Kategorie: Spiritualität

  • Das Zwölf-Schritte-Programm nutzen, auch wenn „Gott tot“ ist

    Gestern las ich in einem autobiographischen Roman, wie der Ich-Erzähler im Zweiten Weltkrieg Zeuge von furchtbarer Gewalt wird und für sich zu dem Schluss kommt, dass Gott tot ist – dass er mit den gequälten und getöteten Menschen getötet worden sei.

    Das hat mich daran erinnert, wie schwer ich es zu Beginn meines Genesungsweges mit jeder Erwähnung von „Gott“ in der Literatur der Anonymen Alkoholiker (AA) hatte. Ich ging damals davon aus, dass es für mich keinen Zugang zu einem „Gott“ geben könne. Und nun wurde ich mit diesem Begriff konfrontiert!

    Zum Glück heißt es an den entscheidenden Stellen: Gott wie wir ihn verstehen. So wusste ich, dass mir bei AA nichts aufgezwungen wird.

    Aber selbst mit „Gott wie ich ihn verstehe“ hatte ich es zu Beginn schwer. Ich konnte mich dem Thema vor allem über die anderen beiden Begriffe nähern, die bei uns verwendet werden:

    • die höhere Macht oder höhere Kraft („higher power“) und
    • eine Kraft/ Macht, größer als wir selbst („a Power greater than ourselves“ – Schritt 2/ Step 2).

    Denn mir war klar, dass ich in Bezug auf meine Sucht (den Alkohol, die Lüsternheit) absolut machtlos war. Ich hatte nicht die Kraft, die ich brauchte, um dem Ausagieren widerstehen zu können. Ich brauchte eine helfende Kraft; eine Kraft, die größer war, als ich selbst. Den Begriff „Gott“ brauchte ich hierfür zum Glück nicht.

    Zunächst entschied ich mich, meine AA-Gruppe als diese Kraft anzusehen. Denn nachdem ich im Januar 2008 mein erstes Meeting besucht hatte, musste ich keinen Alkohol mehr trinken. Und Mitte 2012 kamen dann die Anonymen Sexaholiker (AS) und die Trockenheit in der Sexsucht dazu.

    Heute habe ich mein Verständnis von Gott – wie ich ihn verstehe (oder nicht verstehe) gefunden. Und es ist wandlungsfähig, so wie ich wandlungsfähig geworden bin. Ja, es gibt auch Zweifel. Aber ich habe meine Wege, mit ihnen umzugehen.

    Ich bin vor allem ein Fan vom Blauen Buch und, mit kleinen Abstrichen, auch von Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass es manchmal auch an der Übersetzung liegt, wenn ich mit einer Textstelle nicht klarkomme oder wenn sie mir unlogisch erscheint.

    So habe ich mir die Gebete neu übersetzt und zum Teil ergänzt, wie ich es in früheren Blogbeiträgen beschrieben habe (hier zum Dritte-Schritt-Gebet und hier zum Siebte-Schritt-Gebet). Und statt „Gott“ kann man auch an jeder Stelle höhere Macht, höhere Kraft, himmlische Kräfte oder Anderes einsetzen (ein Programm-Freund spricht z.B. immer von seiner „Buddha-Natur“).

    Ich möchte jedem, der Hilfe sucht, Mut machen, es mit dem Zwölf-Schritte-Programm auch dann zu versuchen, wenn Gott für ihn ein Problem oder „tot“ ist. Denn die helfenden Kräfte helfen auch, wenn man sie nicht „Gott“ nennt. Und im Laufe der Zeit kann jeder für sich entscheiden, wie er Gott versteht, wenn von „Gott, wie wir ihn verstehen“ die Rede ist. So habe ich meinen Start ins trockene Leben und schließlich sogar Gott wie ich ihn verstehe gefunden.

  • Wie riecht Freiheit?

    Als ich heute morgen die kühle Winterluft roch, stiegen Erinnerungen auf. In meiner Kindheit und Jugend hatten wir große Eichen hinter dem Haus, überhaupt gab es im Umfeld viel Bäume und Wald, und ich habe die Gerüche noch in der Nase von Erde, Winterluft und Tannen. Ich glaube, ich hatte schon als Kind eine große Sehnsucht nach Freiheit, aber es waren schon damals sehr viele Hindernisse in meinem Leben, die ich oft nicht überwinden konnte.

    Der Versuch, mich bewusst ins Leben zu stellen, endete mit den sexuellen Übergriffen, die ich erleiden musste. Sie ließen den inneren Schmerz so stark in den Vordergrund treten, dass ich zu einem starken Schmerzmittel griff. Ich begann zu trinken. Der Alkohol brachte Betäubung, Rausch und Hochgefühle.

    Manche möchten den Begriff „Sucht“ romantisch mit „Suche“ in Verbindung bringen. Das Wort bedeutet aber ursprünglich „Krankheit“, was die verwandte Form „Siechen“ deutlich macht. Der Süchtige glaubt sich auf der Suche, ist aber in Wirklichkeit schwer krank und lebt im Siechtum, in einer Scheinwelt.

    Nun bin ich fünfzehn Jahren trockenvom Alkohol und zehneinhalb Jahren trocken in der Sexsucht. Manchmal fühle ich mich so klein und ungeborgen wie in der Kindheit. Und gerade zur Zeit lösen Gerüche und andere Sinneseindrücke immer wieder Erinnerungen an Kindheits- und Jugenderlebnisse aus und manchmal fühle ich dann die Sehnsucht, die Bedürfnisse und Wünsche von damals. Und jetzt, jetzt! – ist es möglich! Ich muss nicht mehr den Abzweig zu den großen „Tröstern“ Alkohol und Lüsternheit nehmen, sondern kann mich wirklich auf die Suche nach meinem Weg machen. Was möchte ich tun? Was ist mir wichtig? Wie möchte ich wirksam sein? Welche Vorurteile muss ich über Bord werfen und was neu ausprobieren, um auf diesem Weg der Freiheit weiter fortzuschreiten? Und deshalb darf alles das sein, alle die Gerüche, die Orte und Erinnerungen, die Hoffnungen, das Mitgefühl mit allem Lebendigen – ich werde durch den Schmerz hindurchgehen und auf der anderen Seite des Schmerzes wird immer ein Tröster, die „Higher Power“ sein und mich bereits erwarten.

  • „Gott hält dir keinen Parkplatz in der Altstadt frei“

    Ein „AA-Oldtimer“ sagte manchmal im Meeting: „Gott hält dir keinen Parkplatz in der Altstadt frei“ – vielleicht, weil es ihn nervte, wenn ein Teilnehmer „Gott“ zu seiner Wünscherfüllungsmaschine machen wollte oder als Ausrede dafür benutzte, dass er sich nicht um das kümmerte, wofür er selber verantwortlich ist („Heute bin ich nicht zum Vorstellungsgespräch gegangen. Aber Gott wird mir schon einen Job besorgen.“). Andererseits erlebe ich es aber, dass das Schicksal wirklich oft verblüffende Hilfen und Lösungen für meine Sorgen und Probleme bereithält – immer dann, wenn ich mich geduldig und tastend auf das zarte Wechselspiel einlasse – das Wechselspiel zwischen dem, was ich selber tue (und manchmal auch tun muss) und dem, was von „oben“ daraus gemacht oder hinzugegeben wird.

    Vor allem ist das, was ich in dieser lauschenden, tastenden Haltung bekomme, oft noch besser als das, was ich mir gewünscht habe. Alles, was wirklich wichtig in meinem Leben ist: zum Beispiel meine Frau, die Zwölf-Schritte-Gruppen, meine Spiritualität und meine Kirche, unsere Wohnung, der Arzt, der mir so viel weiter geholfen hat, die Menschen, die mir Wege gewiesen haben, mein Beruf…, alles das, wofür ich dankbar bin, ist auf „indirektem Wege“ zu mir gekommen. In keinem dieser aufgezählten Beispiele habe ich den „Erfolg“ direkt angesteuert. Ich war einfach offen, habe Menschen angesprochen und ihnen zugehört, war im entscheidenden Moment mutig (oder habe mir helfen lassen, wenn mir selbst der Mut fehlte) – und dann kam es zu diesem Wechselspiel aus Aktivität, Warten, Lauschen und Zuhören, und am Ende stand – das Geschenk, die Segnung, die dann zugleich wieder Beginn eines neuen Weges ist.

    Dabei ist jedes Geschenk ausnahmslos auch mit Schmerz verbunden, das muss so sein. So werde ich von jedem geliebten Menschen irgendwann getrennt; wenn ich das Geschenk des Alters bekomme, muss ich wahrscheinlich zugleich dem eigenen körperlichen Verfall erleben und annehmen; die Welt verändert ich und es vergehen Dinge, die mir wichtig sind oder sie werden mir genommen. Und wieder: Offenbleiben, wünschen, ohne dass Forderungen aus dem Wünschen werden, etwas wagen, Begegnung zulassen… – das Schicksal, die helfenden Kräfte sind da.

    Das ist Leben! Meine Sucht war eine Schmerzbehandlung! Ich hatte so Sehnsucht nach dem Leben, aber weil ich dem Leben nur mit Anspannung und Angst begegnen konnte, und vor allem Schlimmes erwartete, blieb der Lebenshunger ungestillt. Stattdessen wurde meine Welt immer enger und enger, ich versuchte, das Leben durch Striktheit, Verurteilungen und Forderungen „lebbarer“, erträglicher zu machen. Das klappte natürlich nicht. Es wurde immer unerträglicher und ich brauchte noch mehr „Schmerz- und Schlafmittel“, um es aushalten zu können.

    Was klappt denn? Nun: Gebet – Dankbarkeit – eine liebevolle Haltung – Nachsicht und Freundlichkeit gegenüber sich selbst und anderen – um Hilfe bitten und Hilfe schenken – und auf das Anklopfen dessen hören, was bereit ist, einzutreten. Das Eintretende lieben und, wo das nicht geht, es zumindest annehmen und darauf vertrauen: Gott legt niemandem mehr auf, als er tragen kann und: Die Hilfe und die Helfer sehen vielleicht anders aus, als ich es im Eigenwillen und in der Enge meiner Vorstellungen erwarte oder fordere.

    Ich darf mir alles wünschen, das Beste und Schönste, ich darf alle Vorurteile über Bord werfen, ich darf mich freuen – es gibt meinen Weg, ich gestalte ihn mit und er wird mich führen.

    Ich habe die Gedichtszeilen von Christian Morgenstern schon an anderer Stelle zitiert, aber sie heben meinen Blick und meinen Mut, wenn beides gesunken ist. Und sie erinnern mich an meine eigene Erfahrung, dass, seitdem ich auf dem Weg der Genesung bin, dieser Weg mich tatsächlich aufs Beste geführt hat:

    Nachts im Wald

    Bist du nie des nachts durch Wald gegangen,
    wo du deinen eignen Fuß nicht sahst?
    Doch ein Wissen überwand dein Bangen:
    Dich führt der Weg.

    Hält dich Leid und Trübsal nie umfangen,
    dass du zitterst, welchem Ziel du nahst?
    Doch ein Wissen übermannt dein Bangen:
    Dich führt dein Weg.

    Christian Morgenstern

  • Mein Blaues Buch (5): Das Siebte-Schritt-Gebet

    Neben dem Dritte-Schritt-Gebet gibt es im Blauen Buch auch das Siebte-Schritt-Gebet. Diesem Gebet liegt die Erkenntnis zugrunde, dass ich viele Charakterfehler habe, die ich aus eigener Kraft einfach nicht loslassen kann. Diese Charakterfehler schieben sich zwischen mich, die anderen Menschen und Gott. Sie können dazu führen, dass ich die ganze Zeit nur mit ihnen, ihren Auswirkungen, ihrer Verheimlichung usw. beschäftigt bin.

    Ich möchte aber frei von meinen Charakterfehlern werden. Ich möchte hilfreich sein können und großzügig. Ich möchte mich Gott und anderen Menschen zuwenden können. Und das will auch Gott: Dass ich aus meiner Isolation herauskomme. (Wichtig: Wenn bei den Anonymen Alkoholikern oder Anonymen Sexaholikern von Gott die Rede ist, ist immer Gott, wie Du Gott verstehst, gemeint. Es ist jede Gottesvorstellung möglich, die für Dich Sinn ergibt. Oft sprechen wir auch einfach von der Höheren Macht.)

    Es folgt der Text des Siebte-Schritt-Gebets im Original, in der Übersetzung des Blauen Buches und in meiner eigenen Übersetzung:

    My Creator, I am now willing that You should have all of me,
    good and bad. I pray that You now remove from me every single defect of character which stands in the way of my usefulness to You and my fellows. Grant me strength, as I go out from here, to do Your bidding. Amen

    Alcoholics Anonymous, p. 76

    Mein Schöpfer, ich bin nun willig, mich Dir ganz auszuliefern mit allen meinen guten und schlechten Seiten. Ich bitte, die Charaktermängel jetzt von mir zu nehmen, die mich daran hindern, Dir und meinen Mitmenschen gegenüber nützlich zu sein. Gib mir Kraft, von jetzt an Deinen Willen auszuführen.
    Amen.

    Anonyme Alkoholiker, S. 87 f.

    Mein Schöpfer, Du sollst alles von mir haben, das Gute und das Schlechte – dazu bin ich bereit.

    Ich bitte Dich, dass Du jeden einzelnen Charakterfehler von mir nimmst, der mich daran hindert, Dir und meinen Weggefährten nützlich zu sein.

    Gib mir die Kraft, Deinen Willen zu tun, wenn ich diesen Ort verlasse. Amen

    Dies ist das einzige Gebet im Haupttext des Blauen Buches, das mit einem „Amen“ abschließt. Das ist deshalb der Fall, weil mit dem siebten Schritt der „innere Hausputz“, die innere Inventur, endet und es nach „Außen“ geht, zu den Mitmenschen und den Wiedergutmachungen an ihnen.

    ich spreche dieses Gebet morgens kurz vor dem Ende meines Morgenrituals und mache mir dabei deutlich: Gleich geht es nach „Draußen“, in die Begegnung, da brauche ich die Unterstützung meines Höheren Macht. Denn alleine würde ich von meinen Ängsten und Charakterfehlern übermannt. Aber verbunden mit der Höheren Macht werde ich frei. Ich kann ein Mensch unter Menschen sein, trocken vom Alkohol und trocken in der Sexsucht, auf dem Wg der Genesung.

  • Mein Blaues Buch (4): Das Dritte-Schritt-Gebet

    Das Dritte-Schritt-Gebet im Blauen Buch dient der Bekräftigung der Entscheidung, die ich im dritten Schritt treffe. Der dritte Schritt lautet:

    Made a decision to turn our will and our lives over to the care of God as we
    understood Him.

    Alcoholics Anonymous, Step 3

    Wir haben uns entschieden, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes, wie wir Ihn verstanden, anzuvertrauen.

    Anonyme Alkoholiker, Dritter Schritt (eigene Übersetzung)

    Mit dem Gebet des dritten Schritts bekräftige ich diese Entscheidung. (Wichtig: Wenn bei den Anonymen Alkoholikern oder Anonymen Sexaholikern von Gott die Rede ist, ist immer Gott, wie Du Gott verstehst, gemeint. Es ist jede Gottesvorstellung möglich, die für Dich Sinn ergibt.)

    Bei dem Dritte-Schritt-Gebet bin ich mit der deutschen Übersetzung im Blauen Buch nicht gut zurechtgekommen. Im Zentrum des englischen Originals steht die Bitte, vom Eigenwillen befreit zu werden, weil mich der Eigenwille immer wieder in Schwierigkeiten bringt: Es fällt mir schwer, das Leben zu seinen Bedingungen anzunehmen und zu akzeptieren. Ich will aus Angst mein Leben immer und immer wieder kontrollieren und steuern – aber es klappt nicht. Diese Versuche, zu kontrollieren, kosteten mich sehr viel Energie (sie tun es heute noch oft). Im Dritte-Schritt-Gebet bitte ich meine Höhere Macht darum, diesen Eigenwillen von mir zu nehmen (es folgen jetzt das englische Original, die Übersetzung aus dem deutschsprachigen Blauen Buch und meine Übersetzung, in der ich das Gebet verwende):

    God, I offer myself to Thee – to build with me and to do with me as Thou wilt. Relieve me of the bondage of self, that I may better do Thy will. Take away my
    difficulties, that victory over them may bear witness to those I would help of Thy
    Power, Thy Love, and Thy Way of life. May I do Thy will always!

    Alcoholics Anonymous, p. 63

    Gott, ich gebe mich in Deine Hand, richte mich
    auf und tu mit mir nach Deinem Willen. Erlöse mich
    von den Fesseln meines Ichs, damit ich Deinen Willen
    besser erfüllen kann. Nimm meine Schwierigkeiten
    hinweg, damit der Sieg über sie Zeugnis von Deiner
    Macht, Deiner Liebe, Deiner Führung ablegen möge
    vor den Menschen, denen ich helfen möchte. Möge ich
    immer Deinen Willen tun!

    Anonyme Alkoholiker, S. 73

    Gott, ich mache mich Dir verfüglich, dass Du mit mir schaffen und tun kannst nach Deinem Willen.

    Befreie mich von den Fesseln meines Eigenwillens, damit ich Deinen Willen
    besser erfüllen kann.

    Nimm meine Schwierigkeiten
    hinweg, damit der Sieg über sie Zeugnis von Deiner
    Macht, Deiner Liebe und der Art der Lebensführung ablegen möge, die mit Dir möglich ist – Zeugnis ablegen vor den Menschen, denen ich helfen möchte.

    Möge ich
    immer Deinen Willen tun!

    eigene Übersetzung

    Ich ergänze das Gebet außerdem um einen Satz, mit dem ich mir selbst die Angst vor Gott nehme. Denn ich weiß heute, dass ich aufgrund der Prägungen aus meiner Kindheit ein sehr negatives Bild von Gott verinnerlicht hatte. Er war eine unangenehme, unberechenbare Gestalt, die über alle Verfehlungen Buch führt, so dass man diesem Gott gegenüber nur verlieren konnte. Es war ein Gott, mit dem ich nichts zu tun haben wollte.

    Dieses alte Gottesbild musste ich zunächst loslassen, um mich überhaupt an einen Gott (Gott, wie ich Ihn verstehe) wenden zu können. Ich entschied mich, dass Gott für mich die Liebe ist. Er will nichts anderes als mein Wachstum und meine Genesung. Dies verdeutliche ich mir heute, indem ich in das Gebet ergänze:

    Gott, ich mache mich Dir verfüglich, dass du mit mir schaffen und tun kannst nach Deinem Willen – Gott, der Du die Liebe bist.

    Er ist die Liebe. Seinen Willen brauche ich nicht zu fürchten.

    Vielleicht kann ich irgendwann in innerer Freiheit mit dem Dichter Christian Morgenstern so sprechen:

    Du Weisheit meines höhern Ich,
    die über mir den Fittich spreitet
    und mich vom Anfang her geleitet,
    wie es am besten war für mich, -
    
    wenn Unmut oft mich anfocht: nun - 
    es war der Unmut eines Knaben!
    Des Mannes reife Blicke haben
    die Kraft voll Dank auf Dir zu ruhn.
    
    aus: Christian Morgenstern, Wir fanden einen Pfad 

  • Wie ich gestern die Regierung und meinen Chef auswechselte und eine Prämie für meine Arbeit erhielt

    Nichts von alledem hatte ich getan. Ich erhielt auch keine Prämie. Ich stellte stattdessen fest, dass ich auf der Arbeit eine Aufgabe vergessen hatte, die ich schon vor einer Woche hätte lösen sollen.

    Aber ich hatte das alles doch getan. In meinem Kopf. In meinem Kopf hatte ich angeklagt, bloßgestellt und ausgewechselt und dann auch noch meine Arbeit erledigt – die aber in Wahrheit in Stapeln auf dem Schreibtisch lag.

    Wie es in unserer Literatur immer und immer wieder gesagt wird: Der Sexaholiker lebt die meiste Zeit in seinem Kopf und nicht in der Wirklichkeit. Er lebt in seiner Phantasie und in seinen Tagträumen.

    Gestern Abend wurde mir dann meine Situation bewusst und mir fiel ein Satz meines Sponsors dazu ein:

    Je mehr ich im Denken und in meinem Kopf bin, um so weniger bin ich in meiner Gelassenheit.

    Und ich ließ los. Ich betete: „Gott, bitte hilf mir, dass ich all diese Gedanken loslassen kann.“ Es ist mit solchen Phantasien nicht anders, als mit der Lüsternheit. Um von ihnen frei zu werden, muss ich sie jedes Mal loslassen, wenn sie aufkommen.

    Ich weiß, dass mein Wohlbefinden davon abhängt, dass ich im Heute bleibe. Im Jetzt. Das Allermeiste im Leben muss nicht extra „gedacht“ werden. Denken ist sinnvoll, wenn ich eine Aufgabe löse, einen Text schreibe oder etwas plane. Sobald das Denken aber eine innere Inszenierung wird, ohne Bezug zur Wirklichkeit, desto schlechter geht es mir.

    Als Kind waren reale Erlebnisse für mich so bedrohlich und aussichtslos, dass ich eine Tür hinaus brauchte in eine Innenwelt, in die ich fliehen konnte. In dieser Innenwelt brauchte ich nichts zu befürchten. Außen konnte mir keiner helfen.

    Diese Fluchtwelt wurde dann gepolstert mit Alkohol, Lüsternheit und mit Phantasien. Hin und wieder schaute ich mir die wirkliche Welt an (das funktionierte nur sehr schlecht, denn Angst, Sucht und Lüsternheit beschädigen die Wahrnehmungsfähigkeit; schließlich zerstören sie sie). Aber durch meine Angst und das ständige Gefühl des Bedrohtseins konnte ich es in dieser Wirklichkeit nicht aushalten.

    Das Problem der Genesung von der Sucht liegt nicht im Entzug. Der kann hart sein, geht aber vorbei. Das Problem liegt darin, nüchtern lebensfähig zu werden. Dies ist ein spirituelles Problem, wenn man mit den Anonymen Sexaholikern unter „spirituell“ das versteht, was den innersten Kern meiner Persönlichkeit ausmacht. Dieser innere Kern sollte ein Ort der Klarheit, Wachheit und Liebe sein. Bei mir war er ein Gefängnis aus Angst, Anspannung und Sorge – und weil so niemand leben kann, habe ich mir meine Suchtmittel als Schmerzstiller besorgt.

    Ich habe bei den Anonymen Alkoholiker einen Spruch gehört, der die Situation gut beschreibt:

    Die gute Nachricht ist: Wenn du mit dem Trinken aufhörst, kommen die Gefühle wieder. Die schlechte ist: Alle Gefühle kommen wieder.

    Daher berührt die Genesung den Kern meiner Persönlichkeit. Der muss sich wandeln. Das Zwölf-Schritte-Programm ist das Mittel hierfür. Ich werde nur glücklich und zufrieden leben können, wenn ich in der Wirklichkeit bleiben kann. Es gibt Wege zum Umgang mit dem unvermeidbaren Schmerz. Und wenn der Schmerz weicht, dann sind da: Klarheit, Weite, Luft zum Atmen – und Freude.

  • Aufhören, zu kämpfen: Die eigenen Grenzen friedlich und klar benennen

    Anfang der Woche hatte ich einen Wutanfall. Anschließend habe ich mich dafür geschämt und mich gefragt, warum ich diese Wut nicht kontrollieren kann.

    Vor dem Wutausbruch ging es darum, dass man vielleicht beruflich etwas von mir verlangen würde, was ich nicht liefern kann und möchte. Es war also Angst im Spiel. Diese tiefe Angst: Jemand will etwas von mir, ich möchte es nicht, bin der Person aber ausgeliefert und ihr gegenüber machtlos. Dazu die Angst, schlecht dazustehen, Erwartungen nicht zu erfüllen, die Angst, dass man mich für schwach und dumm halten könnte.

    Wenn ich mir das anschaue, kann ich es sehen: In diesem Gefühl, jemandem machtlos ausgeliefert zu sein, lebte ich sowohl in der Gewaltzeit in der Grundschule, als auch bei dem sexuellen Übergriff. Damals konnte ich mich nicht wehren. Heute neige ich dazu, in solchen emotionalen Situationen Rot zu sehen. Ich bin in einer Kindheits- und Jugend-Angst-Reaktion gefangen.

    Ein Gespräch mit meinem Sponsor brachte mir einen Realitätscheck im Hinblick auf die Situation, die die Reaktion ausgelöst hat:

    Zum einen bin ich gar nicht in dem Umfang verantwortlich, in dem ich mich in der Verantwortung fühle (wenn ich mich für Situationen verantwortlich fühle, hängt das auch mit meinem Kontrollieren-Wollen zusammen: Bin ich dafür verantwortlich, kann ich es auch kontrollieren. Besser ich mache es, als ein anderer, den ich nicht kontrollieren kann. Ein anderer Aspekt ist das „Gefallen-“ und „Gemocht-Werden-Wollen“.)

    Zum anderen fand ich in dem Gespräch mit meinem Sponsor heraus, dass es auch in dieser Situation mehr als eine Option gibt. Es dauerte über eine Stunde, bis ich durch seine freundlichen hartnäckigen Fragen eine Handlungsoption fand, etwas, was ich tun kann.

    Der Schlüsselsatz von ihm war:

    Mein Gefühl sagt mir, dass Grenzen etwas Festes sind, an das ich anstoße. Und dass ich sie verteidigen oder überwinden muss. Dann gerate ich in Spannung und kämpfe. Manchmal reicht es aber einfach aus, dem anderen eine Grenze zu benennen.

    Das brachte mich zur Lösung. Ich kann erst einmal meine Grenze benennen und zum Beispiel sagen: „Das kann ich leider nicht tun, weil…“

    Damit kann ich in meinem Verantwortungsbereich und auf meiner Straßenseite bleiben ohne „in den Krieg ziehen“ zu müssen.

    Schließlich hatte sogar mein direkter Vorgesetzter schon gesagt, dass er das Geforderte für falsch hält. Über diese Tatsache sagte ich zu meinem Sponsor: „Ich willl mich doch nicht hinter meinem Chef verstecken.“

    Er sagte: „Wieso wäre das ein Verstecken? Er ist dein Chef!“

    Da wurde mir etwas bewusst. Ja – ich bin nicht für alles verantwortlich. Ich muss nicht mehr alles kontrollieren (auch nicht meinen Vorgesetzten). Ich darf mich um mich und um meine Grenzen kümmern, statt mich mit den Anderen und ihren Angelegenheiten zu beschäftigen.

    So werde ich es machen. Vielleicht kann ich mir, wenn sich das nächste innere „Rot“ ankündigt, mir selbst Mut machen: Ich kann heute Grenzen benennen.

    Und die Höhere Macht, Gott, wie ich Ihn verstehe, wird bei mir sein. Ich brauche nicht mehr zu kämpfen.

  • Dankbarkeit

    Wenn ich ins Stocken komme, dann kommt auch mein Schreiben ins Stocken. Dann verkrampfe ich mich und kann nicht loslassen. Und auch Schreiben ist „Loslassen“: Ich gebe etwas von mir weg und kann nicht kontrollieren, wie es beim anderen ankommt. Wenn es mir nicht gut geht, wenn ich in Angst und Belastung festhänge, dann komme ich nicht in diesen Fluss aus empfangen und sofort weitergeben.

    Ich bin so dankbar, dass es mir wieder besser geht. Ich arbeite neben AS auch wieder im Programm für „Erwachsene Kinder von Alkoholikern/ aus dysfunktionalen Familien“ (ACA) und merke, dass ich es brauche, vermisst habe und es mir hilft.

    Mein erster AA-Sponsor hatte mir empfohlen, jeden Abend eine Dankbarkeitsliste zu schreiben und sie mir morgens wieder durchzulesen. Ich habe dadurch entdeckt, wofür ich dankbar bin. Selbst an schwierigen Tagen bin ich dankbar, z.B.

    • bin ich dankbar, dass ich lebe.
    • Ich bin dankbar, dass ich Arme, Hände, Beine und Füße nutzen kann.
    • Ich bin dankbar, im Frieden in Deutschland zu leben.
    • Ich bin dankbar für AS, AA und ACA.
    • Ich bin dankbar für meine Sponsoren und meine Sponsees.
    • Ich bin dankbar für meine Frau.
    • Ich bin dankbar für meinen Job und mein Einkommen.
    • Ich bin dankbar für unsere Wohnung.
    • Ich bin dankbar für…

    Mir würden ohne nachzudenken noch ein halbes Dutzend weitere Punkte einfallen. An manchen bedrückten Tagen hilft es mir, einfach nur innerlich dieses „Ich bin dankbar für…“ anzustoßen, und die Dankbarkeit schiebt sich behutsam in meine schlechte Stimmung – und es wird leichter. Ja, ich bin dann wirklich dankbar.

    Außerdem ist eine kurze Dankbarkeitsliste auch Bestandteil meines Erste-Hilfe-Koffers für Groll-, Angst oder Wut-Notfälle. Wenn ein solcher Notfall entritt: Kurz fünf Punkte aufschreiben, wofür ich dankbar bin. Sie mir sofort nochmal durchlesen – und der Groll-, Angst- oder Wutmoment verliert etwas von seiner Dynamik. Ich bekomme wieder eine Wahl, werde wieder handlungsfähig.

    Ich bin dankbar, dass ich diese Zeilen schreiben und veröffentlichen kann:-)

  • „Und wenn die Liebe einfach die Freude am anderen wäre?“

    Vor rund 30 Jahren entdeckte ich zum ersten Mal den Schriftsteller Peter Handke. Seine Sprache hatte eine magische, beruhigende Wirkung auf mich, die ich spürte, als ich den Anfang der Erzählung „Versuch über die Jukebox“ las. (Von einer Freundin erlebte ich dann eine Reaktion, die mir half, zu begreifen, dass Literaturgeschmack etwas sehr Persönliches ist. Begeistert schenkte ich ihr dieses Buch. Wenig später sagte sie mir: „Mir hat in meinem ganzen Leben noch nie jemand ein so langweiliges Buch geschenkt.“)

    Vor Kurzem begann ich, in Handkes Journal „Gestern unterwegs, Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990“ zu lesen. Neben dem besonderen Rhythmus der Sprache und Handkes Fähigkeit einer genauen Beschreibung dessen, was er sieht, war ich verblüfft, in vielen der Aufzeichnungen Beobachtungen und Erfahrungen zu finden, wie ich sie aus meiner Biographie und dem Zwölf-Schritte-Programm kenne.

    Es ist merkwürdig, man kann nicht sagen, Handke „erklärt“ etwas; aber das, was er schreibt, klärt oft in einem oder wenigen Sätzen etwas auf. Die Aufzeichnungen lösen bei mir den Impuls aus, über sie zu schreiben.

    Da ist zum Beispiel der Satz, der in der Überschrift zitiert wird.

    Und wenn die Liebe einfach die Freude am anderen wäre?

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 427

    Im Buch „Anonyme Alkoholiker“ ist verschiedentlich von der Liebe die Rede, zum Beispiel:

    Unsere Parole heißt jetzt Liebe und Toleranz.

    Seite 98 (zum zehnten Schritt)

    Was heißt denn Liebe? Wann liebe ich die Freunde im Meeting? Was bedeutet, meine Frau zu lieben?

    Da sprach mich der Satz von Handke direkt an. Ich schaue meine Frau an, ich sehe, mit zugewandtem Blick, die Freunde im Meeting: Und ich habe Freude an ihnen. Freude ist ein Kernbegriff der Genesung.

    Wir sind uns sicher, dass Gott möchte, dass wir glücklich, voller Lebensfreude und frei sind.

    Alcoholics Anoymous, p. 133 („We are sure Gods wants us to be happy, joyous, and free.“)

    Noch zu einigen weiteren Zitate aus „Gestern unterwegs“:

    Zu den paar Erleuchtungen, die ich gehabt habe, gehört, neben der Langsamkeit und dem „Zeit genug!“, auch das: „Einen jeden mit seiner Sache, in seinem Raum, vor seinem Hintergrund (siehe Nova in „Über die Dörfer“) sehen“ (1. April, Ronda)

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 385

    Ich kenne den Kontext des Zitates nicht. „Über die Dörfer“ habe ich nicht gelesen. Was ich aber kenne, ist die größer werdende Scheu, irgendein Urteil über jemanden anders zu sprechen, sein Verhalten zu bewerten – denn dieses „mit seiner Sache, in seinem Raum, vor seinem Hintergrund“ beschreibt, dass das Lebensgefühl und die Wahrnehmung des Anderen ganz verschieden von meinen sein können (können sie überhaupt „nicht verschieden“ sein?). Wenn der Andere mir etwas beschreibt – weiß ich dann wirklich, welche inneren Bilder und welche Gefühle dem Beschriebenen zugrunde liegen? Wie diese, die er in Worte fasst, in seiner Wahrnehmung sind?

    Deshalb ist die Achtung vor dem Anderen so wichtig, denn sonst sehe ich in ihm nicht ihn, sondern alleine mich („Wir sehen die Menschen nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.“ Anthony de Mello). So wichtig die wechselseitige Identifikation für den gemeinsamen Genesungsweg ist, so sehr bleibt der andere ein eigener Kosmos.


    Den meisten scheint die Unreinheit ihres Blicks nichts auszumachen. Sie starren, stieren, äugen, glotzen, fixieren, messen, urteilen weiter. Wird mein Blick hingegen unrein – nimmt er nicht einfach selbstlos teil -, wird er fahrig, voll schlechten Gewissens, schuldbewusst

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 396

    Der unreine Blick, das ist der lüsterne Blick. Das ist aber nicht nur der auf sexuell aufladbare Körperbereiche gerichtete Blick. Es ist jeder Blick, der das Erblickte zum eigenen Benutzen hereinholt. Um es zu „verwenden“: Für Erregung oder Aufregung, für Be- und Verurteilung, für ein Sich-Überheben.

    In einem Gesprächsband mit Ivan Illich las ich, dass die mittelalterlichen Mönche die „Augenzucht“ gekannt hätten (ich hoffe, ich gebe das hier aus der Erinnerung richtig wieder). Diese „Augenzucht“ betrifft nicht nur den ein Objekt hereinholenden Blick selbst, sondern auch den Beweggrund, aus dem das Hereingeholte hereingeholt wurde.


    Schönheit als das Begleitende, der Schimmer, der Wahrheitsfindung

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 398

    Manchmal ist im Meeting dieses Schimmern spürbar. Dieser Schimmer, die Schönheit, wenn sie im Meeting spürbar werden, dann ist die Gruppe auf dem Weg der Wahrheit. Die Wahrheit ist etwas Ästhetisches. Kann Schönheit in diesem Sinne ein Prüfstein für das Vorhandensein von Wahrheit sein?


    Wenn ich strahle, strahlt es (7. Mai, Paris)

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 401

    Als ich 2008 zu den Anonymen Alkoholikern kam, erlebte ich im Meeting Menschen, die strahlten. Es war ein Leuchten, hinein in meine Seele. Es wurde in mir heller, wenn sie sprachen (auch wenn einer der Oldtimer oft das Gleiche sagte; ich freute mich auf dieses Gleiche, das mir Hoffnung gab und den Wunsch, trocken ein neues Leben beginnen zu können).

    Ich darf selber strahlen! Wir können einander Sterne, Sonnen, Wärme- und Lichtkörper sein!

    Übrigens schirmen Masken auch dieses Strahlen ab!


    Im Glück, im rechten (ja), geschieht zugleich der Aufruf zur Erinnerung an dieses Glück, und an den Ort dieses (jenes) Glücks. Und die rechte (ja) Liebe geht zusammen mit der Gewißheit der Unverlierbarkeit (auch wenn der Verlust kommen wird)

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 404

    In mir gibt es immer noch oft den Aufruf zur Erinnerung an das Unglück, den Schmerz, die Bedrücktheit – das alte, vertraute Heim. „Ich verdiene es nicht, glücklich zu sein! Das Schöne ist nur für die anderen da.“

    Ich musste lernen (und lerne immer noch), mich an meine neue Freiheit und mein neues Glück zu erinnern, die ich in der Trockenheit schon erlebt habe.

    Da ist Glück! Erinnere dich daran, dass es dieses Glück gibt, wenn dir die Dämonen etwas anderes erzählen. Und wenn sie sagen: „Das währt nur kurz. Du wirst schon sehen!“ dann halte ihnen diese Gewissheit der Unverlierbarkeit entgegen. Die Himmlischen Mächte (Higher Power) sind nur allzu bereit, dir zu helfen und beizustehen.


    „Oder kommt es zurück, das Ideal, / Lieber zu zögern als recht zu haben?“ (Hermann Lenz)

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 406

    Wie oft führt dieser Impuls „Ich habe recht“ dazu, dass ich losschieße? Zum Beispiel im Arbeitsmeeting meiner AS-Gruppe, in einem Gespräch oder einer Diskussion? Dann verschließt sich etwas in mir. Und ich verschließe mich vor der Begegnung, dem Dialog.

    Was ist das Zögern? Es ist der Freiraum, in dem die helfenden Kräfte eingreifen, sich manifestieren können. Etwas anders drückt es ein Slogan der Anonymen Alkoholiker aus:

    Willst Du genesen oder willst du recht haben?


    Schwermut heißt: ohne Gegenüber

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 415

    Wenn die Schwermut auf mir lastet, bin ich bedrückt. Bleiplatten liegen auf mir. Ich isoliere mich. Kann ich mich dann doch jemandem – einem Menschen, einem Himmelswesen – gegenüber öffnen, ändert sich alles. Genesen bedeutet auch, nicht mehr ohne Gegenüber zu sein. Ein ähnlicher AA-Slogan:

    Ich muss nichts mehr alleine tun.


    „Lerne zu tanzen; sonst wissen im Himmel die Engel nichts mit dir anzufangen“ (Augustinus)

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 411

    Das ist das Schlusswort für diesen Blogbeitrag. Zu diesem Buch „Gestern unterwegs“ möchte ich, ebenfalls mit Augustinus, sagen:

    Nimm und lies, nimm und lies!

  • Was kein Telefon- oder Online-Meeting ersetzen kann: Die persönliche Begegnung (Corona-Krise IV)

    Während des Lockdowns war ich froh, dass die von mir regelmäßig besuchten AS-Meetings als Telefonmeetings weitergeführt wurden. Das Ganze hatte sogar einen Vorteil: Da viele Gruppen Telefon- oder Videomeetings eröffneten, war es möglich, an Meetings in anderen Städten teilzunehmen.

    Mir fiel allerdings damals schon auf, dass ich in den Telefonmeetings schneller gereizt reagierte, als in persönlichen Meetings. Ich geriet auch schneller in eine verurteilende Haltung anderen gegenüber.

    Nachdem dann die persönlichen Meetings wieder möglich wurden, habe ich gemerkt, wie sehr ich die persönliche Begegnung vermisst hatte! Es ist so gut, die anderen „echt“ zu hören, zu sehen und zu spüren. In der realen Begegnung und Gemeinschaft kann leichter das entstehen, was in der Langform der fünften Tradition als „spiritual entity“ bezeichnet wird:

    Each Alcoholics Anonymous group ought to be a spiritual entity having but one primary purpose—that of carrying its message to the alcoholic who still suffers.

    Alcoholics Anonymous, p. 563 (die Texte der Anonymen Alkoholiker werden auch von AS herangezogen)

    Die Gruppe soll also eine spirituelle Einheit, eine spirituelle Gemeinschaft sein. Etwas Eigenes, mit einem eigenen Wesen. Dort können die Wunder der Genesung geschehen. Ja, der Bildschirm oder das Telefon können als Ergänzung Gutes bewirken. Aber nicht als Ersatz. (In der deutschen Übersetzung kommt das Wort „entity“ nicht mehr so zum Ausdruck: „Jede Gruppe der Anonymen Alkoholiker sollte bestrebt sein, in spiritueller Übereinstimmung nur ein Haupt-ziel zu haben, die Botschaft an Alkoholiker weiterzugeben, die noch leiden.“)

    Und obwohl mir das Umarmen früher in der Regel ein Graus war, vermisse ich jetzt sogar die Umarmungen! In einem der letzten Meetings war ein Freund aus einer anderen Stadt zu Gast. Als ich hereinkam und ihn grüßte – und ihm so gerne wenigstens die Hand gegeben hätte – stand er auf, zog seine Maske an – und nahm mich in den Arm! Wie schön war das!

    Auch als wir neulich in länderübergreifenden Telefonkonferenzen über die Möglichkeit internationaler Treffen mit den Nachbarländern sprachen, spürte ich diese Wunde fehlender persönlicher Begegnung. Tatsächlich zeigt ja auch die aktuelle Ausweisung sog. Risikogebiete, dass solche Treffen zur Zeit nicht sinnvoll organisiert werden können. Die Befürchtung, dass es sich so entwickeln könnte, lag auf der Hand, und deshalb war ich während der Gespräche bedrückt, obwohl es so schön war, die Freunde aus Belgien, den Niederlanden, Polen etc. zu hören.

    Nach einiger Zeit, in der wieder persönliche Meetings stattfinden, kann ich für mich feststellen: Persönliche Meetings sind durch nichts zu ersetzen! Sie sind die Nahrung, die den Einzelnen und die Gemeinschaft stärkt und die Nüchternheit und die Genesung fördert!

    Auch wenn Telefon- und Videokonferenzen für Einzelne ohne Gruppe, meetinglose Regionen und gelegentliche Sprechermeetings nützlich sind, sollten wir aufpassen: Gäbe es einen Trend zu diesen Meetings, könnten wir in die Vereinzelung und Isolation getrieben werden.

    Es könnte eine „Gemeinschafts-Illusion“ entstehen, wie bei dem Schüler, der auf Facebook viele, in der Realität aber keinen echten Freund hat. Und wer möchte schon z.B. ein schamvolles Geheimnis, was endlich befreiend ausgesprochen werden will, in einen elektronischen Bildschirm sprechen? Die erste Priorität sollte in der Gründung und Pflege von persönlichen Meetings und „echten“ Treffen liegen!

    Nach dem Lockdown sind einige Freunde nicht wieder oder noch nicht regelmäßig in die Meetings zurückgekehrt. Eine erneute Verhinderung persönlicher Treffen könnte den realen Gruppen schwere Schäden zufügen. Dies sollten wir versuchen, zu verhindern. Und falls es wieder zu einem (regionalen) Lockdown kommen sollte, wäre zu überlegen, ob wir uns diesmal in kleinen Gruppen privat weiter treffen und von dort aus dann zusätzlich die elektronische Vernetzung suchen. Ich habe gehört, dass dies in einigen Städten und in anderen Ländern so gehandhabt wurde.