Kategorie: Sexsucht als Krankheit

  • Ich „habe“ nicht nur eine Sexsucht, sondern ich „bin“ Sexaholiker

    Was mich betrifft, so erscheint mir bisweilen die Formulierung „ich bin Angst“ zutreffender für meine innere Verfassung als „ich habe Angst“. – David K. Reynolds, Die stillen Therapien, Essen 1994, S. 23

    Bei den Anonymen Sexaholikern stellen sich viele zu Beginn eines Wortbeitrags im Meeting mit dem Satz vor: „Ich bin [Name], Sexaholiker“. Manche Neue lehnen das zunächst für sich ab. Sie sagen, dass sie es nicht gut finden, denn sie würden sich doch nicht über ihre Sucht definieren wollen! Es wäre doch gerade ihr Ziel, den Zwang loszuwerden!

    Als ich 2008 zuerst vom Alkohol trocken wurde, habe ich wahrscheinlich auch noch so etwas gesagt. Dann wurde ich davon trocken und habe kennengelernt, wie befreiend es ist, zu kapitulieren, das heißt: Loszulassen.

    Als ich dann aber 2012 zu den Anonymen Sexaholikern kam, konnte ich es sofort laut sagen. Es war eine Erlösung: Ja, ich bin Sexaholiker! Mein ganzes Wahrnehmen, Denken und Wollen ist von dieser Sucht beeinflusst, getrübt und oft sogar völlig von ihr bestimmt! Ich bin Sexaholiker und ich bin machtlos! Dieses Eingeständnis war die Befreiung. Denn damit war auch klar, dass ich tatsächlich krank war. Meine Persönlichkeit war beschädigt und beeinträchtigt und ich brauchte Hilfe, um wieder gesund zu werden.

    Der noch „nasse“ Sexaholiker kann aufgrund seiner Sucht nicht anders, als immer wieder den Wagen vor das Pferd zu spannen: Er nimmt Lüsternheit zu sich und versucht anschließend, die Art oder Menge dieser Giftzufuhr zu kontrollieren. Da er krank ist, lüsternheitskrank, funktioniert aber gerade das nicht. Dem Konsum von Lüsternheit folgt immer die „Sauftour“, mögen Vorsatz oder Notwendigkeit, diesmal nicht abzurutschen, noch so stark sein. Die Abfolge:

    Lüsternheits-Konsum, Gefühl der Erleichterung, Auftreten des süchtigen Verlangens, Durchgang durch die Stadien einer „Sauftour“ (süchtiger Konsum) und dann, nach der Sauftour: Scham und der Vorsatz, es beim nächsten Mal besser zu kontrollieren oder es ab jetzt ganz zu lassen,

    ist für den wirklich Süchtigen zwingend und unvermeidbar – bis zur Kapitulation, das ist das Eingeständnis der Niederlage:

    Ich bin Sexaholiker!

    Und es ist eine Befreiung und von da ab kann Genesung beginnen. Bei AS habe ich gelernt, dass es außer dem Ausagieren auf der einen und dem Unterdrücken der Gier auf der anderen Seite noch diese dritte Option gibt: Aufzuhören zu kämpfen und sich, mit Hilfe der höheren Kräfte, die ich trocken „anzapfen“ kann, von der Fixierung auf die Sucht abzuwenden und ein neues Leben ohne Suchtmittel zu beginnen.

    Das hört sich für diejenigen, die noch drinhängen, theoretisch an. Es ist wie mit allen Erfahrungen: Ich muss sie selber machen! Wer noch nie geschwommen ist, hat Angst vorm Wasser und weiß nicht, was für ein wunderbares Gefühl es ist, darin zu „schweben“ und davon getragen zu werden. Wenn es ihm einer erzählt, hilft das nicht: Er muss selber schwimmen lernen und es erleben!

    Ich versuche heute, mich diesem Fluss des Lebens anzuvertrauen. Ich brauche nicht mehr wegzulaufen. Ja, ich bin ein Sexaholiker! Aber dieser Defekt hat mich zu meinem heutigen Leben geführt in dem ich mich wohl fühle und das ich für keinen Rausch mehr eintauschen möchte!

    Als ich das Eingangszitat von Reynolds gelesen habe, hat es mich gefreut, dass dies ein Psychologe (in Bezug auf Angst) auch so erfahren hat. Und bei Reynolds bedeutet dies gerade nicht Passivität, ganz im Gegenteil.

    Nach dem befreienden Ausruf „Ich bin ein Sexaholiker“ kommt es darauf an, das zu tun, was getan werden muss!

    Changes beginn with action. – David K. Reynolds, Playing Ball on Running Water, 1984, S. 16

  • Rückfallprophylaxe (II): Was ist das „erste Glas“ des Sexsüchtigen und wie „lässt man es stehen“?

    Dieser Blogbeitrag baut auf dem vorherigen Beitrag auf, in dem das „süchtige Verlangen“ und der „Suchtkreislauf“ beschrieben werden.

    (Ein erster Beitrag über Rückfallprophylaxe/ Rückfallvorbeugung ist hier zu finden.)

    Die Grundlage der Anonymen Sexaholiker war die Entdeckung, dass das Genesungsprogramm der Anonymen Alkoholiker auch bei Sexsucht wirkt. Ersetzt man im Buch „Anonyme Alkoholiker“ das Wort Alkohol durch Lüsternheit (oder in manchen Fälle durch Sexualität oder sexuelles Ausagieren) dann kann sich der Sexaholiker mit den dort geschilderten Erfahrungen der Alkoholiker identifizieren. Und so, wie die Suchterfahrung die gleiche ist, ist auch der gleiche Genesungsweg möglich!

    Da die Texte der Anonymen Alkoholiker auch die Grundtexte von AS sind, stammen auch viele bei AS gebräuchliche Formulierungen aus dem Bereich des Alkoholismus; so auch das Schlagwort vom „ersten Glas“.

    Das erste Glas stehenzulassen, ist unerlässlich dafür, nüchtern zu bleiben. Denn der Konsum des ersten Glases Alkohol löst den körperlichen Zwang aus, weiterzutrinken. Die Anonymen Alkoholiker bezeichnen dieses Zwang als süchtiges Verlangen (craving), und dieses süchtige Verlangen führt wegen des vom Alkoholiker erlittenen Kontrollverlustes vom „ersten Glas“ zwangsläufig zur Sauftour.

    Deshalb muss ich, um nicht wieder trinken zu müssen, dieses erste Glas stehen lassen. Und um das erste Glas stehen lassen zu können, muss ich das verdrehte Denken loswerden, das mich immer wieder dazu bringt, das erste Glas zu trinken, obwohl ich schon tausendmal die Erfahrung gemacht habe, dass ich nach dem ersten Glas nicht mehr kontrolliert trinken kann, sondern „saufen“ muss.

    Denn das ist der Suchtkreislauf, der auf Dauer nur durch eine grundlegende Veränderung der eigenen Persönlichkeit zum Stillstand gebracht werden kann:

    Verdrehtes Denken – erstes Glas – süchtiges Verlangen – Sauftour – Reue, Verzweiflung, Schwur: „Nie wieder“ – verdrehtes Denken – erstes Glas …

    Was ist denn das „erste Glas“ des Sexsüchtigen? Und wie kann er es stehenlassen?

    Beim Alkohol ist einfach: Das erste Glas zu trinken bedeutet, eine Flüssigkeit zu sich zu nehmen, die Alkohol enthält.

    Und was ist es beim Sexaholiker, das dieser zu sich nimmt, das das verheerende süchtige Verlangen auslöst?

    • Der Stoff heißt Lüsternheit. Der Süchtige produziert ihn selbst, innerlich.
    • Lüsternheit kann einen körperlichen Auslöser oder Anknüpfungspunkt (den Anblick einer Person, eines Objektes, Parfümgeruch etc.) haben. Letztlich ist Lüsternheit aber nicht an einen „Stoff“ (Körper) gebunden. Sie ist eine „Kopfsache“.
    • Deshalb kann ich als Sexaholiker trinken, ohne dass irgendetwas Äußerliches passiert. Das Trinken des ersten Glases findet in mir statt, in meiner Seele: insbesondere als Phantasie, als innerer Film im Kopfkino.

    Ein Beispiel:

    Ich bin besonders in Gefahr, innere Bilder zu „trinken“ in der Zeit vor dem Einschlafen und nach dem Erwachen. In diesen Zeiten kann Folgendes geschehen: Ich denke zum Beispiel an eine Frau. Wie sie aussieht. Eigentlich sieht sie ja nett aus. Und sie zieht sich auch gut an. Schon läuft der Film. Und er kann eine Sequenz später eine Sexszene oder eine Eheschließung beinhalten, eine romantische Verwicklung oder schlicht pornographische Bilder.

    Deshalb ist einer der ersten und wichtigsten Grundsätze der Genesung von der Sexsucht:

    Wenn ein Bild in Dir aufsteigt, mache aus ihm keinen Film!

    Denn: Wer sich als Sexaholiker ein „inneres Kino“ als „Entspannungsmittel“ etc. leistet, ist auf dem Weg in den Rückfall ! Bei solchen Phantasien handelt es sich um einen klassischen Versuch, kontrolliert zu trinken.

    Aber als Sexaholiker habe ich gerade diese Fähigkeit, kontrolliert lüstern zu sein, verloren (siehe den vorangegangenen Blogbeitrag). Natürlich können z.B. während des Einschlafens ungewollt Bilder auftreten. Mir hilft in solchen Situationen ein Gebet, das sie überlagert und verdrängt, und dazu führt, dass ich nicht in sie „einsteigen“ muss. Sollten sie belastend in Erinnerung bleiben, teile ich sie explizit mit einem Programm-Freund (was das bedeutet, siehe unten).

    Weiter in der Aufzählung, was beim Sexaholiker „erste Gläser“ sein können:

    • Ich kann mir auch äußere Objekte durch einen Blick heranholen („lüstern trinken“), um in mir den Kick auszulösen, der der Wirkung des ersten Glases beim Alkohol entspricht! Für einen solchen Blick, z.B. auf eine Frau, genügt die Zeitspanne eines Wimpernschlages!

      In der AS-Literatur wird dieser Blick mit einer Spinne verglichen, die aus ihrer Lauerposition hervorschnellen kann, um sich ihre Beute zu sichern. Der Sexaholiker lässt seinen süchtigen Blick hervorschnellen und holt sich das lüsterne Beutebild in sein Inneres.

      Es ist in vielen Fälle eine Lüge, wenn ich als Sexsüchtiger sage, ich habe „versehentlich“ etwas gesehen. Das Sehen ist eine Aktion, eine Handlung. Versehentlich aufgenommene Bilder sind kein Problem, wenn sie nicht festgehalten werden.

    Ein Beispiel:

    Ich sehe aus dem Augenwinkel eine Frau im Bus an mir vorbeigehen, die ein Kleid trägt, das einen Brustausschnitt haben könnte. Es reicht ein einziger Beute-Blick auf diesen Ausschnitt, um mir ein Bild für mein inneres, lüsternes Fotoalbum zu verschaffen. Meine innere Kellerbar. Ich erlebe es sogar, dass ich erst dem Blick widerstehe, aber dann in die sich öffnende Bustür schaue, in deren Glas sich die Vorderseite der Person spiegelt. So tückisch und gierig ist die Sucht.

    Deshalb sind weitere, zentrale Elemente der Genesung:

    • Höre auf, lüstern zu blicken!
    • Wenn Du versehentlich ein Bild aufnimmst, lasse es sofort wieder los.
    • Wenn Du es nicht sofort loslassen kannst (z.B. weil Du es nicht versehentlich, sondern willentlich aufgenommen hast), teile das Bild explizit mit Freunden im Programm.

    Zu den Punkten 2 und 3:

    • Wenn Du versehentlich ein Bild aufnimmst, lasse es sofort wieder los.

    Manchmal blicke ich beim Autofahren auf eine Radfahrerin, wenn ich einen Schulterblick mache. Oder kreuzende Fußgängerinnen sind leicht bekleidet. Ganz überwiegend kann ich diese Bilder sofort loslassen (kapitulieren). Ich sage leise:

    Gott, was immer ich [spezifische Bezeichnung des Gesehenen, z.B. „an dem Po dieser Radfahrerin“] suche, bitte lass‘ es mich in Dir jetzt finden.

    Denn was könnte mir ein Festhalten dieses Bildes geben? Aufregung, Betäubung, einen Kick? Zu welchem Preis? Das, was ich in meinem Leben wirklich suche: Geborgenheit, Sicherheit, Angenommen-Sein – das kann mir dieses Bild nicht geben. Ich lasse es los! Ich wende mich der Kraftquelle zu, die mich emotional-geistig mit dem versorgen kann, was ich wirklich suche.

    • Wenn Du es nicht sofort loslassen kannst (z.B. weil Du es nicht versehentlich, sondern willentlich aufgenommen hast), teile das Bild explizit mit Freunden im Programm.

    Bilder, die ich mir wie eine Spinne ihre Beute eingefangen habe, kann ich anschließend in der Regel nicht einfach loslassen. Diese Bilder sind wie eine kleine Menge Alkohol in meinem Organismus, die, wenn ich nichts unternehme, bereits nach „mehr“ ruft. Ohne eine Handlung der Genesung werde ich irgendwann das nächste Bild hinzufügen. Und das nächste. Und dann folgt irgendwann zwangsläufig die Sauftour. Ich habe keine Möglichkeit, diesen Punkt vorher sicher zu erkennen und zu vermeiden. (Könnte ich dies, hätte ich ja doch die Kontrolle. Ich wäre kein Sexaholiker.)

    Um solche Bilder loslassen zu können, muss ich sie ans Licht bringen. Dies geschieht, indem ich das Bild explizit mit einem Programmfreund teile. Dazu genügen (bei mir) wenige Sätze, z.B.:

    Ich möchte gerne etwas explizit teilen. [„Gerne“, sagt der Freund.] Ich habe heute einer Radfahrerin, die einen Rock trug, auf den Po geschaut und ihre braunen Beine gesehen. Ich lasse das jetzt los. Danke, dass ich das Bild teilen durfte. [Freund: „Danke für dein Teilen.“]

    Dieses spezifische oder explizite Teilen (siehe dazu hier und hier) ist für mich a) unerlässlich und b) bewirkt zuverlässig das Wunder, loslassen zu können.

    Ein Schlüsselerlebnis war für mich der Besuch einer Aufführung, bei der ich vorher nicht an die Möglichkeit gedacht hatte, dass die Darstellerinnen extrem triggernd für mich angezogen sein könnten. Zum Glück fand ich die Kraft, die Vorstellung sofort zu verlassen (das AS-Programm wirkte also zum Glück schon). Der Eindruck war aber so stark, dass ich das Gesehene nicht loslassen konnte. Ich griff zum Mobiltelefon und sprach dem ersten Freund das Erlebte auf den AB. – Ich konnte es nicht loslassen. Ich sprach dem nächsten Freund auf den AB – und konnte es immer noch nicht loslassen. Den dritten Freund erreichte ich persönlich. Als ich ihm alles schilderte, fiel die Last von mir ab. Wieder frei geworden. Wieder ein Genesungsgeschenk.

    Wichtig: Ich brauche für meine Genesung von der Sexsucht Meetings der Anonymen Sexaholiker, einen Sponsor und das Zwölf-Schritte-Programm. In diesem Rahmen wirkt das oben Geschilderte. Meine vorangegangenen Versuche, nur auf der Grundlage meiner eigenen Kraft das erste Glas stehen zu lassen, waren immer gescheitert.

    Meine Überempfindlichkeit erlebe ich heute nicht mehr nur als anstrengend, sondern auch als großes Geschenk: Das Geschenk der Bewusstheit und des Wachseins. Das Ende des Selbstbetruges und der Unehrlichkeit. Mein Leben lang habe ich danach gesucht. Die Sucht, Ausdruck größter Unfreiheit, wird so zum Anstoß und zum Ermöglicher der Freiheit!

  • Vergiss die Moral, werd‘ lieber gesund!

    Es war die zentrale Entdeckung der Anonymen Alkoholiker: Alkoholiker sind in Bezug auf ihren Alkoholkonsum nicht verkommene Typen mit Moraldefekt, sondern kranke Menschen! Sie haben eine Allergie gegen Alkohol, das bedeutet: Sie können nicht kontrolliert trinken. Sondern wenn sie Alkohol konsumieren, setzt eine körperliche Reaktion ein, die dazu führt, dass sie weitertrinken und sich besaufen müssen. Diese körperliche Allergie wird als süchtiges Verlangen bezeichnet.

    Diese Erkenntnis war revolutionär und sie machte deutlich, dass die Lösung nicht in mehr Willenskraft und Selbstkontrolle liegt, sondern dass der erste Schritt der Gesundung das Zugeben und Anerkennen der totalen Machtlosigkeit ist. Zu dieser Machtlosigkeit gehört auch die Erkenntnis, dass die Sucht mein Denken und Wahrnehmen so stark beeinflusst und „verdreht“, dass ich immer wieder das „erste Glas“ zu mir nehmen muss, das dann die Allergie auslöst. Das Problem ist also, dieses erste Glas stehen zu lassen.

    Denn wenn ich das erste Glas nicht trinke, habe ich mit den letzten keinen Ärger!

    Und genau da kommt der Kern der „AA-Kur“ ins Spiel: das spirituelle Handlungsprogramm der zwölf Schritte. Ich bekomme die Verrücktheit nur aus dem Kopf, wenn in meinen Kopf und mein Herz etwas Neues einzieht: neue Haltungen, neue Handlungen, innerer Frieden, Wiedergutmachung, Versöhnung, Liebe. Nur wenn ich mich in meinem Wesenkern ändere, kann ich dem Werben der Sucht auf Dauer widerstehen.

    Diese grundlegende Persönlichkeitsveränderung nennen die Anonymen Alkoholiker ein „spirituelles Erwachen“. Dies kann, muss aber nicht religiös sein. Ich kenne Programm-Freunde, die die Werkzeuge anwenden, ohne sie mit einer Religion oder einem Bekenntnis zu verknüpfen.

    Hinter all dies dürfen die Anonymen Sexaholiker nicht zurückfallen!

    Auch für uns gilt die Entdeckung der AA: Ich bin kein verkommener Typ mit Moraldefekt (was nicht heißt, dass ich mich gut oder richtig verhalten hätte – oft ganz im Gegenteil!), sondern ein kranker Mensch, der allergisch auf Lüsternheit reagiert.

    Ich kann nicht kontrolliert lüstern sein, nicht kontrolliert lüstern „trinken“. Sondern sobald ich Lüsternheit konsumiere – z.B. Pornographie, das lüsterne Anschauen anderer Menschen oder das Abspielen oder Inszenieren von Filmen im Kopf – setzt eine körperliche Über-Reaktion ein: eben jenes süchtige Verlangen. Und dieses süchtige Verlangen führt dazu, dass ich die Lüsternheit ausagieren muss, dass die lüsterne Sauftour abläuft. Auch wenn ich es nicht will, es „diesmal“ lassen oder kontrollieren wollte etc.

    Die Art der „Sauftour“ kann viele Formen annehmen, sie kann auch andere oder nur den Betroffenen verletzen, sie kann sozialkonform oder gesetzeswidrig sein: Sie ist aber nicht der Ausgangspunkt der Sucht, sondern sie ist die Folge des vorangegangenen verdrehten Wahrnehmens und Denkens und des ausgelösten süchtigen Verlangens! Deshalb muss das Trockenwerden von der Sexsucht ganz früh ansetzen – bei dem ersten Gedanken, dem ersten Bild oder dem ersten Blick.

    So wie die Erkenntnis des Suchtkreislaufs

    Verdrehtes Denken – erstes Glas – süchtiges Verlangen – Sauftour – Reue, Verzweiflung, Schwur: „Nie wieder“ – verdrehtes Denken – erstes Glas …

    damals revolutionär war für die Alkoholiker, ist sie es heute für den Sexsüchtigen. Moral hilft deshalb bei der Genesung nicht! Moral kann helfen, solange jemand noch die Kontrolle hat – noch „kontrolliert lüstern sein“ kann.

    Wie beim Alkoholismus liegt aber beim Sexaholismus die Lösung nicht mehr auf der Ebene der Willenskraft und Selbstkontrolle, sondern im Aufgeben:

    Hilfe, ich kann nicht mehr! Ich möchte damit aufhören! Was kann ich tun?

    Auf diesen Ausruf gibt es Antworten und es gibt einen Weg der Genesung. Du wirst nie wieder die Kontrolle zurückerlangen, aber Du bekommst etwas viel, viel Besseres: Trockenheit, Gesundung und ein neues Leben mit einer veränderten Haltung zur Welt (und zu Gott, wie auch immer Du ihn dann verstehen wirst)!

    So wie die Anonymen Alkoholiker keine Stellung nehmen zu Fragen rund um den Alkohol (Verkauf, Werbung etc.) und auch nicht zur medizinischen Behandlung des Alkoholismus, sondern bei dem Einzigen bleiben von dem sie wirklich etwas verstehen: der Genesung mit Hilfe des AA-Programms, so ist es auch mit AS. Wir haben genug gelitten, um den Betroffenen die Hilfe des Programm anbieten zu können, wenn er genesen will! und das Einzige, was wir wissen, ist: Für uns funktioniert es. Es ist möglich, aus der Sexsucht auszusteigen!

    Ich habe mich mehr als 25 Jahre lang moralisch verurteilt und es hat nicht geholfen. Heute kümmere ich mich lieber nicht mehr um Moral, sondern ums Gesundwerden! (Ein moralisches Verhalten ist dann übrigens Nebenprodukt des Gesundwerdens. Als gesunder Mensch muss ich niemanden mehr verletzen, nicht mehr lügen usw.)

  • Zur Welt kommen

    Als ich in meiner Sucht war, lebte ich oft wie unter einer Glocke, in einer eigenen Welt. Trotz des ganzen Schmutzes und der Unwürdigkeit hatte ich keine Wahl. Die Sucht ließ mir immer weniger Spielraum. Sie war der Chef, ich nur ein Schein-Selbständiger.

    Gleichzeitig erkannte ich auch immer wieder, wie es um mich stand. Das verursachte dann Scham. Wieso lebte ich so? Wieso konnte ich nicht damit aufhören? Ich hielt mich für ein schlechten Menschen. Damals wusste ich noch nicht, dass der Kern meiner Schwierigkeiten eine Krankheit namens Sexsucht war.

    Heute ist deshalb für mich einer der zentralen Sätze:

    „Ich bin nicht ein schlechter Mensch der gut werden will; ich bin ein kranker Mensch der gesund werden möchte.“

    Harvey A.

    Das Trockenwerden war dann im buchstäblichen Sinne ein „zur Welt kommen“, eine Geburt.

    Diese neue Welt war aber zuerst nicht nur attraktiv. Denn es waren all die Schmerzen da und all das Leid, was ich die ganzen Jahre über mit meiner Lüsternheit betäubt hatte. Ich stand im Licht, aber das, was ich sah, tat mir weh, ängstigte mich, machte mich manchmal verzweifelt und hilflos.

    Vielleicht gibt es deshalb so viele Rückfälle, weil es in der ersten Zeit so schwer ist – und diese erste Zeit kann durchaus ein Jahr lang oder länger dauern.

    Ich brauchte ein völlig neues Lebenskonzept und ich musste mich in diesem neuen Lebenskonzept verankern, damit die emotionalen Stürme und die Angst mich nicht umhauen und nicht in den Rückfall treiben.

    Deshalb geht es am Anfang so sehr um den Tiefpunkt und um die Bereitschaft. Der Tiefpunkt ist das aus dem tiefen Inneren aufsteigende Gefühl: So kann ich nicht weitermachen. Ich bin am Ende. Die Sucht ist der Boss. Ich möchte aufhören, kann es aber nicht.

    Und die Bereitschaft bedeutet:

    Ich setze meine Trockenheit an die erste Stelle. Nichts ist wichtiger als sie. Sie kommt vor meinem Job, vor meiner Familie, meinen Hobbys, meiner Religion. Wenn ich nicht trocken bleibe, werde ich alle diese Sachen ohnehin verlieren. Weil ich dann in das Dunkel zurückkehre.

    Mein Sponsor sagte mir, dass wir die Neuen ermutigen müssen, durchzuhalten. Wir müssen ihn sagen, dass es oft erst schwerer wird, bevor es besser wird. Aber es wird besser, wenn wir durchhalten! Ganz sicher!

    Jetzt bin ich zur Welt gekommen. Und ich muss wie ein Kind lernen, in dieser Welt zu leben.

    Und ich kann dies wie ein Kind durch Nachahmung tun. Ich habe durch die Gruppen und die Programm-Freunde, mein Sponsor und die in der Literatur festgehaltene Erfahrung eine Grundlage, auf der ich meine Trockenheit aufbaue. Ich muss die Fehler und Irrtümer früherer Generationen von nüchternen Sexaholikern nicht alle selber machen! Ich darf von ihnen lernen.

    In der Trockenheit habe ich dann alles gefunden, was ich mir immer gewünscht habe:

    • Ich habe nach mehr als 25 Jahren Single-sein eine Partnerin gefunden und geheiratet. Und jetzt sind wir seit mehreren Jahren verheiratet und wir lieben uns.
    • Ich habe eine Spiritualität gefunden, die mich trägt. Sie ist nichts Statisches, wandelt sich, und passt jeweils zu dem Entwicklungsstand den ich habe.
    • Ich habe eine neue Sicht auf mich und die Welt gefunden; es ist immer noch viel Angst da, aber die Vertrauenskräfte wachsen.

    Ich möchte immer mehr zur Welt kommen, mich ganz in mir selber und in meiner Umgebung verankern und wirklich LEBEN!

    Als mein Genesungsweg begann, mit der Trockenheit vom Alkohol, da wünschte ich mir ein „normales“ Leben.

    Ist mein Leben heute „normal“? Keine Ahnung. Jedenfalls bin ich auf dem Weg, ein Mensch zu werden. Und dabei bleibe ich natürlich ein „Clown im gleichen Bus“.

  • Das Jahr 2020: Ideen, Projekte, Vorfreude

    61 Blogbeiträge waren es im vergangenen Jahr, wenn ich richtig gezählt habe. Gestern, an Sylvester, hatten wir mittags noch ein AS-Meeting und sind anschließend Essen gegangen, inklusive Partner. Es gibt nichts Schöneres, als das Zusammensein mit einer Gruppe trockener Sexsüchtiger, die auf dem Weg der Genesung sind.

    Wer das nicht erlebt hat, kann es sich vielleicht nicht vorstellen. Denn die aktive Sexsucht ist zerstörerisch: Sie zerstört Familien, Partnerschaften, Karrieren und Seelen. Sie isoliert und quält die Betroffenen. Manchmal wird sie auch in einer übergriffigen oder strafbaren Art und Weise ausgelebt. Wer das alles weiß und nicht weiß, dass es einen Weg aus der Sucht heraus gibt, der kann schon verzweifeln.

    Es gibt diesen Weg aber. Die Sexsucht ist eine unheilbare Krankheit, mit der sich aber sehr gut leben lässt. Denn das Suchtmittel – Lüsternheit – kann erkannt und vermieden werden. Ohne Lüsternheit kein zwanghaftes Ausagieren.

    Das erscheint zunächst unmöglich. Aber: Ich muss der Lüsternheit nie für ewig „abschwören“. Sondern ich bin immer nur für einen Tag trocken und auf dem Weg der Genesung – nur für heute!

    Es gibt außerdem zum Glück auch langjährig Trockene, die den Beweis erbracht haben, dass aus einem Tag nach dem anderen viele Jahre werden, bis dann trocken das „große Loslassen“ ansteht. Nach einem erfüllten Leben.

    Nachdem ich trocken geworden war, war einer meiner tiefen Wünsche, die Angst vor dem Sterben loslassen zu können. Denn dieses ganze Weglaufen mit Hilfe unterschiedlicher Suchtmittel war auch ein Kontrollversuch, dass Jetzt festzuhalten, im Rausch, zu meinen Bedingungen. „Es“ sollte nicht vorbeigehen. Es sollte so sein, wie ich es wollte, und es sollte auch so bleiben. Wahnsinn. So viel Kampf. So viel Scham.

    Heute sehe ich den Fluss des Lebens. Von ihm möchte ich Teil sein. Die Angst loslassen, ihn bejahen in dem Bewusstsein, dass ich ihn nicht kontrollieren kann. Gar nicht. Zu ihm möchte ich etwas Hilfreiches beitragen.

    Für das neue Jahr gibt es Ideen und Projekte (ein Meeting in einer Suchtklinik eröffnen, einen Workshop organisieren, vielleicht einen neuen Schritt Richtung Gefängnisarbeit unternehmen?). Vor allem möchte ich das AS-Programm noch mehr in meine „dunklen Ecken“ hineinnehmen (ein Stichwort ist: Bringe das Programm hinein in dein Berufleben). Ich möchte endlich die letzten Wiedergutmachungen in Schritt 9 machen. Überhaupt: Ich möchte wieder stärker in die Mitte des AS-Rettungsfloßes rücken, damit mich auch starker Wellengang nicht über Bord befördern kann. (Ein AS-Oldtimer nimmt immer das Bild von AS als einem runden Rettungsfloß und empfiehlt, einmal zu überlegen: Wo sitze ich in diesem Floß? Sicher in der Mitte? Eher am Rand? Evtl. schon ganz am Rand, so dass ich beim nächsten „Schaukeln“ über Bord gehe?)

    Ich wünsche allen, die noch in der Sucht festhängen, dass sie den Weg der Genesung finden. Dieser kann bei AS beginnen mit Meetings, einem Sponsor und der Schrittarbeit. Dieses neue nüchterne Leben lohnt sich so sehr!

    Ich wünschen allen Besuchern dieser Internetseite ein gutes, freudvolles, nüchternes Jahr 2020!

  • Ich habe kein Problem mit Pornographie, Selbstbefriedigung, Prostituiertenbesuchen…

    Das wirklich große Geschenk der Anonymen Sexaholiker ist die Erkenntnis, dass mein Problem nicht mein sexuelles Ausagieren ist. Mein Problem ist Lüsternheit. Lüsternheit führt zu sexuellem Ausagieren. Wenn ich Lüsternheit trinke, muss ich sexuell ausagieren. Seiner Lüsternheit weiter zu folgen und gleichzeitig trocken sein zu wollen ist wie schwimmen gehen ohne nass werden zu wollen.

    Deshalb fühlt sich Trocken-werden ja zuerst wie Sterben-müssen an. Nicht, weil ich keinen Sex mehr habe, sondern weil ich von meinem Suchtstoff, der Lüsternheit, entziehen muss. Lüsternheit ist nicht körperlich, sie benutzt nur den Sexualtrieb. Was soll an Pornographie körperlich sein? Deshalb hat das Ausagieren in der Sucht so wenig mit echter Sexualität zu tun, sondern mit Bildern, Filmen, Jagen, dem „Kick“, der abhängigen Verbindung, mit Objekten und Ähnlichem.

    Ich habe mich immer verzweifelt gefragt, warum ich so ausagieren muss. „So bin ich doch gar nicht, das will ich doch eigentlich gar nicht. Wieso kann ich nicht einfach eine liebevolle Partnerschaft haben?“

    Heute weiß ich die Antwort: Weil Lüsternheit ein Medikament für Angst, Wut, Schmerz, Aufregung und Groll ist. Mehr Angst – mehr Lüsternheit – mehr Scham – noch mehr Lüsternheit. Das Medikament wirkte, zu dem hohen Preis, dass es mich zerstörte. Als ich dieses Medikament weg lassen wollte, war da der kleine Autorvonmeinwegausdersexsucht, der gar nicht wusste, wie man ohne dieses Medikament leben kann.

    Der erste Schritt war, zu erkennen:

    • Ich bin kein schlechter Mensch, der gut werden will, sondern ein kranker Mensch, der gesund werden will.

    der Zweite:

    • Mein Problem ist Lüsternheit, nicht Sex. Ich muss, entsprechend zum Alkohol beim Alkoholiker, das „erste Glas“ stehenlassen, das heißt, aus dem lüsternen Bild keinen Film und keine Geschichte machen, sondern: Es abgeben, loslassen, „kapitulieren“. Und weil ich das alleine wirklich nicht kann, weil meine eigene Kraft auf diesem Gebiet versagt, muss ich die Höheren Kräfte, die Himmlischen Kräfte, Gott, wie ich ihn verstehe  – nenn‘ es, wie Du willst, aber tue es! – um Hilfe bitten.

    Gott, was immer ich [hier einsetzen, was gerade triggert, z.b.:] an dem Po dieser Frau suche, bitte lass‘ es mich in Dir jetzt finden.

    Gott, was immer ich in diesem Bild von Geschlechtsverkehr gerade suche, bitte lass‘ es mich in Dir jetzt finden.

    Und das soll helfen? Es hilft! Es unterbricht den Sog. Ich bin nicht mehr allein. Die Höhere Kraft ist, bereit, mir zu helfen. Und was suche ich eigentlich gerade?

    Oder steige ich ins lüsterne Wasser? Natürlich diesmal kontrolliert; ohne nass zu werden?

     

     

  • Weihnachten: Vom Sex-Livechat zu einem neuen Leben

    Ich habe in mir Erinnerungsbilder und Sequenzen, die für mich gefährlich sind. Sie steigen verstärkt in der Vorweihnachtszeit in mir auf.

    Weihnachten war für mich das Fest mehrtägigen Alkohol-Trinkens und mehrtägiger Lüsternheit. Ich erinnere mich an einen Heiligabend, an dem ich mich darauf freute, in meine Wohnung zurückzukommen, um einen Sex-Livechat im Internet aufsuchen zu können. Diese Möglichkeit hatte ich gerade neu entdeckt. Da waren dann in wenigen Minuten zig Euro verbraucht. Damit war damals eine weitere Grenze, die ich mir gesetzt hatte („Niemals Geld dafür im Internet ausgeben“), überschritten. Und hinter einmal überschrittene Grenzen kam ich nie wieder dauerhaft zurück.

    Es ist eine Spezialität der Sexsucht, dass gerade auch Handlungen und Bilder, die man bei klarem Verstand und Herzen niemals aufsuchen würde, in der Sucht selbst besonders „anziehend“ sind. das Buch „Anonyme Sexaholiker“ beschreibt dies mit den Worten:

    Wir waren süchtig nach Arglist, Kitzel und Verbotenem.

    Und dieser Sog des Arglistigen, Kitzels und Verbotenen wird sofort wieder aktiv, wenn ich mich den alten Erinnerungsbildern überlasse. Deshalb gilt bei der Sex- und Pornografie-Sucht uneingeschränkt das, was auch für die Alkoholsucht gilt:

    Ich werde vom ersten Glas betrunken, nicht erst vom letzten.

    Und diese ersten Gläser sind in mir! Ich muss nicht erst zum Kiosk oder zur Tankstelle gehen, um mir meinen „Stoff“ zu besorgen, sondern der Stoff ist in mir.

    In dem Buch „Anonyme Alkoholiker“ wird die körperliche Seite der Sucht so beschrieben, dass das erste Glas Alkohol ein körperlich eingeprägtes, süchtiges Verlangen auslöst, das dazu führt, dass ich mich anschließend weiter betrinken muss – auch wenn ich vorher noch so sehr vorgehabt habe, mein Trinken zu kontrollieren. Das ist die entsetzliche Talfahrt auch des Sexaholikers: Es reicht, an den Bildern und Filmsequenzen in mir zu „nippen“; der Sog würde mich innerhalb kürzester Zeit wieder dazu bringen, mich mit Lüsternheit zu besaufen. Und weil Lüsternheit auf nichts Rücksicht nimmt und nur ein Ziel – noch mehr Lüsternheit – kennt, vergiftet sich der Sexsüchtige innerlich mehr und mehr bei äußerlich vielleicht noch völlig intakter Hülle und Fassade.

    Ich habe mir damals immer eingeredet, es gäbe ja auch noch viele Bereiche in meinem Leben, die nicht von der Sucht eingenommen seien. Dabei konnte ich zum Schluss in keine Straßenbahn mehr einsteigen, ohne sofort alles danach abzuchecken, ob es irgendwo etwas geben könnte, was meine Lüsternheit füttert.


    Ich schreibe, weil Schreiben für mich Leben bedeutet. Meine Geschichten sind für mich wie ein schützendes Amulett. Sie stellen einen Genesungsraum her, in dem ich ohne Suchtmittel Leben kann.

    Eigentlich ist der Gegner übermächtig, die schützenden Wälle sind längst geschliffen, der Gegner reitet wie in einer Sage in die gefallene Burg ein: Ein übermächtig wirkender, dunkler Ritter auf einem gewaltigen Pferd. Eigentlich wäre ich verloren, bestenfalls noch Sklave. Aber keine Hoffnung.

    Aber trotzdem hat diese unbesiegbare Macht keine Gewalt mehr über mich. Ich darf leben! Das ist nichts selbst Erwirktes – es ist ein tägliches Geschenk der Schutzmächte, die wirken können, wenn ich vom Kampf und den magischen Zeichen der Gegenmächte zurücktrete, loslasse.

    Da sind vielleicht die Bilder, die Sequenzen, der Sog. Ich muss ihnen aber nicht mehr folgen. Ich darf trocken sein, frei.

    Das beschreibt eine Zeile des 23. Psalms, in der es heißt:

    Im Angesicht meiner Feinde deckst du den Tisch vor mich hin

    Ist das nicht ein großartiges (Weihnachts-) Geschenk? Ich muss nicht mehr weglaufen, nicht mehr kämpfen. Der Tisch für das Festmahl des Lebens ist gedeckt. Im Angesicht meiner Feinde! Das heißt: Die Sucht ist da. Aber sie hat in der Schutzzone der Höheren Kräfte keine Macht. Ich muss vor nichts mehr erschrecken und brauche mich vor nichts mehr ängstigen. Nur Loslassen und Gott überlassen.


    Der 23. Psalm

    Der Herr ist mein Hirte,
    Es wird mir nichts mangeln.
    Auf frischem Grün lässt er mich ruhn.
    Zum Lebensstrom führt er mich hin.
    Meine Seele läßt er genesen.
    Den Weg der Wahrhaftigkeit läßt er mich wandeln,
    In seines Wesens waltender Kraft.

    Und ob ich auch ginge
    im Abgrund der finsteren Todesschatten,
    Fürchte ich nimmer des Bösen Gefahr.
    Denn du bist bei mir,
    dein Stecken und Stab sind mir Stütze und Trost.

    Im Angesicht meiner Feinde deckst du den Tisch vor mich hin.
    Mein Haupt salbst du mit Öl.
    Meinen Becher schenkest Du mir voll.

    Ja, schenkende Güte, sie trägt mich all mein Leben.
    Und im Hause des Herrn,
    Der das Ich in mir spricht,
    Will auf immer ich ruhn.

    (nach der Übersetzung von Hermann Beckh)

  • Ausgänge aus dem Bedrücksein

    Bedrücktsein ist ein Teufel, der sich in ein eigentlich schönes, gutes, erfülltes Leben einschleichen kann. Heute schleicht er bei mir gerade herum.

    Was hilft?

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  • Was an einem schwierigen Tag zu tun ist

    Wenn jemand mir etwas von sich erzählt, was ich bei mir selbst nicht wahrhaben will, reagiere ich oft zuerst mit Ärger. Wenn mir zum Beispiel jemand sagt, er habe gerade große Schwierigkeiten mit lüsternen Blicken. Es kann sein, dass bei mir Ärger aufkommt: Warum hat er immer diese Schwierigkeiten? Wenn ich dem Ärger auf den Grund gehe, entdecke ich die Wahrheit: Ich selber habe diese Schwierigkeiten. Ich will sie nur nicht wahrhaben. Deshalb stört mich die Wahrheit des anderen. Weil es meine Wahrheit ist.

    Wenn ich mit Lüsternheit Schwierigkeiten habe, muss ich die Lüsternheit kapitulieren – loslassen. Wenn das Kapitulieren nicht hilft – dann muss ich mit den Schwierigkeiten leben. Ich kann nur aufhören, gegen sie zu kämpfen.

    Ich habe mich an eine Geschichte von Anthony de Mello erinnert, die es auf den Punkt bringt (aus: Warum der Schäfer jedes Wetter liebt, Weisheitsgeschichten):

    Was an einem kalten Tag zu tun ist

    An einem bitterkalten Tag drängten sich ein Rabbi und seine Schüler um ein Feuer. Einer der Schüler, Sprachrohr seines Meisters, sagte: „Ich weiß genau, was an einem so eiskalten Tag wie heute zu tun ist.“ „Was?“ fragten die anderen.

    „Warm halten. Und wenn das nicht möglich ist, weiß ich immer noch, was zu tun ist.“ „Was?“ „Frieren.“

    Und Anthony de Mello führt weiter aus:

    Die jeweilige Wirklichkeit kann in Wahrheit weder abgelehnt noch angenommen werden.

    Vor ihr davonlaufen ist, als laufe man seinem eigenen Füssen davon.

    Sie anzunehmen, ist, als küsse man die eigenen Lippen.

    Man kann nichts anderes tun als sehen, verstehen und ruhig sein.

    Das ist es! Ich kann den in meinem Leben auftauchenden Suchtaspekt in Wahrheit gar nicht ablehnen. Er ist ja da! Er äußert sich eben so und so.

    Eigentlich kann ich ihn noch nicht einmal annehmen. Denn er ist ja da. Kann ich zu meinem Atem sagen: Ich nehme dich an?

    Der verzweifelte Kampf gegen die Lüsternheit ist immer ein unmögliches Ablehnen. Und selbst das aktive Annehmen-Wollen ist, wenn es aus einer verleugneten Ablehnung hervorgeht, unmöglich, weil schon die Nicht-Annahme gar nicht möglich ist.

    Wenn die Annahme echt ist, dann ist sie etwas Leichtes, Einfaches. Erst der Umstand, dass ich etwas nicht wahrhaben will, macht aus der Annahme etwas Schmerzhaftes. Weil in dem Versuch der Annahme noch die Behauptung liegt, ich könnte eigentlich auch ablehnen, statt anzunehmen. Damit bleibt aber eine Lüge in dem Vorgang der Annahme, die die Annahme selber vergiftet und schwer macht.

    Alle Formen der Leugnung der Wirklichkeit, meiner Wirklichkeit, bedeuten einen nicht auszuhaltenden Schmerz. Gegen diesen Schmerz bietet sich die große Unwirklichkeit, die Sucht, als Heilmittel an. Mein Problem ist nicht die Lüsternheit. Mein Problem ist, dass ich nicht gelernt habe, das Leben ohne die Lüsternheit zu leben. Die Lüsternheit war die Lösung für alle meine Probleme. Was soll gegen diese Kraft wirken?

    Das einzige Heilmittel sind die Höheren Kräfte, die mir ermöglichen zu sehen, zu verstehen und in den Frieden zu kommen: Friedvoll zur Welt zu stehen. Zu mir selbst, zu meinen Mitmenschen und zu Gott – wie ich Gott verstehe.

  • Kapitulieren bedeutet, zu opfern (I)

    In unserer Literatur wird oft vom Kapitulieren gesprochen. „Ich kapituliere vor der Lüsternheit.“

    Ich verwende diesen Begriff selten und spreche eher von „loslassen“. Auch im Blauen Buch heißt es:

    Kapitulieren bedeutet loslassen.

    Surrender means letting go.

    Und das, was ich loslasse, kann ich den Höheren Kräften übergeben.

    Let God, let go.

    Loslassen und Gott überlassen.

    Loslassen ist eine bis ins körperliche gehende innere Handlung. Ein lüsternes Bild kommt auf. Ich sehe zum Beispiel eine Frau und habe direkt anschließend ein Bild vor Augen, wie sie nackt aussehen könnte. Früher hätte ich in einer solchen Situation zwei nur Handlungsmöglichkeiten gehabt. „Wegdrücken“ oder „nachgeben“. Und wenn auch zunächst das Wegdrücken klappte. Die Lüsternheit sammelte sich und sammelte sich an – bis ich nachgab. Die Fähigkeit zum Aufschub und zur Kontrolle des „Wie, wo und wann“ des Nachgebens nahm in der Suchtentwicklung ab.

    Bei AS habe ich eine dritte Handlungsmöglichkeit kennengelernt: Eben jenes Loslassen. Das Bild kommt auf. Ich bemerke es und drücke es nicht weg, sondern „lasse es los“, „gebe es weg“, weg an die Höheren Kräfte, die die Last der drohenden süchtigen Reaktion von mir nehmen. Wenn ich ohne Absicht ein Bild aufnehme oder es in mir entsteht, dann reicht oft eine kurze Affirmation oder ein kurzes Gebet zum Loslassen. Habe ich das Bild bewusst hervorgerufen, gar einen Kurzfilm daraus gemacht, oder habe ich mich lüstern umgeschaut und ein Bild aufgenommen, dann reicht dieses bloße „für-mich“ Loslassen nicht mehr aus. Die Lüsternheit wird wach und es droht größte Gefahr! Dann rufe ich einen Programmfreund an und erzähle ihm, was mit mir los ist. Und dann kann ich (hoffentlich noch) loslassen.

    Gestern wurde mir bewusst, dass dieses Loslassen eine Form von Opfer ist. Früher waren diese Bilder, im Kopf, auf Papier oder auf dem Bildschirm, meine Heiligtümer. So wie auch meine Überzeugungen oder Gewohnheiten „Heiligtümer“ waren, an denen ich mich krampfhaft festhielt.

    Wenn ich nun einen Gedanken, ein Bild, eine Gewohnheit, ein (Vor-) Urteil in Richtung der Höheren Macht aufgebe, opfere ich sie. An der Stelle bleibt zunächst eine Lücke, ein Loch, ein unbesetzter Platz. Und an diesen Platz, in diesen Schmerz hinein, können sich die helfenden Mächte entfalten und Kraft, Trost und Inspiration spenden. Das ist Gnade: Wenn ich den heilenden Kräften für einen Moment die Tür öffnen kann, dass sie an den Ort treten können, an dem sonst immer irgendwann die Sucht den Kampf gewann. Einen Kampf, den ich alleine niemals gewinnen könnte. Aber ich muss heute nicht mehr allein sein. Ich muss nicht mehr vor dem Schmerz in die Sucht fliehen. Ich kann trocken bleiben und leben, einen Tag nach dem anderen!