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  • Aufhören, zu kämpfen: Die eigenen Grenzen friedlich und klar benennen

    Anfang der Woche hatte ich einen Wutanfall. Anschließend habe ich mich dafür geschämt und mich gefragt, warum ich diese Wut nicht kontrollieren kann.

    Vor dem Wutausbruch ging es darum, dass man vielleicht beruflich etwas von mir verlangen würde, was ich nicht liefern kann und möchte. Es war also Angst im Spiel. Diese tiefe Angst: Jemand will etwas von mir, ich möchte es nicht, bin der Person aber ausgeliefert und ihr gegenüber machtlos. Dazu die Angst, schlecht dazustehen, Erwartungen nicht zu erfüllen, die Angst, dass man mich für schwach und dumm halten könnte.

    Wenn ich mir das anschaue, kann ich es sehen: In diesem Gefühl, jemandem machtlos ausgeliefert zu sein, lebte ich sowohl in der Gewaltzeit in der Grundschule, als auch bei dem sexuellen Übergriff. Damals konnte ich mich nicht wehren. Heute neige ich dazu, in solchen emotionalen Situationen Rot zu sehen. Ich bin in einer Kindheits- und Jugend-Angst-Reaktion gefangen.

    Ein Gespräch mit meinem Sponsor brachte mir einen Realitätscheck im Hinblick auf die Situation, die die Reaktion ausgelöst hat:

    Zum einen bin ich gar nicht in dem Umfang verantwortlich, in dem ich mich in der Verantwortung fühle (wenn ich mich für Situationen verantwortlich fühle, hängt das auch mit meinem Kontrollieren-Wollen zusammen: Bin ich dafür verantwortlich, kann ich es auch kontrollieren. Besser ich mache es, als ein anderer, den ich nicht kontrollieren kann. Ein anderer Aspekt ist das „Gefallen-“ und „Gemocht-Werden-Wollen“.)

    Zum anderen fand ich in dem Gespräch mit meinem Sponsor heraus, dass es auch in dieser Situation mehr als eine Option gibt. Es dauerte über eine Stunde, bis ich durch seine freundlichen hartnäckigen Fragen eine Handlungsoption fand, etwas, was ich tun kann.

    Der Schlüsselsatz von ihm war:

    Mein Gefühl sagt mir, dass Grenzen etwas Festes sind, an das ich anstoße. Und dass ich sie verteidigen oder überwinden muss. Dann gerate ich in Spannung und kämpfe. Manchmal reicht es aber einfach aus, dem anderen eine Grenze zu benennen.

    Das brachte mich zur Lösung. Ich kann erst einmal meine Grenze benennen und zum Beispiel sagen: „Das kann ich leider nicht tun, weil…“

    Damit kann ich in meinem Verantwortungsbereich und auf meiner Straßenseite bleiben ohne „in den Krieg ziehen“ zu müssen.

    Schließlich hatte sogar mein direkter Vorgesetzter schon gesagt, dass er das Geforderte für falsch hält. Über diese Tatsache sagte ich zu meinem Sponsor: „Ich willl mich doch nicht hinter meinem Chef verstecken.“

    Er sagte: „Wieso wäre das ein Verstecken? Er ist dein Chef!“

    Da wurde mir etwas bewusst. Ja – ich bin nicht für alles verantwortlich. Ich muss nicht mehr alles kontrollieren (auch nicht meinen Vorgesetzten). Ich darf mich um mich und um meine Grenzen kümmern, statt mich mit den Anderen und ihren Angelegenheiten zu beschäftigen.

    So werde ich es machen. Vielleicht kann ich mir, wenn sich das nächste innere „Rot“ ankündigt, mir selbst Mut machen: Ich kann heute Grenzen benennen.

    Und die Höhere Macht, Gott, wie ich Ihn verstehe, wird bei mir sein. Ich brauche nicht mehr zu kämpfen.

  • Dankbarkeit

    Wenn ich ins Stocken komme, dann kommt auch mein Schreiben ins Stocken. Dann verkrampfe ich mich und kann nicht loslassen. Und auch Schreiben ist „Loslassen“: Ich gebe etwas von mir weg und kann nicht kontrollieren, wie es beim anderen ankommt. Wenn es mir nicht gut geht, wenn ich in Angst und Belastung festhänge, dann komme ich nicht in diesen Fluss aus empfangen und sofort weitergeben.

    Ich bin so dankbar, dass es mir wieder besser geht. Ich arbeite neben AS auch wieder im Programm für „Erwachsene Kinder von Alkoholikern/ aus dysfunktionalen Familien“ (ACA) und merke, dass ich es brauche, vermisst habe und es mir hilft.

    Mein erster AA-Sponsor hatte mir empfohlen, jeden Abend eine Dankbarkeitsliste zu schreiben und sie mir morgens wieder durchzulesen. Ich habe dadurch entdeckt, wofür ich dankbar bin. Selbst an schwierigen Tagen bin ich dankbar, z.B.

    • bin ich dankbar, dass ich lebe.
    • Ich bin dankbar, dass ich Arme, Hände, Beine und Füße nutzen kann.
    • Ich bin dankbar, im Frieden in Deutschland zu leben.
    • Ich bin dankbar für AS, AA und ACA.
    • Ich bin dankbar für meine Sponsoren und meine Sponsees.
    • Ich bin dankbar für meine Frau.
    • Ich bin dankbar für meinen Job und mein Einkommen.
    • Ich bin dankbar für unsere Wohnung.
    • Ich bin dankbar für…

    Mir würden ohne nachzudenken noch ein halbes Dutzend weitere Punkte einfallen. An manchen bedrückten Tagen hilft es mir, einfach nur innerlich dieses „Ich bin dankbar für…“ anzustoßen, und die Dankbarkeit schiebt sich behutsam in meine schlechte Stimmung – und es wird leichter. Ja, ich bin dann wirklich dankbar.

    Außerdem ist eine kurze Dankbarkeitsliste auch Bestandteil meines Erste-Hilfe-Koffers für Groll-, Angst oder Wut-Notfälle. Wenn ein solcher Notfall entritt: Kurz fünf Punkte aufschreiben, wofür ich dankbar bin. Sie mir sofort nochmal durchlesen – und der Groll-, Angst- oder Wutmoment verliert etwas von seiner Dynamik. Ich bekomme wieder eine Wahl, werde wieder handlungsfähig.

    Ich bin dankbar, dass ich diese Zeilen schreiben und veröffentlichen kann:-)

  • „Und wenn die Liebe einfach die Freude am anderen wäre?“

    Vor rund 30 Jahren entdeckte ich zum ersten Mal den Schriftsteller Peter Handke. Seine Sprache hatte eine magische, beruhigende Wirkung auf mich, die ich spürte, als ich den Anfang der Erzählung „Versuch über die Jukebox“ las. (Von einer Freundin erlebte ich dann eine Reaktion, die mir half, zu begreifen, dass Literaturgeschmack etwas sehr Persönliches ist. Begeistert schenkte ich ihr dieses Buch. Wenig später sagte sie mir: „Mir hat in meinem ganzen Leben noch nie jemand ein so langweiliges Buch geschenkt.“)

    Vor Kurzem begann ich, in Handkes Journal „Gestern unterwegs, Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990“ zu lesen. Neben dem besonderen Rhythmus der Sprache und Handkes Fähigkeit einer genauen Beschreibung dessen, was er sieht, war ich verblüfft, in vielen der Aufzeichnungen Beobachtungen und Erfahrungen zu finden, wie ich sie aus meiner Biographie und dem Zwölf-Schritte-Programm kenne.

    Es ist merkwürdig, man kann nicht sagen, Handke „erklärt“ etwas; aber das, was er schreibt, klärt oft in einem oder wenigen Sätzen etwas auf. Die Aufzeichnungen lösen bei mir den Impuls aus, über sie zu schreiben.

    Da ist zum Beispiel der Satz, der in der Überschrift zitiert wird.

    Und wenn die Liebe einfach die Freude am anderen wäre?

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 427

    Im Buch „Anonyme Alkoholiker“ ist verschiedentlich von der Liebe die Rede, zum Beispiel:

    Unsere Parole heißt jetzt Liebe und Toleranz.

    Seite 98 (zum zehnten Schritt)

    Was heißt denn Liebe? Wann liebe ich die Freunde im Meeting? Was bedeutet, meine Frau zu lieben?

    Da sprach mich der Satz von Handke direkt an. Ich schaue meine Frau an, ich sehe, mit zugewandtem Blick, die Freunde im Meeting: Und ich habe Freude an ihnen. Freude ist ein Kernbegriff der Genesung.

    Wir sind uns sicher, dass Gott möchte, dass wir glücklich, voller Lebensfreude und frei sind.

    Alcoholics Anoymous, p. 133 („We are sure Gods wants us to be happy, joyous, and free.“)

    Noch zu einigen weiteren Zitate aus „Gestern unterwegs“:

    Zu den paar Erleuchtungen, die ich gehabt habe, gehört, neben der Langsamkeit und dem „Zeit genug!“, auch das: „Einen jeden mit seiner Sache, in seinem Raum, vor seinem Hintergrund (siehe Nova in „Über die Dörfer“) sehen“ (1. April, Ronda)

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 385

    Ich kenne den Kontext des Zitates nicht. „Über die Dörfer“ habe ich nicht gelesen. Was ich aber kenne, ist die größer werdende Scheu, irgendein Urteil über jemanden anders zu sprechen, sein Verhalten zu bewerten – denn dieses „mit seiner Sache, in seinem Raum, vor seinem Hintergrund“ beschreibt, dass das Lebensgefühl und die Wahrnehmung des Anderen ganz verschieden von meinen sein können (können sie überhaupt „nicht verschieden“ sein?). Wenn der Andere mir etwas beschreibt – weiß ich dann wirklich, welche inneren Bilder und welche Gefühle dem Beschriebenen zugrunde liegen? Wie diese, die er in Worte fasst, in seiner Wahrnehmung sind?

    Deshalb ist die Achtung vor dem Anderen so wichtig, denn sonst sehe ich in ihm nicht ihn, sondern alleine mich („Wir sehen die Menschen nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.“ Anthony de Mello). So wichtig die wechselseitige Identifikation für den gemeinsamen Genesungsweg ist, so sehr bleibt der andere ein eigener Kosmos.


    Den meisten scheint die Unreinheit ihres Blicks nichts auszumachen. Sie starren, stieren, äugen, glotzen, fixieren, messen, urteilen weiter. Wird mein Blick hingegen unrein – nimmt er nicht einfach selbstlos teil -, wird er fahrig, voll schlechten Gewissens, schuldbewusst

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 396

    Der unreine Blick, das ist der lüsterne Blick. Das ist aber nicht nur der auf sexuell aufladbare Körperbereiche gerichtete Blick. Es ist jeder Blick, der das Erblickte zum eigenen Benutzen hereinholt. Um es zu „verwenden“: Für Erregung oder Aufregung, für Be- und Verurteilung, für ein Sich-Überheben.

    In einem Gesprächsband mit Ivan Illich las ich, dass die mittelalterlichen Mönche die „Augenzucht“ gekannt hätten (ich hoffe, ich gebe das hier aus der Erinnerung richtig wieder). Diese „Augenzucht“ betrifft nicht nur den ein Objekt hereinholenden Blick selbst, sondern auch den Beweggrund, aus dem das Hereingeholte hereingeholt wurde.


    Schönheit als das Begleitende, der Schimmer, der Wahrheitsfindung

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 398

    Manchmal ist im Meeting dieses Schimmern spürbar. Dieser Schimmer, die Schönheit, wenn sie im Meeting spürbar werden, dann ist die Gruppe auf dem Weg der Wahrheit. Die Wahrheit ist etwas Ästhetisches. Kann Schönheit in diesem Sinne ein Prüfstein für das Vorhandensein von Wahrheit sein?


    Wenn ich strahle, strahlt es (7. Mai, Paris)

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 401

    Als ich 2008 zu den Anonymen Alkoholikern kam, erlebte ich im Meeting Menschen, die strahlten. Es war ein Leuchten, hinein in meine Seele. Es wurde in mir heller, wenn sie sprachen (auch wenn einer der Oldtimer oft das Gleiche sagte; ich freute mich auf dieses Gleiche, das mir Hoffnung gab und den Wunsch, trocken ein neues Leben beginnen zu können).

    Ich darf selber strahlen! Wir können einander Sterne, Sonnen, Wärme- und Lichtkörper sein!

    Übrigens schirmen Masken auch dieses Strahlen ab!


    Im Glück, im rechten (ja), geschieht zugleich der Aufruf zur Erinnerung an dieses Glück, und an den Ort dieses (jenes) Glücks. Und die rechte (ja) Liebe geht zusammen mit der Gewißheit der Unverlierbarkeit (auch wenn der Verlust kommen wird)

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 404

    In mir gibt es immer noch oft den Aufruf zur Erinnerung an das Unglück, den Schmerz, die Bedrücktheit – das alte, vertraute Heim. „Ich verdiene es nicht, glücklich zu sein! Das Schöne ist nur für die anderen da.“

    Ich musste lernen (und lerne immer noch), mich an meine neue Freiheit und mein neues Glück zu erinnern, die ich in der Trockenheit schon erlebt habe.

    Da ist Glück! Erinnere dich daran, dass es dieses Glück gibt, wenn dir die Dämonen etwas anderes erzählen. Und wenn sie sagen: „Das währt nur kurz. Du wirst schon sehen!“ dann halte ihnen diese Gewissheit der Unverlierbarkeit entgegen. Die Himmlischen Mächte (Higher Power) sind nur allzu bereit, dir zu helfen und beizustehen.


    „Oder kommt es zurück, das Ideal, / Lieber zu zögern als recht zu haben?“ (Hermann Lenz)

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 406

    Wie oft führt dieser Impuls „Ich habe recht“ dazu, dass ich losschieße? Zum Beispiel im Arbeitsmeeting meiner AS-Gruppe, in einem Gespräch oder einer Diskussion? Dann verschließt sich etwas in mir. Und ich verschließe mich vor der Begegnung, dem Dialog.

    Was ist das Zögern? Es ist der Freiraum, in dem die helfenden Kräfte eingreifen, sich manifestieren können. Etwas anders drückt es ein Slogan der Anonymen Alkoholiker aus:

    Willst Du genesen oder willst du recht haben?


    Schwermut heißt: ohne Gegenüber

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 415

    Wenn die Schwermut auf mir lastet, bin ich bedrückt. Bleiplatten liegen auf mir. Ich isoliere mich. Kann ich mich dann doch jemandem – einem Menschen, einem Himmelswesen – gegenüber öffnen, ändert sich alles. Genesen bedeutet auch, nicht mehr ohne Gegenüber zu sein. Ein ähnlicher AA-Slogan:

    Ich muss nichts mehr alleine tun.


    „Lerne zu tanzen; sonst wissen im Himmel die Engel nichts mit dir anzufangen“ (Augustinus)

    Peter Handke, Gestern unterwegs, Seite 411

    Das ist das Schlusswort für diesen Blogbeitrag. Zu diesem Buch „Gestern unterwegs“ möchte ich, ebenfalls mit Augustinus, sagen:

    Nimm und lies, nimm und lies!

  • Was kein Telefon- oder Online-Meeting ersetzen kann: Die persönliche Begegnung (Corona-Krise IV)

    Während des Lockdowns war ich froh, dass die von mir regelmäßig besuchten AS-Meetings als Telefonmeetings weitergeführt wurden. Das Ganze hatte sogar einen Vorteil: Da viele Gruppen Telefon- oder Videomeetings eröffneten, war es möglich, an Meetings in anderen Städten teilzunehmen.

    Mir fiel allerdings damals schon auf, dass ich in den Telefonmeetings schneller gereizt reagierte, als in persönlichen Meetings. Ich geriet auch schneller in eine verurteilende Haltung anderen gegenüber.

    Nachdem dann die persönlichen Meetings wieder möglich wurden, habe ich gemerkt, wie sehr ich die persönliche Begegnung vermisst hatte! Es ist so gut, die anderen „echt“ zu hören, zu sehen und zu spüren. In der realen Begegnung und Gemeinschaft kann leichter das entstehen, was in der Langform der fünften Tradition als „spiritual entity“ bezeichnet wird:

    Each Alcoholics Anonymous group ought to be a spiritual entity having but one primary purpose—that of carrying its message to the alcoholic who still suffers.

    Alcoholics Anonymous, p. 563 (die Texte der Anonymen Alkoholiker werden auch von AS herangezogen)

    Die Gruppe soll also eine spirituelle Einheit, eine spirituelle Gemeinschaft sein. Etwas Eigenes, mit einem eigenen Wesen. Dort können die Wunder der Genesung geschehen. Ja, der Bildschirm oder das Telefon können als Ergänzung Gutes bewirken. Aber nicht als Ersatz. (In der deutschen Übersetzung kommt das Wort „entity“ nicht mehr so zum Ausdruck: „Jede Gruppe der Anonymen Alkoholiker sollte bestrebt sein, in spiritueller Übereinstimmung nur ein Haupt-ziel zu haben, die Botschaft an Alkoholiker weiterzugeben, die noch leiden.“)

    Und obwohl mir das Umarmen früher in der Regel ein Graus war, vermisse ich jetzt sogar die Umarmungen! In einem der letzten Meetings war ein Freund aus einer anderen Stadt zu Gast. Als ich hereinkam und ihn grüßte – und ihm so gerne wenigstens die Hand gegeben hätte – stand er auf, zog seine Maske an – und nahm mich in den Arm! Wie schön war das!

    Auch als wir neulich in länderübergreifenden Telefonkonferenzen über die Möglichkeit internationaler Treffen mit den Nachbarländern sprachen, spürte ich diese Wunde fehlender persönlicher Begegnung. Tatsächlich zeigt ja auch die aktuelle Ausweisung sog. Risikogebiete, dass solche Treffen zur Zeit nicht sinnvoll organisiert werden können. Die Befürchtung, dass es sich so entwickeln könnte, lag auf der Hand, und deshalb war ich während der Gespräche bedrückt, obwohl es so schön war, die Freunde aus Belgien, den Niederlanden, Polen etc. zu hören.

    Nach einiger Zeit, in der wieder persönliche Meetings stattfinden, kann ich für mich feststellen: Persönliche Meetings sind durch nichts zu ersetzen! Sie sind die Nahrung, die den Einzelnen und die Gemeinschaft stärkt und die Nüchternheit und die Genesung fördert!

    Auch wenn Telefon- und Videokonferenzen für Einzelne ohne Gruppe, meetinglose Regionen und gelegentliche Sprechermeetings nützlich sind, sollten wir aufpassen: Gäbe es einen Trend zu diesen Meetings, könnten wir in die Vereinzelung und Isolation getrieben werden.

    Es könnte eine „Gemeinschafts-Illusion“ entstehen, wie bei dem Schüler, der auf Facebook viele, in der Realität aber keinen echten Freund hat. Und wer möchte schon z.B. ein schamvolles Geheimnis, was endlich befreiend ausgesprochen werden will, in einen elektronischen Bildschirm sprechen? Die erste Priorität sollte in der Gründung und Pflege von persönlichen Meetings und „echten“ Treffen liegen!

    Nach dem Lockdown sind einige Freunde nicht wieder oder noch nicht regelmäßig in die Meetings zurückgekehrt. Eine erneute Verhinderung persönlicher Treffen könnte den realen Gruppen schwere Schäden zufügen. Dies sollten wir versuchen, zu verhindern. Und falls es wieder zu einem (regionalen) Lockdown kommen sollte, wäre zu überlegen, ob wir uns diesmal in kleinen Gruppen privat weiter treffen und von dort aus dann zusätzlich die elektronische Vernetzung suchen. Ich habe gehört, dass dies in einigen Städten und in anderen Ländern so gehandhabt wurde.

  • Corona-Krise (III)

    Ich habe mich heute (16.12.2020) entschieden, den ursprünglich unter diesem Titel veröffentlichten Beitrag überwiegend zu entfernen. Mir geht es auf dieser Seite um meine Erfahrungen mit der Genesung von der Sex- und Pornosucht. Die aktuellen Entwicklungen hätten es erfordert, den Text stetig weiter zu aktualisieren und umfassend auf Fakten und Auseinandersetzungen hinzuweisen. Das würde zu weit von dem eigentlichen Zweck dieser Seite wegführen.

    Ich werde lediglich den einleitenden Abschnitt des früheren Beitrags weiter veröffentlichen, in dem es um meine Entdeckung der traumatisierenden Wirkung der staatlichen Corona-Maßnahmen geht. Im Übrigen empfehle ich z.B. die Interviews von Frau Preradovic zur Corona-Krise oder die Artikel vom Multipolar-Magazin.

    Ursprünglicher Eingangs-Hinweis: Der folgende Beitrag zu einem kontroversen Thema gibt, wie jeder Text auf dieser Internetseite, ausschließlich meine persönliche Erfahrung und Meinung wieder. Ich spreche für keine der auf dieser Internetseite zitierten und verlinkten Zwölf-Schritte-Gruppen, die nach der zehnten Tradition ohnehin niemals Stellung nehmen würden zu Fragen außerhalb ihrer jeweiligen Gemeinschaft.

    Corona-Krise und Trauma

    In der vergangenen Woche ging mir endgültig ein Licht auf, dass schon vorher glimmte und flackerte. In einem Vortrag vor den Anwälten der Stiftung Corona-Ausschuss sagte der Psychotraumatologe und Therapeut Prof. Dr. Franz Ruppert (hier bzw. in dem Video unten ab 1:52:50), dass es drei Haupt-Traumatisierungspunkte gebe. Diese seien:

    • Ich bin nicht gewollt. Ich soll gar nicht da sein.
    • Mir wird die Liebe nicht entgegengebracht, die ich brauche und die ich empfangen möchte – und die ich auch anderen geben möchte, und drittens,
    • ich bin nicht geschützt.

    https://odysee.com/@percep7ioneer-corona-ausschuss:d/Corona-Ausschuss-Sitzung-15–Prof.-Franz-Ruppert,-Psychotraumatologe—Angsterzeugung,-Folgen,-Systemfrage-und-Auswege-(Aufkl%C3%A4rung,-Solidarit%C3%A4t,-Schutz,-Selbstkompetenz):c

    (Link aktualisiert am 30. Juni 2022)

    Diesen letzten Punkt: „Ich bin nicht geschützt,“ den habe ich bei mir als Grundgefühl wiedererkannt. Anfangs wurde dieses tiefe traumatische Grundgefühl bei mir ausgelöst durch die Angst, dass meine Frau oder ich an Covid-19 erkranken könnten. Meine damaligen Gedanken zu „Corona“ hatte ich hier und hier aufgeschrieben.

    Heute wird es ausgelöst durch das Gefühl von Schutzlosigkeit vor staatlicher Willkür und Überreaktion, (…)

  • Der Kern des AS-Programms

    Was ist denn der Kern des AS-Programms?

    Der Kern des AS-Programms ist die Erfahrung, dass es eine Wahl gibt, eine „dritte Option“: Früher hatte ich nur zwei Möglichkeiten: Entweder habe ich ausagiert oder ich habe den inneren Sog zum Ausagieren mit Kraft unterdrückt. Das ging aber nicht lange gut und dann musste ich wieder ausagieren. So lief es immer und immer wieder.

    Heute habe ich eine dritte Handlungsmöglichkeit: das Loslassen, das Kapitulieren. Wenn die Lüsternheit kommt, wenn ich getriggert werde, kann ich loslassen.

    Und das gilt nicht nur für Lüsternheit. Früher hatte ich auch sonst oft keine Wahl: Gab es einen „Reiz“ (z.B. es geschah auf der Arbeit etwas Unangenehmes), „musste“ ich reagieren: Sei es mit Groll oder Angst, sei es mit Flucht, Angriff oder Lähmung. Ich konnte gar nicht anders. Ich war hin- und hergerissen von Emotionen und hatte nur wenige Reaktionsmöglichkeiten zur Verfügung. Heute habe ich eine Wahl. Zum Beispiel auch die Möglichkeit, mir Hilfe zu holen.

    Und wie schaffe ich das: Loszulassen? Ich kriege es nicht hin.

    Alleine schaffe ich es auch nicht. Aber mit Hilfe der Höheren Macht gelingt es.

    Was ist denn diese Höhere Macht?

    Die Höhere Macht oder Kraft ist die Kraft, aus der ich trocken leben kann. Obwohl ich der Lüsternheit gegenüber machtlos bin, bin ich trotzdem trocken. Um das zu erreichen, brauchte ich eine Kraft, größer als ich selbst.

    Und wie soll ich mir diese Höhere Kraft vorstellen?

    Mache Dir Dein eigenes Bild von ihr! Sie kann alles sein, was für Dich Sinn ergibt und Dir die notwendige Kraft vermittelt. Für viele von uns ist es (ein) Gott.

    Ich habe nichts am Hut mit Gott.

    Anfangs hatte ich auch große Schwierigkeiten damit, dass das Wort „Gott“ im Programm vorkommt. Dann habe ich den Hinweis bekommen, dass ich hier nichts glauben oder von anderen übernehmen muss. Wenn von Gott die Rede ist, dann geht es um Gott, wie Du Ihn verstehst.

    Und wie hast Du Deine Höhere Macht gefunden?

    Um Gott oder die Höhere Kraft zu finden, dafür gibt es die zwölf Schritte. Durch sie bin ich aus der Abtrennung herausgekommen. Ich war abgetrennt von den Anderen, von Gott und von mir. Durch die Schritte bin ich aus dieser fürchterlichen Isolation herausgekommen.

    Und wie mache ich das mit den Schritten? Wie fange ich an?

    Bei mir ist es so: Ich gehe mehrmals die Woche ins Meeting. Gerade am Anfang sprach die Höhere Kraft vor allem durch andere Menschen zu mir, die auf dem Genesungsweg schon weiter sind. Heute spüre ich sie oft auch schon in mir selbst.

    Dann habe ich einen Sponsor. Er hilft mir bei der Schrittearbeit und vor allem tut er eines: Er sagt mir, was er bei mir sieht. So werde ich auf meine Fehler aufmerksam, für die ich noch – oder wieder – blind bin. Er gibt mir einfach von dem ab, was er selbst auf dem Weg der Genesung gefunden hat.

    Das Dritte ist der regelmäßige Kontakt zu Programm-Freunden.

    Das Vierte, das mir hilft ist Dienst: Auch ich gebe das, was ich entdeckt habe und was bei mir funktioniert, an andere weiter.

    Und das Fünfte ist unsere Literatur. Mir hilft es sehr, in der Literatur zu lesen. Vor allem in den drei Grundtexten.

    Insgesamt gilt: Das AS-Programm ist ein Tu-Programm! Die Kraft kommt zur Tat!

    Und was soll ich jetzt tun?

    Willst Du es mit AS versuchen? Dann nimm‘ Kontakt mit einer Gruppe auf. Und lasse all‘ Deine Sorgen und Dein Kopfkino los. Es gibt einen schönen Slogan dazu: Geh‘ mit den Füßen ins Meeting, der Kopf kommt nach.

    Ich kann nur jedem Mut machen, in die Meetings zu gehen und mit einem Sponsor die zwölf Schritte zu arbeiten. Es lohnt sich so sehr!

  • Ein spirituelles Tu-Programm

    Im Blauen Buch heißt es, das Zwölf-Schitte-Programm ist ein spirituelles Tu-Programm, ein spirituelles Handlungsprogramm („a spirituell program of action“, Zitat siehe hier) Es kommt (allein) auf das Tun an. Das ist die Erfahrung hinter den Slogans:

    Du kannst dich nicht gesunddenken.

    Denn die Sucht und du, ihr benutzt das gleiche Gehirn. Wenn du einen IQ von 130 hast, dann hat auch deine Sucht einen IQ von 130.

    und

    Auf richtiges Handeln folgt richtiges Denken und richtiges Fühlen, nicht umgekehrt.

    und

    Tue das Richtige richtig, und das Richtige wird sich ergeben. (Schwer zu übersetzendes Original: Do the right things right and the right things will follow.)

    Es ist auch meine Erfahrung, dass sich erst durch das Tun etwas geändert hat. Schließlich wollte ich schon lange, dass sich etwas ändert. Ich habe mir auch immer wieder vorgestellt, wie gut es wäre, ein normales Leben zu führen, mit äußerer und innerer Ordnung, einer Partnerin, mit Selbstbewusstsein und ohne Scham. Aber es klappte nicht. Es schien unmöglich.

    Sobald ich in eine bestimmte Stimmung geriet (die Lüsternheit übernahm das Kommando), musste ich zum Beispiel zum Straßenstrich fahren. Ich verkaufte schließlich sogar mein Auto in der Hoffnung, die Gewohnheit dadurch brechen zu können. Ohne Erfolg. Ich ging stattdessen ins Laufhaus.

    Ich war wieder gescheitert mit einem Versuch, die Sucht zu kontrollieren.

    Bei AS ging es dann darum, erstmal trocken und dann auch nüchtern zu werden. Der Weg dorthin war das richtige Handeln. Eigentlich sind es nur zwei Dinge, die ich tun musste:

    • Regelmäßig in die Meetings gehen und die Schritte arbeiten.

    Dazu gehört als „Begleitprogramm“:

    • Regelmäßig den Sponsor anrufen.
    • Regelmäßiger Kontakt mit anderen AS-Freunden.

    Mit den vielen Werkzeuge, die ich bei AS bekommen habe, war es dann möglich, trocken zu bleiben. Ich konnte aus der Sklaverei der Sucht in ein nüchternes Leben zurückkehren. In meinem Fall kann ich sogar sagen, dass die vergangenen Jahre die erste Zeitspanne in meinem Leben war, in der ich ohne Suchtmittel Glück, Lebensfreude, Dankbarkeit und Freiheit empfinden konnte.

    Wer jetzt denkt:

    Ja, ich überlege auch, etwas gegen meine Sucht zu tun…

    für den habe ich eine Rätselgeschichte mit einer (einfachen) Lösung:

    Drei Menschen sind in einem Raum. Einer überlegt sich, hinauszugehen. Wieviele Menschen sind nun in dem Raum?

    Antwort: Drei. Sich etwas zu überlegen, heißt nicht, es auch zu tun.

    Wenn Sie sich also überlegen, etwas gegen Ihre Sucht zu tun, dann

    • suchen Sie eine AS-Telefonnummer oder einen AS-Email-Kontakt heraus (siehe hier oder hier),
    • nehmen Sie Kontakt auf, bleiben Sie am Ball, bis Sie in Ihrem ersten Meeting sitzen.
    • Wenn Sie anfangen zu grübeln, ob das wohl der richtige Weg ist, ob man nicht besser noch warten sollte, wie es da wohl sein wird…, dann denken Sie an den Slogan:

    Geh‘ mit den Füßen in die Meetings, der Kopf kommt nach.

    • Meetings haben, wie Menschen, eine „Tagesform“. Deshalb werfen Sie die Flinte nicht zu schnell ins Korn, wenn irgendetwas zunächst nicht passt.

      Probieren Sie das AS-Programm ernsthaft für sich aus.

      Probieren Sie verschiedene Meetings aus.

      Nutzen Sie Telefonmeetings.

      Gehen Sie zu überregionalen Treffen. Lernen Sie Andere kennen, die trocken und auf dem Weg der Genesung sind.

      Sie sind völlig frei, es jederzeit wieder zu lassen. Bei AS werden keine Mitgliederlisten geführt und es gibt auch keinerlei Verpflichtungen.
    • Das Allerwichtigste: Setzen Sie die Genesung an die erste Stelle – vor Ihren Job, Ihre Partnerschaft, Ihre Hobbys oder was Ihnen sonst noch wichtig ist. Denn in der Genesung können Sie all‘ das erhalten, im doppelten Sinne des Wortes. In der Sucht werden Sie es aber, soweit überhaupt (noch) vorhanden, verlieren. Für einen wirklichen Sexaholiker gibt es in der aktiven Sucht nur eine Richtung: Nach unten.

    Es gibt eine Lösung!

  • Rückfallprophylaxe (II): Was ist das „erste Glas“ des Sexsüchtigen und wie „lässt man es stehen“?

    Dieser Blogbeitrag baut auf dem vorherigen Beitrag auf, in dem das „süchtige Verlangen“ und der „Suchtkreislauf“ beschrieben werden.

    (Ein erster Beitrag über Rückfallprophylaxe/ Rückfallvorbeugung ist hier zu finden.)

    Die Grundlage der Anonymen Sexaholiker war die Entdeckung, dass das Genesungsprogramm der Anonymen Alkoholiker auch bei Sexsucht wirkt. Ersetzt man im Buch „Anonyme Alkoholiker“ das Wort Alkohol durch Lüsternheit (oder in manchen Fälle durch Sexualität oder sexuelles Ausagieren) dann kann sich der Sexaholiker mit den dort geschilderten Erfahrungen der Alkoholiker identifizieren. Und so, wie die Suchterfahrung die gleiche ist, ist auch der gleiche Genesungsweg möglich!

    Da die Texte der Anonymen Alkoholiker auch die Grundtexte von AS sind, stammen auch viele bei AS gebräuchliche Formulierungen aus dem Bereich des Alkoholismus; so auch das Schlagwort vom „ersten Glas“.

    Das erste Glas stehenzulassen, ist unerlässlich dafür, nüchtern zu bleiben. Denn der Konsum des ersten Glases Alkohol löst den körperlichen Zwang aus, weiterzutrinken. Die Anonymen Alkoholiker bezeichnen dieses Zwang als süchtiges Verlangen (craving), und dieses süchtige Verlangen führt wegen des vom Alkoholiker erlittenen Kontrollverlustes vom „ersten Glas“ zwangsläufig zur Sauftour.

    Deshalb muss ich, um nicht wieder trinken zu müssen, dieses erste Glas stehen lassen. Und um das erste Glas stehen lassen zu können, muss ich das verdrehte Denken loswerden, das mich immer wieder dazu bringt, das erste Glas zu trinken, obwohl ich schon tausendmal die Erfahrung gemacht habe, dass ich nach dem ersten Glas nicht mehr kontrolliert trinken kann, sondern „saufen“ muss.

    Denn das ist der Suchtkreislauf, der auf Dauer nur durch eine grundlegende Veränderung der eigenen Persönlichkeit zum Stillstand gebracht werden kann:

    Verdrehtes Denken – erstes Glas – süchtiges Verlangen – Sauftour – Reue, Verzweiflung, Schwur: „Nie wieder“ – verdrehtes Denken – erstes Glas …

    Was ist denn das „erste Glas“ des Sexsüchtigen? Und wie kann er es stehenlassen?

    Beim Alkohol ist einfach: Das erste Glas zu trinken bedeutet, eine Flüssigkeit zu sich zu nehmen, die Alkohol enthält.

    Und was ist es beim Sexaholiker, das dieser zu sich nimmt, das das verheerende süchtige Verlangen auslöst?

    • Der Stoff heißt Lüsternheit. Der Süchtige produziert ihn selbst, innerlich.
    • Lüsternheit kann einen körperlichen Auslöser oder Anknüpfungspunkt (den Anblick einer Person, eines Objektes, Parfümgeruch etc.) haben. Letztlich ist Lüsternheit aber nicht an einen „Stoff“ (Körper) gebunden. Sie ist eine „Kopfsache“.
    • Deshalb kann ich als Sexaholiker trinken, ohne dass irgendetwas Äußerliches passiert. Das Trinken des ersten Glases findet in mir statt, in meiner Seele: insbesondere als Phantasie, als innerer Film im Kopfkino.

    Ein Beispiel:

    Ich bin besonders in Gefahr, innere Bilder zu „trinken“ in der Zeit vor dem Einschlafen und nach dem Erwachen. In diesen Zeiten kann Folgendes geschehen: Ich denke zum Beispiel an eine Frau. Wie sie aussieht. Eigentlich sieht sie ja nett aus. Und sie zieht sich auch gut an. Schon läuft der Film. Und er kann eine Sequenz später eine Sexszene oder eine Eheschließung beinhalten, eine romantische Verwicklung oder schlicht pornographische Bilder.

    Deshalb ist einer der ersten und wichtigsten Grundsätze der Genesung von der Sexsucht:

    Wenn ein Bild in Dir aufsteigt, mache aus ihm keinen Film!

    Denn: Wer sich als Sexaholiker ein „inneres Kino“ als „Entspannungsmittel“ etc. leistet, ist auf dem Weg in den Rückfall ! Bei solchen Phantasien handelt es sich um einen klassischen Versuch, kontrolliert zu trinken.

    Aber als Sexaholiker habe ich gerade diese Fähigkeit, kontrolliert lüstern zu sein, verloren (siehe den vorangegangenen Blogbeitrag). Natürlich können z.B. während des Einschlafens ungewollt Bilder auftreten. Mir hilft in solchen Situationen ein Gebet, das sie überlagert und verdrängt, und dazu führt, dass ich nicht in sie „einsteigen“ muss. Sollten sie belastend in Erinnerung bleiben, teile ich sie explizit mit einem Programm-Freund (was das bedeutet, siehe unten).

    Weiter in der Aufzählung, was beim Sexaholiker „erste Gläser“ sein können:

    • Ich kann mir auch äußere Objekte durch einen Blick heranholen („lüstern trinken“), um in mir den Kick auszulösen, der der Wirkung des ersten Glases beim Alkohol entspricht! Für einen solchen Blick, z.B. auf eine Frau, genügt die Zeitspanne eines Wimpernschlages!

      In der AS-Literatur wird dieser Blick mit einer Spinne verglichen, die aus ihrer Lauerposition hervorschnellen kann, um sich ihre Beute zu sichern. Der Sexaholiker lässt seinen süchtigen Blick hervorschnellen und holt sich das lüsterne Beutebild in sein Inneres.

      Es ist in vielen Fälle eine Lüge, wenn ich als Sexsüchtiger sage, ich habe „versehentlich“ etwas gesehen. Das Sehen ist eine Aktion, eine Handlung. Versehentlich aufgenommene Bilder sind kein Problem, wenn sie nicht festgehalten werden.

    Ein Beispiel:

    Ich sehe aus dem Augenwinkel eine Frau im Bus an mir vorbeigehen, die ein Kleid trägt, das einen Brustausschnitt haben könnte. Es reicht ein einziger Beute-Blick auf diesen Ausschnitt, um mir ein Bild für mein inneres, lüsternes Fotoalbum zu verschaffen. Meine innere Kellerbar. Ich erlebe es sogar, dass ich erst dem Blick widerstehe, aber dann in die sich öffnende Bustür schaue, in deren Glas sich die Vorderseite der Person spiegelt. So tückisch und gierig ist die Sucht.

    Deshalb sind weitere, zentrale Elemente der Genesung:

    • Höre auf, lüstern zu blicken!
    • Wenn Du versehentlich ein Bild aufnimmst, lasse es sofort wieder los.
    • Wenn Du es nicht sofort loslassen kannst (z.B. weil Du es nicht versehentlich, sondern willentlich aufgenommen hast), teile das Bild explizit mit Freunden im Programm.

    Zu den Punkten 2 und 3:

    • Wenn Du versehentlich ein Bild aufnimmst, lasse es sofort wieder los.

    Manchmal blicke ich beim Autofahren auf eine Radfahrerin, wenn ich einen Schulterblick mache. Oder kreuzende Fußgängerinnen sind leicht bekleidet. Ganz überwiegend kann ich diese Bilder sofort loslassen (kapitulieren). Ich sage leise:

    Gott, was immer ich [spezifische Bezeichnung des Gesehenen, z.B. „an dem Po dieser Radfahrerin“] suche, bitte lass‘ es mich in Dir jetzt finden.

    Denn was könnte mir ein Festhalten dieses Bildes geben? Aufregung, Betäubung, einen Kick? Zu welchem Preis? Das, was ich in meinem Leben wirklich suche: Geborgenheit, Sicherheit, Angenommen-Sein – das kann mir dieses Bild nicht geben. Ich lasse es los! Ich wende mich der Kraftquelle zu, die mich emotional-geistig mit dem versorgen kann, was ich wirklich suche.

    • Wenn Du es nicht sofort loslassen kannst (z.B. weil Du es nicht versehentlich, sondern willentlich aufgenommen hast), teile das Bild explizit mit Freunden im Programm.

    Bilder, die ich mir wie eine Spinne ihre Beute eingefangen habe, kann ich anschließend in der Regel nicht einfach loslassen. Diese Bilder sind wie eine kleine Menge Alkohol in meinem Organismus, die, wenn ich nichts unternehme, bereits nach „mehr“ ruft. Ohne eine Handlung der Genesung werde ich irgendwann das nächste Bild hinzufügen. Und das nächste. Und dann folgt irgendwann zwangsläufig die Sauftour. Ich habe keine Möglichkeit, diesen Punkt vorher sicher zu erkennen und zu vermeiden. (Könnte ich dies, hätte ich ja doch die Kontrolle. Ich wäre kein Sexaholiker.)

    Um solche Bilder loslassen zu können, muss ich sie ans Licht bringen. Dies geschieht, indem ich das Bild explizit mit einem Programmfreund teile. Dazu genügen (bei mir) wenige Sätze, z.B.:

    Ich möchte gerne etwas explizit teilen. [„Gerne“, sagt der Freund.] Ich habe heute einer Radfahrerin, die einen Rock trug, auf den Po geschaut und ihre braunen Beine gesehen. Ich lasse das jetzt los. Danke, dass ich das Bild teilen durfte. [Freund: „Danke für dein Teilen.“]

    Dieses spezifische oder explizite Teilen (siehe dazu hier und hier) ist für mich a) unerlässlich und b) bewirkt zuverlässig das Wunder, loslassen zu können.

    Ein Schlüsselerlebnis war für mich der Besuch einer Aufführung, bei der ich vorher nicht an die Möglichkeit gedacht hatte, dass die Darstellerinnen extrem triggernd für mich angezogen sein könnten. Zum Glück fand ich die Kraft, die Vorstellung sofort zu verlassen (das AS-Programm wirkte also zum Glück schon). Der Eindruck war aber so stark, dass ich das Gesehene nicht loslassen konnte. Ich griff zum Mobiltelefon und sprach dem ersten Freund das Erlebte auf den AB. – Ich konnte es nicht loslassen. Ich sprach dem nächsten Freund auf den AB – und konnte es immer noch nicht loslassen. Den dritten Freund erreichte ich persönlich. Als ich ihm alles schilderte, fiel die Last von mir ab. Wieder frei geworden. Wieder ein Genesungsgeschenk.

    Wichtig: Ich brauche für meine Genesung von der Sexsucht Meetings der Anonymen Sexaholiker, einen Sponsor und das Zwölf-Schritte-Programm. In diesem Rahmen wirkt das oben Geschilderte. Meine vorangegangenen Versuche, nur auf der Grundlage meiner eigenen Kraft das erste Glas stehen zu lassen, waren immer gescheitert.

    Meine Überempfindlichkeit erlebe ich heute nicht mehr nur als anstrengend, sondern auch als großes Geschenk: Das Geschenk der Bewusstheit und des Wachseins. Das Ende des Selbstbetruges und der Unehrlichkeit. Mein Leben lang habe ich danach gesucht. Die Sucht, Ausdruck größter Unfreiheit, wird so zum Anstoß und zum Ermöglicher der Freiheit!

  • Vergiss die Moral, werd‘ lieber gesund!

    Es war die zentrale Entdeckung der Anonymen Alkoholiker: Alkoholiker sind in Bezug auf ihren Alkoholkonsum nicht verkommene Typen mit Moraldefekt, sondern kranke Menschen! Sie haben eine Allergie gegen Alkohol, das bedeutet: Sie können nicht kontrolliert trinken. Sondern wenn sie Alkohol konsumieren, setzt eine körperliche Reaktion ein, die dazu führt, dass sie weitertrinken und sich besaufen müssen. Diese körperliche Allergie wird als süchtiges Verlangen bezeichnet.

    Diese Erkenntnis war revolutionär und sie machte deutlich, dass die Lösung nicht in mehr Willenskraft und Selbstkontrolle liegt, sondern dass der erste Schritt der Gesundung das Zugeben und Anerkennen der totalen Machtlosigkeit ist. Zu dieser Machtlosigkeit gehört auch die Erkenntnis, dass die Sucht mein Denken und Wahrnehmen so stark beeinflusst und „verdreht“, dass ich immer wieder das „erste Glas“ zu mir nehmen muss, das dann die Allergie auslöst. Das Problem ist also, dieses erste Glas stehen zu lassen.

    Denn wenn ich das erste Glas nicht trinke, habe ich mit den letzten keinen Ärger!

    Und genau da kommt der Kern der „AA-Kur“ ins Spiel: das spirituelle Handlungsprogramm der zwölf Schritte. Ich bekomme die Verrücktheit nur aus dem Kopf, wenn in meinen Kopf und mein Herz etwas Neues einzieht: neue Haltungen, neue Handlungen, innerer Frieden, Wiedergutmachung, Versöhnung, Liebe. Nur wenn ich mich in meinem Wesenkern ändere, kann ich dem Werben der Sucht auf Dauer widerstehen.

    Diese grundlegende Persönlichkeitsveränderung nennen die Anonymen Alkoholiker ein „spirituelles Erwachen“. Dies kann, muss aber nicht religiös sein. Ich kenne Programm-Freunde, die die Werkzeuge anwenden, ohne sie mit einer Religion oder einem Bekenntnis zu verknüpfen.

    Hinter all dies dürfen die Anonymen Sexaholiker nicht zurückfallen!

    Auch für uns gilt die Entdeckung der AA: Ich bin kein verkommener Typ mit Moraldefekt (was nicht heißt, dass ich mich gut oder richtig verhalten hätte – oft ganz im Gegenteil!), sondern ein kranker Mensch, der allergisch auf Lüsternheit reagiert.

    Ich kann nicht kontrolliert lüstern sein, nicht kontrolliert lüstern „trinken“. Sondern sobald ich Lüsternheit konsumiere – z.B. Pornographie, das lüsterne Anschauen anderer Menschen oder das Abspielen oder Inszenieren von Filmen im Kopf – setzt eine körperliche Über-Reaktion ein: eben jenes süchtige Verlangen. Und dieses süchtige Verlangen führt dazu, dass ich die Lüsternheit ausagieren muss, dass die lüsterne Sauftour abläuft. Auch wenn ich es nicht will, es „diesmal“ lassen oder kontrollieren wollte etc.

    Die Art der „Sauftour“ kann viele Formen annehmen, sie kann auch andere oder nur den Betroffenen verletzen, sie kann sozialkonform oder gesetzeswidrig sein: Sie ist aber nicht der Ausgangspunkt der Sucht, sondern sie ist die Folge des vorangegangenen verdrehten Wahrnehmens und Denkens und des ausgelösten süchtigen Verlangens! Deshalb muss das Trockenwerden von der Sexsucht ganz früh ansetzen – bei dem ersten Gedanken, dem ersten Bild oder dem ersten Blick.

    So wie die Erkenntnis des Suchtkreislaufs

    Verdrehtes Denken – erstes Glas – süchtiges Verlangen – Sauftour – Reue, Verzweiflung, Schwur: „Nie wieder“ – verdrehtes Denken – erstes Glas …

    damals revolutionär war für die Alkoholiker, ist sie es heute für den Sexsüchtigen. Moral hilft deshalb bei der Genesung nicht! Moral kann helfen, solange jemand noch die Kontrolle hat – noch „kontrolliert lüstern sein“ kann.

    Wie beim Alkoholismus liegt aber beim Sexaholismus die Lösung nicht mehr auf der Ebene der Willenskraft und Selbstkontrolle, sondern im Aufgeben:

    Hilfe, ich kann nicht mehr! Ich möchte damit aufhören! Was kann ich tun?

    Auf diesen Ausruf gibt es Antworten und es gibt einen Weg der Genesung. Du wirst nie wieder die Kontrolle zurückerlangen, aber Du bekommst etwas viel, viel Besseres: Trockenheit, Gesundung und ein neues Leben mit einer veränderten Haltung zur Welt (und zu Gott, wie auch immer Du ihn dann verstehen wirst)!

    So wie die Anonymen Alkoholiker keine Stellung nehmen zu Fragen rund um den Alkohol (Verkauf, Werbung etc.) und auch nicht zur medizinischen Behandlung des Alkoholismus, sondern bei dem Einzigen bleiben von dem sie wirklich etwas verstehen: der Genesung mit Hilfe des AA-Programms, so ist es auch mit AS. Wir haben genug gelitten, um den Betroffenen die Hilfe des Programm anbieten zu können, wenn er genesen will! und das Einzige, was wir wissen, ist: Für uns funktioniert es. Es ist möglich, aus der Sexsucht auszusteigen!

    Ich habe mich mehr als 25 Jahre lang moralisch verurteilt und es hat nicht geholfen. Heute kümmere ich mich lieber nicht mehr um Moral, sondern ums Gesundwerden! (Ein moralisches Verhalten ist dann übrigens Nebenprodukt des Gesundwerdens. Als gesunder Mensch muss ich niemanden mehr verletzen, nicht mehr lügen usw.)

  • Zur Welt kommen

    Als ich in meiner Sucht war, lebte ich oft wie unter einer Glocke, in einer eigenen Welt. Trotz des ganzen Schmutzes und der Unwürdigkeit hatte ich keine Wahl. Die Sucht ließ mir immer weniger Spielraum. Sie war der Chef, ich nur ein Schein-Selbständiger.

    Gleichzeitig erkannte ich auch immer wieder, wie es um mich stand. Das verursachte dann Scham. Wieso lebte ich so? Wieso konnte ich nicht damit aufhören? Ich hielt mich für ein schlechten Menschen. Damals wusste ich noch nicht, dass der Kern meiner Schwierigkeiten eine Krankheit namens Sexsucht war.

    Heute ist deshalb für mich einer der zentralen Sätze:

    „Ich bin nicht ein schlechter Mensch der gut werden will; ich bin ein kranker Mensch der gesund werden möchte.“

    Harvey A.

    Das Trockenwerden war dann im buchstäblichen Sinne ein „zur Welt kommen“, eine Geburt.

    Diese neue Welt war aber zuerst nicht nur attraktiv. Denn es waren all die Schmerzen da und all das Leid, was ich die ganzen Jahre über mit meiner Lüsternheit betäubt hatte. Ich stand im Licht, aber das, was ich sah, tat mir weh, ängstigte mich, machte mich manchmal verzweifelt und hilflos.

    Vielleicht gibt es deshalb so viele Rückfälle, weil es in der ersten Zeit so schwer ist – und diese erste Zeit kann durchaus ein Jahr lang oder länger dauern.

    Ich brauchte ein völlig neues Lebenskonzept und ich musste mich in diesem neuen Lebenskonzept verankern, damit die emotionalen Stürme und die Angst mich nicht umhauen und nicht in den Rückfall treiben.

    Deshalb geht es am Anfang so sehr um den Tiefpunkt und um die Bereitschaft. Der Tiefpunkt ist das aus dem tiefen Inneren aufsteigende Gefühl: So kann ich nicht weitermachen. Ich bin am Ende. Die Sucht ist der Boss. Ich möchte aufhören, kann es aber nicht.

    Und die Bereitschaft bedeutet:

    Ich setze meine Trockenheit an die erste Stelle. Nichts ist wichtiger als sie. Sie kommt vor meinem Job, vor meiner Familie, meinen Hobbys, meiner Religion. Wenn ich nicht trocken bleibe, werde ich alle diese Sachen ohnehin verlieren. Weil ich dann in das Dunkel zurückkehre.

    Mein Sponsor sagte mir, dass wir die Neuen ermutigen müssen, durchzuhalten. Wir müssen ihn sagen, dass es oft erst schwerer wird, bevor es besser wird. Aber es wird besser, wenn wir durchhalten! Ganz sicher!

    Jetzt bin ich zur Welt gekommen. Und ich muss wie ein Kind lernen, in dieser Welt zu leben.

    Und ich kann dies wie ein Kind durch Nachahmung tun. Ich habe durch die Gruppen und die Programm-Freunde, mein Sponsor und die in der Literatur festgehaltene Erfahrung eine Grundlage, auf der ich meine Trockenheit aufbaue. Ich muss die Fehler und Irrtümer früherer Generationen von nüchternen Sexaholikern nicht alle selber machen! Ich darf von ihnen lernen.

    In der Trockenheit habe ich dann alles gefunden, was ich mir immer gewünscht habe:

    • Ich habe nach mehr als 25 Jahren Single-sein eine Partnerin gefunden und geheiratet. Und jetzt sind wir seit mehreren Jahren verheiratet und wir lieben uns.
    • Ich habe eine Spiritualität gefunden, die mich trägt. Sie ist nichts Statisches, wandelt sich, und passt jeweils zu dem Entwicklungsstand den ich habe.
    • Ich habe eine neue Sicht auf mich und die Welt gefunden; es ist immer noch viel Angst da, aber die Vertrauenskräfte wachsen.

    Ich möchte immer mehr zur Welt kommen, mich ganz in mir selber und in meiner Umgebung verankern und wirklich LEBEN!

    Als mein Genesungsweg begann, mit der Trockenheit vom Alkohol, da wünschte ich mir ein „normales“ Leben.

    Ist mein Leben heute „normal“? Keine Ahnung. Jedenfalls bin ich auf dem Weg, ein Mensch zu werden. Und dabei bleibe ich natürlich ein „Clown im gleichen Bus“.