwer!

    Und noch ein Gesichtspunkt: Meine Religion bringt mich nah an Gott. Ich bin nach Seinem Bilde, Ihm gleich, geschaffen, heißt es. Das verführt zu Größenwahn. Aber ich bin eben doch nicht Gott. Es geht mehr um die tiefe Bejahung einer Möglichkeit, nicht um die Beschreibung von etwas, was schon da ist. Es ist die Möglichkeit, überhaupt erst einmal Mensch zu werden. Dazu gehört, meine Machtlosigkeit anzuerkennen, mein Ego immer wieder loszulassen – und frei zu sein!

    Die Freiheit zu lieben, die mir die Machtlosigkeit gibt. Denn: Weil ich machtlos bin, muss ich nichts mehr kontrollieren! Ich darf leben, im Hier und Jetzt. Ich bin nur für meine Straßenseite verantwortlich, dafür, sie sauber zu halten. Sonst für nichts!

    Gott will uns glücklich, voller Lebensfreude und frei haben, heißt es im Blauen Buch. Der Weg dahin ist die Machtlosigkeit. Immer nur für Heute!

  • Corona-Krise (II)

    Viele meiner aktuellen Gefühlszustände fand ich gestern in einem Zeitungsartikel der Neuen Zürcher Zeitung beschrieben, in dem es um die Folgen einer Quarantäne für die Psyche der Menschen ging (hier).

    Auch ich habe, stärker als sonst, Schlafstörungen, esse mehr als sonst, bin nervös und oft unwillkürlich traurig. Und das, obwohl die Quarantäne hier im Vergleich zu der in China gar nicht so streng ist. Ich vermute, dass bereits die jetzige Situation sehr tief in mir eingeprägte (traumatische) Ängste aufruft.

    In dem Artikel wird eine Beratungsstelle aus Peking zitiert, die über die Hilfesuchenden sagt:

    Sie können aus ihren bisherigen Lebenserfahrungen keine Rückschlüsse auf die neue Herausforderung ziehen (…)

    Doch„, dachte ich plötzlich bei der Lektüre, „das kann ich. Ich war der Lüsternheit gegenüber völlig machtlos. In anderen Bereichen konnte ich mit dem Willen etwas erreichen. In Bezug auf Lüsternheit konnte ich es nicht.“ Ich wollte zum Beispiel nur kurz Pornografie gucken („heute nur 10 Minuten“). Und verlor mich für Stunden darin. Ja: Ich weiß, wie es ist sich absolut machtlos zu fühlen. Ich kann aus meinen Erfahrungen Rückschlüsse auf die jetzige Situation ziehen!

    So ist es. Ich bin einfach nur wieder machtlos. Die Dinge laufen anders, als ich sie mir vorgestellt habe. Das kenne ich doch. Ich habe alle Werkzeuge des Programms, um mit dieser Machtlosigkeit umzugehen. Für mich ist die Grundsituation nicht ungewohnt. Nur diese spezielle Ausprägung davon. Und da ich nicht nur sex-, sondern auch angstsüchtig bin, geht die Spannungskurve zusätzlich hoch.

    Nein, ich möchte es loslassen.

    Loslassen und Gott überlassen.

    Und was kann ich dazu beitragen? Das Loslassen-Können ist ein Geschenk der Höheren Kräfte. Die sind aber darauf angewiesen, dass ich meine Fußarbeit mache.

    Viele Werkzeuge hatte ich im ersten Corona-Beitrag schon aufgezählt (hier).

    Ganz besonders wichtig sind für mich die Meetings. Viele Gruppen führe ihre Meetings als Telefonmeetings fort. Ein Rettungsanker! Wer noch nie in einem Meeting war oder derzeit keinen Zugang hat, kann sich über das Kontaktformular bei mir melden (hier), ich helfe gerne, den Kontakt herzustellen.

    Wie oft bin ich in Krisen in der Sucht versunken. Wenn Du Hilfe möchtest: Auch in dieser Zeit sind die Anonymen Sexaholiker und die anderen Zwölf-Schritte-Gruppen erreichbar! Es gibt eine Lösung! Es ist wirklich wahr:

    Wer aufhören möchte, findet Wege – wer trinken möchte, Gründe.

    Es lohnt sich so sehr, den Weg der Genesung zu gehen!

     

  • Corona-Krise (I)

    In den vergangenen zwei Tagen war ich bedrückt, kraftlos und hatte immer wieder Angst. Heute morgen wurde mir dann plötzlich klar, welche Besonderheit diese Corona-Krise für mich mit sich bringt. Worin ein Gesichtspunkt ihrer Ungeheuerlichkeit liegt.

    „Äußerlich“ sind Risiken dieser Krise überforderte Krankenhäuser und ein gewaltiger wirtschaftlicher Zusammenbruch. Auch die Sorge, dass Menschen krank werden könnten, mit denen ich verbunden bin, oder ich selber.

    Aber die besondere Schwierigkeit liegt noch auf einer anderen Ebene: Die geschilderten Gefahren lösen bei mir Angst aus. Es werden auch Ängste berührt, die in traumatischen Erfahrungen wurzeln. Was würde ich normalerweise in so einer Situation tun? Ich würde Meetings besuchen, den Gottesdienst, Vorträge, ich würde Gebet und Besinnung pflegen, mich mit meinem Sponsor und mit Freunden treffen, gemeinsam Essen und Kaffee trinken und wir würden gemeinsam Freude haben und Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen.

    Ich hätte also gegen diese aus meinen Tiefen aufsteigenden Ängste eigentlich Mittel, ich weiß, was zu tun ist, ich habe sie tausende Male angewendet – und jetzt, wo die Krise ungewöhnlich intensiv ist, tue nur Weniges davon – kann Vieles nicht tun. Die intensive persönliche Begegnung, zu zweit, in Gruppen, im Gottesdienst, eingeschränkt, verboten – durch Vorschriften und durch selbst auferlegte Distanz- und Rücksichtnahmegebote. Durch Vernunft.

    Das ist das Ungeheuerliche. Dass ich den aufsteigenden Ängsten nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln begegnen kann.

    Seitdem mir das klar ist, geht es mir wieder besser. Es ist der Kern dieser besonderen Situation, dass sie das Zwischenmenschliche schwächt. Sie greift unmittelbar die Institutionen der Freundschaft, Gemeinschaft und Begegnung an. Jetzt weiß ich, was für mich um so wichtiger ist:

    • Ich suche den Kontakt, isoliere mich nicht, spreche meine Angst aus, teile meine Schwäche und Erfahrung, Kraft und Hoffnung; in der Begegnung schrumpft die Angst bis zu dem Gefühl: Jetzt ist alles OK. Es helfen die Slogans:

    Gott legt niemandem mehr auf, als er tragen kann.

    Auch das geht vorüber.

    Loslassen und Gott überlassen.

    Gefühle sind wie Wolken: sie ziehen auf und sie ziehen wieder vorüber.

    Mut ist Angst, die gebetet hat.

    • Ich pflege meine Spiritualität: Gemeinsam mit meiner Frau und am Telefon mit anderen. Ich halte private Andacht während der Gottesdienstzeiten, mich gedanklich mit den Anderen verbindend, die das Gleiche tun.
    • Ich übe Dankbarkeit, schreibe Dankbarkeitslisten.
    • Ich prüfe, welche Formen von Dienst ich tun kann. Dienst hält trocken und bringt mich davon ab, die ganze Zeit um mich selbst zu kreisen.
    • Ich führe die Meetings per Telefon oder anders elektronisch fort, gehe in mehr Meetings, helfe dort mit.
    • Ich spreche regelmäßig mit meinem Sponsor.

    Angst macht krank. Sie ist der brüchige Faden, der das Gewebe meiner Existenz durchzogen hat. Sie ist die Triebfeder meiner Charakterfehler. Ich brauche Ent-Ängstigung.

    Ich kann die Angst nicht wegwünschen. Aber die beschriebenen Wege helfen mir, sie integrieren zu können. Sie ist ein Teil von mir – aber ich bin nicht sie. Ich kann aus ihr herauswachsen – das habe ich in den Jahren der Trockenheit im Zwölf-Schritte-Programm immer und immer wieder erfahren.

    Heute bin ich trocken und dankbar dafür, auf dem Weg zu sein. Was morgen ist, werde ich sehen. Ich bin so dankbar dafür, dass ich durch diese Situationen hindurch gehen kann, ohne lüstern zu trinken und ohne sexuell auszuagieren.

    Ich habe meine „Stimme“ wiedergefunden. Ich hoffe, auch in den nächsten Tagen hier schreiben zu können.