Schlagwort: Gott

  • Das Zwölf-Schritte-Programm nutzen, auch wenn „Gott tot“ ist

    Gestern las ich in einem autobiographischen Roman, wie der Ich-Erzähler im Zweiten Weltkrieg Zeuge von furchtbarer Gewalt wird und für sich zu dem Schluss kommt, dass Gott tot ist – dass er mit den gequälten und getöteten Menschen getötet worden sei.

    Das hat mich daran erinnert, wie schwer ich es zu Beginn meines Genesungsweges mit jeder Erwähnung von „Gott“ in der Literatur der Anonymen Alkoholiker (AA) hatte. Ich ging damals davon aus, dass es für mich keinen Zugang zu einem „Gott“ geben könne. Und nun wurde ich mit diesem Begriff konfrontiert!

    Zum Glück heißt es an den entscheidenden Stellen: Gott wie wir ihn verstehen. So wusste ich, dass mir bei AA nichts aufgezwungen wird.

    Aber selbst mit „Gott wie ich ihn verstehe“ hatte ich es zu Beginn schwer. Ich konnte mich dem Thema vor allem über die anderen beiden Begriffe nähern, die bei uns verwendet werden:

    • die höhere Macht oder höhere Kraft („higher power“) und
    • eine Kraft/ Macht, größer als wir selbst („a Power greater than ourselves“ – Schritt 2/ Step 2).

    Denn mir war klar, dass ich in Bezug auf meine Sucht (den Alkohol, die Lüsternheit) absolut machtlos war. Ich hatte nicht die Kraft, die ich brauchte, um dem Ausagieren widerstehen zu können. Ich brauchte eine helfende Kraft; eine Kraft, die größer war, als ich selbst. Den Begriff „Gott“ brauchte ich hierfür zum Glück nicht.

    Zunächst entschied ich mich, meine AA-Gruppe als diese Kraft anzusehen. Denn nachdem ich im Januar 2008 mein erstes Meeting besucht hatte, musste ich keinen Alkohol mehr trinken. Und Mitte 2012 kamen dann die Anonymen Sexaholiker (AS) und die Trockenheit in der Sexsucht dazu.

    Heute habe ich mein Verständnis von Gott – wie ich ihn verstehe (oder nicht verstehe) gefunden. Und es ist wandlungsfähig, so wie ich wandlungsfähig geworden bin. Ja, es gibt auch Zweifel. Aber ich habe meine Wege, mit ihnen umzugehen.

    Ich bin vor allem ein Fan vom Blauen Buch und, mit kleinen Abstrichen, auch von Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass es manchmal auch an der Übersetzung liegt, wenn ich mit einer Textstelle nicht klarkomme oder wenn sie mir unlogisch erscheint.

    So habe ich mir die Gebete neu übersetzt und zum Teil ergänzt, wie ich es in früheren Blogbeiträgen beschrieben habe (hier zum Dritte-Schritt-Gebet und hier zum Siebte-Schritt-Gebet). Und statt „Gott“ kann man auch an jeder Stelle höhere Macht, höhere Kraft, himmlische Kräfte oder Anderes einsetzen (ein Programm-Freund spricht z.B. immer von seiner „Buddha-Natur“).

    Ich möchte jedem, der Hilfe sucht, Mut machen, es mit dem Zwölf-Schritte-Programm auch dann zu versuchen, wenn Gott für ihn ein Problem oder „tot“ ist. Denn die helfenden Kräfte helfen auch, wenn man sie nicht „Gott“ nennt. Und im Laufe der Zeit kann jeder für sich entscheiden, wie er Gott versteht, wenn von „Gott, wie wir ihn verstehen“ die Rede ist. So habe ich meinen Start ins trockene Leben und schließlich sogar Gott wie ich ihn verstehe gefunden.

  • Mein Blaues Buch (5): Das Siebte-Schritt-Gebet

    Neben dem Dritte-Schritt-Gebet gibt es im Blauen Buch auch das Siebte-Schritt-Gebet. Diesem Gebet liegt die Erkenntnis zugrunde, dass ich viele Charakterfehler habe, die ich aus eigener Kraft einfach nicht loslassen kann. Diese Charakterfehler schieben sich zwischen mich, die anderen Menschen und Gott. Sie können dazu führen, dass ich die ganze Zeit nur mit ihnen, ihren Auswirkungen, ihrer Verheimlichung usw. beschäftigt bin.

    Ich möchte aber frei von meinen Charakterfehlern werden. Ich möchte hilfreich sein können und großzügig. Ich möchte mich Gott und anderen Menschen zuwenden können. Und das will auch Gott: Dass ich aus meiner Isolation herauskomme. (Wichtig: Wenn bei den Anonymen Alkoholikern oder Anonymen Sexaholikern von Gott die Rede ist, ist immer Gott, wie Du Gott verstehst, gemeint. Es ist jede Gottesvorstellung möglich, die für Dich Sinn ergibt. Oft sprechen wir auch einfach von der Höheren Macht.)

    Es folgt der Text des Siebte-Schritt-Gebets im Original, in der Übersetzung des Blauen Buches und in meiner eigenen Übersetzung:

    My Creator, I am now willing that You should have all of me,
    good and bad. I pray that You now remove from me every single defect of character which stands in the way of my usefulness to You and my fellows. Grant me strength, as I go out from here, to do Your bidding. Amen

    Alcoholics Anonymous, p. 76

    Mein Schöpfer, ich bin nun willig, mich Dir ganz auszuliefern mit allen meinen guten und schlechten Seiten. Ich bitte, die Charaktermängel jetzt von mir zu nehmen, die mich daran hindern, Dir und meinen Mitmenschen gegenüber nützlich zu sein. Gib mir Kraft, von jetzt an Deinen Willen auszuführen.
    Amen.

    Anonyme Alkoholiker, S. 87 f.

    Mein Schöpfer, Du sollst alles von mir haben, das Gute und das Schlechte – dazu bin ich bereit.

    Ich bitte Dich, dass Du jeden einzelnen Charakterfehler von mir nimmst, der mich daran hindert, Dir und meinen Weggefährten nützlich zu sein.

    Gib mir die Kraft, Deinen Willen zu tun, wenn ich diesen Ort verlasse. Amen

    Dies ist das einzige Gebet im Haupttext des Blauen Buches, das mit einem „Amen“ abschließt. Das ist deshalb der Fall, weil mit dem siebten Schritt der „innere Hausputz“, die innere Inventur, endet und es nach „Außen“ geht, zu den Mitmenschen und den Wiedergutmachungen an ihnen.

    ich spreche dieses Gebet morgens kurz vor dem Ende meines Morgenrituals und mache mir dabei deutlich: Gleich geht es nach „Draußen“, in die Begegnung, da brauche ich die Unterstützung meines Höheren Macht. Denn alleine würde ich von meinen Ängsten und Charakterfehlern übermannt. Aber verbunden mit der Höheren Macht werde ich frei. Ich kann ein Mensch unter Menschen sein, trocken vom Alkohol und trocken in der Sexsucht, auf dem Wg der Genesung.

  • Mein Blaues Buch (4): Das Dritte-Schritt-Gebet

    Das Dritte-Schritt-Gebet im Blauen Buch dient der Bekräftigung der Entscheidung, die ich im dritten Schritt treffe. Der dritte Schritt lautet:

    Made a decision to turn our will and our lives over to the care of God as we
    understood Him.

    Alcoholics Anonymous, Step 3

    Wir haben uns entschieden, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes, wie wir Ihn verstanden, anzuvertrauen.

    Anonyme Alkoholiker, Dritter Schritt (eigene Übersetzung)

    Mit dem Gebet des dritten Schritts bekräftige ich diese Entscheidung. (Wichtig: Wenn bei den Anonymen Alkoholikern oder Anonymen Sexaholikern von Gott die Rede ist, ist immer Gott, wie Du Gott verstehst, gemeint. Es ist jede Gottesvorstellung möglich, die für Dich Sinn ergibt.)

    Bei dem Dritte-Schritt-Gebet bin ich mit der deutschen Übersetzung im Blauen Buch nicht gut zurechtgekommen. Im Zentrum des englischen Originals steht die Bitte, vom Eigenwillen befreit zu werden, weil mich der Eigenwille immer wieder in Schwierigkeiten bringt: Es fällt mir schwer, das Leben zu seinen Bedingungen anzunehmen und zu akzeptieren. Ich will aus Angst mein Leben immer und immer wieder kontrollieren und steuern – aber es klappt nicht. Diese Versuche, zu kontrollieren, kosteten mich sehr viel Energie (sie tun es heute noch oft). Im Dritte-Schritt-Gebet bitte ich meine Höhere Macht darum, diesen Eigenwillen von mir zu nehmen (es folgen jetzt das englische Original, die Übersetzung aus dem deutschsprachigen Blauen Buch und meine Übersetzung, in der ich das Gebet verwende):

    God, I offer myself to Thee – to build with me and to do with me as Thou wilt. Relieve me of the bondage of self, that I may better do Thy will. Take away my
    difficulties, that victory over them may bear witness to those I would help of Thy
    Power, Thy Love, and Thy Way of life. May I do Thy will always!

    Alcoholics Anonymous, p. 63

    Gott, ich gebe mich in Deine Hand, richte mich
    auf und tu mit mir nach Deinem Willen. Erlöse mich
    von den Fesseln meines Ichs, damit ich Deinen Willen
    besser erfüllen kann. Nimm meine Schwierigkeiten
    hinweg, damit der Sieg über sie Zeugnis von Deiner
    Macht, Deiner Liebe, Deiner Führung ablegen möge
    vor den Menschen, denen ich helfen möchte. Möge ich
    immer Deinen Willen tun!

    Anonyme Alkoholiker, S. 73

    Gott, ich mache mich Dir verfüglich, dass Du mit mir schaffen und tun kannst nach Deinem Willen.

    Befreie mich von den Fesseln meines Eigenwillens, damit ich Deinen Willen
    besser erfüllen kann.

    Nimm meine Schwierigkeiten
    hinweg, damit der Sieg über sie Zeugnis von Deiner
    Macht, Deiner Liebe und der Art der Lebensführung ablegen möge, die mit Dir möglich ist – Zeugnis ablegen vor den Menschen, denen ich helfen möchte.

    Möge ich
    immer Deinen Willen tun!

    eigene Übersetzung

    Ich ergänze das Gebet außerdem um einen Satz, mit dem ich mir selbst die Angst vor Gott nehme. Denn ich weiß heute, dass ich aufgrund der Prägungen aus meiner Kindheit ein sehr negatives Bild von Gott verinnerlicht hatte. Er war eine unangenehme, unberechenbare Gestalt, die über alle Verfehlungen Buch führt, so dass man diesem Gott gegenüber nur verlieren konnte. Es war ein Gott, mit dem ich nichts zu tun haben wollte.

    Dieses alte Gottesbild musste ich zunächst loslassen, um mich überhaupt an einen Gott (Gott, wie ich Ihn verstehe) wenden zu können. Ich entschied mich, dass Gott für mich die Liebe ist. Er will nichts anderes als mein Wachstum und meine Genesung. Dies verdeutliche ich mir heute, indem ich in das Gebet ergänze:

    Gott, ich mache mich Dir verfüglich, dass du mit mir schaffen und tun kannst nach Deinem Willen – Gott, der Du die Liebe bist.

    Er ist die Liebe. Seinen Willen brauche ich nicht zu fürchten.

    Vielleicht kann ich irgendwann in innerer Freiheit mit dem Dichter Christian Morgenstern so sprechen:

    Du Weisheit meines höhern Ich,
    die über mir den Fittich spreitet
    und mich vom Anfang her geleitet,
    wie es am besten war für mich, -
    
    wenn Unmut oft mich anfocht: nun - 
    es war der Unmut eines Knaben!
    Des Mannes reife Blicke haben
    die Kraft voll Dank auf Dir zu ruhn.
    
    aus: Christian Morgenstern, Wir fanden einen Pfad 

  • Der Kern des AS-Programms

    Was ist denn der Kern des AS-Programms?

    Der Kern des AS-Programms ist die Erfahrung, dass es eine Wahl gibt, eine „dritte Option“: Früher hatte ich nur zwei Möglichkeiten: Entweder habe ich ausagiert oder ich habe den inneren Sog zum Ausagieren mit Kraft unterdrückt. Das ging aber nicht lange gut und dann musste ich wieder ausagieren. So lief es immer und immer wieder.

    Heute habe ich eine dritte Handlungsmöglichkeit: das Loslassen, das Kapitulieren. Wenn die Lüsternheit kommt, wenn ich getriggert werde, kann ich loslassen.

    Und das gilt nicht nur für Lüsternheit. Früher hatte ich auch sonst oft keine Wahl: Gab es einen „Reiz“ (z.B. es geschah auf der Arbeit etwas Unangenehmes), „musste“ ich reagieren: Sei es mit Groll oder Angst, sei es mit Flucht, Angriff oder Lähmung. Ich konnte gar nicht anders. Ich war hin- und hergerissen von Emotionen und hatte nur wenige Reaktionsmöglichkeiten zur Verfügung. Heute habe ich eine Wahl. Zum Beispiel auch die Möglichkeit, mir Hilfe zu holen.

    Und wie schaffe ich das: Loszulassen? Ich kriege es nicht hin.

    Alleine schaffe ich es auch nicht. Aber mit Hilfe der Höheren Macht gelingt es.

    Was ist denn diese Höhere Macht?

    Die Höhere Macht oder Kraft ist die Kraft, aus der ich trocken leben kann. Obwohl ich der Lüsternheit gegenüber machtlos bin, bin ich trotzdem trocken. Um das zu erreichen, brauchte ich eine Kraft, größer als ich selbst.

    Und wie soll ich mir diese Höhere Kraft vorstellen?

    Mache Dir Dein eigenes Bild von ihr! Sie kann alles sein, was für Dich Sinn ergibt und Dir die notwendige Kraft vermittelt. Für viele von uns ist es (ein) Gott.

    Ich habe nichts am Hut mit Gott.

    Anfangs hatte ich auch große Schwierigkeiten damit, dass das Wort „Gott“ im Programm vorkommt. Dann habe ich den Hinweis bekommen, dass ich hier nichts glauben oder von anderen übernehmen muss. Wenn von Gott die Rede ist, dann geht es um Gott, wie Du Ihn verstehst.

    Und wie hast Du Deine Höhere Macht gefunden?

    Um Gott oder die Höhere Kraft zu finden, dafür gibt es die zwölf Schritte. Durch sie bin ich aus der Abtrennung herausgekommen. Ich war abgetrennt von den Anderen, von Gott und von mir. Durch die Schritte bin ich aus dieser fürchterlichen Isolation herausgekommen.

    Und wie mache ich das mit den Schritten? Wie fange ich an?

    Bei mir ist es so: Ich gehe mehrmals die Woche ins Meeting. Gerade am Anfang sprach die Höhere Kraft vor allem durch andere Menschen zu mir, die auf dem Genesungsweg schon weiter sind. Heute spüre ich sie oft auch schon in mir selbst.

    Dann habe ich einen Sponsor. Er hilft mir bei der Schrittearbeit und vor allem tut er eines: Er sagt mir, was er bei mir sieht. So werde ich auf meine Fehler aufmerksam, für die ich noch – oder wieder – blind bin. Er gibt mir einfach von dem ab, was er selbst auf dem Weg der Genesung gefunden hat.

    Das Dritte ist der regelmäßige Kontakt zu Programm-Freunden.

    Das Vierte, das mir hilft ist Dienst: Auch ich gebe das, was ich entdeckt habe und was bei mir funktioniert, an andere weiter.

    Und das Fünfte ist unsere Literatur. Mir hilft es sehr, in der Literatur zu lesen. Vor allem in den drei Grundtexten.

    Insgesamt gilt: Das AS-Programm ist ein Tu-Programm! Die Kraft kommt zur Tat!

    Und was soll ich jetzt tun?

    Willst Du es mit AS versuchen? Dann nimm‘ Kontakt mit einer Gruppe auf. Und lasse all‘ Deine Sorgen und Dein Kopfkino los. Es gibt einen schönen Slogan dazu: Geh‘ mit den Füßen ins Meeting, der Kopf kommt nach.

    Ich kann nur jedem Mut machen, in die Meetings zu gehen und mit einem Sponsor die zwölf Schritte zu arbeiten. Es lohnt sich so sehr!

  • Ich bin frei, weil ich machtlos bin

    In Bezug auf mein sexuelles Ausagieren habe ich meine Machtlosigkeit erfahren. Ich wollte nicht wieder x Stunden Pornografie konsumieren. Ich wollte nicht wieder zu diesem erbärmlichen Straßenstrich fahren. Aber ich konnte nicht anders. Ich hatte sogar mein Auto verkauft, in der Hoffnung, es lassen zu können. Dann ging ich eben zu Fuß ins Laufhaus. Ich konnte es nicht lassen.

    Erst bei AS begriff ich, dass die Sexualität gar nicht das Problem ist. Was ist z.B. an dem Konsum von Bildern oder am Im-Kreis-Fahren am Straßenstrich schon „sexuell“? Oder am voyeuristischen Schauen? Die Lüsternheit ist das Problem, dieses süchtige innere Ziehen und Zerren und Pushen. Die Sexualität kann dann im Paket dessen, was die Lüsternheit auslöst, Folge sein – oder auch nicht.

    Dann, endlich „trocken“, wurde es wieder schwierig mit der Machtlosigkeit. Es widerstrebt mir manchmal, zu sagen, ich sei machtlos. Denn: Bin ich nicht trocken? Wieso soll ich denn machtlos sein? OK, ich bete, die Höheren Kräfte helfen mir dabei. Aber bin nicht ich es, der etwas tut?

    Ja, ich tue was. Aber ich kann wirklich nichts daran kontrollieren, was aus dem, was ich tue, wird.

    Am deutlichsten wird die Machtlosigkeit wieder am Beispiel Lüsternheit. Sobald ich wieder Lüsternheit zu mir nehme, zum Beispiel einer Frau auf den Po schaue oder ein in meinem Kopf aufkommendes Bild zum Film mache, gerate ich in Not. Die Allergie, die körperliche Überempfindlichkeit droht, ausgelöst zu werden. Hilferufend wende ich mich an meine Höhere Macht. – Noch einmal gut gegangen. (Oder auch nicht, ich kann es nicht kontrollieren. Lüsternheit „trinken“ bedeutet, sein Schicksal zu versuchen.) (Zu den zwei Elementen der Sucht, die das Blaue Buch als „Obsession/ Besessenheit“ und „Allergy/ Allergie“ bezeichnet, habe ich hier etwas geschrieben).

    Tatsächlich bin ich sogar in jeder Hinsicht machtlos. In Bezug auf alles, wo mein Ego und meine Forderungen ins Spiel kommen. Ich kann nichts wirklich Wesentliches selbst bestimmen. Ich hatte z.B. für die vergangene Zeit und die Kar- und Ostertage so viel geplant. Und bin jetzt wegen der Corona-Krise zu Hause. Alle diese Planungen erschienen selbstverständlich. Und haben sich doch in Luft aufgelöst.

    Und erst Recht bin ich machtlos in Bezug auf alle existenziellen Fragen: Geburt (wo auf der Welt, bei welche Eltern, in welchen Verhältnissen), Gesundheit, Tod, weltpolitische Entwicklungen: machtlos, machtlos, machtlos.

    Natürlich kann ich versuchen, meinen Teil beizutragen und zum Beispiel Gifte vermeiden und nicht zu ungesund leben. Mich fortbilden. Mich um meine Verantwortlichkeiten kümmern. Aber das Ergebnis kann ich nicht kontrollieren.

    Vielleicht ist das Machtlosigkeit in einem Satz:

    Ich kann meine Fußarbeit machen, aber das Ergebnis nicht kontrollieren. Und zwar kein Ergebnis, in Bezug auf gar nichts.

    Meine Schwierigkeit, meine Machtlosigkeit immer wieder anzuerkennen – und die Freiheit zu genießen, die darin liegt! – rührt auch von meinem Aufwachsen her. Die Erfahrung des  Verlassen-Werdens, die Gewaltzeugenschaft: Ich war ständig auf der Hut und in Anspannung. Machtlosigkeit war real und doch etwas schwer Auszuhaltendes. Das wollte ich nie wieder. Statt dessen versuchte ich, zu kontrollieren. Ich soll also etwas – die Machtlosigkeit – anerkennen, das mir so viel Leid gebracht hat. Schwer!

    Und noch ein Gesichtspunkt: Meine Religion bringt mich nah an Gott. Ich bin nach Seinem Bilde, Ihm gleich, geschaffen, heißt es. Das verführt zu Größenwahn. Aber ich bin eben doch nicht Gott. Es geht mehr um die tiefe Bejahung einer Möglichkeit, nicht um die Beschreibung von etwas, was schon da ist. Es ist die Möglichkeit, überhaupt erst einmal Mensch zu werden. Dazu gehört, meine Machtlosigkeit anzuerkennen, mein Ego immer wieder loszulassen – und frei zu sein!

    Die Freiheit zu lieben, die mir die Machtlosigkeit gibt. Denn: Weil ich machtlos bin, muss ich nichts mehr kontrollieren! Ich darf leben, im Hier und Jetzt. Ich bin nur für meine Straßenseite verantwortlich, dafür, sie sauber zu halten. Sonst für nichts!

    Gott will uns glücklich, voller Lebensfreude und frei haben, heißt es im Blauen Buch. Der Weg dahin ist die Machtlosigkeit. Immer nur für Heute!

  • Corona-Krise (I)

    In den vergangenen zwei Tagen war ich bedrückt, kraftlos und hatte immer wieder Angst. Heute morgen wurde mir dann plötzlich klar, welche Besonderheit diese Corona-Krise für mich mit sich bringt. Worin ein Gesichtspunkt ihrer Ungeheuerlichkeit liegt.

    „Äußerlich“ sind Risiken dieser Krise überforderte Krankenhäuser und ein gewaltiger wirtschaftlicher Zusammenbruch. Auch die Sorge, dass Menschen krank werden könnten, mit denen ich verbunden bin, oder ich selber.

    Aber die besondere Schwierigkeit liegt noch auf einer anderen Ebene: Die geschilderten Gefahren lösen bei mir Angst aus. Es werden auch Ängste berührt, die in traumatischen Erfahrungen wurzeln. Was würde ich normalerweise in so einer Situation tun? Ich würde Meetings besuchen, den Gottesdienst, Vorträge, ich würde Gebet und Besinnung pflegen, mich mit meinem Sponsor und mit Freunden treffen, gemeinsam Essen und Kaffee trinken und wir würden gemeinsam Freude haben und Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen.

    Ich hätte also gegen diese aus meinen Tiefen aufsteigenden Ängste eigentlich Mittel, ich weiß, was zu tun ist, ich habe sie tausende Male angewendet – und jetzt, wo die Krise ungewöhnlich intensiv ist, tue nur Weniges davon – kann Vieles nicht tun. Die intensive persönliche Begegnung, zu zweit, in Gruppen, im Gottesdienst, eingeschränkt, verboten – durch Vorschriften und durch selbst auferlegte Distanz- und Rücksichtnahmegebote. Durch Vernunft.

    Das ist das Ungeheuerliche. Dass ich den aufsteigenden Ängsten nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln begegnen kann.

    Seitdem mir das klar ist, geht es mir wieder besser. Es ist der Kern dieser besonderen Situation, dass sie das Zwischenmenschliche schwächt. Sie greift unmittelbar die Institutionen der Freundschaft, Gemeinschaft und Begegnung an. Jetzt weiß ich, was für mich um so wichtiger ist:

    • Ich suche den Kontakt, isoliere mich nicht, spreche meine Angst aus, teile meine Schwäche und Erfahrung, Kraft und Hoffnung; in der Begegnung schrumpft die Angst bis zu dem Gefühl: Jetzt ist alles OK. Es helfen die Slogans:

    Gott legt niemandem mehr auf, als er tragen kann.

    Auch das geht vorüber.

    Loslassen und Gott überlassen.

    Gefühle sind wie Wolken: sie ziehen auf und sie ziehen wieder vorüber.

    Mut ist Angst, die gebetet hat.

    • Ich pflege meine Spiritualität: Gemeinsam mit meiner Frau und am Telefon mit anderen. Ich halte private Andacht während der Gottesdienstzeiten, mich gedanklich mit den Anderen verbindend, die das Gleiche tun.
    • Ich übe Dankbarkeit, schreibe Dankbarkeitslisten.
    • Ich prüfe, welche Formen von Dienst ich tun kann. Dienst hält trocken und bringt mich davon ab, die ganze Zeit um mich selbst zu kreisen.
    • Ich führe die Meetings per Telefon oder anders elektronisch fort, gehe in mehr Meetings, helfe dort mit.
    • Ich spreche regelmäßig mit meinem Sponsor.

    Angst macht krank. Sie ist der brüchige Faden, der das Gewebe meiner Existenz durchzogen hat. Sie ist die Triebfeder meiner Charakterfehler. Ich brauche Ent-Ängstigung.

    Ich kann die Angst nicht wegwünschen. Aber die beschriebenen Wege helfen mir, sie integrieren zu können. Sie ist ein Teil von mir – aber ich bin nicht sie. Ich kann aus ihr herauswachsen – das habe ich in den Jahren der Trockenheit im Zwölf-Schritte-Programm immer und immer wieder erfahren.

    Heute bin ich trocken und dankbar dafür, auf dem Weg zu sein. Was morgen ist, werde ich sehen. Ich bin so dankbar dafür, dass ich durch diese Situationen hindurch gehen kann, ohne lüstern zu trinken und ohne sexuell auszuagieren.

    Ich habe meine „Stimme“ wiedergefunden. Ich hoffe, auch in den nächsten Tagen hier schreiben zu können.

  • Ich habe kein Problem mit Pornographie, Selbstbefriedigung, Prostituiertenbesuchen…

    Das wirklich große Geschenk der Anonymen Sexaholiker ist die Erkenntnis, dass mein Problem nicht mein sexuelles Ausagieren ist. Mein Problem ist Lüsternheit. Lüsternheit führt zu sexuellem Ausagieren. Wenn ich Lüsternheit trinke, muss ich sexuell ausagieren. Seiner Lüsternheit weiter zu folgen und gleichzeitig trocken sein zu wollen ist wie schwimmen gehen ohne nass werden zu wollen.

    Deshalb fühlt sich Trocken-werden ja zuerst wie Sterben-müssen an. Nicht, weil ich keinen Sex mehr habe, sondern weil ich von meinem Suchtstoff, der Lüsternheit, entziehen muss. Lüsternheit ist nicht körperlich, sie benutzt nur den Sexualtrieb. Was soll an Pornographie körperlich sein? Deshalb hat das Ausagieren in der Sucht so wenig mit echter Sexualität zu tun, sondern mit Bildern, Filmen, Jagen, dem „Kick“, der abhängigen Verbindung, mit Objekten und Ähnlichem.

    Ich habe mich immer verzweifelt gefragt, warum ich so ausagieren muss. „So bin ich doch gar nicht, das will ich doch eigentlich gar nicht. Wieso kann ich nicht einfach eine liebevolle Partnerschaft haben?“

    Heute weiß ich die Antwort: Weil Lüsternheit ein Medikament für Angst, Wut, Schmerz, Aufregung und Groll ist. Mehr Angst – mehr Lüsternheit – mehr Scham – noch mehr Lüsternheit. Das Medikament wirkte, zu dem hohen Preis, dass es mich zerstörte. Als ich dieses Medikament weg lassen wollte, war da der kleine Autorvonmeinwegausdersexsucht, der gar nicht wusste, wie man ohne dieses Medikament leben kann.

    Der erste Schritt war, zu erkennen:

    • Ich bin kein schlechter Mensch, der gut werden will, sondern ein kranker Mensch, der gesund werden will.

    der Zweite:

    • Mein Problem ist Lüsternheit, nicht Sex. Ich muss, entsprechend zum Alkohol beim Alkoholiker, das „erste Glas“ stehenlassen, das heißt, aus dem lüsternen Bild keinen Film und keine Geschichte machen, sondern: Es abgeben, loslassen, „kapitulieren“. Und weil ich das alleine wirklich nicht kann, weil meine eigene Kraft auf diesem Gebiet versagt, muss ich die Höheren Kräfte, die Himmlischen Kräfte, Gott, wie ich ihn verstehe  – nenn‘ es, wie Du willst, aber tue es! – um Hilfe bitten.

    Gott, was immer ich [hier einsetzen, was gerade triggert, z.b.:] an dem Po dieser Frau suche, bitte lass‘ es mich in Dir jetzt finden.

    Gott, was immer ich in diesem Bild von Geschlechtsverkehr gerade suche, bitte lass‘ es mich in Dir jetzt finden.

    Und das soll helfen? Es hilft! Es unterbricht den Sog. Ich bin nicht mehr allein. Die Höhere Kraft ist, bereit, mir zu helfen. Und was suche ich eigentlich gerade?

    Oder steige ich ins lüsterne Wasser? Natürlich diesmal kontrolliert; ohne nass zu werden?

     

     

  • Die leise Stimme in mir

    Ein AS-Freund sagte im Meeting, dass er noch nie die „Stimme“ Gottes gehört habe. Gott spreche aber durch die Freunde in den Meetings zu ihm.

    Ich hätte das bis vor kurzem auch so formuliert. Aber seit einigen Monaten sehe ich das anders. Ich nehme eine „Stimme“ in mir wahr. (mehr …)

  • Es geht immer um Gott, uns selbst und andere Menschen

    Durch meinen Sponsor bin ich darauf aufmerksam geworden, dass die in der Überschrift genannten Drei – Gott, ich selbst und andere Menschen – im Zwölf-Schritte-Programm immer wieder eine große Rolle spielen. Sie sind in dieser Reihenfolge im fünften Schritt aufgezählt:

    Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu.

    Diese Dreiheit hat aber nicht nur grundlegende Bedeutung für den fünften Schritt, sondern sie ist für mein ganzes Leben fundamental:

    (mehr …)

  • Die eigene Vorstellung von Gott

    My friend suggested what then seemed a novel idea. He said,
    “Why don’t you choose your own conception of God?’’

    Mein Freund machte einen Vorschlag, der mir damals als ein neuer Gedanke erschien. Er sagte: „Warum suchst du dir nicht deinen eigenen Begriff von Gott?“

    Anonyme Alkoholiker,
    Bill’s Story/ Bills Geschichte, p. 12/ S. 14

    In meiner Sexsucht war ich so machtlos, dass ich aus eigener Kraft nicht aufhören konnte. Ich brauchte eine Kraft, größer als ich selbst, um auch nur daran denken zu können, ein Leben ohne Lüsternheit und sexuelles Ausagieren zu führen.

    Es erschien mir aber ausgeschlossen, dass diese Kraft etwas mit „Gott“ zu tun haben könnte. Gott war entweder nicht existent, oder er war jedenfalls für mich nicht erreichbar. Mit dieser Überzeugung kam ich 2008 ins Zwölf-Schritte-Programm. (mehr …)