Schlagwort: Loslassen

  • Ich „habe“ nicht nur eine Sexsucht, sondern ich „bin“ Sexaholiker

    Was mich betrifft, so erscheint mir bisweilen die Formulierung „ich bin Angst“ zutreffender für meine innere Verfassung als „ich habe Angst“. – David K. Reynolds, Die stillen Therapien, Essen 1994, S. 23

    Bei den Anonymen Sexaholikern stellen sich viele zu Beginn eines Wortbeitrags im Meeting mit dem Satz vor: „Ich bin [Name], Sexaholiker“. Manche Neue lehnen das zunächst für sich ab. Sie sagen, dass sie es nicht gut finden, denn sie würden sich doch nicht über ihre Sucht definieren wollen! Es wäre doch gerade ihr Ziel, den Zwang loszuwerden!

    Als ich 2008 zuerst vom Alkohol trocken wurde, habe ich wahrscheinlich auch noch so etwas gesagt. Dann wurde ich davon trocken und habe kennengelernt, wie befreiend es ist, zu kapitulieren, das heißt: Loszulassen.

    Als ich dann aber 2012 zu den Anonymen Sexaholikern kam, konnte ich es sofort laut sagen. Es war eine Erlösung: Ja, ich bin Sexaholiker! Mein ganzes Wahrnehmen, Denken und Wollen ist von dieser Sucht beeinflusst, getrübt und oft sogar völlig von ihr bestimmt! Ich bin Sexaholiker und ich bin machtlos! Dieses Eingeständnis war die Befreiung. Denn damit war auch klar, dass ich tatsächlich krank war. Meine Persönlichkeit war beschädigt und beeinträchtigt und ich brauchte Hilfe, um wieder gesund zu werden.

    Der noch „nasse“ Sexaholiker kann aufgrund seiner Sucht nicht anders, als immer wieder den Wagen vor das Pferd zu spannen: Er nimmt Lüsternheit zu sich und versucht anschließend, die Art oder Menge dieser Giftzufuhr zu kontrollieren. Da er krank ist, lüsternheitskrank, funktioniert aber gerade das nicht. Dem Konsum von Lüsternheit folgt immer die „Sauftour“, mögen Vorsatz oder Notwendigkeit, diesmal nicht abzurutschen, noch so stark sein. Die Abfolge:

    Lüsternheits-Konsum, Gefühl der Erleichterung, Auftreten des süchtigen Verlangens, Durchgang durch die Stadien einer „Sauftour“ (süchtiger Konsum) und dann, nach der Sauftour: Scham und der Vorsatz, es beim nächsten Mal besser zu kontrollieren oder es ab jetzt ganz zu lassen,

    ist für den wirklich Süchtigen zwingend und unvermeidbar – bis zur Kapitulation, das ist das Eingeständnis der Niederlage:

    Ich bin Sexaholiker!

    Und es ist eine Befreiung und von da ab kann Genesung beginnen. Bei AS habe ich gelernt, dass es außer dem Ausagieren auf der einen und dem Unterdrücken der Gier auf der anderen Seite noch diese dritte Option gibt: Aufzuhören zu kämpfen und sich, mit Hilfe der höheren Kräfte, die ich trocken „anzapfen“ kann, von der Fixierung auf die Sucht abzuwenden und ein neues Leben ohne Suchtmittel zu beginnen.

    Das hört sich für diejenigen, die noch drinhängen, theoretisch an. Es ist wie mit allen Erfahrungen: Ich muss sie selber machen! Wer noch nie geschwommen ist, hat Angst vorm Wasser und weiß nicht, was für ein wunderbares Gefühl es ist, darin zu „schweben“ und davon getragen zu werden. Wenn es ihm einer erzählt, hilft das nicht: Er muss selber schwimmen lernen und es erleben!

    Ich versuche heute, mich diesem Fluss des Lebens anzuvertrauen. Ich brauche nicht mehr wegzulaufen. Ja, ich bin ein Sexaholiker! Aber dieser Defekt hat mich zu meinem heutigen Leben geführt in dem ich mich wohl fühle und das ich für keinen Rausch mehr eintauschen möchte!

    Als ich das Eingangszitat von Reynolds gelesen habe, hat es mich gefreut, dass dies ein Psychologe (in Bezug auf Angst) auch so erfahren hat. Und bei Reynolds bedeutet dies gerade nicht Passivität, ganz im Gegenteil.

    Nach dem befreienden Ausruf „Ich bin ein Sexaholiker“ kommt es darauf an, das zu tun, was getan werden muss!

    Changes beginn with action. – David K. Reynolds, Playing Ball on Running Water, 1984, S. 16

  • Wie ich gestern die Regierung und meinen Chef auswechselte und eine Prämie für meine Arbeit erhielt

    Nichts von alledem hatte ich getan. Ich erhielt auch keine Prämie. Ich stellte stattdessen fest, dass ich auf der Arbeit eine Aufgabe vergessen hatte, die ich schon vor einer Woche hätte lösen sollen.

    Aber ich hatte das alles doch getan. In meinem Kopf. In meinem Kopf hatte ich angeklagt, bloßgestellt und ausgewechselt und dann auch noch meine Arbeit erledigt – die aber in Wahrheit in Stapeln auf dem Schreibtisch lag.

    Wie es in unserer Literatur immer und immer wieder gesagt wird: Der Sexaholiker lebt die meiste Zeit in seinem Kopf und nicht in der Wirklichkeit. Er lebt in seiner Phantasie und in seinen Tagträumen.

    Gestern Abend wurde mir dann meine Situation bewusst und mir fiel ein Satz meines Sponsors dazu ein:

    Je mehr ich im Denken und in meinem Kopf bin, um so weniger bin ich in meiner Gelassenheit.

    Und ich ließ los. Ich betete: „Gott, bitte hilf mir, dass ich all diese Gedanken loslassen kann.“ Es ist mit solchen Phantasien nicht anders, als mit der Lüsternheit. Um von ihnen frei zu werden, muss ich sie jedes Mal loslassen, wenn sie aufkommen.

    Ich weiß, dass mein Wohlbefinden davon abhängt, dass ich im Heute bleibe. Im Jetzt. Das Allermeiste im Leben muss nicht extra „gedacht“ werden. Denken ist sinnvoll, wenn ich eine Aufgabe löse, einen Text schreibe oder etwas plane. Sobald das Denken aber eine innere Inszenierung wird, ohne Bezug zur Wirklichkeit, desto schlechter geht es mir.

    Als Kind waren reale Erlebnisse für mich so bedrohlich und aussichtslos, dass ich eine Tür hinaus brauchte in eine Innenwelt, in die ich fliehen konnte. In dieser Innenwelt brauchte ich nichts zu befürchten. Außen konnte mir keiner helfen.

    Diese Fluchtwelt wurde dann gepolstert mit Alkohol, Lüsternheit und mit Phantasien. Hin und wieder schaute ich mir die wirkliche Welt an (das funktionierte nur sehr schlecht, denn Angst, Sucht und Lüsternheit beschädigen die Wahrnehmungsfähigkeit; schließlich zerstören sie sie). Aber durch meine Angst und das ständige Gefühl des Bedrohtseins konnte ich es in dieser Wirklichkeit nicht aushalten.

    Das Problem der Genesung von der Sucht liegt nicht im Entzug. Der kann hart sein, geht aber vorbei. Das Problem liegt darin, nüchtern lebensfähig zu werden. Dies ist ein spirituelles Problem, wenn man mit den Anonymen Sexaholikern unter „spirituell“ das versteht, was den innersten Kern meiner Persönlichkeit ausmacht. Dieser innere Kern sollte ein Ort der Klarheit, Wachheit und Liebe sein. Bei mir war er ein Gefängnis aus Angst, Anspannung und Sorge – und weil so niemand leben kann, habe ich mir meine Suchtmittel als Schmerzstiller besorgt.

    Ich habe bei den Anonymen Alkoholiker einen Spruch gehört, der die Situation gut beschreibt:

    Die gute Nachricht ist: Wenn du mit dem Trinken aufhörst, kommen die Gefühle wieder. Die schlechte ist: Alle Gefühle kommen wieder.

    Daher berührt die Genesung den Kern meiner Persönlichkeit. Der muss sich wandeln. Das Zwölf-Schritte-Programm ist das Mittel hierfür. Ich werde nur glücklich und zufrieden leben können, wenn ich in der Wirklichkeit bleiben kann. Es gibt Wege zum Umgang mit dem unvermeidbaren Schmerz. Und wenn der Schmerz weicht, dann sind da: Klarheit, Weite, Luft zum Atmen – und Freude.

  • Dankbarkeit

    Wenn ich ins Stocken komme, dann kommt auch mein Schreiben ins Stocken. Dann verkrampfe ich mich und kann nicht loslassen. Und auch Schreiben ist „Loslassen“: Ich gebe etwas von mir weg und kann nicht kontrollieren, wie es beim anderen ankommt. Wenn es mir nicht gut geht, wenn ich in Angst und Belastung festhänge, dann komme ich nicht in diesen Fluss aus empfangen und sofort weitergeben.

    Ich bin so dankbar, dass es mir wieder besser geht. Ich arbeite neben AS auch wieder im Programm für „Erwachsene Kinder von Alkoholikern/ aus dysfunktionalen Familien“ (ACA) und merke, dass ich es brauche, vermisst habe und es mir hilft.

    Mein erster AA-Sponsor hatte mir empfohlen, jeden Abend eine Dankbarkeitsliste zu schreiben und sie mir morgens wieder durchzulesen. Ich habe dadurch entdeckt, wofür ich dankbar bin. Selbst an schwierigen Tagen bin ich dankbar, z.B.

    • bin ich dankbar, dass ich lebe.
    • Ich bin dankbar, dass ich Arme, Hände, Beine und Füße nutzen kann.
    • Ich bin dankbar, im Frieden in Deutschland zu leben.
    • Ich bin dankbar für AS, AA und ACA.
    • Ich bin dankbar für meine Sponsoren und meine Sponsees.
    • Ich bin dankbar für meine Frau.
    • Ich bin dankbar für meinen Job und mein Einkommen.
    • Ich bin dankbar für unsere Wohnung.
    • Ich bin dankbar für…

    Mir würden ohne nachzudenken noch ein halbes Dutzend weitere Punkte einfallen. An manchen bedrückten Tagen hilft es mir, einfach nur innerlich dieses „Ich bin dankbar für…“ anzustoßen, und die Dankbarkeit schiebt sich behutsam in meine schlechte Stimmung – und es wird leichter. Ja, ich bin dann wirklich dankbar.

    Außerdem ist eine kurze Dankbarkeitsliste auch Bestandteil meines Erste-Hilfe-Koffers für Groll-, Angst oder Wut-Notfälle. Wenn ein solcher Notfall entritt: Kurz fünf Punkte aufschreiben, wofür ich dankbar bin. Sie mir sofort nochmal durchlesen – und der Groll-, Angst- oder Wutmoment verliert etwas von seiner Dynamik. Ich bekomme wieder eine Wahl, werde wieder handlungsfähig.

    Ich bin dankbar, dass ich diese Zeilen schreiben und veröffentlichen kann:-)

  • Der Kern des AS-Programms

    Was ist denn der Kern des AS-Programms?

    Der Kern des AS-Programms ist die Erfahrung, dass es eine Wahl gibt, eine „dritte Option“: Früher hatte ich nur zwei Möglichkeiten: Entweder habe ich ausagiert oder ich habe den inneren Sog zum Ausagieren mit Kraft unterdrückt. Das ging aber nicht lange gut und dann musste ich wieder ausagieren. So lief es immer und immer wieder.

    Heute habe ich eine dritte Handlungsmöglichkeit: das Loslassen, das Kapitulieren. Wenn die Lüsternheit kommt, wenn ich getriggert werde, kann ich loslassen.

    Und das gilt nicht nur für Lüsternheit. Früher hatte ich auch sonst oft keine Wahl: Gab es einen „Reiz“ (z.B. es geschah auf der Arbeit etwas Unangenehmes), „musste“ ich reagieren: Sei es mit Groll oder Angst, sei es mit Flucht, Angriff oder Lähmung. Ich konnte gar nicht anders. Ich war hin- und hergerissen von Emotionen und hatte nur wenige Reaktionsmöglichkeiten zur Verfügung. Heute habe ich eine Wahl. Zum Beispiel auch die Möglichkeit, mir Hilfe zu holen.

    Und wie schaffe ich das: Loszulassen? Ich kriege es nicht hin.

    Alleine schaffe ich es auch nicht. Aber mit Hilfe der Höheren Macht gelingt es.

    Was ist denn diese Höhere Macht?

    Die Höhere Macht oder Kraft ist die Kraft, aus der ich trocken leben kann. Obwohl ich der Lüsternheit gegenüber machtlos bin, bin ich trotzdem trocken. Um das zu erreichen, brauchte ich eine Kraft, größer als ich selbst.

    Und wie soll ich mir diese Höhere Kraft vorstellen?

    Mache Dir Dein eigenes Bild von ihr! Sie kann alles sein, was für Dich Sinn ergibt und Dir die notwendige Kraft vermittelt. Für viele von uns ist es (ein) Gott.

    Ich habe nichts am Hut mit Gott.

    Anfangs hatte ich auch große Schwierigkeiten damit, dass das Wort „Gott“ im Programm vorkommt. Dann habe ich den Hinweis bekommen, dass ich hier nichts glauben oder von anderen übernehmen muss. Wenn von Gott die Rede ist, dann geht es um Gott, wie Du Ihn verstehst.

    Und wie hast Du Deine Höhere Macht gefunden?

    Um Gott oder die Höhere Kraft zu finden, dafür gibt es die zwölf Schritte. Durch sie bin ich aus der Abtrennung herausgekommen. Ich war abgetrennt von den Anderen, von Gott und von mir. Durch die Schritte bin ich aus dieser fürchterlichen Isolation herausgekommen.

    Und wie mache ich das mit den Schritten? Wie fange ich an?

    Bei mir ist es so: Ich gehe mehrmals die Woche ins Meeting. Gerade am Anfang sprach die Höhere Kraft vor allem durch andere Menschen zu mir, die auf dem Genesungsweg schon weiter sind. Heute spüre ich sie oft auch schon in mir selbst.

    Dann habe ich einen Sponsor. Er hilft mir bei der Schrittearbeit und vor allem tut er eines: Er sagt mir, was er bei mir sieht. So werde ich auf meine Fehler aufmerksam, für die ich noch – oder wieder – blind bin. Er gibt mir einfach von dem ab, was er selbst auf dem Weg der Genesung gefunden hat.

    Das Dritte ist der regelmäßige Kontakt zu Programm-Freunden.

    Das Vierte, das mir hilft ist Dienst: Auch ich gebe das, was ich entdeckt habe und was bei mir funktioniert, an andere weiter.

    Und das Fünfte ist unsere Literatur. Mir hilft es sehr, in der Literatur zu lesen. Vor allem in den drei Grundtexten.

    Insgesamt gilt: Das AS-Programm ist ein Tu-Programm! Die Kraft kommt zur Tat!

    Und was soll ich jetzt tun?

    Willst Du es mit AS versuchen? Dann nimm‘ Kontakt mit einer Gruppe auf. Und lasse all‘ Deine Sorgen und Dein Kopfkino los. Es gibt einen schönen Slogan dazu: Geh‘ mit den Füßen ins Meeting, der Kopf kommt nach.

    Ich kann nur jedem Mut machen, in die Meetings zu gehen und mit einem Sponsor die zwölf Schritte zu arbeiten. Es lohnt sich so sehr!

  • Ich bin frei, weil ich machtlos bin

    In Bezug auf mein sexuelles Ausagieren habe ich meine Machtlosigkeit erfahren. Ich wollte nicht wieder x Stunden Pornografie konsumieren. Ich wollte nicht wieder zu diesem erbärmlichen Straßenstrich fahren. Aber ich konnte nicht anders. Ich hatte sogar mein Auto verkauft, in der Hoffnung, es lassen zu können. Dann ging ich eben zu Fuß ins Laufhaus. Ich konnte es nicht lassen.

    Erst bei AS begriff ich, dass die Sexualität gar nicht das Problem ist. Was ist z.B. an dem Konsum von Bildern oder am Im-Kreis-Fahren am Straßenstrich schon „sexuell“? Oder am voyeuristischen Schauen? Die Lüsternheit ist das Problem, dieses süchtige innere Ziehen und Zerren und Pushen. Die Sexualität kann dann im Paket dessen, was die Lüsternheit auslöst, Folge sein – oder auch nicht.

    Dann, endlich „trocken“, wurde es wieder schwierig mit der Machtlosigkeit. Es widerstrebt mir manchmal, zu sagen, ich sei machtlos. Denn: Bin ich nicht trocken? Wieso soll ich denn machtlos sein? OK, ich bete, die Höheren Kräfte helfen mir dabei. Aber bin nicht ich es, der etwas tut?

    Ja, ich tue was. Aber ich kann wirklich nichts daran kontrollieren, was aus dem, was ich tue, wird.

    Am deutlichsten wird die Machtlosigkeit wieder am Beispiel Lüsternheit. Sobald ich wieder Lüsternheit zu mir nehme, zum Beispiel einer Frau auf den Po schaue oder ein in meinem Kopf aufkommendes Bild zum Film mache, gerate ich in Not. Die Allergie, die körperliche Überempfindlichkeit droht, ausgelöst zu werden. Hilferufend wende ich mich an meine Höhere Macht. – Noch einmal gut gegangen. (Oder auch nicht, ich kann es nicht kontrollieren. Lüsternheit „trinken“ bedeutet, sein Schicksal zu versuchen.) (Zu den zwei Elementen der Sucht, die das Blaue Buch als „Obsession/ Besessenheit“ und „Allergy/ Allergie“ bezeichnet, habe ich hier etwas geschrieben).

    Tatsächlich bin ich sogar in jeder Hinsicht machtlos. In Bezug auf alles, wo mein Ego und meine Forderungen ins Spiel kommen. Ich kann nichts wirklich Wesentliches selbst bestimmen. Ich hatte z.B. für die vergangene Zeit und die Kar- und Ostertage so viel geplant. Und bin jetzt wegen der Corona-Krise zu Hause. Alle diese Planungen erschienen selbstverständlich. Und haben sich doch in Luft aufgelöst.

    Und erst Recht bin ich machtlos in Bezug auf alle existenziellen Fragen: Geburt (wo auf der Welt, bei welche Eltern, in welchen Verhältnissen), Gesundheit, Tod, weltpolitische Entwicklungen: machtlos, machtlos, machtlos.

    Natürlich kann ich versuchen, meinen Teil beizutragen und zum Beispiel Gifte vermeiden und nicht zu ungesund leben. Mich fortbilden. Mich um meine Verantwortlichkeiten kümmern. Aber das Ergebnis kann ich nicht kontrollieren.

    Vielleicht ist das Machtlosigkeit in einem Satz:

    Ich kann meine Fußarbeit machen, aber das Ergebnis nicht kontrollieren. Und zwar kein Ergebnis, in Bezug auf gar nichts.

    Meine Schwierigkeit, meine Machtlosigkeit immer wieder anzuerkennen – und die Freiheit zu genießen, die darin liegt! – rührt auch von meinem Aufwachsen her. Die Erfahrung des  Verlassen-Werdens, die Gewaltzeugenschaft: Ich war ständig auf der Hut und in Anspannung. Machtlosigkeit war real und doch etwas schwer Auszuhaltendes. Das wollte ich nie wieder. Statt dessen versuchte ich, zu kontrollieren. Ich soll also etwas – die Machtlosigkeit – anerkennen, das mir so viel Leid gebracht hat. Schwer!

    Und noch ein Gesichtspunkt: Meine Religion bringt mich nah an Gott. Ich bin nach Seinem Bilde, Ihm gleich, geschaffen, heißt es. Das verführt zu Größenwahn. Aber ich bin eben doch nicht Gott. Es geht mehr um die tiefe Bejahung einer Möglichkeit, nicht um die Beschreibung von etwas, was schon da ist. Es ist die Möglichkeit, überhaupt erst einmal Mensch zu werden. Dazu gehört, meine Machtlosigkeit anzuerkennen, mein Ego immer wieder loszulassen – und frei zu sein!

    Die Freiheit zu lieben, die mir die Machtlosigkeit gibt. Denn: Weil ich machtlos bin, muss ich nichts mehr kontrollieren! Ich darf leben, im Hier und Jetzt. Ich bin nur für meine Straßenseite verantwortlich, dafür, sie sauber zu halten. Sonst für nichts!

    Gott will uns glücklich, voller Lebensfreude und frei haben, heißt es im Blauen Buch. Der Weg dahin ist die Machtlosigkeit. Immer nur für Heute!

  • Corona-Krise (II)

    Viele meiner aktuellen Gefühlszustände fand ich gestern in einem Zeitungsartikel der Neuen Zürcher Zeitung beschrieben, in dem es um die Folgen einer Quarantäne für die Psyche der Menschen ging (hier).

    Auch ich habe, stärker als sonst, Schlafstörungen, esse mehr als sonst, bin nervös und oft unwillkürlich traurig. Und das, obwohl die Quarantäne hier im Vergleich zu der in China gar nicht so streng ist. Ich vermute, dass bereits die jetzige Situation sehr tief in mir eingeprägte (traumatische) Ängste aufruft.

    In dem Artikel wird eine Beratungsstelle aus Peking zitiert, die über die Hilfesuchenden sagt:

    Sie können aus ihren bisherigen Lebenserfahrungen keine Rückschlüsse auf die neue Herausforderung ziehen (…)

    Doch„, dachte ich plötzlich bei der Lektüre, „das kann ich. Ich war der Lüsternheit gegenüber völlig machtlos. In anderen Bereichen konnte ich mit dem Willen etwas erreichen. In Bezug auf Lüsternheit konnte ich es nicht.“ Ich wollte zum Beispiel nur kurz Pornografie gucken („heute nur 10 Minuten“). Und verlor mich für Stunden darin. Ja: Ich weiß, wie es ist sich absolut machtlos zu fühlen. Ich kann aus meinen Erfahrungen Rückschlüsse auf die jetzige Situation ziehen!

    So ist es. Ich bin einfach nur wieder machtlos. Die Dinge laufen anders, als ich sie mir vorgestellt habe. Das kenne ich doch. Ich habe alle Werkzeuge des Programms, um mit dieser Machtlosigkeit umzugehen. Für mich ist die Grundsituation nicht ungewohnt. Nur diese spezielle Ausprägung davon. Und da ich nicht nur sex-, sondern auch angstsüchtig bin, geht die Spannungskurve zusätzlich hoch.

    Nein, ich möchte es loslassen.

    Loslassen und Gott überlassen.

    Und was kann ich dazu beitragen? Das Loslassen-Können ist ein Geschenk der Höheren Kräfte. Die sind aber darauf angewiesen, dass ich meine Fußarbeit mache.

    Viele Werkzeuge hatte ich im ersten Corona-Beitrag schon aufgezählt (hier).

    Ganz besonders wichtig sind für mich die Meetings. Viele Gruppen führe ihre Meetings als Telefonmeetings fort. Ein Rettungsanker! Wer noch nie in einem Meeting war oder derzeit keinen Zugang hat, kann sich über das Kontaktformular bei mir melden (hier), ich helfe gerne, den Kontakt herzustellen.

    Wie oft bin ich in Krisen in der Sucht versunken. Wenn Du Hilfe möchtest: Auch in dieser Zeit sind die Anonymen Sexaholiker und die anderen Zwölf-Schritte-Gruppen erreichbar! Es gibt eine Lösung! Es ist wirklich wahr:

    Wer aufhören möchte, findet Wege – wer trinken möchte, Gründe.

    Es lohnt sich so sehr, den Weg der Genesung zu gehen!

     

  • Ich gebe mein Recht auf…

    Es gibt ja den schönen Spruch, dass das AS-Programm ein einfaches Programm für komplizierte Leute ist. Besonders in schwierigen Situation brauche ich griffige Slogans oder Sätze, die mir helfen, wieder „in die Spur“ zu kommen. Ein Beispiel:

    Ich fahre mit der Straßenbahn, eine Frau steigt ein. Ich sehe hin (hier beginnt das Problem: Warum eigentlich? Was ist das Motiv für den Blick?). Und da es für diesen Blick kein vernünftiges Motiv gab – war Lüsternheit das Motiv. In diesem Moment wird mir auch bewusst: Ich möchte nicht lüstern sein. Ich möchte in meinem Frieden bleiben. Aber der Sog hat schon begonnen. An so einer Stelle brauche ich ein einfach anzuwendendes und schnell wirkendes Mittel. Einen Spruch, ein Stoßgebet, zum Beispiel:

    Gott, bitte hilf mir! Ich gebe mein Recht auf, diese Frau lüstern zu begehren.

    Dann kann ich loslassen. Ich setzte gegen das „Ziehen“ der Lüsternheit keine Gegenkraft ein, sondern ich steige aus. (Notfalls auch aus der Straßenbahn:-) Nicht kämpfen! Die Lüsternheit würde gewinnen. Ich kann nur gewinnen, wenn ich gar nicht erst kämpfe, sondern loslasse, kapituliere.

    Gegen den Satz könnte man natürlich einwenden, dass ich doch gar kein Recht darauf habe, die Frau zu begehren. Aber der lüsterne Blick ist gerade ein Blick der Inbesitznahme. Als hätte ich dieses Recht. Der einfache Satz macht klar: Ich nehme dieses Recht, das ich sowieso nicht habe, auch nicht mehr in Anspruch. Es hat mir so viel Unglück gebracht, dieses „Recht“! Ich gebe es auf – der Frieden kehrt zurück.

    Heute habe ich in einem Gespräch bemerkt, dass der Satz in abgewandelter Form auch in anderen Situationen passt. Wenn ich zum Beispiel den inneren Druck habe, eine Situation kontrollieren zu wollen.

    Gott, ich gebe den Anspruch an mich auf, es kontrollieren zu wollen.

    Wichtig ist, dass es ein wirkliches Loslassen ist, nicht bloße Resignation. Denn, wie es einer meiner Lieblingsautoren, Hans Glaser, ausdrückt:

    Die Resignation ist die latente Begierde. Begierden werden sofort wieder aktuell, sobald eine entsprechende Situation eintritt. Man resigniert aus einer Unfreiheit. Verzicht aber ist ein Akt der Freiheit…

    Freiheit! Ich darf die Welt aus meiner lüsternen und ängstlichen Umklammerung entlassen. (Ich hatte sie sowieso nie im Griff! Völlige Selbstüberschätzung!) Ich darf wachsen und gesund werden. Einen Tag nach dem anderen.

     

  • Charakterfehler

    An manchen Tagen lebe ich meine Charakterfehler einfach aus, ohne darüber nachzudenken. Die Folgen sind, je nach Charakterfehler, unterschiedlich. Es kann sogar sein, dass ich andere damit unterhalte, jedenfalls vordergründig. (mehr …)

  • Kapitulieren bedeutet, zu opfern (I)

    In unserer Literatur wird oft vom Kapitulieren gesprochen. „Ich kapituliere vor der Lüsternheit.“

    Ich verwende diesen Begriff selten und spreche eher von „loslassen“. Auch im Blauen Buch heißt es:

    Kapitulieren bedeutet loslassen.

    Surrender means letting go.

    Und das, was ich loslasse, kann ich den Höheren Kräften übergeben.

    Let God, let go.

    Loslassen und Gott überlassen.

    Loslassen ist eine bis ins körperliche gehende innere Handlung. Ein lüsternes Bild kommt auf. Ich sehe zum Beispiel eine Frau und habe direkt anschließend ein Bild vor Augen, wie sie nackt aussehen könnte. Früher hätte ich in einer solchen Situation zwei nur Handlungsmöglichkeiten gehabt. „Wegdrücken“ oder „nachgeben“. Und wenn auch zunächst das Wegdrücken klappte. Die Lüsternheit sammelte sich und sammelte sich an – bis ich nachgab. Die Fähigkeit zum Aufschub und zur Kontrolle des „Wie, wo und wann“ des Nachgebens nahm in der Suchtentwicklung ab.

    Bei AS habe ich eine dritte Handlungsmöglichkeit kennengelernt: Eben jenes Loslassen. Das Bild kommt auf. Ich bemerke es und drücke es nicht weg, sondern „lasse es los“, „gebe es weg“, weg an die Höheren Kräfte, die die Last der drohenden süchtigen Reaktion von mir nehmen. Wenn ich ohne Absicht ein Bild aufnehme oder es in mir entsteht, dann reicht oft eine kurze Affirmation oder ein kurzes Gebet zum Loslassen. Habe ich das Bild bewusst hervorgerufen, gar einen Kurzfilm daraus gemacht, oder habe ich mich lüstern umgeschaut und ein Bild aufgenommen, dann reicht dieses bloße „für-mich“ Loslassen nicht mehr aus. Die Lüsternheit wird wach und es droht größte Gefahr! Dann rufe ich einen Programmfreund an und erzähle ihm, was mit mir los ist. Und dann kann ich (hoffentlich noch) loslassen.

    Gestern wurde mir bewusst, dass dieses Loslassen eine Form von Opfer ist. Früher waren diese Bilder, im Kopf, auf Papier oder auf dem Bildschirm, meine Heiligtümer. So wie auch meine Überzeugungen oder Gewohnheiten „Heiligtümer“ waren, an denen ich mich krampfhaft festhielt.

    Wenn ich nun einen Gedanken, ein Bild, eine Gewohnheit, ein (Vor-) Urteil in Richtung der Höheren Macht aufgebe, opfere ich sie. An der Stelle bleibt zunächst eine Lücke, ein Loch, ein unbesetzter Platz. Und an diesen Platz, in diesen Schmerz hinein, können sich die helfenden Mächte entfalten und Kraft, Trost und Inspiration spenden. Das ist Gnade: Wenn ich den heilenden Kräften für einen Moment die Tür öffnen kann, dass sie an den Ort treten können, an dem sonst immer irgendwann die Sucht den Kampf gewann. Einen Kampf, den ich alleine niemals gewinnen könnte. Aber ich muss heute nicht mehr allein sein. Ich muss nicht mehr vor dem Schmerz in die Sucht fliehen. Ich kann trocken bleiben und leben, einen Tag nach dem anderen!

  • Nicht im „Ich darf nicht“, sondern im „Ich kann jetzt“ leben

    Nicht im „Ich darf nicht“ leben, sondern das „Ich kann jetzt“ genießen und ausprobieren. Wachstumsschmerzen sind dabei normal. Ich habe sie oft.

    Dass ich nicht „kontrolliert“ lüstern sein kann, hat zur Folge, dass ich Lüsternheit meiden und aufkommende Lüsternheit „loslassen“ muss. Wenn ich meinen inneren Frieden und vor allem auch meine Trockenheit behalten möchte. Das ist kein „Ich darf nicht“. Ich „dürfte“ ja, z.B. nächte- und tagelang Pornografie gucken. Aber ich kann es nicht mehr. Es würde mich töten. Weil ich es nicht mehr vertrage und nicht mehr aufhören könnte.

    Ich „kann jetzt“: Das fängt mit dem viel klarer Denken können an. Ich kann nach so vielen Jahren in der Verleugnung jetzt mir selbst gegenüber ehrlich sein. Mir nichts mehr vormachen (jedenfalls nicht mehr so lange.) Ich kann meine Frau lieben, immer nur für heute (ich tue alles nur für heute. Immer einen Tag nach dem anderen.) Ich kann neue Wege ausprobieren. Ich kann bewusst aus innerer Enge und Angst heraustreten und über mich sprechen. Ich kann um Hilfe bitten. Ich kann Freundschaften haben (und hoffentlich auch halten).

    Ich möchte mich noch viel öfter fragen: Was wünsche ich mir heute? Was kann, was möchte, was sollte ich in dieser neuen Freiheit jetzt wagen? Was kann ich tun, um ich selbst zu werden? Damit ich am Ende ein tiefes Ja zu meinem Leben sagen kann. Und heute Nacht, bevor ich einschlafe, sage ich dieses Ja. Und ich sage: Danke.