Autor: Mein Weg aus der Sexsucht

  • Suchtstoff, Suchtprozeß und die besten Jahre

    Als ein Freund beschrieb, wie er in den Rückfall gegangen ist, wurde mir wieder deutlich, was es bedeutet, dass Lüsternheit nicht körperlich ist und noch nicht einmal ein starkes sexuelles Verlangen (so steht es im Buch „Anonyme Sexaholiker“). Der Weg zum sexuellen Ausagieren beginnt früh:

    Lüsternheit ist ein Prozess. Es ist zum Beispiel dieses Zum-Handy-Greifen und Versinken in irgendwelchen Abfolgen von Nachrichten, Bildern, Filmchen und Musik. Es ist das voyeuristische Zuschauen, das Sich-Heineinziehen-Lassen, das Immer-Mehr und Nie-Wieder-Aufhören wollen. Nur immer mehr und mehr!!! Nie wieder zurück müssen in das normale Leben da Draußen, das doch nichts zu bieten zu haben scheint angesichts dieses ziehenden Strudels. Und dann, manchmal schon als Startpunkt, manchmal erst nach Stunden, wird noch die Zutat „sexuelle Darstellung“ hinzugefügt, was zum endgültigen Wegdriften, Hineinfallen, Sich-Aufgeben und -Auflösen führt. Lüsternheit ist so die ultimative Zutat, die den Kontrollverlust herbeiführt. Der Körper mag als materieller Träger oder Werkzeug der Lüsternheit mit in den Suchtprozess gebracht werden, es kann aber auch bei Bildern bleiben.

    Deshalb ist es für den Sexsüchtigen so risikoreich, sich in diese Prozesse zu begeben. Der Prozess ist potentieller Bestandteil des Suchtkreislaufs – das Sexuelle „nur“ eine Zutat, bei der ich aber oft schon nicht mehr die Wahl habe, sie doch noch wegzulassen.

    Und anschließend das Elend des Wiederauftauchen-Müssens, die Scham, der Schmerz, der Kater, die Verzweiflung, vielleicht auch schon die Selbstrechtfertigung und die Verharmlosung – irgendwer muss doch „Schuld“ sein! Es kann doch nicht an mir liegen.

    Im Buch „Anonyme Alkoholiker“ gibt es einen Satz, der ein Versprechen ist. Er lautet:

    Die besten Jahre liegen noch vor Ihnen.

    Als ich noch im Sumpf der Sucht steckte, konnte ich das nicht glauben. Aber ich erinnere mich noch: Als ich zuerst zu AA und dann zu AS kam, da erlebte ich die Leute, die das hatten, was ich auch wollte: Ein richtiges, nüchternes Leben, mit einem Partner und mit einem Alltag, den sie so gestalteten, wie sie ihn selber gestalten wollten (und nicht, wie es die Sucht vorgab). Und ich glaubte und wünschte und hoffte – so ein Leben wollte ich auch. Ich würde es bekommen! Die besten Jahre liegen noch vor mir! Mit dieser Hoffnung und diesem Glauben hatte ich zugleich den zweiten Schritt vollzogen, ohne dass es mir bewusst war. (Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht oder Kraft, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.)

    Heute habe ich dieses Leben, was ich mir gewünscht habe. Es ist voller Überraschungen. Ein Abenteuer, und wie bei jedem richtigen Abenteuer, auch manchmal schwierig oder ängstigend. Aber es ist genau so gut, wie es ist! Und die Entwicklung ist ja noch nicht zu Ende: Wieder liegen die besten Jahre vor mir – und ich freue mich darüber!

  • Ich „habe“ nicht nur eine Sexsucht, sondern ich „bin“ Sexaholiker

    Was mich betrifft, so erscheint mir bisweilen die Formulierung „ich bin Angst“ zutreffender für meine innere Verfassung als „ich habe Angst“. – David K. Reynolds, Die stillen Therapien, Essen 1994, S. 23

    Bei den Anonymen Sexaholikern stellen sich viele zu Beginn eines Wortbeitrags im Meeting mit dem Satz vor: „Ich bin [Name], Sexaholiker“. Manche Neue lehnen das zunächst für sich ab. Sie sagen, dass sie es nicht gut finden, denn sie würden sich doch nicht über ihre Sucht definieren wollen! Es wäre doch gerade ihr Ziel, den Zwang loszuwerden!

    Als ich 2008 zuerst vom Alkohol trocken wurde, habe ich wahrscheinlich auch noch so etwas gesagt. Dann wurde ich davon trocken und habe kennengelernt, wie befreiend es ist, zu kapitulieren, das heißt: Loszulassen.

    Als ich dann aber 2012 zu den Anonymen Sexaholikern kam, konnte ich es sofort laut sagen. Es war eine Erlösung: Ja, ich bin Sexaholiker! Mein ganzes Wahrnehmen, Denken und Wollen ist von dieser Sucht beeinflusst, getrübt und oft sogar völlig von ihr bestimmt! Ich bin Sexaholiker und ich bin machtlos! Dieses Eingeständnis war die Befreiung. Denn damit war auch klar, dass ich tatsächlich krank war. Meine Persönlichkeit war beschädigt und beeinträchtigt und ich brauchte Hilfe, um wieder gesund zu werden.

    Der noch „nasse“ Sexaholiker kann aufgrund seiner Sucht nicht anders, als immer wieder den Wagen vor das Pferd zu spannen: Er nimmt Lüsternheit zu sich und versucht anschließend, die Art oder Menge dieser Giftzufuhr zu kontrollieren. Da er krank ist, lüsternheitskrank, funktioniert aber gerade das nicht. Dem Konsum von Lüsternheit folgt immer die „Sauftour“, mögen Vorsatz oder Notwendigkeit, diesmal nicht abzurutschen, noch so stark sein. Die Abfolge:

    Lüsternheits-Konsum, Gefühl der Erleichterung, Auftreten des süchtigen Verlangens, Durchgang durch die Stadien einer „Sauftour“ (süchtiger Konsum) und dann, nach der Sauftour: Scham und der Vorsatz, es beim nächsten Mal besser zu kontrollieren oder es ab jetzt ganz zu lassen,

    ist für den wirklich Süchtigen zwingend und unvermeidbar – bis zur Kapitulation, das ist das Eingeständnis der Niederlage:

    Ich bin Sexaholiker!

    Und es ist eine Befreiung und von da ab kann Genesung beginnen. Bei AS habe ich gelernt, dass es außer dem Ausagieren auf der einen und dem Unterdrücken der Gier auf der anderen Seite noch diese dritte Option gibt: Aufzuhören zu kämpfen und sich, mit Hilfe der höheren Kräfte, die ich trocken „anzapfen“ kann, von der Fixierung auf die Sucht abzuwenden und ein neues Leben ohne Suchtmittel zu beginnen.

    Das hört sich für diejenigen, die noch drinhängen, theoretisch an. Es ist wie mit allen Erfahrungen: Ich muss sie selber machen! Wer noch nie geschwommen ist, hat Angst vorm Wasser und weiß nicht, was für ein wunderbares Gefühl es ist, darin zu „schweben“ und davon getragen zu werden. Wenn es ihm einer erzählt, hilft das nicht: Er muss selber schwimmen lernen und es erleben!

    Ich versuche heute, mich diesem Fluss des Lebens anzuvertrauen. Ich brauche nicht mehr wegzulaufen. Ja, ich bin ein Sexaholiker! Aber dieser Defekt hat mich zu meinem heutigen Leben geführt in dem ich mich wohl fühle und das ich für keinen Rausch mehr eintauschen möchte!

    Als ich das Eingangszitat von Reynolds gelesen habe, hat es mich gefreut, dass dies ein Psychologe (in Bezug auf Angst) auch so erfahren hat. Und bei Reynolds bedeutet dies gerade nicht Passivität, ganz im Gegenteil.

    Nach dem befreienden Ausruf „Ich bin ein Sexaholiker“ kommt es darauf an, das zu tun, was getan werden muss!

    Changes beginn with action. – David K. Reynolds, Playing Ball on Running Water, 1984, S. 16

  • Das Zwölf-Schritte-Programm nutzen, auch wenn „Gott tot“ ist

    Gestern las ich in einem autobiographischen Roman, wie der Ich-Erzähler im Zweiten Weltkrieg Zeuge von furchtbarer Gewalt wird und für sich zu dem Schluss kommt, dass Gott tot ist – dass er mit den gequälten und getöteten Menschen getötet worden sei.

    Das hat mich daran erinnert, wie schwer ich es zu Beginn meines Genesungsweges mit jeder Erwähnung von „Gott“ in der Literatur der Anonymen Alkoholiker (AA) hatte. Ich ging damals davon aus, dass es für mich keinen Zugang zu einem „Gott“ geben könne. Und nun wurde ich mit diesem Begriff konfrontiert!

    Zum Glück heißt es an den entscheidenden Stellen: Gott wie wir ihn verstehen. So wusste ich, dass mir bei AA nichts aufgezwungen wird.

    Aber selbst mit „Gott wie ich ihn verstehe“ hatte ich es zu Beginn schwer. Ich konnte mich dem Thema vor allem über die anderen beiden Begriffe nähern, die bei uns verwendet werden:

    • die höhere Macht oder höhere Kraft („higher power“) und
    • eine Kraft/ Macht, größer als wir selbst („a Power greater than ourselves“ – Schritt 2/ Step 2).

    Denn mir war klar, dass ich in Bezug auf meine Sucht (den Alkohol, die Lüsternheit) absolut machtlos war. Ich hatte nicht die Kraft, die ich brauchte, um dem Ausagieren widerstehen zu können. Ich brauchte eine helfende Kraft; eine Kraft, die größer war, als ich selbst. Den Begriff „Gott“ brauchte ich hierfür zum Glück nicht.

    Zunächst entschied ich mich, meine AA-Gruppe als diese Kraft anzusehen. Denn nachdem ich im Januar 2008 mein erstes Meeting besucht hatte, musste ich keinen Alkohol mehr trinken. Und Mitte 2012 kamen dann die Anonymen Sexaholiker (AS) und die Trockenheit in der Sexsucht dazu.

    Heute habe ich mein Verständnis von Gott – wie ich ihn verstehe (oder nicht verstehe) gefunden. Und es ist wandlungsfähig, so wie ich wandlungsfähig geworden bin. Ja, es gibt auch Zweifel. Aber ich habe meine Wege, mit ihnen umzugehen.

    Ich bin vor allem ein Fan vom Blauen Buch und, mit kleinen Abstrichen, auch von Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass es manchmal auch an der Übersetzung liegt, wenn ich mit einer Textstelle nicht klarkomme oder wenn sie mir unlogisch erscheint.

    So habe ich mir die Gebete neu übersetzt und zum Teil ergänzt, wie ich es in früheren Blogbeiträgen beschrieben habe (hier zum Dritte-Schritt-Gebet und hier zum Siebte-Schritt-Gebet). Und statt „Gott“ kann man auch an jeder Stelle höhere Macht, höhere Kraft, himmlische Kräfte oder Anderes einsetzen (ein Programm-Freund spricht z.B. immer von seiner „Buddha-Natur“).

    Ich möchte jedem, der Hilfe sucht, Mut machen, es mit dem Zwölf-Schritte-Programm auch dann zu versuchen, wenn Gott für ihn ein Problem oder „tot“ ist. Denn die helfenden Kräfte helfen auch, wenn man sie nicht „Gott“ nennt. Und im Laufe der Zeit kann jeder für sich entscheiden, wie er Gott versteht, wenn von „Gott, wie wir ihn verstehen“ die Rede ist. So habe ich meinen Start ins trockene Leben und schließlich sogar Gott wie ich ihn verstehe gefunden.

  • Wie riecht Freiheit?

    Als ich heute morgen die kühle Winterluft roch, stiegen Erinnerungen auf. In meiner Kindheit und Jugend hatten wir große Eichen hinter dem Haus, überhaupt gab es im Umfeld viel Bäume und Wald, und ich habe die Gerüche noch in der Nase von Erde, Winterluft und Tannen. Ich glaube, ich hatte schon als Kind eine große Sehnsucht nach Freiheit, aber es waren schon damals sehr viele Hindernisse in meinem Leben, die ich oft nicht überwinden konnte.

    Der Versuch, mich bewusst ins Leben zu stellen, endete mit den sexuellen Übergriffen, die ich erleiden musste. Sie ließen den inneren Schmerz so stark in den Vordergrund treten, dass ich zu einem starken Schmerzmittel griff. Ich begann zu trinken. Der Alkohol brachte Betäubung, Rausch und Hochgefühle.

    Manche möchten den Begriff „Sucht“ romantisch mit „Suche“ in Verbindung bringen. Das Wort bedeutet aber ursprünglich „Krankheit“, was die verwandte Form „Siechen“ deutlich macht. Der Süchtige glaubt sich auf der Suche, ist aber in Wirklichkeit schwer krank und lebt im Siechtum, in einer Scheinwelt.

    Nun bin ich fünfzehn Jahren trockenvom Alkohol und zehneinhalb Jahren trocken in der Sexsucht. Manchmal fühle ich mich so klein und ungeborgen wie in der Kindheit. Und gerade zur Zeit lösen Gerüche und andere Sinneseindrücke immer wieder Erinnerungen an Kindheits- und Jugenderlebnisse aus und manchmal fühle ich dann die Sehnsucht, die Bedürfnisse und Wünsche von damals. Und jetzt, jetzt! – ist es möglich! Ich muss nicht mehr den Abzweig zu den großen „Tröstern“ Alkohol und Lüsternheit nehmen, sondern kann mich wirklich auf die Suche nach meinem Weg machen. Was möchte ich tun? Was ist mir wichtig? Wie möchte ich wirksam sein? Welche Vorurteile muss ich über Bord werfen und was neu ausprobieren, um auf diesem Weg der Freiheit weiter fortzuschreiten? Und deshalb darf alles das sein, alle die Gerüche, die Orte und Erinnerungen, die Hoffnungen, das Mitgefühl mit allem Lebendigen – ich werde durch den Schmerz hindurchgehen und auf der anderen Seite des Schmerzes wird immer ein Tröster, die „Higher Power“ sein und mich bereits erwarten.

  • „Gott hält dir keinen Parkplatz in der Altstadt frei“

    Ein „AA-Oldtimer“ sagte manchmal im Meeting: „Gott hält dir keinen Parkplatz in der Altstadt frei“ – vielleicht, weil es ihn nervte, wenn ein Teilnehmer „Gott“ zu seiner Wünscherfüllungsmaschine machen wollte oder als Ausrede dafür benutzte, dass er sich nicht um das kümmerte, wofür er selber verantwortlich ist („Heute bin ich nicht zum Vorstellungsgespräch gegangen. Aber Gott wird mir schon einen Job besorgen.“). Andererseits erlebe ich es aber, dass das Schicksal wirklich oft verblüffende Hilfen und Lösungen für meine Sorgen und Probleme bereithält – immer dann, wenn ich mich geduldig und tastend auf das zarte Wechselspiel einlasse – das Wechselspiel zwischen dem, was ich selber tue (und manchmal auch tun muss) und dem, was von „oben“ daraus gemacht oder hinzugegeben wird.

    Vor allem ist das, was ich in dieser lauschenden, tastenden Haltung bekomme, oft noch besser als das, was ich mir gewünscht habe. Alles, was wirklich wichtig in meinem Leben ist: zum Beispiel meine Frau, die Zwölf-Schritte-Gruppen, meine Spiritualität und meine Kirche, unsere Wohnung, der Arzt, der mir so viel weiter geholfen hat, die Menschen, die mir Wege gewiesen haben, mein Beruf…, alles das, wofür ich dankbar bin, ist auf „indirektem Wege“ zu mir gekommen. In keinem dieser aufgezählten Beispiele habe ich den „Erfolg“ direkt angesteuert. Ich war einfach offen, habe Menschen angesprochen und ihnen zugehört, war im entscheidenden Moment mutig (oder habe mir helfen lassen, wenn mir selbst der Mut fehlte) – und dann kam es zu diesem Wechselspiel aus Aktivität, Warten, Lauschen und Zuhören, und am Ende stand – das Geschenk, die Segnung, die dann zugleich wieder Beginn eines neuen Weges ist.

    Dabei ist jedes Geschenk ausnahmslos auch mit Schmerz verbunden, das muss so sein. So werde ich von jedem geliebten Menschen irgendwann getrennt; wenn ich das Geschenk des Alters bekomme, muss ich wahrscheinlich zugleich dem eigenen körperlichen Verfall erleben und annehmen; die Welt verändert ich und es vergehen Dinge, die mir wichtig sind oder sie werden mir genommen. Und wieder: Offenbleiben, wünschen, ohne dass Forderungen aus dem Wünschen werden, etwas wagen, Begegnung zulassen… – das Schicksal, die helfenden Kräfte sind da.

    Das ist Leben! Meine Sucht war eine Schmerzbehandlung! Ich hatte so Sehnsucht nach dem Leben, aber weil ich dem Leben nur mit Anspannung und Angst begegnen konnte, und vor allem Schlimmes erwartete, blieb der Lebenshunger ungestillt. Stattdessen wurde meine Welt immer enger und enger, ich versuchte, das Leben durch Striktheit, Verurteilungen und Forderungen „lebbarer“, erträglicher zu machen. Das klappte natürlich nicht. Es wurde immer unerträglicher und ich brauchte noch mehr „Schmerz- und Schlafmittel“, um es aushalten zu können.

    Was klappt denn? Nun: Gebet – Dankbarkeit – eine liebevolle Haltung – Nachsicht und Freundlichkeit gegenüber sich selbst und anderen – um Hilfe bitten und Hilfe schenken – und auf das Anklopfen dessen hören, was bereit ist, einzutreten. Das Eintretende lieben und, wo das nicht geht, es zumindest annehmen und darauf vertrauen: Gott legt niemandem mehr auf, als er tragen kann und: Die Hilfe und die Helfer sehen vielleicht anders aus, als ich es im Eigenwillen und in der Enge meiner Vorstellungen erwarte oder fordere.

    Ich darf mir alles wünschen, das Beste und Schönste, ich darf alle Vorurteile über Bord werfen, ich darf mich freuen – es gibt meinen Weg, ich gestalte ihn mit und er wird mich führen.

    Ich habe die Gedichtszeilen von Christian Morgenstern schon an anderer Stelle zitiert, aber sie heben meinen Blick und meinen Mut, wenn beides gesunken ist. Und sie erinnern mich an meine eigene Erfahrung, dass, seitdem ich auf dem Weg der Genesung bin, dieser Weg mich tatsächlich aufs Beste geführt hat:

    Nachts im Wald

    Bist du nie des nachts durch Wald gegangen,
    wo du deinen eignen Fuß nicht sahst?
    Doch ein Wissen überwand dein Bangen:
    Dich führt der Weg.

    Hält dich Leid und Trübsal nie umfangen,
    dass du zitterst, welchem Ziel du nahst?
    Doch ein Wissen übermannt dein Bangen:
    Dich führt dein Weg.

    Christian Morgenstern

  • Bei den Anonymen Sexaholikern willkommen und zu Hause

    Neue können natürlich am Anfang nicht wissen, ob die Anonymen Sexaholiker (AS} das Richtige für sie sind. Ich kann nur jedem Mut machen: Wenn Du den Wunsch hast, mit dem sexuellen Ausagieren welcher Art auch immer aufzuhören, dann bist Du bei AS richtig. Teste AS! Probier‘ die Meetings und das Programm mit einem Sponsor wirklich aus. Am Ende bist Du es, der entscheidet, ob Du AS-Mitglied bist oder nicht.

    Auch wenn viele deutsche Gruppen, um die Anonymität der Mitglieder zu schützen, Vorgespräche mit Neuen führen und spezielle Meetings für die Neuen machen, entscheidet der Neue selber, ob er zu AS gehört.

    Du gehörst zu AS, wenn du es sagst.

    Ein AA-Oldtimer (so nennt man langjährig trockene Mitglieder der Anonymen Alkoholiker) erzählte einmal in einem Meeting, dass dieser Satz für ihn ganz wichtig ist. Er reise viel, und manchmal, wenn er in neue Gruppen gehe, fühle er sich zunächst abgetrennt oder isoliert. In der Gruppe herrscht vielleicht eine andere Stimmung, als in seiner Stammgruppe, oder es gibt einen anderen Meetingablauf etc. Dann, sagte er, lässt er nicht dieses Gefühl aufkommen: „Ich gehöre nicht dazu!“ denn dieses Gefühl würde ihn isolieren und damit anfällig machen für einen Rückfall. Sondern er sagt sich diesen Satz:

    Ich gehöre zu AA, weil ich es sage.

    Ich mache es in AS genauso, wenn ich Gefahr laufe, in mein altes Gefühl des Abgetrenntseins abzurutschen.

    Später entdeckte ich dann, dass dies auch ein zentraler Satz aus unserem Grundtext Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen ist (ich habe die deutsche Übersetzung im Vergleich zur deutschen Buchausgabe etwas verändert und außerdem an die Stelle von Anonyme Alkoholiker (AA) die Anonymen Sexaholiker (AS) und an die Stelle von Alkohol die Lüsternheit gesetzt – englischer Originaltext s.u.):

    Denn die Anonymen Sexaholiker sagen zu jedem, der ein schwerwiegendes Problem mit Lüsternheit hat: „Du bist Mitglied der AS, wenn Du dich dafür entscheidest. Über deine Aufnahme in die Gemeinschaft bestimmst du allein; niemand kann sie dir versagen. Ganz gleich, wer du bist, wie tief du gesunken bist, wie schwierig deine seelische Verfassung ist, selbst wenn du Straftaten begangen hast, wir können dir AS nicht verwehren. Wir wollen dir AS nicht verwehren. Wir haben überhaupt keine Angst, dass du uns schaden könntest, wie verdreht oder aggressiv du auch sein magst. Uns geht es nur darum, dass du dieselbe großartige Chance zur Nüchternheit bekommst, die wir hatten. Darum bist du in dem Moment AS-Mitglied, in dem du es selbst sagst.“

    (Originaltext: For A.A. is really saying to every serious drinker, “You are an A.A. member if you say so. You can declare yourself in; nobody can keep you out. No matter who you are, no matter how low you’ve gone, no matter how grave your emotional complications—even your crimes—we still can’t deny you A.A. We don’t want to keep you out. We aren’t a bit afraid you’ll harm us, never mind how twisted or violent you may be. We just want to be sure that you get the same great chance for sobriety that we’ve had. So you’re an A.A. member the minute you declare yourself.”)

    Twelve Steps and Twelve Traditions, Tradition Three, p. 139; Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen, Die Dritte Tradition, Seite 133 (teilweise eigene Übersetzung)

    Die langen Jahren des Lebens im Abgetrenntsein sind vorbei. Ich bin bei AS zu Hause. Und ich darf hier zu Hause sein, weil ich es möchte.

  • Mein Blaues Buch (5): Das Siebte-Schritt-Gebet

    Neben dem Dritte-Schritt-Gebet gibt es im Blauen Buch auch das Siebte-Schritt-Gebet. Diesem Gebet liegt die Erkenntnis zugrunde, dass ich viele Charakterfehler habe, die ich aus eigener Kraft einfach nicht loslassen kann. Diese Charakterfehler schieben sich zwischen mich, die anderen Menschen und Gott. Sie können dazu führen, dass ich die ganze Zeit nur mit ihnen, ihren Auswirkungen, ihrer Verheimlichung usw. beschäftigt bin.

    Ich möchte aber frei von meinen Charakterfehlern werden. Ich möchte hilfreich sein können und großzügig. Ich möchte mich Gott und anderen Menschen zuwenden können. Und das will auch Gott: Dass ich aus meiner Isolation herauskomme. (Wichtig: Wenn bei den Anonymen Alkoholikern oder Anonymen Sexaholikern von Gott die Rede ist, ist immer Gott, wie Du Gott verstehst, gemeint. Es ist jede Gottesvorstellung möglich, die für Dich Sinn ergibt. Oft sprechen wir auch einfach von der Höheren Macht.)

    Es folgt der Text des Siebte-Schritt-Gebets im Original, in der Übersetzung des Blauen Buches und in meiner eigenen Übersetzung:

    My Creator, I am now willing that You should have all of me,
    good and bad. I pray that You now remove from me every single defect of character which stands in the way of my usefulness to You and my fellows. Grant me strength, as I go out from here, to do Your bidding. Amen

    Alcoholics Anonymous, p. 76

    Mein Schöpfer, ich bin nun willig, mich Dir ganz auszuliefern mit allen meinen guten und schlechten Seiten. Ich bitte, die Charaktermängel jetzt von mir zu nehmen, die mich daran hindern, Dir und meinen Mitmenschen gegenüber nützlich zu sein. Gib mir Kraft, von jetzt an Deinen Willen auszuführen.
    Amen.

    Anonyme Alkoholiker, S. 87 f.

    Mein Schöpfer, Du sollst alles von mir haben, das Gute und das Schlechte – dazu bin ich bereit.

    Ich bitte Dich, dass Du jeden einzelnen Charakterfehler von mir nimmst, der mich daran hindert, Dir und meinen Weggefährten nützlich zu sein.

    Gib mir die Kraft, Deinen Willen zu tun, wenn ich diesen Ort verlasse. Amen

    Dies ist das einzige Gebet im Haupttext des Blauen Buches, das mit einem „Amen“ abschließt. Das ist deshalb der Fall, weil mit dem siebten Schritt der „innere Hausputz“, die innere Inventur, endet und es nach „Außen“ geht, zu den Mitmenschen und den Wiedergutmachungen an ihnen.

    ich spreche dieses Gebet morgens kurz vor dem Ende meines Morgenrituals und mache mir dabei deutlich: Gleich geht es nach „Draußen“, in die Begegnung, da brauche ich die Unterstützung meines Höheren Macht. Denn alleine würde ich von meinen Ängsten und Charakterfehlern übermannt. Aber verbunden mit der Höheren Macht werde ich frei. Ich kann ein Mensch unter Menschen sein, trocken vom Alkohol und trocken in der Sexsucht, auf dem Wg der Genesung.

  • Mein Blaues Buch (4): Das Dritte-Schritt-Gebet

    Das Dritte-Schritt-Gebet im Blauen Buch dient der Bekräftigung der Entscheidung, die ich im dritten Schritt treffe. Der dritte Schritt lautet:

    Made a decision to turn our will and our lives over to the care of God as we
    understood Him.

    Alcoholics Anonymous, Step 3

    Wir haben uns entschieden, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes, wie wir Ihn verstanden, anzuvertrauen.

    Anonyme Alkoholiker, Dritter Schritt (eigene Übersetzung)

    Mit dem Gebet des dritten Schritts bekräftige ich diese Entscheidung. (Wichtig: Wenn bei den Anonymen Alkoholikern oder Anonymen Sexaholikern von Gott die Rede ist, ist immer Gott, wie Du Gott verstehst, gemeint. Es ist jede Gottesvorstellung möglich, die für Dich Sinn ergibt.)

    Bei dem Dritte-Schritt-Gebet bin ich mit der deutschen Übersetzung im Blauen Buch nicht gut zurechtgekommen. Im Zentrum des englischen Originals steht die Bitte, vom Eigenwillen befreit zu werden, weil mich der Eigenwille immer wieder in Schwierigkeiten bringt: Es fällt mir schwer, das Leben zu seinen Bedingungen anzunehmen und zu akzeptieren. Ich will aus Angst mein Leben immer und immer wieder kontrollieren und steuern – aber es klappt nicht. Diese Versuche, zu kontrollieren, kosteten mich sehr viel Energie (sie tun es heute noch oft). Im Dritte-Schritt-Gebet bitte ich meine Höhere Macht darum, diesen Eigenwillen von mir zu nehmen (es folgen jetzt das englische Original, die Übersetzung aus dem deutschsprachigen Blauen Buch und meine Übersetzung, in der ich das Gebet verwende):

    God, I offer myself to Thee – to build with me and to do with me as Thou wilt. Relieve me of the bondage of self, that I may better do Thy will. Take away my
    difficulties, that victory over them may bear witness to those I would help of Thy
    Power, Thy Love, and Thy Way of life. May I do Thy will always!

    Alcoholics Anonymous, p. 63

    Gott, ich gebe mich in Deine Hand, richte mich
    auf und tu mit mir nach Deinem Willen. Erlöse mich
    von den Fesseln meines Ichs, damit ich Deinen Willen
    besser erfüllen kann. Nimm meine Schwierigkeiten
    hinweg, damit der Sieg über sie Zeugnis von Deiner
    Macht, Deiner Liebe, Deiner Führung ablegen möge
    vor den Menschen, denen ich helfen möchte. Möge ich
    immer Deinen Willen tun!

    Anonyme Alkoholiker, S. 73

    Gott, ich mache mich Dir verfüglich, dass Du mit mir schaffen und tun kannst nach Deinem Willen.

    Befreie mich von den Fesseln meines Eigenwillens, damit ich Deinen Willen
    besser erfüllen kann.

    Nimm meine Schwierigkeiten
    hinweg, damit der Sieg über sie Zeugnis von Deiner
    Macht, Deiner Liebe und der Art der Lebensführung ablegen möge, die mit Dir möglich ist – Zeugnis ablegen vor den Menschen, denen ich helfen möchte.

    Möge ich
    immer Deinen Willen tun!

    eigene Übersetzung

    Ich ergänze das Gebet außerdem um einen Satz, mit dem ich mir selbst die Angst vor Gott nehme. Denn ich weiß heute, dass ich aufgrund der Prägungen aus meiner Kindheit ein sehr negatives Bild von Gott verinnerlicht hatte. Er war eine unangenehme, unberechenbare Gestalt, die über alle Verfehlungen Buch führt, so dass man diesem Gott gegenüber nur verlieren konnte. Es war ein Gott, mit dem ich nichts zu tun haben wollte.

    Dieses alte Gottesbild musste ich zunächst loslassen, um mich überhaupt an einen Gott (Gott, wie ich Ihn verstehe) wenden zu können. Ich entschied mich, dass Gott für mich die Liebe ist. Er will nichts anderes als mein Wachstum und meine Genesung. Dies verdeutliche ich mir heute, indem ich in das Gebet ergänze:

    Gott, ich mache mich Dir verfüglich, dass du mit mir schaffen und tun kannst nach Deinem Willen – Gott, der Du die Liebe bist.

    Er ist die Liebe. Seinen Willen brauche ich nicht zu fürchten.

    Vielleicht kann ich irgendwann in innerer Freiheit mit dem Dichter Christian Morgenstern so sprechen:

    Du Weisheit meines höhern Ich,
    die über mir den Fittich spreitet
    und mich vom Anfang her geleitet,
    wie es am besten war für mich, -
    
    wenn Unmut oft mich anfocht: nun - 
    es war der Unmut eines Knaben!
    Des Mannes reife Blicke haben
    die Kraft voll Dank auf Dir zu ruhn.
    
    aus: Christian Morgenstern, Wir fanden einen Pfad 

  • How-To…? Basis-Texte und Werkzeuge, besonders für Neue (7): Text „Nur für heute“

    Den Text

    Just for Today/ Nur für heute

    habe ich in der verlinkten englischen Version über Jahre täglich gelesen. Es gibt verschiedene Übersetzungen ins Deutsche. Mit einem Klick auf den zweiten Link öffnet sich eine deutsche Übersetzung im PDF-Format.

    (Beitrag aktualisiert am 3. Juli 2021: Übersetzung als PDF-Dokument eingefügt.)

  • Wie ich gestern die Regierung und meinen Chef auswechselte und eine Prämie für meine Arbeit erhielt

    Nichts von alledem hatte ich getan. Ich erhielt auch keine Prämie. Ich stellte stattdessen fest, dass ich auf der Arbeit eine Aufgabe vergessen hatte, die ich schon vor einer Woche hätte lösen sollen.

    Aber ich hatte das alles doch getan. In meinem Kopf. In meinem Kopf hatte ich angeklagt, bloßgestellt und ausgewechselt und dann auch noch meine Arbeit erledigt – die aber in Wahrheit in Stapeln auf dem Schreibtisch lag.

    Wie es in unserer Literatur immer und immer wieder gesagt wird: Der Sexaholiker lebt die meiste Zeit in seinem Kopf und nicht in der Wirklichkeit. Er lebt in seiner Phantasie und in seinen Tagträumen.

    Gestern Abend wurde mir dann meine Situation bewusst und mir fiel ein Satz meines Sponsors dazu ein:

    Je mehr ich im Denken und in meinem Kopf bin, um so weniger bin ich in meiner Gelassenheit.

    Und ich ließ los. Ich betete: „Gott, bitte hilf mir, dass ich all diese Gedanken loslassen kann.“ Es ist mit solchen Phantasien nicht anders, als mit der Lüsternheit. Um von ihnen frei zu werden, muss ich sie jedes Mal loslassen, wenn sie aufkommen.

    Ich weiß, dass mein Wohlbefinden davon abhängt, dass ich im Heute bleibe. Im Jetzt. Das Allermeiste im Leben muss nicht extra „gedacht“ werden. Denken ist sinnvoll, wenn ich eine Aufgabe löse, einen Text schreibe oder etwas plane. Sobald das Denken aber eine innere Inszenierung wird, ohne Bezug zur Wirklichkeit, desto schlechter geht es mir.

    Als Kind waren reale Erlebnisse für mich so bedrohlich und aussichtslos, dass ich eine Tür hinaus brauchte in eine Innenwelt, in die ich fliehen konnte. In dieser Innenwelt brauchte ich nichts zu befürchten. Außen konnte mir keiner helfen.

    Diese Fluchtwelt wurde dann gepolstert mit Alkohol, Lüsternheit und mit Phantasien. Hin und wieder schaute ich mir die wirkliche Welt an (das funktionierte nur sehr schlecht, denn Angst, Sucht und Lüsternheit beschädigen die Wahrnehmungsfähigkeit; schließlich zerstören sie sie). Aber durch meine Angst und das ständige Gefühl des Bedrohtseins konnte ich es in dieser Wirklichkeit nicht aushalten.

    Das Problem der Genesung von der Sucht liegt nicht im Entzug. Der kann hart sein, geht aber vorbei. Das Problem liegt darin, nüchtern lebensfähig zu werden. Dies ist ein spirituelles Problem, wenn man mit den Anonymen Sexaholikern unter „spirituell“ das versteht, was den innersten Kern meiner Persönlichkeit ausmacht. Dieser innere Kern sollte ein Ort der Klarheit, Wachheit und Liebe sein. Bei mir war er ein Gefängnis aus Angst, Anspannung und Sorge – und weil so niemand leben kann, habe ich mir meine Suchtmittel als Schmerzstiller besorgt.

    Ich habe bei den Anonymen Alkoholiker einen Spruch gehört, der die Situation gut beschreibt:

    Die gute Nachricht ist: Wenn du mit dem Trinken aufhörst, kommen die Gefühle wieder. Die schlechte ist: Alle Gefühle kommen wieder.

    Daher berührt die Genesung den Kern meiner Persönlichkeit. Der muss sich wandeln. Das Zwölf-Schritte-Programm ist das Mittel hierfür. Ich werde nur glücklich und zufrieden leben können, wenn ich in der Wirklichkeit bleiben kann. Es gibt Wege zum Umgang mit dem unvermeidbaren Schmerz. Und wenn der Schmerz weicht, dann sind da: Klarheit, Weite, Luft zum Atmen – und Freude.