Schlagwort: Christian Morgenstern

  • „Gott hält dir keinen Parkplatz in der Altstadt frei“

    Ein „AA-Oldtimer“ sagte manchmal im Meeting: „Gott hält dir keinen Parkplatz in der Altstadt frei“ – vielleicht, weil es ihn nervte, wenn ein Teilnehmer „Gott“ zu seiner Wünscherfüllungsmaschine machen wollte oder als Ausrede dafür benutzte, dass er sich nicht um das kümmerte, wofür er selber verantwortlich ist („Heute bin ich nicht zum Vorstellungsgespräch gegangen. Aber Gott wird mir schon einen Job besorgen.“). Andererseits erlebe ich es aber, dass das Schicksal wirklich oft verblüffende Hilfen und Lösungen für meine Sorgen und Probleme bereithält – immer dann, wenn ich mich geduldig und tastend auf das zarte Wechselspiel einlasse – das Wechselspiel zwischen dem, was ich selber tue (und manchmal auch tun muss) und dem, was von „oben“ daraus gemacht oder hinzugegeben wird.

    Vor allem ist das, was ich in dieser lauschenden, tastenden Haltung bekomme, oft noch besser als das, was ich mir gewünscht habe. Alles, was wirklich wichtig in meinem Leben ist: zum Beispiel meine Frau, die Zwölf-Schritte-Gruppen, meine Spiritualität und meine Kirche, unsere Wohnung, der Arzt, der mir so viel weiter geholfen hat, die Menschen, die mir Wege gewiesen haben, mein Beruf…, alles das, wofür ich dankbar bin, ist auf „indirektem Wege“ zu mir gekommen. In keinem dieser aufgezählten Beispiele habe ich den „Erfolg“ direkt angesteuert. Ich war einfach offen, habe Menschen angesprochen und ihnen zugehört, war im entscheidenden Moment mutig (oder habe mir helfen lassen, wenn mir selbst der Mut fehlte) – und dann kam es zu diesem Wechselspiel aus Aktivität, Warten, Lauschen und Zuhören, und am Ende stand – das Geschenk, die Segnung, die dann zugleich wieder Beginn eines neuen Weges ist.

    Dabei ist jedes Geschenk ausnahmslos auch mit Schmerz verbunden, das muss so sein. So werde ich von jedem geliebten Menschen irgendwann getrennt; wenn ich das Geschenk des Alters bekomme, muss ich wahrscheinlich zugleich dem eigenen körperlichen Verfall erleben und annehmen; die Welt verändert ich und es vergehen Dinge, die mir wichtig sind oder sie werden mir genommen. Und wieder: Offenbleiben, wünschen, ohne dass Forderungen aus dem Wünschen werden, etwas wagen, Begegnung zulassen… – das Schicksal, die helfenden Kräfte sind da.

    Das ist Leben! Meine Sucht war eine Schmerzbehandlung! Ich hatte so Sehnsucht nach dem Leben, aber weil ich dem Leben nur mit Anspannung und Angst begegnen konnte, und vor allem Schlimmes erwartete, blieb der Lebenshunger ungestillt. Stattdessen wurde meine Welt immer enger und enger, ich versuchte, das Leben durch Striktheit, Verurteilungen und Forderungen „lebbarer“, erträglicher zu machen. Das klappte natürlich nicht. Es wurde immer unerträglicher und ich brauchte noch mehr „Schmerz- und Schlafmittel“, um es aushalten zu können.

    Was klappt denn? Nun: Gebet – Dankbarkeit – eine liebevolle Haltung – Nachsicht und Freundlichkeit gegenüber sich selbst und anderen – um Hilfe bitten und Hilfe schenken – und auf das Anklopfen dessen hören, was bereit ist, einzutreten. Das Eintretende lieben und, wo das nicht geht, es zumindest annehmen und darauf vertrauen: Gott legt niemandem mehr auf, als er tragen kann und: Die Hilfe und die Helfer sehen vielleicht anders aus, als ich es im Eigenwillen und in der Enge meiner Vorstellungen erwarte oder fordere.

    Ich darf mir alles wünschen, das Beste und Schönste, ich darf alle Vorurteile über Bord werfen, ich darf mich freuen – es gibt meinen Weg, ich gestalte ihn mit und er wird mich führen.

    Ich habe die Gedichtszeilen von Christian Morgenstern schon an anderer Stelle zitiert, aber sie heben meinen Blick und meinen Mut, wenn beides gesunken ist. Und sie erinnern mich an meine eigene Erfahrung, dass, seitdem ich auf dem Weg der Genesung bin, dieser Weg mich tatsächlich aufs Beste geführt hat:

    Nachts im Wald

    Bist du nie des nachts durch Wald gegangen,
    wo du deinen eignen Fuß nicht sahst?
    Doch ein Wissen überwand dein Bangen:
    Dich führt der Weg.

    Hält dich Leid und Trübsal nie umfangen,
    dass du zitterst, welchem Ziel du nahst?
    Doch ein Wissen übermannt dein Bangen:
    Dich führt dein Weg.

    Christian Morgenstern

  • Mein Blaues Buch (4): Das Dritte-Schritt-Gebet

    Das Dritte-Schritt-Gebet im Blauen Buch dient der Bekräftigung der Entscheidung, die ich im dritten Schritt treffe. Der dritte Schritt lautet:

    Made a decision to turn our will and our lives over to the care of God as we
    understood Him.

    Alcoholics Anonymous, Step 3

    Wir haben uns entschieden, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes, wie wir Ihn verstanden, anzuvertrauen.

    Anonyme Alkoholiker, Dritter Schritt (eigene Übersetzung)

    Mit dem Gebet des dritten Schritts bekräftige ich diese Entscheidung. (Wichtig: Wenn bei den Anonymen Alkoholikern oder Anonymen Sexaholikern von Gott die Rede ist, ist immer Gott, wie Du Gott verstehst, gemeint. Es ist jede Gottesvorstellung möglich, die für Dich Sinn ergibt.)

    Bei dem Dritte-Schritt-Gebet bin ich mit der deutschen Übersetzung im Blauen Buch nicht gut zurechtgekommen. Im Zentrum des englischen Originals steht die Bitte, vom Eigenwillen befreit zu werden, weil mich der Eigenwille immer wieder in Schwierigkeiten bringt: Es fällt mir schwer, das Leben zu seinen Bedingungen anzunehmen und zu akzeptieren. Ich will aus Angst mein Leben immer und immer wieder kontrollieren und steuern – aber es klappt nicht. Diese Versuche, zu kontrollieren, kosteten mich sehr viel Energie (sie tun es heute noch oft). Im Dritte-Schritt-Gebet bitte ich meine Höhere Macht darum, diesen Eigenwillen von mir zu nehmen (es folgen jetzt das englische Original, die Übersetzung aus dem deutschsprachigen Blauen Buch und meine Übersetzung, in der ich das Gebet verwende):

    God, I offer myself to Thee – to build with me and to do with me as Thou wilt. Relieve me of the bondage of self, that I may better do Thy will. Take away my
    difficulties, that victory over them may bear witness to those I would help of Thy
    Power, Thy Love, and Thy Way of life. May I do Thy will always!

    Alcoholics Anonymous, p. 63

    Gott, ich gebe mich in Deine Hand, richte mich
    auf und tu mit mir nach Deinem Willen. Erlöse mich
    von den Fesseln meines Ichs, damit ich Deinen Willen
    besser erfüllen kann. Nimm meine Schwierigkeiten
    hinweg, damit der Sieg über sie Zeugnis von Deiner
    Macht, Deiner Liebe, Deiner Führung ablegen möge
    vor den Menschen, denen ich helfen möchte. Möge ich
    immer Deinen Willen tun!

    Anonyme Alkoholiker, S. 73

    Gott, ich mache mich Dir verfüglich, dass Du mit mir schaffen und tun kannst nach Deinem Willen.

    Befreie mich von den Fesseln meines Eigenwillens, damit ich Deinen Willen
    besser erfüllen kann.

    Nimm meine Schwierigkeiten
    hinweg, damit der Sieg über sie Zeugnis von Deiner
    Macht, Deiner Liebe und der Art der Lebensführung ablegen möge, die mit Dir möglich ist – Zeugnis ablegen vor den Menschen, denen ich helfen möchte.

    Möge ich
    immer Deinen Willen tun!

    eigene Übersetzung

    Ich ergänze das Gebet außerdem um einen Satz, mit dem ich mir selbst die Angst vor Gott nehme. Denn ich weiß heute, dass ich aufgrund der Prägungen aus meiner Kindheit ein sehr negatives Bild von Gott verinnerlicht hatte. Er war eine unangenehme, unberechenbare Gestalt, die über alle Verfehlungen Buch führt, so dass man diesem Gott gegenüber nur verlieren konnte. Es war ein Gott, mit dem ich nichts zu tun haben wollte.

    Dieses alte Gottesbild musste ich zunächst loslassen, um mich überhaupt an einen Gott (Gott, wie ich Ihn verstehe) wenden zu können. Ich entschied mich, dass Gott für mich die Liebe ist. Er will nichts anderes als mein Wachstum und meine Genesung. Dies verdeutliche ich mir heute, indem ich in das Gebet ergänze:

    Gott, ich mache mich Dir verfüglich, dass du mit mir schaffen und tun kannst nach Deinem Willen – Gott, der Du die Liebe bist.

    Er ist die Liebe. Seinen Willen brauche ich nicht zu fürchten.

    Vielleicht kann ich irgendwann in innerer Freiheit mit dem Dichter Christian Morgenstern so sprechen:

    Du Weisheit meines höhern Ich,
    die über mir den Fittich spreitet
    und mich vom Anfang her geleitet,
    wie es am besten war für mich, -
    
    wenn Unmut oft mich anfocht: nun - 
    es war der Unmut eines Knaben!
    Des Mannes reife Blicke haben
    die Kraft voll Dank auf Dir zu ruhn.
    
    aus: Christian Morgenstern, Wir fanden einen Pfad 

  • Ich bin aus Gott

    Ein Gedicht von Christian Morgenstern und einige Gedanken von mir dazu.

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  • Was ich meiner Sucht verdanke

    Früher sah ich in meiner Sucht vor allem das Negative, das Leid und die vielen einsamen, angespannten Jahre, die ich in ihr zugebracht habe. Als ich vor einigen Tagen im Flugzeug auf dem Weg zu einer AS-Convention war, da ging es mir umgekehrt: Ich hatte vor Augen, welches Glück die Genesung in mein Leben gebracht hat. Ein Gefühl von Glück durchströmte mich.

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