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  • Von Grollpillen und Angstinjektionen

    Mitte April stand in meinem Tagesplan:

    Mein Wunsch für diese Woche:
    Dass ich die Grollpille nicht noch einmal nehmen muss.

    (An dem Tag hatte ich eine starke Dosis und einen ebenso starken Kater davon.)

    Was ist diese Grollpille?

    Das läuft so ab: Ich denke an etwas, was mich ärgert, ängstigt oder sonst wie aufregt (z.B. an den Bezirkspolizisten, der den Radfahrern auflauert, die langsam über Bürgersteig und Zebrastreifen fahren). So ein Grollgedanke reicht manchmal schon, um eine erste Injektion, einen „Schuss“ des Grolls in meinen Körper und in meine Gefühlswelt zu setzen.

    Was sind das eigentlich für Gedanken? Ich habe den Eindruck, meine Krankheit erzeugt sie. Je mehr Positivität, Dankbarkeit und Freude ich in mir habe, um so seltener passiert das. Aber auch dann kommt es vor. Dieser „erste“ Grollgedanke ist Teil meiner Krankheit. Ich akzeptiere, dass er da ist.

    Aber jetzt ist der entscheidende Moment, ein Wendepunkt: Greife ich den Gedanken auf und spinne ihn weiter, oder kapituliere ich ihn, lasse ihn los? In der Vergangenheit habe ich solche Gedanken oft aufgegriffen und einen Film daraus gemacht.

    Ich male mir dann z.B. aus, wie ich Beteiligter der Szene bin oder wie ich mich einmische. Die Phantasie kann viele Richtungen nehmen, bis hin zu einem gewalttätigen Verhalten meinerseits oder einem anderen, aufregenden, aufpeitschenden, „grandiosen“ Ende.

    Wenn ich die Gedanken so zum Film mache, dann tritt die Wirkung der Grollpille oder Grollinjektion vollständig ein. Dazu ist meistens noch eine Angstpille sowie ein zusätzliches Aufputschmittel gekommen, und dieser Phantasie-Giftcocktail hat mich durchgeschüttelt und hinterlässt, wie jede süchtig konsumierte Droge, einen Kater.

    Und ich weiß, dass ich diese Grollanfälle nicht verharmlosen darf. Sie führen über kurz oder lang in körperliche Schwierigkeiten (Verspannungen, Rückenschmerzen, Herzklabaster, Schlaganfall) und auch zum Rückfall in die Sucht. Dazu gibt es zwei sehr passende Slogans der Anonymen Alkoholiker:

    Stinking thinking leads to drinking (kaum übersetzbar, vielleicht: Fangen die Gedanken an zu stinken, führt das irgendwann zum Trinken).

    Poor me, poor me, pour me a drink. – Ich Armer, ich Armer, schenk‘ mir einen ein.

    Was versuche ich zu tun, wenn ein Grollgedanke auftaucht?

    Dem ersten Gedanken als solchem bin ich tatsächlich oft gegenüber machtlos. Da kommt beispielsweise der Gedanke an den Polizisten.

    Jetzt ist der wichtigste Moment da! Ein Wendepunkt, nicht weiter diese Richtung einzuschlagen. Ich muss den Gedanken loslassen! Wie ich das erste lüsterne Bild loslassen! Nicht „trinken“, nicht die Droge einnehmen!

    Mir helfen Gebete oder Affirmationen. Die zwei wichtigsten Sätze bei Grollgedanken sind derzeit für mich:

    Gott, bitte hilf mir!

    Gott, was immer ich in diesem Grollgedanken suche, bitte lass‘ es mich in Dir jetzt finden!

    Und dann stelle ich mir auch tatsächlich die Frage: Was suche ich eigentlich gerade in Wirklichkeit? Eine Fluchtmöglichkeit vor Stress, unangenehmen Entscheidungen, dem Alltag? Habe ich die HALT-Regel eingehalten? Bei wiederkehrenden Gedanken ist auch eine Inventur wichtig.

    Vielleicht stelle ich fest, dass ich die Grollpille bevorzugt in ganz bestimmten Angst- oder Unsicherheitssituationen als Fluchtmittel einnehme. Oder wenn ich Hunger habe. Oder Durst. Oder das ich mein Verhältnis zu einer Person oder Situation klären muss.

    In den vergangenen Tagen habe ich oft auf meinen Wochenwunsch geschaut, die Grollpille nicht nehmen zu müssen. Und ich habe Grollgedanken tatsächlich oft kapitulieren, also loslassen können, wenn er auftauchte.

    Manchmal kapituliere ich nicht. – Ich bin unaufmerksam. Es geht mir nicht gut. Ich möchte diese Fluchtpille nehmen. – Wenn das passiert, gehe ich anschließend rücksichtsvoll mit mir um. Ich tröste mich (nur keine Selbstverurteilung, die macht es nur schlimmer!). Ich versuche herauszufinden, was los ist (Inventur, Gespräch mit dem Sponsor oder Freunden). Und ich hoffe und bete, beim nächsten Mal von meiner Höheren Kraft die Kraft zu bekommen, loszulassen.

    Damit ich glücklich, voller Lebensfreude und frei leben kann.

    Wer möchte wirklich ein Leben im „Trockenrausch“ führen, wenn er oder sie stattdessen die volle Freiheit eines Lebens in Kapitulation haben kann.

    „Halbe Sachen nützten uns gar nichts.

    Die Genesung schreitet fort, Seite 31

  • Mein Karsamstag – befreit aus der Sexsucht-Hölle (zum Bild „Christus in der Vorhölle“ von Albrecht Dürer)

    Vor einigen Jahren eröffnete ich einem Priester meine Pornosucht – vermutlich tat ich es nicht vollständig, denn ich war damals noch nicht bei AS und die Scham dürfte mich von völliger Ehrlichkeit abgehalten haben. Die Scham, dieser Feind Nummer 1 des Sexsüchtigen. Er empfahl mir, gegen die pornografischen Bilder hilfreiche andere Bilder zu setzen. Konkret empfahl er mir die Bilder von Albrecht Dürer.

    Ich entdeckte daraufhin zum Beispiel die Holzschnitte der Kleinen Passion. Sie halfen mir zwar nicht, mit der Sexsucht aufzuhören. Das schaffte erst AS. Aber dennoch faszinierten sie mich. Ich entdeckte damals meine neue Vorstellung von Gott – dem die Menschen so wichtig sind, dass er selber als Gottessohn Menschensohn wurde.

    Der Holzschnitt „Christus in der Vorhölle“ (1509 – 1511) greift ein Geschehen auf, das äußerst geheimnisvoll für uns heute ist (wer nicht glaubt, dass es so ein Geschehen gab, den Bitte ich um Toleranz dafür, dass ich das hier so beschreibe): die sogenannte Höllenfahrt Christi. Nach dem Todeseintritt des Christus Jesus geschah demnach nicht einfach nichts bis zur Auferstehung. Christus wandte sich im Tode vielmehr den verstorbenen Seelen zu!

    Und ohne, dass ich näher gewusst hätte, was dort eigentlich abgebildet ist, sah ich – meine eigene Befreiung! Ich war so viele Jahre in dieser Lüsternheitshölle, deren Feuer ich selber immer wieder und immer stärker anfachen musste. Und dann – tat sich die Tür auf! Und es gab eine helfende Hand, die mich herauszog, herausführte, herausgeleitete.

    Da mochten die Teufel noch so sehr toben!

    Hier ist das Bild Dürers:

    Holzschnitt Dürers aus der Kleinen Passion

    Dieses liebevolle, starke sich Hinunterbeugen des Heilands zu dem bärtigen Mann unten rechts, der noch gar nicht richtig weiß, wie ihm geschieht, aber sich ergreifen lässt. Ängstlich und ergriffen hält er die rechte Hand vor seine Brust. Aber die Linke lockert er so weit, dass er sich ergreifen lassen kann. Und dann geht es ans Licht! Zurück in das für den Süchtigen so ungewohnte Leben. Aber geleitet von dieser Hand – es wird gehen!

    Wie auch immer Du für Dich Deine Höhere Kraft nennst – die Höheren Kräfte wollen uns helfen. Sie wollen unsere Genesung, unser Wachstum – dass wir (wieder) Mensch werden!

    Ich hoffe, nie wieder in meine Hölle zurück zu müssen. Aber ich brauche immer nur einen Tag nach dem anderen, immer nur „für heute“ trocken zu bleiben.

    Dieses Gotteswesen hat sich, selbst im Tode, noch um andere gekümmert. In der Stille des Karsamstags. Und der Ostersonntag war die Besiegelung, dass „Auferstehung“ in die Welt der Menschen eingetreten ist und jederzeit stattfinden kann!

    Nachtrag: Nachdem ich den Beitrag mit einigen Stunden Abstand noch einmal gelesen habe, möchte ich ihn ergänzen. Auch jenseits der Lüsternheit fühle ich mich manchmal im Dunklen. In solchen Situationen gibt mir dieses Bild Hoffnung. Gott, wie ich ihn verstehe, interessiert sich für mich und möchte mir heraushelfen. Das Auftauchen aus solchen Situationen, die ich früher nicht ohne Suchtmittel ertragen konnte – das ist Auferstehung.

  • Über Waschlappen, Clowns und Erdlinge

    Wenn im Blauen Buch von „völliger Ehrlichkeit“ die Rede ist, muss ich im Umgang mit Anderen Folgendes bedenken: Ich kann ehrlich sein, indem ich dem Anderen die (vermeintliche) Wahrheit wie einen kalten nassen Waschlappen um die Ohren haue – oder ich kann in einer klaren, aber liebevollen Weise ehrlich sein. So ähnlich steht es auch irgendwo in der Programm-Literatur (wer die Fundstelle kennt, bitte gerne als Kommentar posten).

    Es ist verführerisch, jemandem auf die „Waschlappen-Art“ die Wahrheit zu sagen. Dabei kann man sich so wunderbar selbstgerecht fühlen. Aber nach einem solchen Auftritt folgt unweigerlich der Schmerz, der immer folgt, wenn sich das Ego ausgelebt hat. Ich bin nicht nur lüsternheitsunverträglich. Ich vertrage es auch nicht, mich in meinen Charakterfehlern zu ergehen. (Deshalb sind auch die Schritte sechs und sieben notwendig.)

    Eine praktische Empfehlung dafür, wie man diese Art des Ego-Auslebens vermeiden kann, habe ich in dem Buch „Liebe und Vergebung“ von Leonard Shaw gefunden (deutschsprachige  Ausgabe 1995 erschienen im Riethenberghaus-Verlag, Copyright des Originals: 1989 by Leonard Shaw).

    Leonard Shaw stellt drei Fragen zur Klärung der Situation.

    Ich möchte jemandem etwas sagen:

    • Ist es wahr?
    • Ist es liebevoll?
    • Ist es notwendig?

    Ich möchte die Fragen Shaws einmal durchgehen.

    Die erste Frage lautet: Ist es wahr?

    Wenn das, was ich sagen möchte, nicht wahr ist: Sprich es nicht aus! Zum Beispiel Verallgemeinerungen: Du bist immer soundso! Sie ist einfach nur dumm und gestört! Alle Politiker lügen! Diese Sätze sind sicher schon nicht wahr! Also schweigen!!! Und mich fragen:

    WAIT – Why am I talking?

    Warum will ich das sagen oder habe es gesagt? Vielleicht finde ich es heraus durch ein Gebet:

    Gott, was immer ich in diesem Satz suche, bitte lass‘ es mich in Dir jetzt finden.

    Was ist mit mir los? Warum will ich das erzählen? Was suche ich eigentlich gerade in Wirklichkeit? (Das kann auch der Moment für eine Sofortinventur sein.)


    Die nächste Frage: Ist es liebevoll?

    Wenn etwas wahr und liebevoll ist: Nur zu, sprich es aus. Wichtig ist aber die Reihenfolge der Fragen; sich zuerst die Frage nach der Wahrheit zu stellen. Die Unwahrheit ist immer giftig, auch wenn sie sich ein liebevolles rotes Käppchen aufsetzt und mit einer süßen Kreidestimme spricht. „Du bist ein toller Typ“ kann auch bedeuten: „Jetzt habe ich dich gelobt, jetzt will ich was von dir!“ Eine Schmeichel-Lüge, um selber etwas zu bekommen.


    Die dritte Frage: Ist es notwendig?

    Wenn etwas wahr und nicht liebevoll ist, muss ich es trotzdem manchmal sagen. Wenn mir ein z.B. ein Sponsee eine Geschichte erzählt und ich sehe Lüsternheit oder Ego, die er nicht sieht, dann habe ich als Sponsor die Pflicht, die Wahrheit zu sagen. Aber dann muss ich auf mein Ego aufpassen. Wie gerne kommt es als „Great Me“, als „Ich Großartiger“ um die Ecke und möchte es jetzt dem anderen wirklich mal zeigen, wie großartig es ist.

    Nein, auch dann kann ich klar, aber liebevoll sein. Ich bin nicht für den anderen verantwortlich. Ich bin nur verantwortlich für das, was ich tue. Was ein anderer damit macht: Nicht meine Sache. Und ich bin nicht höher oder tiefer als der Andere.

    Gegen Überheblichkeit oder Eingebildetheit hilft mir einer meiner Lieblingsslogans:

    Wir sind Clowns im gleichen Bus!

    Oder wie es die buddhistische Nonne Ayya Khema ausdrückte (aus der Erinnerung zitiert):

    Aus der Sicht des Buddha sind sich die Erdlinge ziemlich ähnlich.

    Allen einen schönen Sonntag!

  • Ich bin frei, weil ich machtlos bin

    In Bezug auf mein sexuelles Ausagieren habe ich meine Machtlosigkeit erfahren. Ich wollte nicht wieder x Stunden Pornografie konsumieren. Ich wollte nicht wieder zu diesem erbärmlichen Straßenstrich fahren. Aber ich konnte nicht anders. Ich hatte sogar mein Auto verkauft, in der Hoffnung, es lassen zu können. Dann ging ich eben zu Fuß ins Laufhaus. Ich konnte es nicht lassen.

    Erst bei AS begriff ich, dass die Sexualität gar nicht das Problem ist. Was ist z.B. an dem Konsum von Bildern oder am Im-Kreis-Fahren am Straßenstrich schon „sexuell“? Oder am voyeuristischen Schauen? Die Lüsternheit ist das Problem, dieses süchtige innere Ziehen und Zerren und Pushen. Die Sexualität kann dann im Paket dessen, was die Lüsternheit auslöst, Folge sein – oder auch nicht.

    Dann, endlich „trocken“, wurde es wieder schwierig mit der Machtlosigkeit. Es widerstrebt mir manchmal, zu sagen, ich sei machtlos. Denn: Bin ich nicht trocken? Wieso soll ich denn machtlos sein? OK, ich bete, die Höheren Kräfte helfen mir dabei. Aber bin nicht ich es, der etwas tut?

    Ja, ich tue was. Aber ich kann wirklich nichts daran kontrollieren, was aus dem, was ich tue, wird.

    Am deutlichsten wird die Machtlosigkeit wieder am Beispiel Lüsternheit. Sobald ich wieder Lüsternheit zu mir nehme, zum Beispiel einer Frau auf den Po schaue oder ein in meinem Kopf aufkommendes Bild zum Film mache, gerate ich in Not. Die Allergie, die körperliche Überempfindlichkeit droht, ausgelöst zu werden. Hilferufend wende ich mich an meine Höhere Macht. – Noch einmal gut gegangen. (Oder auch nicht, ich kann es nicht kontrollieren. Lüsternheit „trinken“ bedeutet, sein Schicksal zu versuchen.) (Zu den zwei Elementen der Sucht, die das Blaue Buch als „Obsession/ Besessenheit“ und „Allergy/ Allergie“ bezeichnet, habe ich hier etwas geschrieben).

    Tatsächlich bin ich sogar in jeder Hinsicht machtlos. In Bezug auf alles, wo mein Ego und meine Forderungen ins Spiel kommen. Ich kann nichts wirklich Wesentliches selbst bestimmen. Ich hatte z.B. für die vergangene Zeit und die Kar- und Ostertage so viel geplant. Und bin jetzt wegen der Corona-Krise zu Hause. Alle diese Planungen erschienen selbstverständlich. Und haben sich doch in Luft aufgelöst.

    Und erst Recht bin ich machtlos in Bezug auf alle existenziellen Fragen: Geburt (wo auf der Welt, bei welche Eltern, in welchen Verhältnissen), Gesundheit, Tod, weltpolitische Entwicklungen: machtlos, machtlos, machtlos.

    Natürlich kann ich versuchen, meinen Teil beizutragen und zum Beispiel Gifte vermeiden und nicht zu ungesund leben. Mich fortbilden. Mich um meine Verantwortlichkeiten kümmern. Aber das Ergebnis kann ich nicht kontrollieren.

    Vielleicht ist das Machtlosigkeit in einem Satz:

    Ich kann meine Fußarbeit machen, aber das Ergebnis nicht kontrollieren. Und zwar kein Ergebnis, in Bezug auf gar nichts.

    Meine Schwierigkeit, meine Machtlosigkeit immer wieder anzuerkennen – und die Freiheit zu genießen, die darin liegt! – rührt auch von meinem Aufwachsen her. Die Erfahrung des  Verlassen-Werdens, die Gewaltzeugenschaft: Ich war ständig auf der Hut und in Anspannung. Machtlosigkeit war real und doch etwas schwer Auszuhaltendes. Das wollte ich nie wieder. Statt dessen versuchte ich, zu kontrollieren. Ich soll also etwas – die Machtlosigkeit – anerkennen, das mir so viel Leid gebracht hat. Schwer!

    Und noch ein Gesichtspunkt: Meine Religion bringt mich nah an Gott. Ich bin nach Seinem Bilde, Ihm gleich, geschaffen, heißt es. Das verführt zu Größenwahn. Aber ich bin eben doch nicht Gott. Es geht mehr um die tiefe Bejahung einer Möglichkeit, nicht um die Beschreibung von etwas, was schon da ist. Es ist die Möglichkeit, überhaupt erst einmal Mensch zu werden. Dazu gehört, meine Machtlosigkeit anzuerkennen, mein Ego immer wieder loszulassen – und frei zu sein!

    Die Freiheit zu lieben, die mir die Machtlosigkeit gibt. Denn: Weil ich machtlos bin, muss ich nichts mehr kontrollieren! Ich darf leben, im Hier und Jetzt. Ich bin nur für meine Straßenseite verantwortlich, dafür, sie sauber zu halten. Sonst für nichts!

    Gott will uns glücklich, voller Lebensfreude und frei haben, heißt es im Blauen Buch. Der Weg dahin ist die Machtlosigkeit. Immer nur für Heute!

  • Kein Aprilscherz: Der Blog wird drei!

    Jetzt ist der Blog im klassischen Kindergarten-Alter! Am 1. April 2017 erschien der erste Blogbeitrag. Bis heute sind 127 zusammengekommen.

    Schreiben belebt mich! Hier darf ich schöpferisch tätig sein. Und ich freue mich sehr über jeden Leser.

    Ist der Blog hilfreich für Sie und Dich? Gibt es spezielle Artikel- oder Themenwünsche? Gibt es AS-Freunde, die gerne einen Gastbeitrag schreiben würden?

    Ich freue mich über Geburtstagsgrüße und Rückmeldungen per Kommentar. Der Name kann frei gewählt werden, die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

    Und hier ein Lied „Zu deinem dritten Geburtstag“ von Reinhard Mey für meine Gäste (der Link führt zu Youtube).

  • Corona-Krise (II)

    Viele meiner aktuellen Gefühlszustände fand ich gestern in einem Zeitungsartikel der Neuen Zürcher Zeitung beschrieben, in dem es um die Folgen einer Quarantäne für die Psyche der Menschen ging (hier).

    Auch ich habe, stärker als sonst, Schlafstörungen, esse mehr als sonst, bin nervös und oft unwillkürlich traurig. Und das, obwohl die Quarantäne hier im Vergleich zu der in China gar nicht so streng ist. Ich vermute, dass bereits die jetzige Situation sehr tief in mir eingeprägte (traumatische) Ängste aufruft.

    In dem Artikel wird eine Beratungsstelle aus Peking zitiert, die über die Hilfesuchenden sagt:

    Sie können aus ihren bisherigen Lebenserfahrungen keine Rückschlüsse auf die neue Herausforderung ziehen (…)

    Doch„, dachte ich plötzlich bei der Lektüre, „das kann ich. Ich war der Lüsternheit gegenüber völlig machtlos. In anderen Bereichen konnte ich mit dem Willen etwas erreichen. In Bezug auf Lüsternheit konnte ich es nicht.“ Ich wollte zum Beispiel nur kurz Pornografie gucken („heute nur 10 Minuten“). Und verlor mich für Stunden darin. Ja: Ich weiß, wie es ist sich absolut machtlos zu fühlen. Ich kann aus meinen Erfahrungen Rückschlüsse auf die jetzige Situation ziehen!

    So ist es. Ich bin einfach nur wieder machtlos. Die Dinge laufen anders, als ich sie mir vorgestellt habe. Das kenne ich doch. Ich habe alle Werkzeuge des Programms, um mit dieser Machtlosigkeit umzugehen. Für mich ist die Grundsituation nicht ungewohnt. Nur diese spezielle Ausprägung davon. Und da ich nicht nur sex-, sondern auch angstsüchtig bin, geht die Spannungskurve zusätzlich hoch.

    Nein, ich möchte es loslassen.

    Loslassen und Gott überlassen.

    Und was kann ich dazu beitragen? Das Loslassen-Können ist ein Geschenk der Höheren Kräfte. Die sind aber darauf angewiesen, dass ich meine Fußarbeit mache.

    Viele Werkzeuge hatte ich im ersten Corona-Beitrag schon aufgezählt (hier).

    Ganz besonders wichtig sind für mich die Meetings. Viele Gruppen führe ihre Meetings als Telefonmeetings fort. Ein Rettungsanker! Wer noch nie in einem Meeting war oder derzeit keinen Zugang hat, kann sich über das Kontaktformular bei mir melden (hier), ich helfe gerne, den Kontakt herzustellen.

    Wie oft bin ich in Krisen in der Sucht versunken. Wenn Du Hilfe möchtest: Auch in dieser Zeit sind die Anonymen Sexaholiker und die anderen Zwölf-Schritte-Gruppen erreichbar! Es gibt eine Lösung! Es ist wirklich wahr:

    Wer aufhören möchte, findet Wege – wer trinken möchte, Gründe.

    Es lohnt sich so sehr, den Weg der Genesung zu gehen!

     

  • Corona-Krise (I)

    In den vergangenen zwei Tagen war ich bedrückt, kraftlos und hatte immer wieder Angst. Heute morgen wurde mir dann plötzlich klar, welche Besonderheit diese Corona-Krise für mich mit sich bringt. Worin ein Gesichtspunkt ihrer Ungeheuerlichkeit liegt.

    „Äußerlich“ sind Risiken dieser Krise überforderte Krankenhäuser und ein gewaltiger wirtschaftlicher Zusammenbruch. Auch die Sorge, dass Menschen krank werden könnten, mit denen ich verbunden bin, oder ich selber.

    Aber die besondere Schwierigkeit liegt noch auf einer anderen Ebene: Die geschilderten Gefahren lösen bei mir Angst aus. Es werden auch Ängste berührt, die in traumatischen Erfahrungen wurzeln. Was würde ich normalerweise in so einer Situation tun? Ich würde Meetings besuchen, den Gottesdienst, Vorträge, ich würde Gebet und Besinnung pflegen, mich mit meinem Sponsor und mit Freunden treffen, gemeinsam Essen und Kaffee trinken und wir würden gemeinsam Freude haben und Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen.

    Ich hätte also gegen diese aus meinen Tiefen aufsteigenden Ängste eigentlich Mittel, ich weiß, was zu tun ist, ich habe sie tausende Male angewendet – und jetzt, wo die Krise ungewöhnlich intensiv ist, tue nur Weniges davon – kann Vieles nicht tun. Die intensive persönliche Begegnung, zu zweit, in Gruppen, im Gottesdienst, eingeschränkt, verboten – durch Vorschriften und durch selbst auferlegte Distanz- und Rücksichtnahmegebote. Durch Vernunft.

    Das ist das Ungeheuerliche. Dass ich den aufsteigenden Ängsten nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln begegnen kann.

    Seitdem mir das klar ist, geht es mir wieder besser. Es ist der Kern dieser besonderen Situation, dass sie das Zwischenmenschliche schwächt. Sie greift unmittelbar die Institutionen der Freundschaft, Gemeinschaft und Begegnung an. Jetzt weiß ich, was für mich um so wichtiger ist:

    • Ich suche den Kontakt, isoliere mich nicht, spreche meine Angst aus, teile meine Schwäche und Erfahrung, Kraft und Hoffnung; in der Begegnung schrumpft die Angst bis zu dem Gefühl: Jetzt ist alles OK. Es helfen die Slogans:

    Gott legt niemandem mehr auf, als er tragen kann.

    Auch das geht vorüber.

    Loslassen und Gott überlassen.

    Gefühle sind wie Wolken: sie ziehen auf und sie ziehen wieder vorüber.

    Mut ist Angst, die gebetet hat.

    • Ich pflege meine Spiritualität: Gemeinsam mit meiner Frau und am Telefon mit anderen. Ich halte private Andacht während der Gottesdienstzeiten, mich gedanklich mit den Anderen verbindend, die das Gleiche tun.
    • Ich übe Dankbarkeit, schreibe Dankbarkeitslisten.
    • Ich prüfe, welche Formen von Dienst ich tun kann. Dienst hält trocken und bringt mich davon ab, die ganze Zeit um mich selbst zu kreisen.
    • Ich führe die Meetings per Telefon oder anders elektronisch fort, gehe in mehr Meetings, helfe dort mit.
    • Ich spreche regelmäßig mit meinem Sponsor.

    Angst macht krank. Sie ist der brüchige Faden, der das Gewebe meiner Existenz durchzogen hat. Sie ist die Triebfeder meiner Charakterfehler. Ich brauche Ent-Ängstigung.

    Ich kann die Angst nicht wegwünschen. Aber die beschriebenen Wege helfen mir, sie integrieren zu können. Sie ist ein Teil von mir – aber ich bin nicht sie. Ich kann aus ihr herauswachsen – das habe ich in den Jahren der Trockenheit im Zwölf-Schritte-Programm immer und immer wieder erfahren.

    Heute bin ich trocken und dankbar dafür, auf dem Weg zu sein. Was morgen ist, werde ich sehen. Ich bin so dankbar dafür, dass ich durch diese Situationen hindurch gehen kann, ohne lüstern zu trinken und ohne sexuell auszuagieren.

    Ich habe meine „Stimme“ wiedergefunden. Ich hoffe, auch in den nächsten Tagen hier schreiben zu können.

  • Werden

    Der höchste Lohn für unsere Bemühungen ist nicht das was wir dafür bekommen, sondern das, was wir dadurch werden. – John Ruskin

    Dieses Zitat bringt es auf den Punkt. Was möchte ich durch das Programm erreichen? Ich möchte „werden“, „Ich“ werden.

    Es führt in die Irre, wenn ich mich mit anderen vergleiche. Ich kann mich nur mit mir selbst vergleichen. Wie bin ich gedacht? Woher komme ich? Wo stehe ich? Den Druck herausnehmen, loslassen: Staunen, Freude und Dankbarkeit.

  • Wir sind verantwortlich

    Hat mein Leben überhaupt einen Sinn? Bewirke ich etwas? Schade ich vielleicht sogar mit dem, was ich tue, anderen?

    Mit solchen Fragen in Bezug auf meinen Beruf beschäftigte sich der letzte Beitrag. Dort ging es um Charakterfehler.

    In diesem Beitrag möchte ich einen Appell loswerden, der in eine andere Richtung weist. Er lautet:

    Unterschätze Deine Bedeutung als Mensch nicht! Du bist sehr mächtig trägst Verantwortung! [Die Streichung stammt von einer Überarbeitung des Blocks].

    Wenn ich auf mein Leben (zurück-)blicke, ist mein Leben eine Geschichte von menschlichen Begegnungen. Ob traumatische Eindrücke, Freude, Lernen, Liebe, Entwicklung, Spiritualität – alles geschehen durch Menschen, Begegnung, Gespräch. Wenn ich nur an die erste Zeit meiner Trockenheit denke,

    • wie es dort eine AA-Oldtimerin gab, die mich wie ein weiser Engel durch die Versuchungen und die emotionalen Leiden begleitete, mich ermutigte und mir immer wieder den Weg wies.
    • An die Freunde und Sponsoren, die mir ihre Zeit und Genesung schenkten.
    • Oder Menschen, die in Meetings meine bewunderten Vorbilder und Lehrer wurden. Oft wirkt schon die Anwesenheit bestimmter Menschen beruhigend, anregend oder freudespendend.

    An allen Wendepunkten meines Lebens fand ich diese Förderer, Ratgeber, Lehrer und Freunde.

    Das alles sind Menschen mir gewesen! Das bedeutet aber auch: Das alles kann ich Menschen sein! Unsere kleinsten Gesten können große Auswirkungen haben. Natürlich geht es hier nicht darum, Größenwahn oder Kontrollillusionen zu nähren. Ich bleibe auf meiner Straßenseite. Ich versuche lediglich, selber das Richtige zu tun – die Ergebnisse überlasse ich der Höheren Macht.

    Aber die Höheren Kräfte wirken gerade auch durch Menschen. Immer und immer wieder habe ich es erfahren. Deshalb: Denke nicht zu klein von dir! Das ist eine Ausrede, das ist Angst! Die Höheren Mächte sind wirklich groß! Sie brauchen aber Mit-Wirkende!

    Also: Sollte meine aktuelle Tätigkeit im Beruf als solche nicht sehr sinnvoll sein – spende ich denn meine Herzenswärme den Kollegen? Mache ich ihnen eine Freude? Bin ich hilfreich? Das sind meine Fragen. Wenn ich es tue – ist alles gut. Wer weiß, wessen Engel ich heute sein darf?

    Nachträge (18. Januar/ 24. Februar 2020): Ich bin von einer Leserin darauf hingewiesen worden, dass die Verwendung des Begriffes „mächtig“ missverstanden werden kann. Tatsächlich:

    •  Selbstüberschätzung und übersteigertes Verantwortungsgefühl (grandiosity) kennzeichneten auch meine Suchtzeit. Auch heute kommt es vor, dass ich mich in meiner Co-Abhängigkeit für Sachen verantwortlich fühle, für die ich es nicht bin. Ich bin nur verantwortlich für das, was ich tue und für meine Haltungen und Einstellungen; nicht für das, was außerhalb dieses Verantwortungsbereiches geschieht. Ich sage es oft bewusst zu mir selbst, als Affirmation, wenn ich zum Beispiel vor einer bestimmten Begegnung verantwortlich bin: „Du bist nicht dafür (für die Situation, das Verhalten oder die Gefühle eines Menschen, z.B. eines Sponsee, etc.) verantwortlich.“
    • Und natürlich habe ich auch keine Macht oder Kontrolle über Lüsternheit. Das wäre der größte Irrtum. Aber als Süchtiger neige ich natürlich immer wieder auch zu großen Irrtümern.
    • Ja, richtig: Der Begriff „mächtig“ kann mächtig des Ego füttern und da wird es gefährlich für mich.

    Vielleicht könnte man auch (besser?) statt „Wir sind mächtig“ sagen: Wir haben Einfluss, wir haben Verantwortung. OK, ich ändere die ursprüngliche Überschrift. Und ich freue mich über Gedanken und Reaktionen im Kommentarbereich.

  • Beruf und Charakterfehler

    Manchmal denke ich, dass meine berufliche Tätigkeit nutzlos ist. Ich könnte sie auch lassen. Richte ich eigentlich mehr Nutzen oder Schaden an mit dem, was ich tue?

    Heute morgen wurde mir bewusst, dass dieser Gedanke, meine Berufstätigkeit sei nutzlos, ein Trick ist. Ein Trick meines selbstzentrierten Egos. Denn wenn meine berufliche Tätigkeit nutzlos ist – wenn ich diesen Gedanken unreflektiert zulasse – dann brauche ich mich in ihr und um sie nicht mehr zu bemühen. Dann kann ich mich ja auch gehen lassen, ja sogar meine Arbeit schlecht erledigen, denn – was soll daran erstrebenswert sein, eine nutzlose Arbeit gewissenhaft und gründlich zu erledigen?

    So wird der Gedanke, meine Arbeit sei nutzlos, zu einer „Pille“ gegen den Schmerz und das schlechte Gewissen, die durch meine Schwierigkeiten mit der Arbeit hervorgerufen werden. Die Folge: Noch mehr Schmerz und noch mehr schlechtes Gewissen, die wieder eine neue – stärkere – Betäubung brauchen.

    Ein Muster: Dinge abwerten, damit ich mich nicht mit ihnen – das heißt eigentlich, mit mir – auseinandersetzen muss, sondern meine Charakterfehler einfach ausleben kann.

    Hinter der Abwertung dessen, was ich tue, stecken Haltungen, Charakterzüge und Gewohnheiten, deren Überwindung wichtig ist für meine Lebensqualität.

    • Zum Beispiel Schwarz-Weiß- und Alles-oder-Nichts-Denken: Eine Arbeit ist entweder „super“, „sinnvoll“ und „nützlich“ oder „beknackt“, „sinnlos“ und „unnütz“. Aber welche Arbeit ist das schon? Wenn ich statt dessen einfach „tue“, dann stellt sich im Fluss der Arbeit Zufriedenheit ein:

    Dem richtigen Handeln folgen die richtigen Gefühle und Gedanken.

    • Ein anderer Charakterzug ist die Angst, Fehler zu machen: Bevor ich die Arbeit vielleicht nicht einhundert Prozent perfekt mache, bevor mir Fehler passieren, werte ich die Arbeit lieber ab und versuche erst gar nicht, sie so gut zu machen, wie ich es kann.

    Es gibt einen Spruch bei AA:

    Alkohol im Bauch und das AA-Programm im Kopf verträgt sich nicht.

    Auf die Sexsucht abgewandelt könnte der Slogan ungefähr lauten:

    Ich kann nicht gleichzeitig Lüsternheit und das AS-Programm in mir haben. Eines von beiden muss rausfliegen.

    Ich kann aber auch nicht gleichzeitig das AS-Programm und meine Charakterfehler leben. Entweder stockt meine  persönliche (spirituelle) Entwicklung und nimmt Schaden oder ich wende mich mit dem Programm meinen Charakerfehlern zu. Mit anderen Worten: Ich wende die Schritte auf das konkrete Problem an.