Schlagwort: Loslassen

  • Solange, bist du es liebst

    Ich gebe meinem Tag einem Rahmen durch ein Abend- und Morgenprogramm. Morgens brauche ich es schon deshalb, weil ich nach dem Aufwachen oft eine bedrückte Stimmung habe. Ich schlafe meistens ziemlich schlecht. Mir ist mittlerweile klar, dass das damit zusammenhängt, dass ich nachts nicht richtig „aus mir raus gehe“. Mir fehlt das Vertrauen, dass ich im Schlaf geschützt und aufgehoben bin. Ich will statt dessen auf mich aufpassen.

    Damals, der Missbrauch, begann beide Male, als ich schlief. Durch ihn und durch andere Erlebnisse bin ich traumatisiert worden. Um diese Traumata aufzulösen, plastiziere ich. Eines Nachts werde ich loslassen und besser schlafen können, da bin ich ganz zuversichtlich.  Jetzt aber zurück zum Thema „Tagesprogramm“.

    Also ich wache morgens misslaunig auf. Wenn ich dann mein Morgenprogramm gemacht habe, ist es in den allermeisten Fällen besser oder sogar weg. Und abends mache ich ein Abendprogramm, dessen Minimalversion in einem Dank für den trockenen Tag besteht. Außerdem bitte ich darum, vor der Lüsternheit im Schlaf beschützt zu sein.

    Jeder Sexsüchtige weiß, wie anstrengend lüsterne Träume sind. Nach lüsternen Träumen bin ich schon aufgestanden, habe gebetet, habe Programm-Freunden auf den AB gesprochen und habe anschließend Grimms Märchen gelesen, um die lüsternen Bilder aus dem Traum wieder loslassen und wieder ins Bett gehen zu können.

    Beim Morgen- und Abendprogramm ist das Allerwichtigste die Regelmäßigkeit. Lieber nur ein kurzes Prgramm, aber dafür jeden Morgen und jeden Abend.

    Wiederholung ist ein spirituelles Prinzip. Sie frühstücken ja auch jeden Tag, obwohl sie es vorher schon mal getan haben,

    sagte ein Priester auf die Frage, warum man eigentlich jeden Sonntag zum Gottesdienst gehen solle.

    Die Kraft kommt aus der Wiederholung. Deshalb besser morgens und abends nur fünf Minuten Besinnung, wenn mehr Zeit nicht ist, als Montags, Donnerstags und alle zwei Wochen Sonntags je zwei Stunden.

    Es gibt bei AA einen schönen Slogan:

    Wie lange muss ich in die Meetings gehen? Solange, bis du es liebst.

    Wie lange muss ich ein Morgen- und Abendprogramm machen? Solange, bis du dich darauf freust.

  • Vorschrift 62 – Nimm dich nicht so wichtig

    In „Zwölf Schritte und zwölf Traditionen“ gibt es die Geschichte der AA-Gruppe Middletown, die ein Riesen-Projekt für die Genesung von Alkoholikern aufzieht. Auf drei Etagen gibt es alles von einem Club über eine Krankenstation bis zu einer Bildungseinrichtung. Man wollte es besonders gut machen und groß aufziehen. Man schuf schließlich 61 Regeln, um einen sicheren und geordneten Ablauf zu gewährleisten.

    Das Projekt scheiterte, aber der Initiator des Ganzen biss sich nicht in Groll fest, sondern druckte eine kleine Karte, die er an das AA-Dienstbüro in New York schickte. Auf der einen Seite stand: „Middletown Gruppe Nr. 1 – Vorschrift 62“ und auf der Rückseite „Nimm dich doch nicht so verdammt wichtig!“ (Die vollständige Geschichte findet sich in: Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen, Die vierte Tradition, S. 141 ff.)

    Demütig über sich lachen können – und weiter voranschreiten. Hört sich gut an. Aber wie macht man das: Sich nicht so wichtig zu nehmen?

    Als ich zu AA kam und vom Alkohol trocken wurde, da verletzte mich der Slogan geradezu. Ich war in meiner Jugend sexuell missbraucht worden, ich war in meiner Kindheit Zeuge von Gewalt und Demütigung, ich wurde süchtig, und jetzt, endlich trocken, da sollte ich mich nicht so wichtig nehmen? Haben die sie noch alle? Die haben leicht reden, dachte ich.

    Tatsächlich – manche Slogans können verletzte Menschen verletzen, wenn sie nicht erklärt werden. Später hörte ich den Begriff „traumasensible Schrittearbeit“: Das bedeutet, Gespür dafür zu entwickeln, dass traumatisierte Menschen auf manche Dinge mit starken, negativen Gefühlen reagieren und Zeit, Rücksichtnahme und Mitgefühl benötigen.

    Dieses „mich zu wichtig nehmen“ hängt zusammen mit Angst, Kontrollwünschen, Selbstüberschätzung und unvernünftigen Forderungen an andere und an das Leben. Die von mir erlittenen Situationen haben sich tief eingeprägt, bis ins Leibliche. Ich lebte viele Jahe in ständiger Alarmbereitschaft. Ich hatte das Gefühl, immer mit dem Schlimmsten rechnen zu müssen. Da wollte ich auf der Hut sein. Meine Suchtmittel Alkohol und Lüsternheit „erlösten“ mich zeitweise aus diesem Spannungszustand oder verstärkten ihn umgekehrt so zu einem Kitzel, dass ich meine ständige Last nicht mehr spüren musste. Zu einem hohen Preis.

    Als ich dann trocken wurde, hatte ich diesen Fluchtweg nicht mehr. Ich war ständig mit mir selbst beschäftigt. Ich nahm mich also extrem wichtig und hatte keine Ahnung, wie ich mit dieser ständigen Anspannung klarkommen könnte.

    Hier kommen die Schritte ins Spiel. Um mich nicht so wichtig nehmen zu müssen, musste ich erst einmal lernen, dass ich loslassen kann. All die Angst, den Stress, die Forderungen, die Kontrollwünsche: Ich kann sie loslassen und sie Gott, wie ich Gott verstehe, überlassen.

    Damit begann ich in den Schritten 1 bis 3.

    Ich erkannte die Auswegslosigkeit meiner Situation und meine Machtlosigkeit, und erzählte alles einem Programmfreund (Schritt 1). Jetzt war ich seelisch so offen und „wund“, dass ich dringend die Hoffnung brauchte, dass es eine Lösung geben könnte: Gesundung und ein normales Leben ohne Alkohol und Lüsternheit. Diese Hoffnung bekam ich in den Meeting. Ich sah Freunde, die es mit dem Schritteprogramm geschafft hatten, sich ein nüchternes Leben aufzubauen (Schritt 2). Ich traf eine Entscheidung: Ich würde mich dieser Kraft, die das ermöglicht, anvertrauen. Ich würde ein neues Leben riskieren. Ich ließ meine Schutzschilde herunter (Schritt 3).

    Ich glaubte es noch nicht, aber ich hielt es auch nicht mehr für unmöglich: Könnte ich wirklich die Kontrolle aufgeben und loslassen? War für mich gesorgt? Wenn mich eine Höhere Macht, wie auch immer sie aussieht oder nicht aussieht, für wichtig hielt – so wichtig, dass sie mich trocken hielt – dann musste ich mich selber nicht mehr so wichtig nehmen. Ichatmete nach vielen Jahren die ersten Male bewusst durch. Ich gab Vorschussvertrauen und ließ los.

    So begann der Weg in eine neue Freiheit und zu einer neuen Lebensfreude. Seitdem ich mich freier fühle, bin ich auch frei, den Griff zu lockern, den ich früher auf alles legen musste. Und wenn es mal nicht klappt und schiefgeht, dann kann ich Inventur schreiben und anschließend auch über mich lachen. Ein nicht verletzendes, liebevolles Lachen. Ich muss mich nicht mehr so wichtig nehmen. Das Leben ist gar nicht so feindlich, wie es mir lange erschien. Ich sage ja zum Leben.

  • Umgang mit Angst (1)

    Ich merke immer wieder, wie wichtig der Satz ist: Das AA-Programm ist ein spirituelles Tu-Programm.

    Handle, und die Gefühle werden folgen.

    Ich erlebe es gerade bei Angst. Früher wusste ich gar nicht, wie viel Angst ich hatte. Ich ging einmal zum Arzt und beschrieb ihm, dass es mir nicht gut ging. Ich hatte das Gefühl, nicht richtig Luft zu bekommen („als ob der Hemdkragen zu eng wäre“). Ich litt unter Schweißausbrüchen. „Ich fühle mich wie eine Heizung, die zu stark aufgedreht ist, wo das Ventil nicht funktioniert.“  Er sagte mir: „Das ist Angst.“ Ich: „Wie, Angst?“ „Ja, das sind Symptome von Angst.“ So begann ich, mich kennenzulernen. Angst war also mein ständiger Begleiter gewesen.

    Heute ist mir klar, dass bei mir eine  aus der Kindheit stammende, tiefe Lebens-Unsicherheit vorhanden ist, so dass ich bei als unsicher empfundenen Situationen und Übergängen (zum Beispiel von zu Hause zur Arbeit) schnell in Anspannung und Angst gerate.

    Das Blaue Buch hat im Abschnitt zur Angstinventur (Seite 79) eine praktische Empfehlung, wie Ängsten begegnet werden kann:

    Wir bitten Ihn (Gott, die Höheren Kräfte) unsere Angst von uns zu nehmen und richten unsere Aufmerksamkeit darauf, so zu sein, wie Er uns haben will. Plötzlich beginnen wir aus der Angst herauszuwachsen.

    Ich bete ganz bewusst darum, dass die Höheren Kräfte die Angst von mir nehmen. Dann frage ich mich, wie Gott mich in dieser Situation haben will? Und die entscheidende Frage ist: Was ist die nächste richtige Handlung? Als erstes entsteht ein Gefühl von Distanz zu dieser Emotion „Angst“. Durch das Handeln verändert sich dann die Situation noch einmal.

    Es gibt einen schönen Slogan dazu, wie Angst sich verändert:

    Mut ist Angst, die gebetet hat.

    Außerdem achte ich darauf, bei länger andauernden Problemen mit Programmfreunden, dem Sponsor und im Meeting über die Angst zu sprechen. Dann schrumpft sie. Es hilft mir, mich nicht mit meiner Angst zu identifizieren. Auch Angst ist nur ein Gefühl.

    Und Gefühle sind wie Wolken: Sie ziehen auf und sie ziehen auch wieder vorüber.

    Früher hatte mich die Angst. Heute habe ich Angst – und ich habe Werkzeuge, ihr zu begegnen.

    (Zum Thema Angst siehe auch diesen Beitrag.)

  • Zugeben, aushalten, ändern

    Typische Wesenszüge der Sexsucht sind die Unehrlichkeit und das innere Gespalten-Sein.

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  • Sechs Empfehlungen für den Genesungsalltag (Teil 3)

    Mein erster Sponsor (bei den Anonymen Alkoholikern) gab mir sechs Empfehlungen, die meinem Alltag einen „Genesungsrahmen“ gaben. In diesem Beitrag stelle ich die Empfehlungen vier und fünf vor.

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  • Spezifisches Teilen (1)

    Dadurch, dass ich meine Themen spezifisch und nicht nur im Allgemeinen mitteile, trete ich heraus aus Scham und Isolation.

    Mein Sponsor hat mir von Anfang an empfohlen, belastende Gedanken, Erinnerungen und Bildern spezifisch und explizit zu teilen.

    Praktisch heißt das: Wenn ich ein Bild etc. nicht wieder loslassen kann, rufe ich einen AS-Freund an und sage ihm ganz genau, welches Bild oder welche Vorstellung sich bei mir eingenistet haben. Nachdem ich es ausgesprochen habe, kann ich sie loslassen. Das hat bis jetzt immer funktioniert. Nur selten muss ich etwas mehrmals teilen, weil ich es beim ersten Mal noch nicht loslassen konnte.

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