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  • Das Jahr 2020: Ideen, Projekte, Vorfreude

    61 Blogbeiträge waren es im vergangenen Jahr, wenn ich richtig gezählt habe. Gestern, an Sylvester, hatten wir mittags noch ein AS-Meeting und sind anschließend Essen gegangen, inklusive Partner. Es gibt nichts Schöneres, als das Zusammensein mit einer Gruppe trockener Sexsüchtiger, die auf dem Weg der Genesung sind.

    Wer das nicht erlebt hat, kann es sich vielleicht nicht vorstellen. Denn die aktive Sexsucht ist zerstörerisch: Sie zerstört Familien, Partnerschaften, Karrieren und Seelen. Sie isoliert und quält die Betroffenen. Manchmal wird sie auch in einer übergriffigen oder strafbaren Art und Weise ausgelebt. Wer das alles weiß und nicht weiß, dass es einen Weg aus der Sucht heraus gibt, der kann schon verzweifeln.

    Es gibt diesen Weg aber. Die Sexsucht ist eine unheilbare Krankheit, mit der sich aber sehr gut leben lässt. Denn das Suchtmittel – Lüsternheit – kann erkannt und vermieden werden. Ohne Lüsternheit kein zwanghaftes Ausagieren.

    Das erscheint zunächst unmöglich. Aber: Ich muss der Lüsternheit nie für ewig „abschwören“. Sondern ich bin immer nur für einen Tag trocken und auf dem Weg der Genesung – nur für heute!

    Es gibt außerdem zum Glück auch langjährig Trockene, die den Beweis erbracht haben, dass aus einem Tag nach dem anderen viele Jahre werden, bis dann trocken das „große Loslassen“ ansteht. Nach einem erfüllten Leben.

    Nachdem ich trocken geworden war, war einer meiner tiefen Wünsche, die Angst vor dem Sterben loslassen zu können. Denn dieses ganze Weglaufen mit Hilfe unterschiedlicher Suchtmittel war auch ein Kontrollversuch, dass Jetzt festzuhalten, im Rausch, zu meinen Bedingungen. „Es“ sollte nicht vorbeigehen. Es sollte so sein, wie ich es wollte, und es sollte auch so bleiben. Wahnsinn. So viel Kampf. So viel Scham.

    Heute sehe ich den Fluss des Lebens. Von ihm möchte ich Teil sein. Die Angst loslassen, ihn bejahen in dem Bewusstsein, dass ich ihn nicht kontrollieren kann. Gar nicht. Zu ihm möchte ich etwas Hilfreiches beitragen.

    Für das neue Jahr gibt es Ideen und Projekte (ein Meeting in einer Suchtklinik eröffnen, einen Workshop organisieren, vielleicht einen neuen Schritt Richtung Gefängnisarbeit unternehmen?). Vor allem möchte ich das AS-Programm noch mehr in meine „dunklen Ecken“ hineinnehmen (ein Stichwort ist: Bringe das Programm hinein in dein Berufleben). Ich möchte endlich die letzten Wiedergutmachungen in Schritt 9 machen. Überhaupt: Ich möchte wieder stärker in die Mitte des AS-Rettungsfloßes rücken, damit mich auch starker Wellengang nicht über Bord befördern kann. (Ein AS-Oldtimer nimmt immer das Bild von AS als einem runden Rettungsfloß und empfiehlt, einmal zu überlegen: Wo sitze ich in diesem Floß? Sicher in der Mitte? Eher am Rand? Evtl. schon ganz am Rand, so dass ich beim nächsten „Schaukeln“ über Bord gehe?)

    Ich wünsche allen, die noch in der Sucht festhängen, dass sie den Weg der Genesung finden. Dieser kann bei AS beginnen mit Meetings, einem Sponsor und der Schrittarbeit. Dieses neue nüchterne Leben lohnt sich so sehr!

    Ich wünschen allen Besuchern dieser Internetseite ein gutes, freudvolles, nüchternes Jahr 2020!

  • Ich habe kein Problem mit Pornographie, Selbstbefriedigung, Prostituiertenbesuchen…

    Das wirklich große Geschenk der Anonymen Sexaholiker ist die Erkenntnis, dass mein Problem nicht mein sexuelles Ausagieren ist. Mein Problem ist Lüsternheit. Lüsternheit führt zu sexuellem Ausagieren. Wenn ich Lüsternheit trinke, muss ich sexuell ausagieren. Seiner Lüsternheit weiter zu folgen und gleichzeitig trocken sein zu wollen ist wie schwimmen gehen ohne nass werden zu wollen.

    Deshalb fühlt sich Trocken-werden ja zuerst wie Sterben-müssen an. Nicht, weil ich keinen Sex mehr habe, sondern weil ich von meinem Suchtstoff, der Lüsternheit, entziehen muss. Lüsternheit ist nicht körperlich, sie benutzt nur den Sexualtrieb. Was soll an Pornographie körperlich sein? Deshalb hat das Ausagieren in der Sucht so wenig mit echter Sexualität zu tun, sondern mit Bildern, Filmen, Jagen, dem „Kick“, der abhängigen Verbindung, mit Objekten und Ähnlichem.

    Ich habe mich immer verzweifelt gefragt, warum ich so ausagieren muss. „So bin ich doch gar nicht, das will ich doch eigentlich gar nicht. Wieso kann ich nicht einfach eine liebevolle Partnerschaft haben?“

    Heute weiß ich die Antwort: Weil Lüsternheit ein Medikament für Angst, Wut, Schmerz, Aufregung und Groll ist. Mehr Angst – mehr Lüsternheit – mehr Scham – noch mehr Lüsternheit. Das Medikament wirkte, zu dem hohen Preis, dass es mich zerstörte. Als ich dieses Medikament weg lassen wollte, war da der kleine Autorvonmeinwegausdersexsucht, der gar nicht wusste, wie man ohne dieses Medikament leben kann.

    Der erste Schritt war, zu erkennen:

    • Ich bin kein schlechter Mensch, der gut werden will, sondern ein kranker Mensch, der gesund werden will.

    der Zweite:

    • Mein Problem ist Lüsternheit, nicht Sex. Ich muss, entsprechend zum Alkohol beim Alkoholiker, das „erste Glas“ stehenlassen, das heißt, aus dem lüsternen Bild keinen Film und keine Geschichte machen, sondern: Es abgeben, loslassen, „kapitulieren“. Und weil ich das alleine wirklich nicht kann, weil meine eigene Kraft auf diesem Gebiet versagt, muss ich die Höheren Kräfte, die Himmlischen Kräfte, Gott, wie ich ihn verstehe  – nenn‘ es, wie Du willst, aber tue es! – um Hilfe bitten.

    Gott, was immer ich [hier einsetzen, was gerade triggert, z.b.:] an dem Po dieser Frau suche, bitte lass‘ es mich in Dir jetzt finden.

    Gott, was immer ich in diesem Bild von Geschlechtsverkehr gerade suche, bitte lass‘ es mich in Dir jetzt finden.

    Und das soll helfen? Es hilft! Es unterbricht den Sog. Ich bin nicht mehr allein. Die Höhere Kraft ist, bereit, mir zu helfen. Und was suche ich eigentlich gerade?

    Oder steige ich ins lüsterne Wasser? Natürlich diesmal kontrolliert; ohne nass zu werden?

     

     

  • Weihnachten: Vom Sex-Livechat zu einem neuen Leben

    Ich habe in mir Erinnerungsbilder und Sequenzen, die für mich gefährlich sind. Sie steigen verstärkt in der Vorweihnachtszeit in mir auf.

    Weihnachten war für mich das Fest mehrtägigen Alkohol-Trinkens und mehrtägiger Lüsternheit. Ich erinnere mich an einen Heiligabend, an dem ich mich darauf freute, in meine Wohnung zurückzukommen, um einen Sex-Livechat im Internet aufsuchen zu können. Diese Möglichkeit hatte ich gerade neu entdeckt. Da waren dann in wenigen Minuten zig Euro verbraucht. Damit war damals eine weitere Grenze, die ich mir gesetzt hatte („Niemals Geld dafür im Internet ausgeben“), überschritten. Und hinter einmal überschrittene Grenzen kam ich nie wieder dauerhaft zurück.

    Es ist eine Spezialität der Sexsucht, dass gerade auch Handlungen und Bilder, die man bei klarem Verstand und Herzen niemals aufsuchen würde, in der Sucht selbst besonders „anziehend“ sind. das Buch „Anonyme Sexaholiker“ beschreibt dies mit den Worten:

    Wir waren süchtig nach Arglist, Kitzel und Verbotenem.

    Und dieser Sog des Arglistigen, Kitzels und Verbotenen wird sofort wieder aktiv, wenn ich mich den alten Erinnerungsbildern überlasse. Deshalb gilt bei der Sex- und Pornografie-Sucht uneingeschränkt das, was auch für die Alkoholsucht gilt:

    Ich werde vom ersten Glas betrunken, nicht erst vom letzten.

    Und diese ersten Gläser sind in mir! Ich muss nicht erst zum Kiosk oder zur Tankstelle gehen, um mir meinen „Stoff“ zu besorgen, sondern der Stoff ist in mir.

    In dem Buch „Anonyme Alkoholiker“ wird die körperliche Seite der Sucht so beschrieben, dass das erste Glas Alkohol ein körperlich eingeprägtes, süchtiges Verlangen auslöst, das dazu führt, dass ich mich anschließend weiter betrinken muss – auch wenn ich vorher noch so sehr vorgehabt habe, mein Trinken zu kontrollieren. Das ist die entsetzliche Talfahrt auch des Sexaholikers: Es reicht, an den Bildern und Filmsequenzen in mir zu „nippen“; der Sog würde mich innerhalb kürzester Zeit wieder dazu bringen, mich mit Lüsternheit zu besaufen. Und weil Lüsternheit auf nichts Rücksicht nimmt und nur ein Ziel – noch mehr Lüsternheit – kennt, vergiftet sich der Sexsüchtige innerlich mehr und mehr bei äußerlich vielleicht noch völlig intakter Hülle und Fassade.

    Ich habe mir damals immer eingeredet, es gäbe ja auch noch viele Bereiche in meinem Leben, die nicht von der Sucht eingenommen seien. Dabei konnte ich zum Schluss in keine Straßenbahn mehr einsteigen, ohne sofort alles danach abzuchecken, ob es irgendwo etwas geben könnte, was meine Lüsternheit füttert.


    Ich schreibe, weil Schreiben für mich Leben bedeutet. Meine Geschichten sind für mich wie ein schützendes Amulett. Sie stellen einen Genesungsraum her, in dem ich ohne Suchtmittel Leben kann.

    Eigentlich ist der Gegner übermächtig, die schützenden Wälle sind längst geschliffen, der Gegner reitet wie in einer Sage in die gefallene Burg ein: Ein übermächtig wirkender, dunkler Ritter auf einem gewaltigen Pferd. Eigentlich wäre ich verloren, bestenfalls noch Sklave. Aber keine Hoffnung.

    Aber trotzdem hat diese unbesiegbare Macht keine Gewalt mehr über mich. Ich darf leben! Das ist nichts selbst Erwirktes – es ist ein tägliches Geschenk der Schutzmächte, die wirken können, wenn ich vom Kampf und den magischen Zeichen der Gegenmächte zurücktrete, loslasse.

    Da sind vielleicht die Bilder, die Sequenzen, der Sog. Ich muss ihnen aber nicht mehr folgen. Ich darf trocken sein, frei.

    Das beschreibt eine Zeile des 23. Psalms, in der es heißt:

    Im Angesicht meiner Feinde deckst du den Tisch vor mich hin

    Ist das nicht ein großartiges (Weihnachts-) Geschenk? Ich muss nicht mehr weglaufen, nicht mehr kämpfen. Der Tisch für das Festmahl des Lebens ist gedeckt. Im Angesicht meiner Feinde! Das heißt: Die Sucht ist da. Aber sie hat in der Schutzzone der Höheren Kräfte keine Macht. Ich muss vor nichts mehr erschrecken und brauche mich vor nichts mehr ängstigen. Nur Loslassen und Gott überlassen.


    Der 23. Psalm

    Der Herr ist mein Hirte,
    Es wird mir nichts mangeln.
    Auf frischem Grün lässt er mich ruhn.
    Zum Lebensstrom führt er mich hin.
    Meine Seele läßt er genesen.
    Den Weg der Wahrhaftigkeit läßt er mich wandeln,
    In seines Wesens waltender Kraft.

    Und ob ich auch ginge
    im Abgrund der finsteren Todesschatten,
    Fürchte ich nimmer des Bösen Gefahr.
    Denn du bist bei mir,
    dein Stecken und Stab sind mir Stütze und Trost.

    Im Angesicht meiner Feinde deckst du den Tisch vor mich hin.
    Mein Haupt salbst du mit Öl.
    Meinen Becher schenkest Du mir voll.

    Ja, schenkende Güte, sie trägt mich all mein Leben.
    Und im Hause des Herrn,
    Der das Ich in mir spricht,
    Will auf immer ich ruhn.

    (nach der Übersetzung von Hermann Beckh)

  • Ich gebe mein Recht auf…

    Es gibt ja den schönen Spruch, dass das AS-Programm ein einfaches Programm für komplizierte Leute ist. Besonders in schwierigen Situation brauche ich griffige Slogans oder Sätze, die mir helfen, wieder „in die Spur“ zu kommen. Ein Beispiel:

    Ich fahre mit der Straßenbahn, eine Frau steigt ein. Ich sehe hin (hier beginnt das Problem: Warum eigentlich? Was ist das Motiv für den Blick?). Und da es für diesen Blick kein vernünftiges Motiv gab – war Lüsternheit das Motiv. In diesem Moment wird mir auch bewusst: Ich möchte nicht lüstern sein. Ich möchte in meinem Frieden bleiben. Aber der Sog hat schon begonnen. An so einer Stelle brauche ich ein einfach anzuwendendes und schnell wirkendes Mittel. Einen Spruch, ein Stoßgebet, zum Beispiel:

    Gott, bitte hilf mir! Ich gebe mein Recht auf, diese Frau lüstern zu begehren.

    Dann kann ich loslassen. Ich setzte gegen das „Ziehen“ der Lüsternheit keine Gegenkraft ein, sondern ich steige aus. (Notfalls auch aus der Straßenbahn:-) Nicht kämpfen! Die Lüsternheit würde gewinnen. Ich kann nur gewinnen, wenn ich gar nicht erst kämpfe, sondern loslasse, kapituliere.

    Gegen den Satz könnte man natürlich einwenden, dass ich doch gar kein Recht darauf habe, die Frau zu begehren. Aber der lüsterne Blick ist gerade ein Blick der Inbesitznahme. Als hätte ich dieses Recht. Der einfache Satz macht klar: Ich nehme dieses Recht, das ich sowieso nicht habe, auch nicht mehr in Anspruch. Es hat mir so viel Unglück gebracht, dieses „Recht“! Ich gebe es auf – der Frieden kehrt zurück.

    Heute habe ich in einem Gespräch bemerkt, dass der Satz in abgewandelter Form auch in anderen Situationen passt. Wenn ich zum Beispiel den inneren Druck habe, eine Situation kontrollieren zu wollen.

    Gott, ich gebe den Anspruch an mich auf, es kontrollieren zu wollen.

    Wichtig ist, dass es ein wirkliches Loslassen ist, nicht bloße Resignation. Denn, wie es einer meiner Lieblingsautoren, Hans Glaser, ausdrückt:

    Die Resignation ist die latente Begierde. Begierden werden sofort wieder aktuell, sobald eine entsprechende Situation eintritt. Man resigniert aus einer Unfreiheit. Verzicht aber ist ein Akt der Freiheit…

    Freiheit! Ich darf die Welt aus meiner lüsternen und ängstlichen Umklammerung entlassen. (Ich hatte sie sowieso nie im Griff! Völlige Selbstüberschätzung!) Ich darf wachsen und gesund werden. Einen Tag nach dem anderen.

     

  • Der andere Mensch – ein Kosmos

    Früher war ich verwundert, wenn ich bemerkte, dass mich anscheinend jemand mochte. Als z.B. eine Freundin mit mir in den Urlaub fuhr. Wieso mit mir? Da musste es ihr schon ziemlich schlecht gehen, wenn sie mit mir wegfuhr.

    Heute ist mir bewusst, dass auch diese Verwunderung Ausdruck meiner allgegenwärtigen Ich-Bezogenheit war. In meiner Welt gab es nur mein Denken, Fühlen und Wollen. Wenn ich einen Raum verließ, war es so, als verschwände hinter mir der Raum und die Menschen, die darin waren. Es gab kaum eine Welt außer meiner eigenen, engen, ängstlichen, süchtigen. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass der Andere ein selbständiger Mensch mit eigenen Gefühlen, Gedanken und einem Willen war, genauso wie ich.

    Das hatte die paradoxe Folge, dass ich mir auch nicht vorstellen konnte, dass andere mich mochten und gerne ihre Zeit mit mir verbrachten. Schließlich mochte ich mich nicht und verbrachte (nüchtern) auch nicht gerne Zeit mit mir. Wie sollte es bei Ihnen anders sein? Überall und immerzu: Ich, ich, ich.

    Heute bemühe ich mich, mir immer wieder bewusst zu machen, dass mein Gegenüber ein anderer, selbständiger Mensch ist. Ein Kosmos mit eigenen Gefühlen, Vorstellungen, Plänen, Vorlieben, Abneigungen, Wünschen, Ängsten… Darin ist er wie ich, aber selbständig und unabhängig von mir. Wenn ich den Raum verlasse, lebt er sein Leben weiter.

    Er ist er und ich bin ich. In der nicht-süchtigen Begegnung mit ihm kann Genesung entstehen, Freude, Glück und Leichtigkeit. In ihm, dem kleinen Kosmos, kann ich den großen Kosmos und die Dimensionen unseres Mensch-Seins erleben.

  • Salat mit Thunfisch und Charakterfehlern

    Dass immer wieder eine Rückkehr zur Inventur und zu den Schritten 6 und 7 erforderlich ist, hat mir folgende Situation gezeigt.

    Ich wartete zusammen mit drei anderen Personen darauf, in einem Imbiss bedient zu werden. Die Theke war lang und es gab mehrere wartende Grüppchen auf der einen und mehrere Mitarbeiter des Imbisses auf der anderen Seite der Theke. Ich sah, wie einer der Imbissmitarbeiter offenbar jemanden hinter mir Stehenden ansprach und nach der Bestellung fragte und ich wandte mich um. Schräg hinter mir stand eine Frau, die er angesprochen hatte. Sie streifte mich mit dem Blick und bestellte einen Salat mit Thunfisch, der in der Auslage stand.

    Da sprang „es“ in mir an. Ich sprach die Frau an, ob sie nicht wisse, dass wir drei vor ihr da gewesen und deshalb auch vor ihr dran seien. Die Frau sagte aufgeregt, aber der Imbissmitarbeiter habe sie doch angesprochen. Sie hätte doch nicht gewusst, dass wir vor ihr dran seien. Sie steigerte sich innerhalb weniger Augenblicke in eine große Aufregung, sagte schließlich zu dem Imbissmitarbeiter, sie wolle den Salat nicht mehr und verließ mit wehenden Rockschößen den Laden.

    Sehr schnell aufeinander folgten verschiedene Gefühle:

    Ich spürte ein Triumphgefühl. Ich hatte „gewonnen“. Und außerdem war ich doch sogar fast freundlich zu ihr gewesen, hatte sie nicht angegriffen, hatte ihr nur gesagt, wie die Situation war. Eigentlich hatte ich es sowieso nur wegen einer anderen wartenden Kundin getan, die schon länger wartete und sich dabei auf einen Rollator stützen musste.

    Dann empfand ich so etwas wie Mitleid mit der Frau. Sie hatte sich vielleicht auf das Essen gefreut, war genauso hungrig wie ich. Ich hatte zwar nichts falsch gemacht, sagte ich mir, aber ich würde für diese Frau beten.

    Dann erkannte ich mich in der Frau. Wie oft war ich wütend weggelaufen, wenn ich mich geärgert oder ungerecht behandelt fühlte, aus Restaurants oder Geschäften.

    Dann sah ich mich endlich selbst und die Wahrheit der Situation: Ich hatte gesehen, dass der Imbissmitarbeiter die Frau direkt nach ihrer Bestellung gefragt hat. Sie war etwas unsicher, hatte aber dann lediglich auf die Frage geantwortet. Sie hatte sich gar nicht vorgedrängelt. Wenn ich mich hätte beschweren wollen, hätte ich den Imbissmitarbeiter ansprechen müssen. Ich hatte ein anderes Motiv: Ich wollte jemanden – sie – belehren und zurechtweisen. Ich wollte den Triumph, im Recht zu sein und sie ins Unrecht zu setzen. Ich wollte jemanden bestrafen. D a s waren meine Motive. Und weil das Programm mir in den letzten Jahren zu mehr Ruhe und Selbstbewusstsein verholfen hat, konnte ich diese unfreundlichen Motive sogar noch hinter einer gewissen Nüchternheit verbergen und musste nicht keifen oder in einen Streit mit ihr einsteigen.

    Und dann noch etwas: Nachdem die Frau den Imbiss verlassen hatte, unterhielten sich die Angestellten und auch andere Gäste über den Vorfall. Jetzt war meine einzige Sorge, dass ich schlecht dastehen könnte. Hatten die anderen etwa meine wahren Motive erkannt? Dann würde ich ja schlecht dastehen. Das wollte ich auf keinen Fall. Oder dachten sie, die Frau hätte sich übertrieben und unmöglich verhalten. Dann wäre ja alles gut. Ich stünde „gut“ da.

    Als ich mich so sehen konnte, war die Selbsttäuschung endlich vorbei. Ich hatte einen Menschen verletzen wollen und dieses Ziel auch erreicht. Dabei war dieser Mensch sogar genau so, wie ich: ein kranker, verletzter, leicht kränkbarer Mensch. Anschließend wollte ich gut dastehen, der andere sollte schlecht dastehen.

    Mir wurde bewusst, dass dies kein Einzelfall war. Ich habe diesen „Rentner“ (oder Meister Pfriem, s.a. hier) in mir, der wie aus einem Fenster im Erdgeschoss alles beobachtet und die vorbeigehenden Passanten zurechtweist und sich so kleine Triumphgefühle verschafft. Das Buch „Anonyme Alkoholiker“ kennt dieses Verhalten, wenn es sagt, dass wir immer nach Anerkennung streben und dabei im Inneren wissen, das wir sie nicht verdienen. Und dann strengen wir uns noch mehr an, uns selbst und andere über unsere wahren Motive zu täuschen.

    Ich schrieb Inventur über die Situation und erzählte einem Programmfreund davon. Das Geschehen lehrte mich viel über mich selbst.

    Wenn ich wieder irgendwen auf etwas hinweisen möchte, kann ich mich hoffentlich vorher fragen:

    1. Ist es sachlich richtig, worauf ich ihn hinweisen will?
    2. Was sind meine Motive für den beabsichtigen Hinweis?
    3. Ist er wirklich notwendig?
    4. Kann ich den Hinweis in angemessener Weise und in einem demütigen Geist geben? Im Bewusstsein, dass der andere ein Mensch ist, wie ich?

    Wenn ich eine dieser Fragen mit „nein“ beantworten muss oder mir unklar über die Sachlage oder meine Motive bin – hoffentlich kann ich beim nächsten Mal „loslassen“ und schweigen statt „anzugreifen“.

    Eine Frage bleibt noch: Wie könnte meine Wiedergutmachung für die heutige Situation aussehen?

  • Der weiße Teufel und das „Du darfst“

    Die Sucht hatte mich in die Isolation getrieben. Aber auch in der Trockenheit geriet ich in Isolation: Durch meine Besserwisser- und Rechthaberei, verbunden mit einer tiefen Angst davor, Fehler zu machen. Diese tiefe, aus der Kindheit stammende Angst ist letztlich die Triebkraft vieler anderer Charakterfehler.

    Menschen, die in dieser Mischung aus „Ohne mich läuft’s nicht“ und „Ich weiß am besten, wie es richtig ist“ leben, werden im Buch Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen Blutende Diakone genannt und bei den Gebrüdern Grimm treten sie zum Beispiel als Meister Pfriem in Erscheinung.

    Mein Sponsor fragte mich einmal, ob ich als Blutender Diakon enden wolle, oder ob ich nicht lieber ein AS-Oldtimer werden möchte: glücklich, voller Lebensfreude und frei?

    Der Blutende Diakon überschätzt sich, seine Rolle und Bedeutung völlig und ist gefangen im Schwarz-Weiß-Denken. Etwas könnte falsch laufen.

    Ich musste das Schwarz-Weiß-Denken zunächst mit in die Genesung nehmen. Jetzt war ich zwar trocken – aber es gab wieder nur richtig und falsch, jetzt bezogen auf das Programm und die Meetings. Jetzt war eben wieder allein das richtig, was ich tat, dachte und glaubte. Alle, die nicht genauso dachten oder das Programm genauso arbeiteten, wie ich, lagen falsch.

    Und so kann es mir passieren, dass ich zum Blutenden Diakon mutiere. Ein trockener Sexsüchtiger, aus dem das neu gewonnene Leben wieder ausblutet.

    Das Kernproblem am Schwarz-Weiß-Denken ist, dass es dualistisch ist. Dass es nur zwei Seiten kennt: Es gibt nur Gut oder Böse, Richtig oder Falsch gibt. Wenn also „mein“ Suchtweg falsch war, dann muss doch „mein“ Genesungsweg richtig sein! Wenn meine Einstellungen wahr sind, dann müssen doch davon abweichende Einstellungen Anderer falsch sein.

    Es ist aber ein Irrtum des Schwarz-Weiß-Denkens, dass der Teufel schwarz und Gott deshalb weiß ist. Beide, schwarz und weiß, können Teufel sein. Den einen, den Schwarzen, erkennt man nur besser.

    Der andere ist die Besserwisser- und Rechthaberei, die erhaben daherkommen und dahereden kann – aber eben auch nur wieder ein Teufel ist. Erkennen kann man diesen Teufel an seinem besessenen Charakter und seinem Absolutheitsanspruch. Selbst wenn er fromm, genesen und freundlich tut: Er trägt eine Maske und hinter der Maske sind Angst, Verbohrtheit, Härte und Herrschsucht.

    Das kenne ich alles von mir.

    Die helfenden Mächte sind nicht schwarz oder weiß im obigen Sinne: Sie sind großherzig, klar und liebevoll. Sie bergen Lebensfreude und Freiheit in sich. Leben! Freies Atmen.

    Ich glaube deshalb auch an kein Du-Musst mehr. Was war ich immer unfrei! Ich glaube heute an das große „Du darfst“.

    (überarbeitet am 28.11.2019)

  • How-To…? Basis-Texte und Werkzeuge, besonders für Neue (12): Temporäre Sponsorschaft – wie es losgehen kann (Teil 2)

    Wenn also der Neue nach dem ersten Meeting die angebotene, temporäre Sponsorschaft in Anspruch nimmt, wie kann es dann weitergehen? (Erster Teil dieses Beitrags hier)

    Manchmal vergesse ich in diesem Moment, dass für den Neuen all das wirklich neu ist, was mir jetzt schon seit Jahren vertraut ist. Er muss es erst einmal kennenlernen und prüfen können, ob es etwas für ihn ist.

    Meistens gebe ich dem Neuen zuerst einige Basis-Texte: Dem Text über die „Zwei Hunde“ und vor allem den Text „Ich muss das nicht wissen“. Dann biete ich dem Newcomer an, ins Gespräch zu kommen. Er kann, wenn er möchte, von mir alles wissen über meine Sucht-Geschichte und meinen Genesungsweg. Er kann von sich erzählen. Er kann Fragen zu den Meetings, zum Programm, zu AS oder der AS-Literatur stellen.

    Die wichtigste Empfehlung am Anfang ist, regelmäßig in die Meetings zu gehen. Die Meetings sind ein besonderer Ort. Das lässt sich in einem Text nur schwer beschreiben. Manchmal gehe ich belastet und mit einem Gefühl von Isoliert-Sein ins Meeting. Und nach einiger Zeit, wenn andere offen über sich und ihre Situation gesprochen habe, fühle ich Identifikation mit dem Gehörten und Verbindung. Ich bin nicht länger allein! Die Welt erscheint mir nicht mehr so feindlich, ich kann meine Schilde senken und anwesend und verbunden sein. Das gibt es in der Form nur im Meeting für mich. Die Begegnung in der Sponsorschaft hat auch etwas von diesem Glanze, sie wirkt auch klärend und belebend. Aber die Meetings sind die Grundlage und der Ort der Erneuerung, den ich brauche, um nüchtern leben zu können.

    Deshalb die wichtigste Empfehlung: regelmäßig in die Meetings zu gehen. Es gibt auch Telefonmeetings, die eine Ergänzung zu den „realen“ Meetings sein können. Aber nichts „toppt“ die realen Meetings.

    Die zweite Empfehlung ist ein regelmäßiger Kontakt zwischen Sponsor und Sponsee. Wie häufig solche Kontakte sind und wie lange sie dauern, hängt von den Möglichkeiten und Wünschen der Beteiligten ab.

    Die Sponsorschaft dient vor allem der Schrittearbeit. Ich mache es in der Regel so, dass ich dem Neuen erst einmal Zeit lasse, sich zu orientieren und ich warte ab, bis er möglichst einen Monat trocken ist. Dann ist ja in der Regel auch der erste Zeitraum der temporären Sponsorschaft zu Ende. Wenn der Neue in dieser Zeit das Gefühl bekommen hat, dass AS etwas für ihn ist, arbeite ich mit ihm den ersten Schritt (zu Schritt 1 siehe hier, hier und hier – siehe zu weiteren Werkzeugen und Empfehlungen auch die weiteren How-to-Beiträge.)

    Dann kann die Abenteuerreise in ein nüchternes Leben so richtig losgehen…

  • How-To…? Basis-Texte und Werkzeuge, besonders für Neue (11): Temporäre Sponsorschaft – wie es losgehen kann (Teil 1)

    Als ich 2012 zu den Anonymen Sexaholikern (AS)  kam, war ich bereits vorher bei den Anonymen Alkoholikern (AA) vom Alkohol trocken geworden. Ich kannte also diese Art von Gruppe schon und auch das Zwölf-Schritte-Programm. Und ich kannte sogar schon einige Gruppenmitglieder, so dass der Einstieg für mich sehr einfach war. Ich war einfach voller Hoffnung, dass mir AS bei meiner Sexsucht genauso gut helfen würde, wie vorher die Anonymen Alkoholiker beim Alkohol. (mehr …)

  • Die leise Stimme in mir

    Ein AS-Freund sagte im Meeting, dass er noch nie die „Stimme“ Gottes gehört habe. Gott spreche aber durch die Freunde in den Meetings zu ihm.

    Ich hätte das bis vor kurzem auch so formuliert. Aber seit einigen Monaten sehe ich das anders. Ich nehme eine „Stimme“ in mir wahr. (mehr …)